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Full text of "Das Haus Rothschild :"

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https://archive.org/details/dashausrothschil121stei 











t 
Das 


Haus Rothſchild. 


Seine Geſchichte und ſeine Geſchäfte. 


Aufſchlüſſe und Enthüllungen zur Geſchichte des Jahrhunderts, 
insbeſondere des Staatsſinanz⸗ und Börſenweſens. 


Zum erftenmale dargeftellt. 


„Ber nicht feine Zeit erfaßt, wird von 
ihr erfaßt.“ 3ean Panl. 


Eriter Theil. 


Prag & Leipzig. 
Derlag von 3 T. Kober. 
1837. 


Das Recht der lieberfegung in fremde Sprachen behalten fich 
Berfaffer und Verleger vor. 


Drud von Kath. Gerzabef 


Vorwort. 


Es gehört zu den auffallendſten und unerklärbarſten 
Erſcheinungen auf dem Gebiete der Literatur, daß das 
Haus Rothſchild, die koloſſalſte Erſcheinung der Börfenz, 
Geld» und Staatsfinanzwelt, wie fie die Weltgejchichte in 
unferen Tagen zum erjtenmale darbietet, troß ihres 
großartigen Einfluffes und ihrer eminenten Weltbedeutung 
bis zur Stunde kaum in den Bereich der Titerarijchen 
Thätigkeit und Deffentlichfeit gezogen und von der Ge— 
ſchichtſchreibung ganz unberüdfichtigt geblieben if. Keine 
Literatur irgend eines Volkes hat bis heute eine um- 
faſſende Gejchichte jenes Eosmifchen Banfhaufes‘ 
aufzuweiſen; nur die periodiſche Preſſe Hat fih in 


1* 


A Vorwort. 


einigen Organen — je nach Zeit und Gelegenheit, Bartet 
und Zweck — allein damit auf die verfchiedenartigfte Weife 
in einzelnen Artifeln beſchäftigt: Die enzyflopädi- 
ſchen Werfe der Gegenwart enthalten ihre oberflächlichen 
Stereotypartifel, und wenige Flugſchriften von unbe— 
deutendem Umfange haben dieſes ‚Ereigiiß‘ zum Gegen— 
ftande ihrer Beſprechung gemacht. 

Das Haus Rothſchild ift ein Ereigniß in feinem 
Entitehen, feinem Fortgange, Wachsthum und Einwirken 
auf die Geſtaltungen und Geſchicke Europa's — ja der 
ganzen politifchen und fozialen Welt, allein für fih da— 
ſtehend, nicht allein in der Geſchichte unferes Jahrhunderts, 
jondern in der Geſchichte aller Zeiten und Völker ohne 
Sleichen und Beifpiel, welches als Ausnahme von der 
Negel allein des Rabbi Ben Akiba Worte: ‚Alles fchon 
dageweſen!“ Lügen ftraft. Deshalb ift es gleich jedem 
anderen Greignijfe oder jeder anderen Erſcheinung von grö— 
Berer oder geringerer Bedeutung der Gefchichtjchreibung an— 
heimgefallen, obgleich es den Zenith feines Wachsthums 
und feiner Größe noch nicht erreicht hat; e3 ift der öffent- 
lichen Kritik in ihrem ganzen Umfange verfallen: die öffent— 
liche Meinung muß und darf fich frei darüber ausfprechen 
und ihr Urtheil fällen. 


Vorwort. 5 


Von unbedeutendem Beginne im Verlaufe weniger 
Jahrzehende unſeres Jahrhunderts bis zum höchſten, zuvor 
nie geahnten, viel minder erreichten Gipfel der Geldmacht 
geſtiegen, hat dieſes Geſchäftshaus, vom äußerſten Glücke 
und den erſtaunlichſten Konjunkturen begünſtigt, in dieſer 
kurzen Spanne Zeit eine Stellung zu erringen gewußt, in— 
folge deren ihm in allen Bezügen der Gegenwart im 
buchſtäblichen Sinne des Wortes eine, neben allen beſte— 
henden Gewalten bedeutende und mitentſcheidende Stimme 
geworden iſt, die häufig in den wichtigſten Ereigniſſen der 
Politik wie in den großartigſten Unternehmungen der kom— 
merziellen und induſtriellen Welt, der Börſe und des Geld— 
marktes ſchwerer als des Brennus Schwert in die Wag— 
ſchale gefallen iſt, und den Ausſchlag über Wohl und, 
Wehe der Völker und die Schidfale der Neiche gegeben hat. 

Kichtsdeftoweniger bat Die Literatur des Jahrhun— 
derts Diele Großmacht neben den politifcben Großmächten 
der Welt vernachläffige. Der befannte, zum Theil im das 
brockhaus'ſche Konverſationslexikon übergegangene Artikel 
von einigem Umfange, aus der Feder des Diplomaten und 
Publiziſten Frie drich von Gentz, bereits am 2. April 
1826 geſchrieben, iſt im Intereſſe des geſchilderten Hauſes 
„diplomatiſch— abgefaßt, oberflächlich und dialektiſch, 


6 Norwort. 


und zugleich ohne auch nur im geringften tiefer in das 
gewaltige Getriebe und Räderwerk dieſes Weltgejchäfts- 
hauſes einzudringen und dasjelbe in detailirter Darftellung 
vor Augen zu führen. 

Einige Eleinere Flugſchriften und Journalartikel deut- 
jchen Urfprungs, 3. B. von Gutzkow in geiftreiher Dar— 
jtellung, wiederanfgenommen in jeite Sammlung: „Deffent- 
liche Charaktere“, von H. Döring, als befondere Bro— 
ſchüre veröffentlicht, von H. Steeger in ſeinen „Ergän— 
zungsblättern zu allen Konverſationslexiken“, ſind nach ihrem 
Weſen und Inhalt zu unerheblich gegenüber dieſem rho— 
diſchen Koloſſe der politiſchen, merkantilen und induſtriellen 
Melt. Die im Jahre 1844 erſchienene, etwas umfang— 
reihere Schrift von A. Weil unter dem Titel: „Roth⸗ 
ſchild und Die europäiſchen Staaten,” verſteigt ſich nicht 
über Grenzen und Schranken einer Flugſchrift. 

Dasſelbe gilt von der Ephemere des franzöſiſchen Jour⸗ 
naliſten & Thouvenel, und die Pamphlete der 
franzöfifhen Bolf3literatur vom Schluſſe Der drei⸗ 
ßiger Jahre ſind nur — Parteiſchriften. 

Somit kann es umſomehr als an der Zeit zu ſein 
erſcheinen, eine nach Umfang und Inhalt ausführlichere 


Schrift dieſem bedeutſamen und intereſſanten Gegenſtande 


Vorwort. 7 


zu widmen, deren Raum eine alljeitigere Schilderung 
und Beiprechung desfelben in allen jeinen Bezügen zur 
Weltgeſchichte und nach feinen verjchiedenartigen, aber jtet3 
nach einem und demjelben Ziele bin gerichteten Schritten, 
Bor und Fortgängen zuläßt. Wir unternehmen diejen 
Verſuch in den nachfolgenden Blättern, jihildern des Haus 
ſes Rothfchild Ursprung und Wachsthum, Thätigkeit und 
Geſtaltungen, jeine Geſchäftsmanipulationen und Handels- 
macinationen, jeine Hilfsquellen und Hilfsmittel in ihrer 
progrefjiven Steigerung nach ihrem wahren und eigentlichen 
Merthe bis zu dem gegenwärtigen Reſultate ſeiner Be⸗— 
ſtrebungen durch ungefähr ein halbes Jahrhundert — 
einer halben Milliarde, der Be— 
hberrfhung der Borfe der ganzen Welt und dem 
Einfluffe auf die Öeftaltungen der europäiſchen 
Politik feit dem Jahre 1815. 

Das und nichts anderes ijt diefer hiſtoriſchen Mono— 
graphie Aufgabe und Ziel, höchſte Unparteilichkeit ihr 
Borwurf, in durchaus populärer Auffaffung und Daritel- 
lung ihres Stoffes, jelbit in ihrem merfantilen Theile all- 
gemein verjtändlich. fir jeden. Sie fteht nicht ‚auf der 
| Zinne der Barteit; nur Wahrheit tft ihr Zwed, 
fern von Abficht, DVorurtheil und vorgefaßter Meinung. 


8 Vorwort. 


Von dieſem Geſichtspunkte aus will ſie geleſen, betrachtet 
und beurtheilt werden. 

Der Verfaſſer hat ſich die bekannten Schriften von 
John Francis zum Vorbilde genommen; neben ſeinem 
belehren den Hauptzwecke behandelt er ſeinen Stoff in 
allgemein verſtändlicher Auffaſſung, Darſtellung und Sprache 
zur Lektüre für jeden Leſer aus allen Ständen 
und Klaſſen der Geſellſchaft — und nicht allein für 
den Sach- und Fachverftändigen, den Staatsfinanzier und 
WBörſenmann, den Bolitifer und Spekulanten; er läßt e3 
an eharakteriftiichen Skizzen und Notizen, Biftorifchen Zügen, 


utterejjanten. 2 





orträts und Anekdoten nebenbei nicht fehlen, 
und trägt fomibezugleih neben. der Belehrung auch 
für Unterhaltung der Lefewelt alljeitige Sorge. 


Erſtes Bud). 
Einleitendes. — Für und wider das Haus Rolthſchild. 


— — — 


ut —J 


9 





Aufgabe des Gefchichtfehreibers des Haufes Rothſchild. 

Eine halbe Witlliarde Vermögen. Urfachen diefes Er- 

werbs. Des Haufes Bedeutung und Stellung als ‚Eos: 

mifches Bankhaus« und erite Weltgeldmacht. Für und 

wider Wothfchild. Vapierner Boden und Börfe der 
Gegenivart. 


Nicht erheifcht der Beruf des Geſchichtſchreibers, der, 
dem Adel des öfterreichifchen Kaijerreiches gegenwärtig an— 
gehörigen, freiherrlichen Familie von Rothſchild und ihres 
Haufes, in alten Reichs- und Familien - Archiven, Abtei- 
und Klofter-Biblivthefen unter Staub und Spinnweben 
vergilbte Pergamente, zerbrödelte Wachsfiegel und wurm— 
zerfrejffene Bapiere mühſam hervorzuſuchen, um felbe zu 
Ducchftöbern nach den Negeln der Diplomatif und Heral- 
DIE und darin Stoff und Material zu feinem Werke zu 
finden. Solch’ ftaubigsgelehrter und ſchmutziger Mühe— 
waltung überhoben, ift er auf ein ganz anderes Terran 
hingewieſen. 

Denn das Geſchlecht der Rothſchilde hat weder Ahnen— 
tafeln, noch Stammbäume aus mittelalterlicher Zeit: kei— 


12 Erſtes Bud, 


ner feiner Ahnen und Sproſſen zog aus in Kampf und 
Fehde, oder nach Paläſtina im heiligen Kreuzzug das Grab 
des Herin den Händen der Ungläubigen zu entreißen. Sein 
ame findet fich nicht aufgezeichnet in ſchwer zur entziffern- 
den Urkunden, jein Wappen nicht in buntgemalten Tur— 
nierblichern Der Deutfshen Vorzeit. Meder von einer Berg- 
fuppe Thüringens oder Frankens, noch von einem Felſen— 
zaden an der Donau oder am Rhein ſchauen ſtattlich Die 
Trümmer ihrer Nitterburg, von der ihre Ahnen ins Berg— 
‚ thal hinabtrabten, um der edlen Paſſion des Waidwerks 
zu pflegen, oder als Wegelagerer, auf ftegreifritterliche 
Beute pajfend, „hinter Buſch und Felswand den Kaufleu— 
ten aufzulauern, wenn diefe von Der brammjchweiger, köl— 
ner oder franffurter Meffe, reich mit Waaren beladen, 
heimkehrten. | 

» Die Rothſchilde waren, und ihre Nachkommen find 
ebenfelbft Sandel3- und Kaufleute; ihr Ahn und Stamm— 
vater nahm feinen unſcheinbaren Urſprung in Der engen, 
verpefteten Judengaſſe der freien Reichs-, Hanfa= und 
Handelsitadt Frankfurt am Mai. Unter Druck und Joch 
ſchwang er fich empor und legte den Grundſtein zu dem 
Haufe feit wie Öranit. ‚Arbeit‘ war feine ritterliche De— 
sife, und er arbeitete um Brod für Weib und Kind im 
Schweiße des Angefichts vom Morgengrauen bis zur ſpä— 
ten Abendftunde, wo man die Gifenfetten zog zur Abfper- 
rung der Gaſſe, worin er mit feinen Glaubensgenoſſen zu 
wohnen verdammt war; er duldete, denn er gehörte zu 
den Duldern oder ‚Heduldeten‘ in der freien Stadt 


Einleitendes. — Für und wider Rothfchild, 13 


und zahlte ehrlich den Kammerzoll als des heiligen römi— 
ſchen Neiches getreuer ‚Rammerfnecht.‘ 

Der Adelsbrief der Familie Rothſchild iſt neu und 
weiß und rein und unangetaftet vom Wurm und Zahn 
der Zeit, vor, nunmehr gerade vierzig Jahren angefertigt 
und unterfiegelt in der Haus Hof: und Staatskanzlei 
zu Wien. Des Haufes Firma bat Reſpekt in der ganzen 
Melt, und jeine Kreditbriefe und Wechſel haben Geltung 
von Börfe zu Börſe, vom größten MWechjelhaufe bis zum 
Höferframe, durch ganz Deutjchland, über Den ganzen Erd- 
ball, während das Haus felbft einen Heller nicht einmal _ 
leihen. würde dem ganzen deutſchen Bunde und feinem 
Bundestage zu Frankfurt; denn Der macht feine Anleihen 
und hat feine Staatspapiere. Nicht ſechs Kreuzer” — 
jagte einft des Hauſes Chef — „borg’ ich auf die ganze 
deutfche Gefchichte, und wenn man mir will geben den 
großen Dom von Köln in Pacht.” — 

Die Geſchichte des Haufes Notbichild ift nicht allein 
eine ©efchichte des Haufes an und fir fich, jondern auch 
eine Staatsfinanzgeſchichte Europa’s oder tich— 
tiger eine allgemeine Weltgefjchichte der Staats— 
ſchulden und der Staatsanleihen ald Wege und 
Mittel zur Tilgung der erfteren. Faſt alle zivilifirten 
Staaten des Erdballes fommen darin vor, und nehmen 
bald eine größere, bald eine geringere Zahl gewichtiger 
Seiten ein; denn wo bat, wenn es in irgendeinem 
Staate die Beſchaffung eines Kapitals für Staatszwede 
d. h. zur Beitreitung von Staatsbedürfniffen in Finanz— 


14 Erſtes Buch. 


nothzeiten galt, nicht jenes Haus feine Hand mit im 
‚Spiele gehabt? Die Gejchichte desſelben ift mithin ihrem 
Haunptinhalte nach eine zweifache, gleich der Biographie 
des ſiameſiſchen Zwillingspaares, das zufammengemwachfen 
ein Geſammt- und ein Doppeltleben zugleich führt, 
obwohl jenes anleihenjchaffende Haus und diefe anleihe- 
bedürftigen Staaten, in. den engften Bezügen zu ein— 
ander, dennoch in ganz entgegengeſetzten Nichtungen aus- 
einandergehen und in durchaus kontraſtirenden (Gläu— 
biger- und Schuldner>) VBerhältniffen beharren bis zur Til- 
gung der Anleihe. Während die Gejchichte des erfteren 
das Vermögen, dejjen Gewinn und Mehrung zum Gegen- 
jtande hat, bejchäftigt ſich die der letztern mit dem Un— 
vermögen, den Schulden und deren Zahlung; fie wird da— 
durch, wie bemerkt, zur Weltgefchichte der Staatsjchulden, 
und — ‚die Weltgejehichte ijt das Weltgeriht.‘ — 


Und welches ift das Nefultat der Gejchichte des 
Hauſes Rothſchild? 

Eine Geſchäftsmacht durch unermeßliches Beſitzthum 
neben den politiſchen Großmächten Europa's, eine Stellung 
von unberechenbarer Bedeutung neben den Staatsgewalten 
der Welt durch Beherrſchung der Börſe, des Geldmarkts 
und Papierhandels, ein bedeutendes Pfundgewicht in der 
beweglichen Wagſchale der Schwankungen und Ereigniſſe 
der Politik, wie vor ihm kein Privat- und Geſchäftshaus 
errungen hat, noch nach ihm erringen wird, eine Groß— 
macht Durch Geldmacht. 


* 


Einleitendes. -—- Für und wider Rothichild. 15 


Sünfhbundert Millionen befißt gegenmärtig dieſe 
Macht, erworben während eines halben Sahrhunderts, ein 
foloffales Befit- und Eigenthbum, eine Ber 
mögensanhbänfung fonder gleichen während fo 
furzer Friſt, wie fie die MWeltgefchichte nicht aufzuwei— 
jen bat. | 

Wohl ereignete fich drei Jahrhunderte früher, gleich” 
falls auf deutfchem Boden, etwas ähnliches. Ich meine 
die Weberfamilie Fugger in Baiern, von der das gegen- 
wärtige ©rafengefchlecht gleichen Namens feine Abftam- 
mung berleitet. Das war auch ein für jene Zeit bejon- 
ders reichmächtiges Gefchäftshaus, das Handel trieb nach 
allen Enden und Eden der Windroje zu Waſſer und zu 
Lande; jeine Schiffe gingen bis nach Indien und jenfeits 
des Ozeans nach Amerika; auf allen Meeren wehte jeine 
Flagge; jede Landftrage trug feine Hochbeladenen Laſt- und 
Frachtwagen. Die Fugger trieben neben dem Welthandel 
Bergbau und Weberei, Bank und MWechjelgefchäfte, und 
hatten die Ehre, daß die Fürften damaliger Zeit, troß 
ihrer Macht und Würde ſtets in Gelönoth, bei ihnen ſtets 
hoch in der Kreide jtanden. Sp machte das Haus Fug— 
ger im Sahre 1535 aus feinen eigenen Fonds dem König 
Heinrich VII. von England gegen Mitunterjehrift des 
Wechſels durch die Stadt London ein Anleihen über eine 
Million, und König Eduard VI. borgte im erſten Sabre 
feiner Regierung (1547) von demjelben Haufe die Summe 
son 800.000 Thaler, gleichfalls unter Mitbürgiehaft Der 
Stadt London. Des Haufes Chef, Graf Anton Fugger, 


16 Erſtes Bud. 


zeigte fich einjt Kaifer Karl V. gar angenehm; gedachter 
faiferlicher Herr ftand in den zarteften kitzlichſten Verhält— 
niffen zu ihm, im Mechjelbeziehungen um eine namhafte 
Summe. Nach feinem Kriegszuge wider Tunis mar der 
Kaijer eingefehrt bei jeinem Wechjelgläubiger, und ſaß 
wohlgemuth mitjammt ihm zur Seite auf reichgepofftertem 
Sejjel am Kamine. Da ließ der Wirth Scheiter Zimmt— 
holz hereinhringen und auf den Fenerroft des Saalher— 
des legen. Und aus feinem Geſchäftsſchreine hervor holte 
er den faiferlichen Sola-Wechſel und zündete ihm zu Ehren 
mit dem foftbaren Stud Papier das Hol an, das luſtig 
auffladerte und aljo die große Schuld des Kaijers tilgte. 
Gedachtes Haus gründete auch die ‚Fuggereit in Augs— 
burg, feinem Wohnfite, einen Verein von mehr den hun— 
dert Häufern für arme Bürger gegen geringen Miethzing 
zur Wohnung beftimmt und noch jet bejtehend. Zugleich 
war das Haus Schuß und Schirm der Kunft und Wiffen- 
jchaft, und wo fie unter dem Drucke der Zeiten nach Brod 
geben mußten, da Hopften fie an Fugger's Thür als die 
rechte; denn immer ward fie aufgethan. 

Indeß iſt der Abftand zwifchen jenem augsburger 
Melthaufe des fechszehnten Jahrhunderts und dem franf- 
furter Banfhaufe des neunzehnten Jahrhunderts allzu 
enorm rückſichtlich des Belisthums. Des Haufes Fugger 
Geldſchreine beherbergten nimmer eine rothfchild’iche halbe 
Milliarde, und nirgend hat in Blättern und Büchern zu 
lefen geftanden, daß in Frankfurt eine ‚Suggerei‘ von 
Rothſchild's Geld gegründet fei, Kunft und Wiſſenſchaft im 


- Einleitendes. — Für und wider KRothfcild. 17 


großartigem, währhaft liberalen fugger’schen Sinne und 
Geifte dort Unterftügung gefunden hätten, irgend ein Ba— 
son Rothſchild einen fürftlichen Schuldbrief oder fonftigen 
Schuldihein vor dejjen Honorirung verbrannt habe, wohl 
aber ſich alles bis zur vollzähligen Summe mit Provifion, 
Spejen und Zinfen habe rüdzahlen laſſen. *) 

Eine halbe Milliarde an Werth ift fomit Rothe 
jhild’S Erwerb in fünfzig Jahren. Und wie bat diefe 
Familie diefes ungehenere Mammuthspermögen in eier 
Reihe jo weniger Jahre erworben ? 

Durch das Unvermögen der europätihen 
Staaten, ihre finanziellen Bedürfniffe zu deden und 
Schulden zu tilgen, durch ihre nothgedrungenen An- 
leiben und Den Sandel mit dDiefen Anuleibe- 
papieren — lautet furz und bündig die Beantwortung 
jener Frage. 


*) Das. Haus Tugger hatte troß feiner zahlreichen edlen Hand- 
[ungen einen gewaltigen Widerfacher an Ulrich von Hutten, 
der Dafjelbe in einer Flugſchrift: „Die Räuber” betitelt, an— 
griff. Die äußere Form diefes Bamphlets war ein Geſpräch 
zwifchen dem Berfaffer, einem fugger'ſchen Gejchäftsführer und 
Franz von Sickingen mit der Tendenz der Vertheidigung des 
des Raubes bezüchtigten Nitterftandes. „Nergere Räuber — 
heißt es darin — als die Ritter find die Kaufleute, melde 
duch Einführung fremder Waaren, Gewürze, Seide und aus- 
ländijcher Kleider das Geld aus Deutfchland ziehen. Die ärg- 
ten unter ihnen find die aus dem großen Haufe Fugger ; 
denn dieſe unterdrüden die andern Kaufleute 
durh ihr Geld, und es ift, als wenn der Weg nach ns 
dien nur für fie offen wäre” u. |. w. 

Das Haus Rothſchild. I. 2 


18 Erftes Bud. 


Mir laſſen zunächit einem gewiegten und gediegenen 
Gewährsmann das Wort tiber diefen neuen Handelszweig, 
der erſt feit einem Jahrhundert, in folch nachtheiliger Weife 
umfichgreift. Es iſt Schloffer, der fich alſo dariiber ver- 
nehmen läßt :*) 

„Marlborough brachte im ſpaniſchen Sutzeſſionskriege 
das Verderben der neueren ZSiviliſation, den Papier— 
handel, über Europa, wodurchjene jüdiſche Geld- 
machtunferer Zeitgegründetward,diemit 
Den niedrigiten Trtrebfedern "able sh nimıpe 
betfämpft und die meweren Menimbenmsen 
unauflöslihe Feſſeln ſchlägt. Marlborough 
gebrauchte den Juden Medina, wie Bonaparte Ouvb— 
vard und Konforten, nur Daß der leßtere (Napoleon) nicht 
ſchmutzig genug war, ftch wie Marlborough mit den Wircherern 
förmlich zu verbinden, um feinen eigenen Leuten Die Verpfle— 
gung zu verkürzen. Medina war nicht bloß das Werkzeug der 
fchmählihen Abzüge und Verkürzungen der Truppen im 
englifchen Solde, jondern er |pefulirte zugleich in Staats— 
papieren, und ward dadurch Urheber eines neuen Handels, 
der Stocdjobherei und der neuen Börſe (stock- exchange), 
auf welcher jest täglih in allen großen Städten das 
Schickſal Europa’3 gefauft und verfauft wird.” 

Der Egoismus ift die Flopfende Pulsader Europa’s, 
die Korruption die Beherrfcherin Der ganzen Welt, die an 
Die Stelle des zu Grabe getragenen Gemeinſinns getreten 
find und das Fonds- und Börſenſpiel ins Leben riefen. 


*) Gefchichte des achtzehnten Sahrhunderts. 1. Theil. ©. 74. 


Einleitendes. — Für und wider Kothichild. 19 


Es bedingte die Einwirkung jenes Haufes, das, die po— 
litiſchen und fozialen Konjunkturen der legten fünfzig Jabre 
mit Ginficht und Geſchick für fich benugend, auf die ma— 
teriellen wie moraliihen DVerbältniffe eines ganzen Welt- 
theils und noch weiter hinaus einen Einfluß geübt hat, 
beifpiellos in der Geſchichte aller Staaten und Bölfer. 

„Die Frage, wie das Haus Rothſchild in jo kurzer 
Zeit — jagt Friedrid’s von Gentz Diplomatifche 
Feder — alles das, was es wirflich geleiftet, unterneb- 
men und vollbringen fonnte, bat ohne Zweifel mehr als 
einen merkfantilifchen und volitiihen Kopf beſchäftigt. 
Vielleicht aber ift fie weniger ſchwer zu löſen, als man 
gemeinhin glaubt. Wer, ohne bei Zufälligfeiten zu ver- 
weilen, Sinn genug hat, um zu faſſen, Daß der Erfolg 
in allen großen Gejchäften nicht von der Wahl und Des 
nusung des gunftigen Augenblides allein, ſondern mehr 
noch von der ftrengen Befolgung einmal anerkannter Fun-⸗ 
damentalmarimen abhängt, dem wird bald Elar werden, 
Daß es vornämlich zwei Grundſätze gab, die dieſes Haus 
nie aus den Augen verloren, und denen es, neben einer 
Eugen Gejchäftsführung und vortheilhaften Konjunfturen, 
licher den größten Theil jeines heutigen Flors zu verdan— 
fen. bat. 

Der erjte dieſer Grundfäße war der, welcher die fünf 
Brüder bejtimmte, ihre fämmtlichen Gefchäfte in fteter und 
unumterbrochener Gemeinſchaft zu betreiben. Das war die 
Kegel, die der jterbende Vater ihnen hinterließ. Und wenn 
je ein Glücksſtern über ihnen gewaltet bat, jo ging er ihnen 


20 Erſtes Bud. 


in dem feſten Entſchluſſe auf, diefer Negel nie untreu zu 
werden. 

Seit dem Tode des Vaters ward jeder Antrag, von 
welcher Seite er auch ausgehen mochte, der Gegenftand ihrer 
gemeinfamen Berathungen: jede nur einigermaßen bedeu— 
tende Dperation ward nach einem verabredeten Plan und 
mit vereinten Anftrengungen geführt, und alle hatte. 
gleichen Antheil an den Reſultaten. 

Wiewohl jeit mehreren Jahren ihre gewöhnliche ır 
Mohnfise (Frankfurt, Wien, London, Paris, Neapel) weit 
opneinander getrennt waren, fo konnte doch Diejer Um— 
ftand ihr enges Einverſtändniß nie ftören. Vielmehr ftif- 
tete er den DBortheil, daß fie, von der Lage der Dinge 
auf verfchiedenen Hauptpläßen vollfommener unterrichtet, 
jeder auf feinem Punkte die von dem Geſammthauſe zu 
übernehmenden Geſchäfte umſo zweckmäßiger vorbereiten 
und einleiten konnte. 

Der andere Grundſatz, den ſie ſich zum Augenmerk 
geſetzt, iſt der, bei keinem Unternehmen nach übertrie— 
benem Gewinn zu trachten, jeder ihrer Operationen be— 
ſtimmte Schranken anzuweiſen und, ſoviel menſchliche Vor— 
ſicht und Klugheit es vermag, ſich von dem Spiel der 
Zufälle unabhängig zu machen. In dieſer Maxime: Ser- 
vare modum finemque tenere (Maß halten, das Ziel 
nie aus dem Auge verlieren) liegt eins der Hauptgehe im⸗ 
niſſe ihrer Stärfe. 

Es iſt fein Zweifel, daß fie mit den ihnen zu Ge— 
bote ftehenden Mitteln ihren Vortheil bei Diefer oder jener 


Einleitendes. — Für und wider Rothichild. 21 


einzelnen Operation meit höher treiben Fonnten. Wenn 
aber auch die Sicherheit ihrer Unternehmungen dabei nicht 
gelitten haben jollte, jo hätten fie Doch zulekt weniger ge— 
wonnen, al3 durch DVerbreitung ihrer Kräfte auf eine 
größere Anzahl immer wiederfehrender, unter manchfaltigen 
Konjunkturen erneuerter Gefchäfte. 

Daß es ihnen am dDiejen nicht fehlen konnte, dafür 
bürgen nicht bloß ihr Neichthum und Kredit, ſondern auch 
das Vertrauen, das fie Durch die Billigfeit ihrer Forde— 
rungen, durch die Pünktlichkeit ihrer Leitungen, Durch Die 
Einfachheit und Klarheit ihrer Plane und die verſtändige 
Ausführung derjelben allen Negierungen und allen großen 
Häuſern eingeflößt hatten. Was andere durch Togenannte 
Hauptichläge, die auf dem kaufmänniſchen, wie auf dem 
militärifchen Felde zu entjeheidenden Siegen, oft aber auch 
zu großen Niederlagen führen, verſucht hätten, iſt ihnen 
Durch glüdliche Anwendung der beiten Grundſätze merkan— 
tilifcher Strategie, nicht durch Verwegenheit, jondern durch 
Befonnenheit und Ausdaner gelungen. 

Der perſönliche, moralifche Charakter der fünf Brüder 
hat auf den Sukzeß ihrer Unternehmungen feinen ge— 
ringen Einfluß gehabt. Es ijt nicht ſchwer, ſich eine zahl- 
reiche Partei zu fchaffen, wenn man mächtig genug tft, 
viele in fein Intereffe zu ziehen. Aber die Stimmen aller 
Barteien vereinigen, und, wie die Volksſprache e3 aus— 
drückt, bei Groß und Klein hochangeſehen fein, jest nicht 
bloß materielle Mittel, fondern auch Gemüthseigenſchaften 
voraus, die nicht immer mit Macht und Reichthum ver— 
bunden find. 


22 Erſtes Buch. 


Mohlthaten um fich ber zu verbreiten, feinem Noth- 
Veidenden die Hand zu verfagen, jedem Hilfefuchenden, zu 
welcher Klaſſe er auch gehöre, bereitwillig entgegenzufom- 
men, und die weſentlichſten Dienfte in die gefälligften For— 
men zu kleiden — dieſe Wege zur wahren und verdienten 
Popularität haben, wie tauſende von Zeugen beſtätigen 
werden, ſämmtliche Zweige der Familie, und nicht aus 
Berechnung, ſondern aus angeborener Menſchlichkeit und 
Gutmüthigkeit betreten. Auch haben ſie erreicht, was we— 
nigen Beglückten zutheil wird, neben einer Menge von 
Freunden nicht ein Heer von Feinden zu erblicken. Man 
kann mit Wahrheit ſagen, daß ſie den Neid ſelbſt ent— 
waffnet und dem Uebelwollen die Zunge gelähmt haben. 
In einer ſolchen Lage hätten ſie äußerer Auszeichnungen 
nicht bedurft, um ihre durch ſich ſelbſt ausgezeichnete Stel— 
lung gelten zu machen. Nichtsdeſtoweniger ſind ihre 
Verdienſte von mehreren Höfen öffentlich anerkannt worden. 

Außer verſchiedenen, ihnen verliehenen Ordensdekora— 
tionen wurden ſämmtliche Brüder bereits im Jahre 1818 
zu königlich preußiſchen geheimen Kommerzienräthen, im 
Jahre 1815 zu kurheſſiſchen Finanzräthen, von dem letzt— 
verſtorbenen Kurfürſten zu geheimen Finanzräthen ernannt. 
Seine Majeſtät der Kaiſer Franz von Oeſterreich verlieh 
ihnen im Sabre 1815 den erbländifchen Adelsitand und 
im Jahre 1822 den öfterreichifchen Freiherenftand. Ueber— 
dieß wurde im Jahre 1820 der in London etablirte Bru— 
der zum Faiferlichsföniglichen Konful und zwei Jahre nachher 
zum Generalkonſul dafelbit, jowie im Jahre 1822 der 


Einleitendes. — Für und wider Rothihild. 23 


dem parifer Haufe vorjiehende Bruder zum Generalkonſul 
ernannt.“ | = 

So viel gerebte Würdigung in dieſer Anficht von Gens 
auch enthalten fein mag, jo wird man ihr doch nicht unbedingt 
beipflichten können, wenn man fich gewärtig vor Augen hält, 
unter welchen überaus ginftigen Verhältniſſen das Fun— 
dament zu dieſem merfantilen Unternehmen gelegt, und 
unter wie viel mehr noch günftigen und onrtheilbaften Konz 
junkturen der großartig fich geftaltende Bau fortgejekt wor- 
den iſt und fortgefest werden konnte. Das Haus Nuth- 
jchild gelangte zu jeinem Mammuthsbeſitze durch die Schul— 
den der Staaten. „Jede Staatsfchuld” — jagt Seume 
über die Seldverhältniffe im Jahre 1801 in feinem „Spa- 
ztergang nad Syrakus“ — „iſt eine Krücke, und Krüden 
find nur für Lahme. Die niederen Klaſſen“ — fährt er fort 
— „zahlen fait durchaus fünf Sechstel der Staatshedirf- 
nijfe; die Inhaber der Staatspapiere, fie mögen Namen 
haben, wie fie wollen, gebören meiftens zu den Meichen, 
die Zinfen der Staatsjchulden werden aus der Staats— 
einnahme beftritten, die nach obigem Verhältniſſe von den 
unteren Klaſſen herrührt. Als Reſultat ergibt fih ohne 
bejonderes Nachdenken, dag durch die Konirahirung von 
Staatsſchulden jene Klafjen gezwungen find, außer der 
alten Laſt auch noch den befisenden Klaffen Zinfen zu 
zahlen. Dieje haben die Staatspapiere, jene zahlen Die 
Steuern und Zinfen, und aljo werden die Kapitalien auf 
Koften der Nichtkapitaliiten verzinfet. Der Schluß ift lo— 
gifeh richtig; aber bündig und gut kann man diefe Logik 


+ 


24 Grftes Buch. 


nur bei einem feuerfeiten Schrank voll Staatspapiere fin— 
den.’ — Das war die Anficht Seume's über Staatsfchul- 
den zu Anfang unferes Jahrhunderts. Durch das gere- 
geltere Steuerweſen der Sebtzeit wird das geriigte Miß— 
verhältniß freilich zum Theile und vielleicht auch gänzlich befei- 
tigt, wenn in dringenden Fällen zu Nation alanlehen — als 
einer Betheiligung Aller an dem Zinfengenuffe — Zu: 
flucht getommen wird, wiedieß 3. B. in den lebten Jahren 
Deiterreich mit fo glänzendem Erfolge gethan. 

Die Gefammtjumnme aller europäischen Staatsſchul— 
den der Gegenwart hat man zu 16,544,181,119 ©ulden 
Konventionsmünge berechnet, deren Zahl, foweit fie durch 
Anleihen infolge Vermittlung von Banfhäufern Fontrahirt 
worden, feit dem Beftande des Haufes Rothſchild zu einem 
nicht unbedeutenden Theile durch feine Betheiligung bei den 
Staatsanleihegefchäften kontrahirt iſt. 

Dadurch errang es die Stellung und Bedeu— 
tung, die es gegenwärtig einnimmt. Ein bekannter deut— 
ſcher Staatsmann nannte es höchſt charakteriſtiſch und bes 
zeichnend das,.kos miſche Bankhaus‘, und Börne ſagt 
mit Bezug auf Rothſchild in ſeinem ſcharfen, ätzenden Hu— 
mor: „Das europäiſche Gleichgewicht wird von der Juden— 
ſchaft erhalten; ſie gibt heute dieſer Macht Geld, morgen 
der anderen, der Reihe nach allen, und ſorgt für den all— 
gemeinen Frieden.“ 

Mas jenes Bankgeſchäftshaus ward, iſt es zunächſt 
Durch die fohlimmfte Finanzmaßnahme der Staatsregierunz 
gen, Durch die Aufnahme und Kontrahbirung 


Einleitendes. — Für und wider Rothſchild. 23 


der Staatsanleiben durch Bankiers geworden, 
indem dadurh die Kapitaliiten, jtatt ibre Gelder und 
Fonds dem Stante felbit direft zu Teihen, gezwungen 
find, jie den Banfiers unter den von dieſen, nur für 
fie und ihre Verhältniſſe vortheilhaft feitgejeßten Bedin— 
gungen anzuvertrauen unter Garantie des Staates, wo— 
durch ihnen der Theil des voraus feitgejtellten ſicheren 
Gemwinnes entgeht, der den, das Anleihen vermittelnden 
Banfhäujern von vornherein ſchon gleich beim Abſchluſſe 
zumwächit, wodurch gerade die Anhäufung der Mafjen des 
Geldes in einzelne wenige Hände noch mehr und auf das 
fehnellfte gefördert wird, und der Staat dem Keudalis- 
mus der Geldmacht anbeimfällt. z 

Der Feudalität des Fauſtrechts des Mittelalters bat 
er ſich enthoben; dafür it ihm die der Bank und Börſe 
fehier über den Kopf gewachjen. Der Staat bat die Feu— 
dalität des Adels befämpft, um in die Hände des Kauf: 
mannes zu fallen; das war das Ende des jahrhunderte, 
ja faft jabrtaufendjährigen Kampfes der Kaifer und Könige 
des alten europäijchen Kontinentes. 

Aber nicht die Vermittlung und Beſchaffung der 
Stantsanleihben allein war der Grund der Größe und 
Macht des vorbichild’fchen Haufes, jondern zugleich der 
Staatspapierhandel, der Ankauf und DVerfauf, den 
es in großen nud fabelbaft Elingenden enormen Summen 
mit den emittirten StaatSpapieren infolge der son ihm 
geichloffenen Anleihegeichäfte auf allen Börſen der Welt 
für feine Privatrechnung trieb, indem es — je nach den 


26 Erſtes Bud. 


politifchen Konjunfturen und Kriegs- und Friedenskonftel- 
Yationen, bald Faufte, bald verfaufte, dann wiederum an— 
faufen und wieder Iosfchlagen ließ, je nachdem fich die 
Berhältniffe geftalteten, der politifche Horizont fich aufhellte 
oder mit düſteren Gewittern bewölkte 

„Es gibt nur eine Macht in Europa“ — ſagt A. 
Weill — „und das iſt Rothſchild; und ſeine Trabanten 
ſind ein Dutzend anderer Bankierhäuſer und ſeine Solda— 
ten, ſeine Knappen ſind alle ehrlichen Handelsleute und 
Arbeiter, und ſein Schwert iſt die Spekulation. Roth— 
ſchild iſt eine Konſequenz, die entſtehen mußte, und wäre 
es Rothſchild nicht, Jo wäre e3 ein Anderen. _ 
Er iſt aber Ffeinesfalls eine zufällige Konfequenz, fon- 
dern eine nothgedrungene Prinzipialkonſeguenz aus dem 
Staatsprinzip, das feit 1813 Europa regiert. Und Nothe 
child brauchte den Staat, um Nothichild zu werden, weil 
die Staaten Europa's eines Rothſchild's bedurften. Nun 
aber er ift, braucht er den Staat nicht mehr, fondern der 
Staat braucht ihn.“ 

Diefelbe Anficht von Rothſchild's Stellung und Welt- 
bedeutung entwidelt H. Heine in feiner farkaftijch-hus= 
moriſtiſchen Auffaffung, indem er in feinen „Reiſebildern“ 
einem jüdiſchen Hübneraugenfchneider des ‚großen Bas 
ons‘ die Worte in den Mund Iegt: „Es ift mir aber 
immer nur um Die Ehre zu thun; und das habe ich auch 
dem Herrn Baron von Rothſchild gefagt, als ich die Ehre 
hatte, ihm die Hühneraugen zu fehneiden. Und mie ich 
ihm Die Hühnerangen jehnitt, dacht’ ich im Herzen: du 


Einleitendes. — Für und wider Rothichild. 37 


haft jest in Händen den Fuß des Mannes, der felbit 
die ganze Welt in Händen Hat; du Bift jest ebenfalls 
ein wichtiger Menſch. Schneideft du ihn ten ein biß- 
hen zu feharf, fo wird er verdrieplich, und fehneidet oben 
die größten Könige noch ärger. ES war der glücklichite 
Moment meines Lebens!’ — Und in feinen „Vermiſchten 
Schriften” führt er den Gedanken der politiichen Allmäch— 
tigkeit dieſes Haufes weiter humoriftifch aus in den Worten: 

„Der Ausbruch eines Krieges, der in der Natur 
der Dinge liegt, ift vor der Hand vertagt. Kurzfichtige 
Bolitifer, die nur zu Balltativen ihre Zuflucht nehmen, 
find beruhigt. Beſonders mehrere Finanziers ſehen alles 
wieder im Tieblichften Hoffnungslichte; auch der größte 
derjelben ſcheint fich ſolcher Täuſchung binzugeben, aber 
nicht zu jeder Stunde. Die Zeichendeuter der Börſe, die 
fih auf die Phyiiognomie des Barons Rothſchild fo gut 
verftehen, verfichern uns, dag die Schwalben des Friedens 
in feinem Lächeln niften, dag jede SKriegsbejorgnig aus 
ſeinem ©efichte verſchwunden, daß in feinen Augen Feine 
eleftrifchen Gewitterfünkchen fichtbar ſeien, und daß alſo 
Das entjegliche Kanonendonnerwetter, das die ganze Melt 
bedrohte, fich gänzlich verzogen habe; er rieche ſogar den 
Frieden. — Es ift wahr, als ich das letztemal die Ehre 
hatte, Heren von Rothſchild meine Aufwartung zu machen, 
ftrablte er vom erfreulichiten Wohlbehagen, und feine vofige 
Laune ging faft über in Poeſie; denn in folchen heiteren 
Momenten pflegt der Herr Baron den Redefluß feines 
Humor in Neimen ansjtrömen zu laſſen. Ich fand, daß 


28 Erſtes Bud. 


ihm das Neimen diegmal ganz befonders gelang; nur auf 
‚Ko nftantinopel‘ wußte er feinen Neim zu finden, und er 
fragte fich an dem Kopf, wie alle Dichter thun, wenn ihnen 
der Neim fehlt. Da ich felbft auch ein Stück Poet bin, 
jo erlaubte ich mir, dem Herm Baron zu bemerken, ob 
jich nicht darauf ein ruffifcher Zobel‘ reimen ließe? Aber 
dDiefer Reim ſchien ihm fehr zu mißfallen; er behauptete, 
England würde ihn nie zugeben, und es fünnte dadurch 
ein europäiſcher Krieg entftehen, welcher der Welt viel Blut 
und Thränen und ihm felber eine Menge Geld Enten 
würde. — Herr von Rothſchild ift in der That der beite 
politifche Thermometer, ich will nicht fagen, Wetterfroſch, 
weil das Wort nicht hinlänglich reſpektvoll Fänge. Und 
man muß doch Reſpekt vor diefem Manne haben, jei es 
auch ur wegen des Reſpekts, den er den meilten Leuten 
einflößt. Sch befuche ihn am liebſten in den Bureaux 
jeines Comptoirs, wo ich als Philoſoph beobachten Fann, 
wie fih das Volk und nicht bloß das Volk Öottes, ſon— 
dern auch alle anderen Völker vor ihm beugen und büden. 
Das ift ein Krümmen und Winden des Rückgrats, wie 
es jelbjt dem beiten Afrobaten fehwerfiele. Ich jah Leute, 
Die, wenn fie dem großen Baron nahten, zufammenzudten, 
als berührten fie eine voltaifhe Säule. Schon vor der 
Ihür feines Kabinet3 ergreift viele ein Schauer der Ehr— 
furcht, wie ihn einft Mofes auf dem Horeb empfunden, 
als er merkte, daß er auf dem heiligen Boden ftand. Ganz 
jo wie Mofes alsbald feine Schuhe auszog, jo würde ge— 
wiß mancher Mäkler oder Agent de Change, der das Pri— 


Einleitendes. — Für und wider Rothfchild. 29 


vatfabinet des Herrn von Rothſchild zu betreten wagt, 
vorher feine Stiefel ausziehen, wenn er nicht fürchtete, 
daß alsdanı feine Füße noch übler riechen und den Herrn 
Baron diefer Miftduft infommodiren dürfte. Jenes Privat- 
fabinet ift in der That ein merkwürdiger Ort, welcher 
erhabene Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick 
des Meltmeeres oder des gejtirnten Himmels: wir jehen 
bier Flar, wie klein der Menſch und wie groß Gott ift! 
Denn das Geld ift Der Gott unferer Zeit und 
Rothſchild ift fein Prophet.” — 

Durh die Staatsichulden Europa's und das, was 
daran hängt, ift alfo das Haus Rothſchild geworden, was 
es it — menigftens die größte Geldmacht der 
Melt, wenn niht mehr Es gelangte zu diefer klin— 
genden MWeltbedeutung durch die Geldnoth und finanzielle 
Mifere unferes Jahrhunderts, durch die fortwährende ftereo- 
typirte ©eldflemme, worin unfere Gegenwart Achzt amd 
ſtöhnt und jammert ohne Ende, gleich Der Natte in der Falle. 

Man werfe einen Blick in die Börfen- und Aftien- 
fiften! Da findet man fünfzig, und mehr Namen von 
Staaten bis zu Neuß - Schleiz - Lobenftein » Ebersdorf 
hinunter; ihre Staatsfchuldfcheine ftehen Dort verzei ch- 
net gleich den Namen in einem Kirchentaufbuche neben 
den übrigen vorwurfsfreien Zeugen, fehriftlichen Urkunden 
und Beweifen fir die Eriftenz der furchtbaren Schulden- 
mafje der Gegenwart. 

Den Staatsregierungen zunächit haben die f. g. Stan- 
dDesherren nachgeahmt und weiblich ind Staatsſchul— 


30 Erſtes Buch. 


denhandwerk gepfuſcht; es find „ſtandesherrliche Paſſivas; 
denn Schulden gehören heutzutage zur ſtandesherrlichen 
Qualität. Jene Herren ſind in die Fußtapfen der Re— 
gierungen getreten und tüchtig vorgeſchritten, nicht nach— 
gehinkt; denn man trifft faſt hundert ſtandesherrliche An— 
leiherubriken dort an. 

Auch die einzelnen Landestheile, Provinzen 
und Städte ſind auf der Bahn dieſes Fortſchrittes 
nicht zaudernd ſtehen- und zurückgeblieben; man trifft ſie 
von Paris bis Dippoldiswalde, von Brüſſel bis Oſchatz, 
von Berlin bis Alzey; jedes Krähwinkel hat ſeine 
ſtädtiſche Schuldenrubrif. — Und nun obenein alle 
Die Pranpbriefe und Obligationen der Landſchaften, 
Kreditvereine, Hypothefen und Banken, Eifen- 
bahn und Bergwerfs: und anderer Geſellſchaf— 
ten, Gasbeleuchtungs-, Dampfſchiffahrts-, Ei- 
ſenbahnſchienen-⸗, Steinfohlengruben- Altien 
und fehlieglich Die endlofe Maffe von Papiergeld alle 
Sorten, Arten und Farben. Im Jahre 1850 betrug das 
Bapiergeld, abgeſehen von feiner Natur als Banfnoten 
oder Kaffenbillets, das umlaufende Staats- und Banfpa- 
piergeld im Zollverein, England, Defterreich, Rußland und 
Frankreich allein 1,114,000.000 Thaler. Und welche 
enormen Summen jind bis heute "hinzugefommen; auf 
wie hoch Die Gejammtfumme angeſchwollen, darüber 
fehlt's trog der gegenwärtigen, geiftlofen, beliebten Wiffen- 
jchaft der Statiftif an ficherer Baſis. 

Die Zuſtände werden von Tag zus Tag naturwidri— 


Einleitendes. — Für und wider Rothſchild. 1 


ger, die materielle Ungleichheit fteigert fich zur unausbleib— 
lichen gewaltfamen Kriſis. Die Summe des vorhandenen 
baren Geldes kommt von Tag zu Tag mehr in einzelne 
wenigere Hände, und Eigenthum und Beſitz fallen immer 
mebr einzelnen zu. Eine Hauptmaßnahme der Regie— 
rungen, wodurch gerade diefe Kapitalsanhäufung gefürdert 
wird, find gerade die Dedung der außerordent- 
lichen, finanziellen Bedürfnifle des Staates 
durch Anleihen bei Banfiers und der da- 
bush hervorgerufene Bapterhbandel auf 
Geldmärften und Börſen. Sie ſchufen — Roth— 
ſchild, deſſen Comptoir ein Labyrinth von Sälen, deſſen 
Gewölbe eine Kaferne des Neichthumes find, in Deffen 
Gefichtsfalten und Stirnfurchen die Tauben des Friedens 
und die Sturmoögel Des Krieges haufen. 

ı Die Börfe ift heutzutage die Stelle, wo die Schid- 
ſalsurne der Nationen ſteht; fie ift Die Uhr, welche Das 
legte Stündlein jedem Volke verkündet, wenn ‚feine Zeit 
erfüllet iſt,, der Nichterftuhl, wo der Stab über Einzelne, 
wie über ganze Bölfer gebrochen. wird, wo die Geſchicke 
ganzer Welttheile — ja der ganzen Welt entfchieden werden. 
Aus Rothſchild's Munde ertönt das Urtheil über die ganze 
ehriftliche Welt. Seine Migräne, feine Obftruftionen find 
die Motive der wichtigften Umwandlungen und Umgeftal- 
tungen der Dinge vom Nordpol bis zum Südpol. In 
jeiner Brieftafche Liegen feine Kursannotationen, mit ihnen 
— Kriegsmanifeſte und Friedenstraftate aufgehoben. Sein 
Schreibpult ift Die Pandorabüchſe, die alles Unheil der 
Welt in fich ſchließt. — 


32 Erſtes Bud). 


Das klingt unglaublih, und man follte Davor er— 
Ihreden; aber es ift wahr. Und wer wollte heutzutage 
noch vor unglaublichem erſchrecken, da ja alles in unſe— 
ren Tagen aufs gigantifche, aufs unglaubliche hinaus 
läuft! Dieie Behauptung bezieht fih nicht allein auf das 
politifche Leben der Gegenwart und feine Seftaltungen, 
jondern auf alle Zuftände und Verhältniſſe des jozialen, 
fommerzieflen und induftriellen Lebens in allen feinen 
verſchiedenen Branchen; fie ift auf jede Erſcheinung der 
Gegenwart — wenn auch mit pajfenden Modifikationen — 
anwendbar. 

Nichts aber ift größer und weit ausfehender in der 
Melt als die Ausfichten des Hauſes Rothſchild, welches, 
wenn es mit gleichem Glück und Geſchick feine Operatio- 
nen fortzufeßen fortfährt wie bisher, in weniger als eimem 
Sahrbunderte im Beſitz des größten Theils des Bargel- 
des der ganzen Welt fein wird. Und daß es diefe Mög: 
lichkeit nach Kräften zu verwirklichen ftrebt, können Die 
Börfenmänner, welche Einficht haben in das Getriebe der 
Ebbe und Flut des Bapiergeldes, am beiten Darthun. 

Selbft die Artikel der augsburger allgemeinen Zei— 
tung, welche Rothſchild's DVerdienfte mit vollem Lobe an- 
erkennen, enthalten — wenn auch nur „zwifchen den Zei— 
len“ — die Beltätigung des Obengefagten. So z. B. 
lieft man darin: | 

„Zu den außerordentlichften Erfeheinungen unferer fo er= 
eignißreichen Zeit gehört die merfwürdige Stellung der Fa— 
milie Rothſchild. Daß der Oründer dieſes Eolofjalen Bank— 


Einleitendes. — Für und wider Rothſchild. 33 


haufes Mayer Amſchel ſich durch unermüdete Thätigfeit, 
ftrenge Nechtlichfeit und vorzüglich durch die jeltene Treue, 
mit welcher er die ihm von dem im Jahre 1806 flüchtig 
gewordenen Kurfürften von Heſſen anvertrauten Millionen 
verwaltete, auszeichnete, daß feine Söhne, mit jeltenen 
faufmännifchen Fähigkeiten begabt, nach Herftellung des 
allgemeinen Friedens den Aufſchwung des öffentlichen Kre= 
dits vorherſahen, und fih an die Spitze der Anleihen 
itellten, welche die Regierungen beinahe aller europäischen 
Staaten abzufchliegen genöthigt waren, daß fie bei allen 
diefen ausgedehnten Unternehmungen, die fie mit bewun— 
dernswärdiger Klugheit Teiteten, fich unermepliche Neich- 
thümer erwarben, daß fie zur Anerkennung ihrer Verdienfte 
Titel, Adel und Orden erhielten, daß fie einen ihren Ver— 
hältniſſen entsprechenden Glanz entfalten, dag Frau von 
Rothſchild eine der geiftreichften und Tiebenswirdigiten 
Frauen von Paris und ihr gaftfreies Haus der Sammel- 
pla& aller ſtaatsmänniſchen, fehriftitellerifchen und künſtle— 
riſchen Sluftrationen ift, daß endlich die Rothſchild Wohl— 
thätigfeit mit fürftlicher Freigebigfeit üben, haben die deutſchen 
und franzöfifhen Konverfationslerifa’s (2) zur Genüge 
erzählt, aber feine Feder hat es noch verjucht, den aus 
den finanziellen VBerhältniffen diefes Haufes entjprungenen 
höheren politifchen Einfluß desjelben und die verjchiedenen 
Phajen feiner Wirkfamfeit näher zu beleuchten, und doch ift 
es eben dieſe Stellung, die in der Geſchichte ihresgleichen 
nicht findet, welche die eigenthimlichiten Betrachtungen 
erweckt. 
Das Hans Rothſchitd. J. 3 


34 Erſtes Buch. 


Im ſechszehnten Jahrhundert, als Deutſchlands Han— 
delsverhältniſſe ſich noch in der Kindheit befanden, gelang 
es den Fuggern durch die großen Dienſte und Anleihen, 
welche ſie dem Kaiſer Maximilian leiſteten, Reichthum, 
Güter, die Grafenkrone und Berühmtheit zu erwerben. 
Ein ähnliches Beiſpiel dieſer Art bietet uns aber die Ge— 
ſchichte nur in den Rothſchild dar. Haben auch ihre Zeit— 
genoſſen, die Baring, Hope, Torlonia und Aguado im 
Handelsverfehr gleichfalls Foloffales Vermögen erworben und 
bedeutende Geſchäfte, ja jelbit Anleihen mit manchen Re— 
gierungen abgefchlofjen, fo konnten fte fich Doch nie in eine 
böbere politifche Sphäre erheben, wie e3 den Rothſchild 
wunderbar gelungen. Waren diefen auch die Zeitverhält- 
niffe bejonders günftig, jo muß man jedenfalls erkennen, 
daß fie Diefelben mit feltener Gewandtheit zu benutzen ver- 
ftanden, um jene merfwitrdige Stellung zu erreichen, welche 
ihnen als leitende Geldmacht einen jo bedeutenden Ein- 
flug gewährt. 

Und welchen mächtigen Hebel haben fie hiezu ange- 
werdet? Das DBertrauen, welches fie fich ſowohl Kei den 
Regierungen, als bei den bei ihren großartigen Unterneh- 
mungen betheiligten Kapttaliften zu erwerben mußten. 

Im Verlaufe von achtundzwanzig Jahren hat dasHand- 
lungshaus Rothſchild bei den vielfältigen Anleihen, welche es 
mit England, Defterreich, Frankreich, Preußen, Rußland, Nea— 
pel, Dänemark, Belgien und den meijten Fürften des deutſchen 
Bundes abſchloß, Hunderte von Millionen an die betref- 
fenden Staaten und oft in der geit jehwerer politifcher 


Einleitendes. — Für und wider NRothfchild. 39 


Krifen mit bewundernswürdiger Pinktlichkeit abgeführt, 
und auf diefe Weile die Macht feiner Geldfräfte beurfun- 
dei. Die Theilnehmer aber fahen ihre dießfälligen Spe- 
fulationen ftet3 mit dem günftigften Erfolge gekrönt, und 
das erworbene allgemeine Vertrauen wurde auch ein un— 
bedingtes. 

Melcher Staat wiirde wohl jebt eine Anleihe ohne 
den Rothſchild unterhandeln? — 

Als in den lebten Jahren der Spefulationsgeift fich 
den induftriellen Unternehmungen zumwendete, und die Eifen- 
bahnen ein Bedürfniß des Kontinents wurden, ergriffen 
fie abermals die Initiative und ftellten ſich an Die Spite 
der Bewegung. Die verfailler Bahn am rechten Ufer der 
Seine ift ihre Schöpfung, und in Defterreich gaben fie 
durch den Bau der großartigen Nordbahn den erften Ans 
ftoß zu Unternehmungen diefer Art; und wo ein wahrhaft 
nationales Werf begonnen werden mag, darf man auf die 
Mitwirkung ihrer Kapitalien zählen. 

Um aber den höheren Standpunft des zothfchild’- 
hen Haufes gehörig zu witrdigen, muß man bier ver- 
ſchiedene Perioden desjelben unterfcheiden. 

Die erfte beginnt mit dem Sabre 1815, und dauerte 
beiläufig zehn Sabre; in diefen Zeitraum fällt die Begrün— 
dung feines unermeßlichen Vermögens. 

Da fam das unheilvolle Jahr 1825. Hebertriebene 
Spefulationen aller Art brachten eine furchtbare Reaktion 
in dem Handelsverkehr hervor. Hunderte von kaufmänniſchen 
Notabilitäten geriethen in Stockung, oder gingen zugrunde. 

3* 


36 Erftes Bud. 


Die Rothichild blieben aber nicht nur wirerfehlittert, fondern 
unterftüßten noch überall mit ihren unermeßlichen Geld— 
mitteln und unbegrenztem Kredite, und ihre Silber» und 
Soldbarrenjendungen festen damals befanntlich allein die 
engliihe Banf in die Lage, ihre Barzahlungen fortfegen 
zu können. Die Handelswelt fannte jchon den Reichthum 
der Rothſchild; ihre Macht aber entfaltete fich zuerit in 
dDiejer zwar kurzen, aber umſo fchwierigeren zweiten Epoche 
ihrer faufmännifchen Laufbahn. Bon diefem Augenblid an 
erlangten fie höhere politifche Bedeutenheit, und Feine Re— 
gierung unternahm mehr eine umfaffendere Finanzoperation 
ohne ihre Mitwirfung. In ihrer dritten Beriode, welche 
bis zum Jahre 1830 reichte, ftieg ihr Anfehen und Ein- 
fluß als leitende Rinanzmacht fortwährend. Da brach plöß- 
lich die Julirevolution aus, die den europäiſchen Kredit 
bis in feine tiefften Grundfeſten erfchütterte, und mit ihr 
beginnt die vierte und glanzvollfte Epoche ihrer finangziels 
len Wirkſamkeit. 

Unzählige Bankhäufer wurden durch den Blikftrahl 
des politifchen Gewitters vernichtet, während die Nothichild 
nicht nur dem fürchterlichen Sturme kraftvoll widerſtanden, 
fondern fogleich der in Frankreich neugefchaffenen Staats = 
gewalt, die ihnen al3 eine Gewähr für die Nufrechthal- 
tung der Gefeslichfeit und Ordnung erfchien, den Beiltand 
ihrer mächtigen Hilfsquellen anboten. Die unermeßlichen 
Seldmittel, welche fie in jener verhängnißvollen geit zur 
Verfügung der Mächte ftellten, und der feine, wahrhaft 
diplomatifche Takt, welchen fie in den fehwierigften Ver— 





Einleitendes. — Für und wider Rothichild. 37 


bältniffen entwickelten, erwarb ihnen das unbegrenzte Ver— 
trauen der Kabinette, und die Rothſchild trugen damals 
mehr, al3 die Welt es ahnen mag, zur Bewahrung des 
Friedens bei. — 

Unwillfürlih drängt fih die Frage auf, wie es ihnen 
gelungen, ihre bedeutende Stellung m Franfreich unter 
den verſchiedenartigſten Regierungen ununterbrochen zu bes 
baupten ? 

Die Löfung derſelben iſt leicht. 

Sie gehören Feiner politiſchen Partei an; fie find 
Freunde des Königthums, der Gejetlichfeit und des Frie— 
dena, und als folche konnten jie ihren überwiegenden 
finanziellen Einfluß ebenjo unter den heterogenen Minijterien 
eines Decazes, Villéle, Martignac und Polignac, al3 unter 
der Regierung des Königs. Louis Philipp bewahren. 

Die unbeftrittene Macht, welche die Rothſchild auf 
den allgemeinen Handelsverfehr üben, tft aber ebenjo recht— 
mäßig begründet als für denſelben mohlthätig; denn ihr 
Wahlſpruch wird ftets: Friede und Entwidelung 
der Induſtrie fein, und nur Friede und Induſtrie kön— 
nen die Welt fortan beglücken. Die Zeit der Täuſchun— 
gen iſt vorüber, und die Nationen ſind längſt zur Ueber— 
zeugung gelangt, daß die Förderung ihrer materiellen In— 
tereſſen ſelbſt ihre geſetzliche rechtmäßige Freiheit kräftiger 
zu ſchützen vermag, als die blutige Verfechtung eitler po— 
litifcher Theorien. Denn ein reihes Volfiſtauch 
ein mächtiges, das fi nie durch die Willkür 
unterdrüden läßt. 


38 Erſtes Bud. 


Die Geſchichte aber wird einjt die Firma Nothichild 
als ein denfwitrdiges Betipiel, wie kühner Spefulations- 
geift, kluge Beharrlichfeit und brüderliche Einigfeit, mit 
Glück und wunderbarem Geſchicke gepaart, fo unermeß- 
liche Neichthümer und politifchen Welteinflug erringen 
fonnten, im ihre Bücher zeichnen und als das Symbol 
der größten Faufmännifchen Berühmtheit auf Die ferne 
Nachwelt übertragen.” — 


Zweites Bud). 


Der Samilie Rothſchild Urfprung und erfler Grund der 
Größe ihres Haufes. 





Der Stammvater der Familie Nothſchild und der 
Grundstein zum Bau des Haufes. — Zuſtände der Ju— 
den zur Zeit des heiligen römischen Meichs Deutfcher 
Nation und in der Gegenwart. — Die Judengaſſe in 
Frankfurt am Main. — Heer: und Wehrverfafiung im 
Reich. — Menfchenhandel und Seelenverfäuferei durch 
Subfidienverträge. 


Ein armer Handelsmann in Frankfurt am Main, 
im Beginn des achtzehnten Jahrhunderts geboren, zur 
Zeit des Beftandes des ‚heiligen römiſchen Reichs deut— 
jeher Nation‘ mit feinem erwählten Neichsoberhaupte und 
feinen fieben Kur- und Hundert anderen unmittelbaren 
Neichsfürften, ift der Stammoater der Familie Rothſchild, 
deren. Geſchlecht und Voreltern ſich hiſtoriſch nicht höher 
hinauf verfolgen laſſen. Jener Vorfahr iſt ſelbſt ſeinem 
urſprünglichen Stammnamen nach unbekannt, wie er üb— 
lich iſt in ſeinem Volke; denn er war dem jüdiſchen 
Volksſtamme angehörig, das — um mit H Heine zu 
reden — „aus Egypten fam, dem Baterlande der Krofodile 
und des Prieſterthums, und das außer den Hautkrank— 


42 Zmeites Buch. 


beiten und den geitoblenen Gold» und Silberfachen auch 
eine ſogenannte pofitive Neligion mitbrachte, eine fogenannte 
Kirche, ein Gerüfte von Dogmen, an die man glauben, 
und heilige Zeremonien, die man feiern mußte, ein Vor— 
bild der fpäteren Staatsreligionen. Nun entftand die Men— 
jibenmäfelei, das Brofelytenmachen, der Glaubenszwang 
und alle jene Greuel, welche dem Meenfchengefchlechte ſo— 
viel Blut und Thränen gefoftet. Diejes Urübelvolk ift 
längſt verdammt und fihleppt feine DVerdammnißqualen 
durch Sahrtaufende. O dieſes Egypten! feine Fabrifate 
troßen der Zeit; feine Pyramiden ftehen noch immer 
unerjchütterlich ; feine Mumien find noch fo unzerftörbar 
wie jonft, und ebenfo unverwüſtlich ift jene Volksmumie, 
die über die Erde wandelt, eingemwidelt in ihren uralten 
Buchſtabenwindeln, ein verhärtet Stud Weltgeſchichte, 
ein Geſpenſt, das zu ſeinem Unterhalte mit Wechſeln und 
alten Hoſen handelt.“ 

Dieſes jüdiſche Volk, eine der merkwürdigſten Erſchei— 
nungen in der Weltgeſchichte und im Völkerleben, erſcheint 
noch heute in Glauben, Sprache und Sitten als die ein— 
zig lebende Spur einer längſt untergegangenen Vorwelt, 
und ſtraft den feſtbewährten Satz der, der Geſchichte ent— 
lehnten Erfahrung: daß jedes Volk ein Maß der Kraft 
und Dauer gehabt hat, welches ſeine Entſtehung und ſeinen 
Untergang bedingte, Lügen. 

Wenn ein Volk ſeine politiſche Selbſtſtändigkeit, ſeine 
Freiheit ſammt ſeinen Heiligthümern und Nationalpalla— 
dien verlor, feine Hauptſtadt in Aſche gelegt, fein Haupt-, 


Der Familie Rothſchild Urjprung zc. 43 


Stütz- und Mittelpunft zeritört ward, jo ging e3 entweder 
in einem größeren Volke oder in fich ſelbſt unter und 
veriehwand auf immer von dem Weltſchauplatze. Die ge- 
waltigen Reiche Altafiens gingen unter, jelbit Die ewige 
Koma, Jeruſalem's Mörderin, fiel: Feine Lebensipur aller 
dieſer Völker ift mehr vorhanden. 

Aber das jüdische Volk, ein Volk ohne Staat, eine 
Nation ohne Land, nicht auf einen feiten Wohnſitz be- 
ſchränkt, fondern zerjtreut, verbreitet Uber die ganze Erde 
durch mehrere MWelttheile, als damals, wie fein Neich noch 
beftand, befannt oder nur geahnt worden, lebt fort und 
fort, und wird noch manches Reich und Volk überleben. 
Trotz jeiner Zerftrenung über den ganzen Erdboden hält 
e3 feit zufammen fort und fort; denn es hat fich erhalten 
trotz aller Berfolgungen, Beſchränkungen und Bedrückun— 
gen ohne Zahl, tro& der raffinirteften Grauſamkeiten und 
Marten. Hat fih gleich der VBolfscharafter der Nation 
Iſrael's im Laufe der Zeit geändert, jo ift doch jein Weſen 
unverändert geblieben. Nege und unftet ift fein Leben 
jeit Jahrtaufenden, als hätte fich die uralte Sage vom 
ewigen Juden auf ewiger Wanderung in ihm verwirklicht 
und verewigt. Dieſes Judenthum hat durch Jahrtauſende 
jeine Heroen, jeine großen Charaftere und Geiſter, ſeine 
großen Männer und Frauen in großer Zahl. 

Die Zuftände und Berhältniffe der Juden und des 
Sudenthbums in den Staaten des chriftlichen Europa's 
jind ein Produft der Sanftion der Herrjchergewalten; die 
Geſetzgebung über die Juden. ift von jeher eine legislato- 


44 Zweites Buch. 


riſche Karikatur gewejen. Was das jüdische Volk tft, das 
ift es durch Druck und Joch, Verfolgung und Gefeßgebung 
geworden. 

Jede Zeit Hat ihr eigenthümliches Gepräge, ihre 
Farbe und Gefinmung, ihre Ideen und Hoffnungen, aber 
auch ihre Furcht und Leidenschaften, ihren Wahn und Haß 
und ihre Opfer mtaßlofeiter DBerfolgung Mahn und 
Furcht und Haß riefen jene Verfolgungen der Menfchheit 
ins Leben, welche mit feurigen Buchftaben die Geſchichte 
in ihre Tafeln grub in den unauslöſchlichen Worten : 
Ka KRebergerichte und Ser enwen- 
zeife, fie erwuchlen aus Habſucht, Fanatismus und 
is vor dem Teufel und verewigten ihre ſtarren Formen 
in Geſetzbüchern. 

Die Juden, Zahrtaufende lang gedrückt und verfolgt 
in allen Ländern der Erde, erfreuten fich exit feit dem 
legten Jahrzehnd vor dem Ausbruch der franzöſiſchen Re— 
solution einer menfchlicheren Behandlung, indem Staats— 
vecht3lehrer für Die Geſetzgebung überhaupt, wie fir Die 
bürgerlichen Nechte und Verhältniſſe der Juden insbeſon— 
dere mildere Grundſätze aufftellten, und Frankreich fette 
Staatsumwälzung Damit begann, dieſe Grundſätze im 
Staatslebei zu verwirklichen. In mehreren Staaten Deutſch— 
lands, des Nheinbundes, tm Königreih Weftphalen, im 
Großherzogthum Frankfurt wurde die Nechtsgleichheit der 
Juden mit der chriftlichen Landesbevölkerung verfafjungs- 
mäßig ausgejprochen und in die Geſetze aufgenommen. 
Nach Napoleon’3 Fall tauchten aber in Deutjchland bie 


Der Familie Rothfchild Urfprung ꝛc. 45 


alten gefeglichen Beftimmungen und mit ihnen die frühes 
ven DVerhältniffe der Juden wieder gejeßlich auf. Darauf 
ward die Gleichitellung der Juden mit den übrigen Staats- 
bürgern zu einem vielfach in der Preſſe wie in den Kam— 
mern befprochenen Thema; die Nejultate bis auf unfere 
Tage find befannt. 

Tach dem Ende der frangölishen Fremdherrſchaft 
waren es befonders die ‚freien Städte‘, Frankfurt an 
der Spike, welche das ‚alte Recht der Juden‘ d. h. ihre 
früheren Zuftände aus dem Staube der Archive wieder 
heroorfuchten. Diele Vorkämpfer mit der Feder in dieſem 
ruhmloſen Kampfe hätten gar gern die ganze antijüdiſche 
Geſetzgebung der Vorzeit aus dem Grabe auferftehen gez 
jehen, von der Ungiltigfeit der Judenzeugenausfagen in 
Prozeſſen gegen Chriften bis zum Umſchnallen des Degens 
an die rechte Hüfte, der graufamen und unmenfchlichen 
Geſetzbeſtimmungen gar nicht zu gedenken, wie fie das 
Mittelalter mit teuflifcher Naffinerie zu erſinnen fehler 
unerfättlich gewefen war. 

Betrachten wir den Grund und Boden, dem die 
Familie Rothſchild entjproffen, die freie Reichsſtadt Frank— 
furt am Main, kurz in ihren Bezügen und Verhältniſſen 
zur jüdiſchen Mitbevölkerung innerhalb ihrer Graben und 
Ningmauern. Ste in wenigen Worten zu ſchildern, ge— 
nügt zum Zweck! — 

Sn keiner andern Stadt des deutſchen Reichs waren 
die Zuftände der Juden gedrücter und ihre Rechts- und 
'Xebensverhältniffe ärger und düſterer geftaltet als gerade 


45 Zweites Buch. 


hier. Im vierzehnten Jahrhundert fihritten die Patrizier 
Frankfurts gegen fie zu einer fürmfichen Abſperrung, und 
ſchloſſen die jüdiſche Bevölkerung der Stadt, als fei fie 
mit dem Ausſatz behaftet, in die Judengaſſe ein, weil 
ihre vafche Vermehrung und ihr. durch Bienenfleiß und 
zähe Ausdauer von Jahr zu Jahr zunehmender Gefchäfts- 
verfehr fie zu beumruhigen begannen. Mit der Abficht, 
das ganze, ihnen verhaßte Geſchlecht auf diefen Fleinen 
Raum zu bejehränfen, ward jede wohnliche Gemeinschaft 
mit der chriftlichen Einwohnerſchaft der Stadt abgeichnitten, 
jede Anfiedlung im irgendeinem anderen Stadttheile für 
ewige Zeiten gehindert und die ganze Judenfchaft Frank 
furts fchafsheerdenartig eingepferht. Das Net, die mit 
üblen Dünften aller Art erfüllte Luft in diefer Gaffe, 
deren Enge kaum eimen freien friichen Zug des Windes 
zuläßt, einzuatbmen, war alles, was bie Väter und 
Hefekgeber der Stadt in ihren Mauern den Kindern Is— 
raels geftatteten. Dede beengende Grenze des Jochs und 
alle Greuel der Knechtichaft, worin der Jude irgendwo 
im ganzen deutſchen Neiche fchmachtete, waren auch das 
Loos der Juden Frankfurts. 

Und ſo fonnte man nicht zu der Vorahnung fich 
veriteigen, Daß aus einem Haufe dieſer fchlechten Parias⸗ 
gaſſe dereinſt eine Macht mit dem unglaublichſten Ein— 
fluſſe auf die Geſtaltungen der Weltereigniſſe, auf die Ent— 
und Verwicklung der Verhältniſſe der Weltgeſchichte her— 
vorgehen würde, wie die Welt zuvor nie geſehen hatte. 
Man ahnte es umſoweniger, als nach den klugweiſen 


Der Familie Rothiehild Urſprung ꝛc. 47 


Geſetzen der Stadt außerdem nur zwei Judenpaare in jedem 
Jahre ſich verehelichen durften, damit der Samen Abra— 
ham's nicht zu reichlich ſich mehre. Und dennoch ſteigerte 
ſich die Zahl der jüdiſchen Bevölkerung in dem Maße, 
daß der ihnen gewährte Raum ſie nicht zu faſſen vermochte. 
Fünfhundert Sabre mwährte der Kampf der Juden 
in Frankfurt gegen ihre Unterdrücker, bis endlich Die Stunde 
ihrer Erlöſung ſchlug. Napoleon’3 Federzug beſeitigte 
alle auf Jakob's Nachkommen laſtenden Hinderniſſe und 
Bedrückungen; ſie verbreiteten ſich trotz aller ſpäter wie— 
derum ins Leben gerufenen Beſchränkungen weit über die 
Schranken der Judengaſſe hinaus. Der Stammvater der 
Rothſchilde lebte unter dem Dache eines von vielen Juden— 
familien bewohnten Hauſes in derſelben, ſeine Nach— 
kommen wohnen in einem ſtattlichen Palaſt in einem 
ihm zur Anſiedlung unzugängigen Theile der Stadt. 
Unſeren Federgelehrten der Gegenwart war es vor— 
behalten, ſich in Sätzen und Anſichten, Theſen und Anti— 
theſen über die Juden zu erſchöpfen, die ſich in Verkehrt— 
heit und Schiefheit überbieten und der geſunden Vernunft 
ſchnurſtracks entgegenlaufen. Da haben fie an ihrem 
Schreib- und Büchertifche, fern von der Einwirkung des 
Lebens, die jfurrile Stubenanficht ergrübelt und erflügelt: 
e3 müſſe im jüdischen Charakter etwas beruhen, was fich 
bejjer vertrage mit Zwingherrſchaft ald mit Freiheit, ob— 
wohl die Erfahrung lehrt, daß im freien England, unter 
den freien Derfafjungszuftänden der Niederlande, eine 
bedeutende Menge Juden Tebt, daß ihre Zahl fih in Frank— 


48 Zweites Buch. 


reich ſichtlich gemehrt hat, und Daß ſie überall, wo fie es 
vermögen, ſich nach freieren Ländern überſiedeln, wenn ſie 
bedrückt waren. Daß ſie aus Polen durch keine Mißhand— 
lung zu vertreiben, daß ſie in Rom, ſelbſt in den afrika— 
niſchen Raubſtaaten trotz Verachtung, Druck und ſelbſt 
Plünderung dennoch zahlreich geblieben, hat ſeine Urſache 
in dem fehlerhaften Bau der Staatsmaſchine, den zerrütte— 
ten Finanzen des Staates und des Einzelnen, kurz in der 
Gelegenheit, gerade die Geſchäfte in großer Ausdehnung 
zu machen, welche allein den Juden ſeit Jahrhunderten 
geſtattet werden: die Maſſe zeigt wohl Hartnäckigkeit im 
Auswandern, der Wohlhabende dagegen flüchtet bei erſter 
Gelegenheit nach Oeſterreich oder Livorno. 

Jenes uralte Geſetz mit den vielen Zäunen, welche 
die Rabbinen um dasjelbe zogen zu völliger Ausſcheidung 
ihres Volkes und ihrer Konfeffion, machten es den Juden 
unmöglich, unter Khriften etwas anderes zu treiben als 
den Handel. Hier müſſen fie neben den zahlreichen eigenen 
noch die chriftlichen Feſte feiern, für Schule und Arme 
aus eigenen Mitteln ſorgen, ſich von Mißhandlungen aller 
Art loskaufen, und wo möglich einen Nothpfennig zurücklegen 
für den Fall einer Vertreibung. 

Hiemit ift allein ſchon die Nothwendigfeit geboten, 
ihre ©ewerbsthätigfeit aufs höchſte zu fteigern, welche 
durch Entbehrung und Mangel zu Habſucht, Knickerei, ja 
Schmutz fih verzerst. Man wirft ihnen Mangel an Char- 
akterwürde vor, bedenkt aber nicht, wie der republikani— 
ſche Holländer fih in Nangaſaki, ver ftolge, freie Brite 


Der Familie Rothſchild Urfprung ꝛc. 49 


in Kanton geberden müfjen lediglich der Geſchäfte und des 
Handels wegen. Man wirft dem Juden Hartnäcigfeit im 
Halten feiner Sabungen vor; aber auf Dieje mußte er 
alles übertragen, was der Chriſt auf Heimat, DBaterland, 
Kirchengemeinde vertheilt; nur durch fie erhielt er. Hilfe 
und Almoſen. 

Man hört die Behauptung : man könne die Juden 
nicht früher von den einengenden Geſetzen befreien, big 
fie jelbft der Kreiheit fich witrdig zeigten: fie follen alfo 
ſchwimmen gelernt baben, ebe man ihnen int Warfer zu 
gehen ageftattete. Hier, im Uebergange von der alten 
Härte zur Billigfeit und Gerechtigkeit, Tiegt die Schwie- 
rigfeit jeder Gmanzipation, wie wir am Beifpiele Jrlands 
und der Sklavenftaaten bemerfen können. Dennoch ift dieſe 
Smanzipation ein dringendes Bedürfniß Der Zeit, und eben- 
fofehr durch das Intereſſe der Chriften geboten, als durch 
das der Juden vielleicht noch mehr; denn die alten Kammer— 
knechte des h. römischen Neiches find beinahe zu allen Ehren, 
Titeln und Würden gelangt, welche fonft nur den Mit- 
gliedern altbevorzugter Gefchlechter zugänglich waren. Die 
Mebelftände, welche eine Sfleichitellung bringen kann, wer- 
den jeßt fchon Durch Die der Halbheit bedeutend überwo— 
gen, und werden verſchwinden wie eine Staatsjchuld, welcher 
man einen Tilgungsfond gefichert hat. 

Noch immer Tiegt troß aller Staatserperimente, Die 
mit der Judenemanzipation und ihrer Sleichfteflung in den 
Staat3= und bürgerlichen Nechten mit der chriftlichen Be— 
völferung gemacht worden, und wo ihnen meift hier mit 

Das Haus Rothſchild. I- | A 


30 Zweites Buch 


der Rechten gegeben, dort mit der Linken wiederum genom— 
men wurde, in vielen Staaten ein unwürdiges Joch, ein 
harter Druck auf den Juden. Sind gleich die alten Ju— 
dengaflen in ihrer urjprünglichen Bedeutung verſchwunden, 
find auch feine Stadttheile mehr vorhanden, die den Ju— 
den ausschließlich angewiefen find zur Wohnung, jo befte- 
ben troß Derfafjungen und Konftitutionen ſoviele Inſti— 
tute, Verordnungen und Beltimmungen in Bezug auf fie, 
Die eines gebildeten Staates im neunzehnten Jahrhundert 
unwürdig erfcheinen, umſomehr, da fih Die Juden in 
den legten Jahrzehnden eine Bildung angeeignet und einen 
Grad fzientififcher und artiftiicher Intelligenz erreicht Haben, 
infolge deren fie mit der übrigen Beodlferung vollfon- 
men gleichfteben. England, Frankreich, Deutichland, die Nie- 
dDerlande haben Beijpiele der eflatanteften Art dafür auf 
zumeifen. Deutſchlands Judenthum insbejundere hat Dich- 
ter, Künftler, Gelehrte aufzuweifen, die anf der Höhe der 
Gegenwart ſtehen; es bedarf der Anführung ihrer Namen 
nicht: fie find männiglich befannt. 

Annäherung von beiden Seiten ift indeß das 
Haupterfordernig zur Erreichung folcher Zuftände, wie fie 
die Zeit und Ihre Anforderungen erheiſchen. Seitens der 
Suden fehlt in diefer Hinficht noch gar. manches, fie bil- 
den nach wie vor — wenn auch feinen Staat im Staate — 
Doch ein Volk im DBolfe, verfshieden durch Glauben und 
Sitten, nur auf eine Erwerbsart — den Handel — be- 
ſchränkt, wiewohl in neuerer Zeit durch Vereine und Schulen 
zur Verbreitung des Handwerkerſtandes und Förderung und 


Der Familie Rothſchild Urſprung ac. 51 


Belebung der Gewerbethätigfeit, ſowie gelehrte r und künſt— 
lerifcher Bildung und Ausbildung unter den Juden, wie 
fie fich an mehreren Orten gebildet Haben, fchon viel ge- 
leiſtet ift, und Die verfchiedenartigften Handwerke nament- 
ich bereit3 von Juden betrieben werden. 

Dagegen iſt e3 auch die bisher durchaus vernache 
läffigte Pflicht der chriftlichen Regierungen, in dieſer Be— 
ztehung mehr wie geſchehen mitzuwirken und darauf vor— 
zugsweiſe ihr Augenmerk zu richten, damit die jüdische Ein— 
wohnerjchaft ſich auch den übrigen Erwerbsquellen nähere, 
woraus die chriftliche Bevölkerung ſchöpft. Die einfeitige 
Richtung ihrer Lebeusthätigfeit, der Handel, gibt der jü— 
diſchen Nation einen fremden eigenihiimlichen Anftrich, 
wirft nachtheilig auf ihre intelleftuelle und moraliſche Bil- 
dung und entfernt fie vom Staats und Nechtsleben, er- 
tödtet jegliches gemeinfame Lebensintereife und erzeugt 
ſtarren Egoismus; fie wirft Dadurch nachtheilig zugleich 
auf die chriftlichen Klaffen der Bevölkerung. 

Schwer ift und bleibt nach wie vor die Aufgabe, Die 
immerhin noch ſchroffen Gegenſätze zwifchen jüdifchen und 
riftlihen Bewohnern eines Staates zu heben und aus— 
zugleichen und beide Parteien zufriedenzuftellen. Sei— 
tens der Juden ift jedenfall® Aufhebung der nicht gerade 
ftrengreligiöfen Satzungen und Gebräuche, welche hemmend 
auf ihre Bezüge zu den chriftlichen Staatseingefejjenen ein— 
wirken, erforderlich. Dem bildungsfähigen wie gebildeten Juden 
wird es von ſelbſt einleuchten, daß die Nation, in welche feine 
Voreltern als Fremdlinge einiraten, und welcher er nun— 

i 4=7 


52 Zweites Buch. 


mehr mit gleicher Berechtigung eimverleibt werden will, 
ein mohlbegründetes Recht auf ihre Eigenthümlichkeiten 
habe, daß es alſo ihm zieme, ſich nach dieſen zu richten. 

Die Landesverfaffungen der Neuzeit haben Lage und 
Berhältniffe ihrer jüdifchen Bürger mehr oder minder be- 
rücfichtigt, manche vieles gewährt, ſelbſt leichberechti- 
gung im jeder Beziehung in ausdrüdlichen, deutlichen Pa— 
ragraphen und Beſtimmungen ausgefprochen,; wie fie im 
der Praris geübt amd berückfichtigt werden, wie fich in 
vielen Staaten eine Rückkehr zum alten vorbereitend und 
einbiegend fundgibt oder bereits ftattgefunden, das wiſſen 
alle — Chriſt wie Jude. Die Berition berliner Bürger 
an die Kammern um Aufrechthaltung des Artikels 12 der 
preußischen Verfaſſungsurkunde rückſichtlich der Zulaſſung 
der Juden zu Staats- und Gemeindeämtern mit mehr 
als tauſend Unterſchriften — Alexander von Hum— 
boldt's Name nicht ausgeſchloſſen — lebt noch in aller 
Gedächtniß, v. Kleiſt-Retzow's und feiner Genoffen Gegen— 
beſtrebungen dagegen nicht minder; es ſind charakteriſtiſche 
Zeichen der Zeit, unſerer Zeit, die ſich noch immer nicht 
erſchöpfen und leeren, ſondern neues oder vielmehr altes 
wieder gebären will. Doch wo die materiellen Intereſſen 
auf jede Weiſe durch Den Geiſt der Zeit gefördert 
werden, da dürften troß aller Reaktion auch Die geiftigen 
und moralifchen nicht zurückgedrängt werden Finnen im 
nachhaltiger Dauer. — — — 

Unter dem Dache eines fleinen Hauſes der franfs 
furter Judengaſſe erblickte der Stammpvater der Rothſchilde 


Der Familie Rothſchild Urſprung ac. 585 


das Licht des Tages; troß unermüdfichen Strebens brachte 
er es nicht weiter als zum gewöhnlichen „Handelsjuden.‘ 
Seinem Grjtgeborenen, dem Gründer des rothfehild’fchen 
Geſchäfts- und Handelshaufes, ftand neben feiner Unermüd— 
lichkeit und Nechtlichfeit al3 Geſchäftsmann das Glück zur 
Seite. Und der Grundſtein zur Größe der gegenwärtigen 
Geldmacht Rothſchild's lag in den Verhältniſſen der dama— 
figen Heer: und Wehrverfaffung des deutſchen Neiches, 
welche einen „Handel mit Menfchenfleifch‘, bie 
gr Seelen und Truppen vierfäauferet dur 
Subfidienverträge deutſcher Neichsfürften mit auswärtigen 
Mächten und Staaten zur Lieferung und Verwendung 
bewaffueter Macht in Kriegsfällen, gejeslich ſanktionirte. 
Das gänzlich umgeftaltete Heerwefen und Die veränderte 
Mehrwerfaffung waren aus dem Kampfe, den der Geift 
Der Zeit in vaftlojer Thätigkeit gegen den hiſtoriſchen Be— 
ſtand fiegreich geführt hatte, hervorgegangen; Durch Die 
Erfindung des Chemifers Berthold Schwarz war das alte 
Nitterfchwert dem neuen Feuerrohr erlegen. 

Nach der alten deutſchen Reichsverfaſſung wurden 
Neichskriege auf Reichstagen befchlofjen. Erlangte Das Reichs— 
oberhaupt dazu die Zuſtimmung der Neichsftände nicht, 
jo mußte e3 ſich mit der Hilfe begnügen, die ihm Eine 
zelne freiwillig leifteten, und fich auf die Kräfte verlaffen, 
über die der Kaijer auch ohne Das Reich verfügen fonnte. 
Da den Neichsftänden ein unbeſchränktes Necht des Krie— 
ges nicht zuftand, ihre Nüftungen vielmehr außer dem 
Falle eines Meichsfrieges auf Nothwehr und Kriegshilfe 


34 Zmweitis Buch. 


befchränft fein follten, jo wurde da3 Kriegsweren Gegen— 
jtand der MNeichsgefebgebung. Anfangs waren 20.000 Fuß— 
fnechte und A000 Reiter zu des Neiches Dienft zu ftellen ; 
jpäter ward Diejes Kontingent um ein Drittel erhöht, im 
Revolutionskriege 1794 ſogar verfünffadht. Beim wirfli- 
chen Kriegsausbruhe ward die Meichsarmee ins Feld 
geitellt, wozu jeder Meichsfürft feinen Beitrag liefern 
ſollte. Es mußte geworben werden, da das Militär, 
welches in Friedenszeiten unterhalten ward, nicht zur Stel- 
ung des Kontingents hinreichte. Sp hielten der Biſchof 
von Bamberg, und der Fürſt von Fürftenberg, in Uniform 
gefteckte Leute, um vor Höchftdero Schlöffern und Schloß- 
garten Wache zu ftehen, oder wie 3. B. in Nottweil im Thor 
oder zu Rottenmünſter in der Wirthsftube Schildwacht zu 
fißen. Der Graf von Grumbach bielt 12, der Fürft von 
Kirn 16 Mann, deren Kommandant ein Feldwebel oder 
Korporal war. In Kriegszeiten wurde Diefe Zahl verdoppelt 
und die fehlenden Offiziere gewählt. Im ſchwäbiſchen Kreife 
ftellie die Stadt mind den Hauptmann, Nottweil den 
Lieutenant, ein anderes Städtchen den Fähnrich, und Die 
Mahl derfelben geſchah durch den Magiftrat zu Gmünd, 
den Prälaten zu Gengenbach und die Aebtiffin zu Notten- 
münfter. Bei den MWerbungen Tieg man, un Werbegeld 
zu fparen, die Zuchthäufer öffnen und das darin verwahrte 
Gut ins Feld ſchicken — eine ökonomiſche Herftellung des 
Neichskontingenis! Und diefe Reichsarmee erhielt ihre An— 
gehörigen in militärischer Zucht und Disziplin durch Stod 
und Zuchtel, und ein wohl: und kunſtgerecht geflochtener 


Der Familie Rothſchild Urfprung ıc. 35 


Zopf und die Puderlodenbudeht waren die Zier und der 
Schmuck des Neichsfoldaten. — Jeder deutſche unmittel- 
bare Reichsfürſt — er mochte fo unbedeutend an Macht 
wie Land und Volk fein, wie er wollte — hatte nach der 
Reichsverfaſſung das freie, ungejchmälerte und unbeſchränkte 
Recht der Truppenwerbung ; er mußte zur Neichsarmee 
feinen armirten Beitrag geben, und war es auch nur ein 
Keiter ohne Pferd oder ein Tambour ohne Trommel, wie 
ibn auch wirklich ein damaliger reichsunmittelbarer Liliput— 
ſouverain in Süddeutſchland ftellen mußte. 

Diejes freie Truppenaushebungsrecht war es aber, 
welches zu egoiftifhem Wucher führte. In dem Vorjahr— 
hundert der Geburt des Stammvaters Rothſchild gab es 
zuerft zwei jocher veichsfürftlichen Wucherer in Deutfchland, 
den damaligen Kurfürſten zu Köln und den Fürſtbiſchof von 
Münſter (Chriftopb Bernard von Galen), welche durch 
gefchloffene Bündniffe mit des Neiches Feinden, Franfreich 
und England, unter ihren Brüdern mächtiger zu werden 
hofften und duch Offenſiv- und Subfidienverträge mit 
auswärtigen Mächten ihre Privatſäckel füllten, indem fie 
gegen hohe Ausrüftungsgelder Truppen warben und fie 
zu Kriegs- und Feldzügen bingaben. Sie bezogen, bejon- 
ders der zu Miünfter, viele Millionen von England und 
Frankreich, namentlich einmal 500.000 Thaler für 20 000 
Mann und monatlich während der Dauer des Krieges 
50.000 Thaler obenein. 

Im nämlihen Jahrhundert und im Vorgange dieſer 
deutschen Wucherer und Seelenverfäufer begann auch in 


86 Zweites Bud. 


Heffen unter dem Landgrafen Karl diefer Handel mit Men- 
fehenfleifeh, indem er im Jahre 1687 einen Subfidienver- 
trag mit der Republik Benedig abichloß wegen Heberlaffung 
son 1000 Mann Truppen zu Fuß zum Türkenkrieg auf | 
Poren. Im fpanifehen Erbfolgefrieg überließ er den See— 
mächten ein Korps von 9.000 Helfen, und kurz Darauf 
verkaufte er 10.500 Mann Fußvolk und Reiterei an Eng» 
land und Holland zur Verwendung in Stalten. Unter 
dem Schabfanzleramte des Lord Grenville hatte der Land— 
graf noch eine Neftforderung von 1 Million 700.000 
Pfund Sterling, fat 12 Millionen Thaler. Nach dem 
zu Utrecht gefibloffenen Frieden überließ er nochmals 12.000 
Heſſen gegen britiiche Subfidiengelder an König Georg 
den Erſten von England im Jahre 1727, und als deſſen 
Sohn den Thron beitiegen, zahlte England jährlich 240.000 
Pfund Sterling (1 Million 650.000 Thaler) an ihn. 
Sein Enfel, Landgraf Friedrich der Zweite, (1760 — 
1785) trat in Die Fußtapfen feines Großvaters, und 
fette feine reichlohnenden, klingenden Gefchäfte fort. Mit 
der Krone England ſchloß er im: Sahre 1775 einen 
©ubfidienvertrag ab, Fraft deſſen er 12.800 heſſiſche Trup— 
pen zur Verwendung gegen die nordamerifanifchen Kolo— 
nien ftellte, die im Freiheit3- und Unabhängigkeitskampfe 
gegen das britifhe Meutterland begriffen waren. Bis zum 
Sahre 1782 während der Dauer dieſes Kampfes wurden 
noch 4.209 Rekruten nachgefandt, wozu die Orafichaft 
Hanau noch befonders 2.400 Mann ftellte, fo daß, da da— 
mals die ganze Geſammtbevölkerung Heſſens 400.000 


Der Familie Rothiehild Urſprung ac. 91 


Einwohner betrug, Diefe 19.400 Manı fait den zwanzig- 
ften Theil der Einwohnerſchaft ausmachten. 


Engliſche Kommiſſarien kamen nach Kaffel zur In— 
ſpektion dieſer Mannſchaft, und England zahlte dafür dem 
Landgrafen 22 Millionen Thaler. 


Sm Sahre 1784, nach Beendigung des Kampfes im 
Welttheile jenſeits des Ozeans, fehrten davon 11.900 Mann 
nach Deutfchland zurück: 7.500 hatte der Krieg fern von der 
Heimat weggerafft. AS der Landgraf 1785 ftarb, hin— 
terließ er feinem Nachfolger Wilhelm IX., dein fpäteren 
Kurfürſten, ein Privatvermögen von 56 Millionen Thalern, 
fo Daß er für den reichiten Fürſten galt. 


Auch dieſer Schloß noch im Sabre 1787 einen Sub- 
fidienvertrag mit England auf 12.000 Mann, wofür er 
ohne die Equipirungsentichädigung 675.000 Kronthaler 
bezog. Die von feinem Vorſitzer auf dem heſſiſchen Für— 
ftenthron son der Krone England für die zur Verwendung 
gegen die nordamerifanifchen Kolonien verkauften Landes- 
unterthanen bezogenen 22 Millionen waren aber Die mit- 
telbare Urſache des Glücks der Familie Rothſchild und 
des Wachsthums, Gedeihens und der gegenwärtigen 
Seldgröße ihres Geſchäftshauſes. — 


„So oft ich" — fagt Weill in feiner Schrift: „Nothe 
jbild und die europätfchen Staaten“ treffend — „den alten 
Mann mit den Berlen in Schiller's Kabale und Liebe 


38 Imeites Bud. _ 


zu Lady Milford treten jehe, denke ich immer bei mir: 
Und doch entitand Rothſchild aus [old einer 
Perle! Und nicht anders iſt's: er ward dadurd 
die fehste europäiſche Großmacht!“ — 


Drittes Bud). 


Der Gründer des vothfchild’fchen Handelshaufes. 


— — 





Der Gründer des Handelshaufes M. A. Rothſchild und 
Söhne, — Mayer Amfchel Rothſchild und Johann 
Wolfgang Göthe. — Beider Lehrjahre. — Die Mutter 
der Rothſchilde. — Weltlage und frankfurter Zuftände 
um die Mitte des Geburtsjahrhunderts M. U. Roth— 
fhilds bis zum Ausbruch der eriten franzöfifchen 
Staatsumwälzung. — Dentfches Blut auf amerifani- 
fchem Boden und britifches Geld dafür im Ddeutfcher 
Fürjten Hausvermögen. 


Mehr als ein ganzes Jahrhundert ift feit dem Tage 
der Geburt des Gründers des rothichild’schen Handels- 
Haufes verfloffen; denn Mayer Amfchel Rothſchild, 
der Sprößling eines jüdifchen Handelgmannes, wurde im 
Sahre 1743, jehs Sabre vor Johann Wolfgang 
Göthe, dem Enkel eines Schneiders, zu Frankfurt am 
Main geboren. 

Mährend der Stamm und der Name des Vaters 
Rothſchild's nicht einmal befannt und verzeichnet find, hat 
Die deutiche gelehrte Forſchung Göthe's Geſchlecht noch 
über feinen Urgroßvater um einen Grab höher hinauf 
verfolgt und ermittelt, dag deſſen Vater, Hans Chriftian 


62 Drittes Buch. 


Göthe, Hufichmied zu Artern in der Grafichaft Mans- 
feld war, dieſe genealogifche Entdeckung auch durch Tauf- 
heine und Kirchenbuchsattefte unumfiößlich dargethan. 
Während Rothſchild's Vater zu feinem Erwerbe auf den 
„Schacher‘ angewiejen war, lebte Göthe's Vater, ein grad- 
liniger frankfurter veichsftädtifcher Batrizier mit dem Titel: 
fatjerlicher Nathb, amt- und gejchäftslos von den Ein— 
fünften jeines ererbten elterlichen Vermögens echt fpieß- 
bürgerlich feine Tage. 

Des ehrbaren Hufſchmiedmeiſters Urenfel begann feine 
berühmte Kebenslaufbahn einigermaßen im urgroßpäterlichen 
©ewerbe, indem er — wenn auch nicht mit Schmideham: 
mer und Eiſenfeile — doch als Reimſchmied ftatt Hufeifen 
und Hufnägel Verſe feilte und Reime fehmiedete, während 
der Spröpling der Frankfurter Judengaſſe als Knabe den 
Grund zu feinem fpäteren Weltgefchäfte mit Auswechjeln 
son Münze gegen grobe ©eldjorten zu legen begann, und 
alfo mit feinem Geldwechfeljäclein die Mäfler und Ban— 
fiers der Stadt heimjuchte, Haus um Haus, und dabei 
oft jeltene Münzen und Antiquitäten ——— Gele⸗ 
genheit fand. 

Des Juden Sohn und ſeine Nachkommen machten — 
wenn auch nicht als Diplomaten, Politiker und Staats— 
männer, ſondern als kaufmänniſche Geſchäftsleute infolge 
ihrer Bezüge zu den politiſchen Konjunkturen ein ‚tüchtig 
Stück Weltgefehichte‘, während Göthe, ihr Landsmann, 
obgleich fpäter ſelbſt Minifter, fih weder um Politik, noch 
Meltgefchichte kümmerte. Jene war ihm der ‚böfe Orind- 


Der Gründer des rothjchild'ichen Handelshaufes. 63 


fopf‘, welchen ‚zu laufen: er für ein „verdrieglich Stück Ar— 
beit‘ bielt, und ‚ihm jtets als ein trübes Clement galt, 
jo er fich, jomweit al3$ möglich, vom Leibe gehalten.‘ Selbit 
ein politifch Lied war ihm jogar ‚ein garjtig Lied.‘ 

Man bat beiden ihre verjihiedenartige Thätigkeit in 
diefer Hinficht vielfach zum Vorwurfe nischen wollen, und 
zwar Rothſchild jeinen Antheil an der Politik und ihren 
Geftaltungen, und Göthe feine gänzliche Theilnahmloſigkeit 
an den öffentlichen Intereſſen, Greignijfen und Vorkomm— 
niffen. Allein Rothſchild's Beziige zur Politik waren einzig 
und allein bedingt durch jeines Geſchäftshauſes Stellung 
und Aufgabe; ohne fie und deren zu deſſen Subſiſtenz 
gedrungener Löſung wäre er nie auf diejes Feld gerarhen. 

Göthe's amtliche Stellung am Hofe eines kleinen 
deutjhen Fürſten und in freien Bezügen zur Leitung 
eines friedlichen DVBermwaltungszweiges an der Spitze künſt— 
leriicher und wiſſenſchaftlicher Intereſſen erheiſchte Diefe 
Rückſicht nicht; ihm erſchienen die politifchen Gejtaltungen 
‚nur als zufällige Begebniffe‘, und Der Leidenjibaftlich- 
feit der Darteibejtrebungen fich hinzugeben , war jeiner 
inneriten Natur zumwider. 

Beihäftigt in zahllofen anderen Kreiſen und Sphären 
jeines Berufes und in nieermüdender raſtloſer Ihätigfeit 
fih ihnen zumwendend, betrachtete er ſich — nad einem 
jeiner Briefe an Zelter zudem in politifher Hinſicht 
nur ‚als Brivatmanı, und achtete es für ‚Bhilifterei, wenn 
man demjenigen zuviel Antbeil jchenfe, worin man nichts 
wirfen fünne © 





64 Drittes Buch. 


Während fihb Göthe alfo mit vorgefaßter Abficht 
zurüd- und fFernbielt von Dem Schauplage der Politik, 
ward Rothſchild mitten auf den politischen Kampfpla hinein 
gerijfen; jein Wort und feine Feder hatten häufig größeren 
entjcheidenderen Einfluß auf das Schickſal Europa's und 
die Wendungen der Politik als das begutachtende Me— 
moire eines Staatsmannes, oder der ſchon gezogene Degen 
eines Feldherrn; ſein Stuhl und Schreibpult in ſeinem 
Comptoir waren oft von ebenſo erfolgreicher Bedeutung 
wie der Tiſch und die Seſſel im Kongreßſaale der Fürſten 
und Miniſter. So ſchwindet bei gerechter, vorurtheils— 
freier Würdigung der Verhältniſſe der beiden häufig ge— 
machte Vorwurf. — 

Wie wenig uns auch von Rothſchild's Vater überlie— 
fert worden, unſer Wiſſen hinſichtlich ſeiner Mutter iſt von noch 
untergeordneterer Bedeutung. Von der ‚grau Kath‘, Gö— 
the 8 Mutter, iſt uns in Bild wie Wort ein getreues 
wohlgetroffenes Konterfei überfommen im feiner ganzen 
liebenswürdigen Naivetät und geiftigen Friſche bis zu den 
Tagen des höchſten Lebensalters hinauf; wogegen nur Roth— 
ſchild's Frau, Die ‚„Hefuba‘ der rothſchild'ſchen Familie, uns 
in bellen sprechendähnlichen Zügen vor Augen geführt 
wird; denn fie lebte hochalt noch) weit in die Tage der Ge— 
genwart hinein und fie konnte mit frohem Mutterherzen 
jagen: Wohl der Mutter, die Freude erlebt an ihren Kin— 
dein! Sie zählte deren zehn, fünf Söhne und gleichviel 
Töchter, erftere ſämmtlich Chefs der fünf verfihtedenen roth— 
ſchild'ſchen Gejchäftsetabliffements, in Frankfurt am Main, 


Der Gründer des rothſchild'ſchen Handelshaufes. 63 


Mien, London, Paris und Neapel Chefs und Vor— 
ſtände. 

Wie von Geburt, Stand und Rang aus ganz ver— 
ſchieden, gingen auch bei Rothſchild und Göthe die Lehr— 
jahre nach ganz verſchiedenen Richtungen auseinander, 
gleich der ſpäteren Lebensſtellung und ihrer Wirkſamkeit. 
Während Göthe nach akademiſcher Vorbildung den Muſen 
lebte und ſein Genius ihm den Lorbeer des großen Dich— 
ters errang, ſchwang ſich Rothſchild auf ſeiner Geſchäfts— 
laufbahn, beſonders ſeit dem Beginn der franzöſiſchen 
Revolution, wie mancher Soldat im Felde, ſo als Spe— 
kulant an der Geldkiſte und im Comptoir von niederer Her— 
kunft zu ſchwindelnder Höhe empor. Seine Eltern, welche 
von Handel lebten, Hatte er, noch che er ins zwölfte 
Lebensjahr getreten war, Durch den Tod verloren; fie hatten 
ihn zum Rabbinen bejtimmt, und es gelang ihm trotz 
ihres frühen Abjterbens, die Schule zu Fürth zu bejuchen 
und jüdiſche Theologie zu ſtudiren. 

Nach vollendetem theologiſchen Studium kehrte er von 
dort in ſeine Heimat zurück, ohne ſich indeß dem iſraeli— 
tiſchen Lehrfache zu widmen; vielmehr wandte er ſich dem 
väterlichen Erwerbzweige zu, und wählte den Kandel zu 
jeinem Lebensberufe, ohne Ahnung, daß er dadurch Die ein— 
flußreishe Stellung erringen würde, die er ſpäter einges 
nommen bat. Auf der Schule zu Fürth hatte er fi 
zugleich auch auf das Studium der Antifen und ins— 
bejondere auf die Münzkunde gelegt, welches ihm jpäter 
nicht allein zu bedeutenden Verbindungen verhalf, jondern 
Das Haus Rochſchild. I. 5 


66 Drittes Bud). 


auch Gelegenheit zum Ermwerbe darbot. Nicht minder mit 
der Handlungswiſſenſchaft und dem praftifchen Comptoir- 
dienjte vertraut, begab er fich nach jeiner Rückkehr von 
Fürth von feiner DBaterftadt nach Hannover, trat im ein 
dDortiges Bankierhaus als Comptoiriſt ein, dem er nac 
längerem Aufenthalte als Mitgefchäftsführer eine Zeitlang 
vorſtand, worauf er ſich nach ſeiner Heimat zurückbegab 
und dort ein eigenes Geſchäft begründete, woraus die ge— 
genwärtige Geldmacht Rothſchild's emporwuchs. — Zu 
ſeinem Wachsſthum und Fortkommen war ſeine Vaterſtadt 
insbeſondere ihm förderlich. Frankfurt war damals die 
bedeutendſte Handelsſtadt Deutſchlands; ſeine Meſſen waren 
die beſuchteſten; aus der ganzen bekannten Welt ſtrömten 
Käufer und Verkäufer dahin zuſammen; man veranſchlagte 
die Zahl der fremden Kaufleute auf fünfzig Tauſend. Es 
war eine freie Reichs- und Handelsitadt ohne Zölle und 
jonftige Hemmungen. Durch jeine vortheilbafte Lage 
am Main ftand es in direkter unmittelbarer Verbindung 
nach allen Meltgegenden hin; der Verkehr und Austaufch 
aller Gegenftände war leicht und durch nichts erichwert. 
Hier begann Rothſchild feine Laufbahn, und feine 
Vaterſtadt wurde der Mittelpunkt feiner Gefchäfte und 
Handelsunternehmungen. Seine Umficht und Vünktlich— 
feit, womit er alle von Ihm eingegangenen Verpflichtungen 
erfüllte, lenften die Aufmerkſamkeit veicher Kaufleute auf 
ihn, und mehr als einmal ward er als Zwifchenhändler 
von den Wechfelherren zu Frankfurt, Darınftadt und Ma inz 
gebraucht; er unterzog ſich allen ihm gewordenen Aufträ— 


Der Gründer des rothichild’fchen Handelshaufes. 67 


gen mit ebenjo großer Diskretion als Rechtlichkeit. Da- 
durch erweiterte jich fein guter Ruf, und bald war er im 
Stande, zum Beſitz eines eigenen Hauſes in der Juden— 
gaffe zu gelangen. In diefem Haufe erweiterte er auch 
jeine Unternehmungen; in Demjelben wurde er, lange 
Zeit hindurch nur ein Geſchäftsmann Dritter Klaſſe, ein 
veiher Mann, indem ihn ein urplößliches Greignig auf 
dem Gebiete der europäischen Politik, die erſte Staats— 
umwälzung in Frankreich, unverfehens mit einemmale 
zur erſten Klaſſe erhob. 

Mährend feine Söhne nach feinem Tode fich auf der 
Zeil, der ariftofvatifchen Straße Frankfurts, niedergelaffen, 
Barone und durch Ordensverleihbungen ausgezeichnet wurden, 
bat jeine Witwe die alte Behaufung in der Judengaffe 
nicht verlaffen; dort ruhte fie von den Mühen ihrer frit- 
beren Tage; aus Dem Haufe fah fie Die Leiche ihres 
Mannes binaustragen; Dort hat fie auch im letzten 
Stimdlein ihr Haupt niedergelegt. 

Die Mutter der Rothſchilde, die Hefuba der europäi— 
hen Kröfusfamilie — fchreibt ein Augenzeuge, als fie 
noch lebte — mag beinabe ein Jahrhundert alt jeim, iſt 
aber noch jo rüftig, daß fie fait allabendlich das Theater 
befuchen kann. Da fist fie denn, fleißig aufhorchend im der 
Profzeniumsloge mit einem Fächer in der Hand, um ber 
Lampenblendung zu wehren, auf dem Kopfe ein althebrät, 
ſches, mit Blumen beſetztes Blondenhäubchen, fein Haar 
jichtbar, angethan mit buntjeidenem Gewande, die koſtbar— 
ten Spiken um Hals und Bruft. Unter ihren Söhnen 

5* 


68 Drittes Bud. 


gleicht Amjchel ihr am meiften. Bon dieſem wie von 
ihren Töchtern wird fie über alles geehrt. Sie wohnt noch 
in der Judengaſſe, in denfelben Stuben, welche fie inne— 
hatte, als fie noch, anfänglich eine unbemittelte Krämers— 
frau, ihre Söhne zur Welt brachte. Dieje alten dumpfen 
Stuben, in der feuchteften und ungeſundeſten Straße Der 
Stadt, Hat fie ihr Leben lang nicht verlaffen wollen. 


„Hier babe ich meine Söhne — fagte fie — reich 
und mächtig werden feben, und ich will jest, indem ich 
mich in meinem Alter nicht überhebe, ihnen ihr Glück 
laſſen, das gewiß von ihnen weichen würde, wenn ich aus 
Stolz meine niedrige Hütte verließe.“ Bei der Enge der 
Straße kann bis zu ihrer Wohnung kein Wagen gelangen, 
ihres Sohnes Equipage fährt daher nur bis zum Eingang 
der Gaſſe, und die Matrone wird abends, wenn ſie aus 
dem Theater heimkehrt, aus derſelben nach Hauſe getragen 


Ueber den Stammpater und die Stammmutter der 
rothſchildiſchen Familie ift ung eine Reminiszenz Börne's 
durch Heine in ſeiner Schrift „über Börne“ aufbewahrt, 
der ihm bei einem Spaziergange durch die Judengaſſe dar— 
über folgendes mittheilte: 


„In dieſem kleinen Hauſe wohnt die alte Frau, die 
Lätizia, die ſoviele Finanzbonaparten geboren hat, die 
große Mutter aller Anleihen, die aber trotz der Weltherr— 
ſchaft ihrer königlichen Söhne noch immer ihr kleines 
Stammſchlößchen in der Judengaſſe nicht verlaſſen will, 
und heute wegen des großen Frendenfeſtes ihre Fenſter 


Der Gründer des rothichild’fhen Handelshaufes. 69 


mit weißen Vorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln 
die Laͤmpchen, die fie mit eigenen Händen anzündete, um 
jenen 18. Dftober der Juden, der, mehr als zwei Jahr- 
taufende alt, noch immer gefeiert wird, jtatt Daß Der leip- 
ziger 18. Dftober noch nicht das finfzehnte Jahr erreicht 
hat und bereits in Vergeſſenheit geratben tft, zu feiern, 
wo Judas Makkabäus und feine Brüder ebenſo tapfer 
und heldenmüthig das Vaterland befreiten, wie in unferen 
Tagen Friedrich Wilhelm, Mlerander und Franz Wenn 
die gute Frau dieſe Lämpchen betrachtet, treten ihr die 
Thränen in Die alten Augen, und fie erinnert fich mit 
wehmüthiger Wonne jener jüngeren Zeit, wo der felige 
Mayer Amjchel, ihr thenerer Oatte, Das Lampenfeit noch 
mitfeierte, und ihre Söhne noch Keine Bübchen waren 
und £leine Lichtchen auf den Boden pflanzten und in kindi— 
jeher Luft Darüber hin- und berfprangen, wie es Brauch 
und Sitte ift in Iſrael. Der alte Nothfchild, der Stamm- 
vater Der regierenden Dynaftie, war ein braver Mann, die 
Frömmigkeit und Gutherzigfeit ſelbſt. — Es war ein mild- 
thätiges Geficht mit einem ſpitzigen Bärtchen, auf dem 
Kopf ein dreiecig gehörnter Hut, und die Kleidung mehr 
als befcheiden, faft ärmlih. So ging er in Frankfurt herum, 
und beftändig umgab ihn wie ein Hofftant ein Haufen 
armer Leute, denen er Almoſen gab oder mit gutem Nath 
zufprach; wenn man auf der Straße eine Neihe von Bett: 
lern antraf mit getröfteten und vergnügten Mienen, fo 
wußte man, daß bier eben der alte Rothſchild feinen 
Durchzug gehalten.” — 


70 Drittes Bud. 


Drei Jahre vor der Geburt Mayer Amfchel Roth— 
fchtld’3 hatte der junge Preußenkönig den Thron beftiegen ; 
die erite Maffentbat des jugendlichen Helden war Schle- 
fiens Eroberung geweſen, wodurch er ‚des Haufes Bran- 
denburg Nechte auf mehrere jeblefiiche Fürſtenthümer gel- 
tend machte,‘ als die Katjerin Maria Thereſia das Ver— 
langen Friedrichs IL. nach den Herzogthümern Glogau und 
Sagan ablehnte. Dem fiegreihen König garantirte der 
Frieden zu Dresden am Schluffe des Jahre? 1745 Schle— 
fien. Drei Sabre Später endete der aachener Frieden den 
öſterreichiſchen Erbfolgekrieg; auch er ſprach Garantie für 
den neuen Landeserwerb Preußens aus, und nach lang— 
jährigem Kriege gab er den Völkern Europa's Ruhe. Die 
Künſte des Friedens erblübten, Verkehr und Gewerbe 
vegten fih aufs neue, und man bielt die Erneuerung 
friegerifcher Greuel auf viele Jahre entfernt. 

So wähnten die Völker; aber die Diplomatje und 
die Kabinette waren bereits wieder in geheimer, aber vaft- 
loſer Thätigfeit, den Damon des Krieges über Europa 
heraufzubeſchwören und die Radel der Kriegsfurie aufs neue 
zu entzünden. Zwei Fürſtinnen, die Kaiferinnen von Deiter- 
reich und Rußland, wähnten fich durch den König von 
Preußen perfünlich beleidigt und ſannen auf feine Demit- 
thigung und politifche Vernichtung. Ein geheimes Bind- 
niß ward zwijchen beiden gejchlojjen und der König von 
Sacjen und Polen mit Hineingezogen. Verrath entdeckte 
dem Preußenfönige den Bund, der den vereinigten Feinden 
zuvorfam, in Sachjen Fampfbewehrt einrücdte und, nur Eng- 


Der Gründer des rothſchild ſchen Handelshaufes. 71 


fand, Hannover und Braunfchweig als Bundesgenoffen zur 
Seite, den Kampf wider ganz Europa übernahm. 

Rothſchild Hatte das dreizehnte, Göthe das achte 
Lebensjahr erreicht, al3 dieſer Krieg des Preußenkönigs 
gegen Europa, der f.g fiebenjährige Krieg, ausbrach. Die 
Individualität des großen Königs ſetzte die Welt für oder 
wider ihn in Bewegung. Die jiidifche Bevölkerung gehürte 
zur erfteren Partei; denn die Angelegenheiten der Juden 
und ihre DVerhältniffe waren in Preußen minder fchroff 
und ftarı, obwohl jetes jüdische Brautpaar gehalten war, 
eine Quantität Fabrikatausſchuß aus der föniglichen Por- 
zellanmanufaktur gegen Zahlung gleichſam als Heirats- 
frener zu entnehmen. Die chriftliche Bevölkerung Deutich- 
lands war je nach Ueberzeugung, politifcher oder konfeſ— 
ſioneller Anficht oder aus Intereffe und fonftigen Grün— 
den in ihrer Barteinahme getheilt. Sp war es überall, 
jo in Frankfurt insbefondere. In der göthe'ſchen Familie 
waren Vater und Sohn mit der Fleineren Hälfte der übri— 
gen Angehörigen preußifch gefinnt, während der Groß— 
vater, der alte Schultheiß der freien Neichsftadt, Johann 
Molfgang Tertor, der zur Zeit der Amtsverwaltung dieſer 
höchſten veichaftädtifchen Würde über Kaifer Franz J. den 
Thronhimmel bei jeiner Krönung tragen geholfen hatt e 
mit den übrigen Familiengliedern fich zu Defterreich neigte, 
welche politifche Familiengliederung auch nach wie vor 
fortwährte, als am 2. Januar 1759 ein franzdfifches Trup- 
pencorps Frankfurt befebte. 

Unter wechjelnden Glücks- und Unglücksfällen wurd 


12 Drittes Buch. 


der Krieg fortgeführt und endlich im Schloffe zu Huberts- 
burg durch Sriedensfchluß geendet, ohne den mindeften Ge— 
winn für jene Mächte, die fich gegen Preußen gemeinfam 
verbindet hatten, während von dem Ländergebiete des Kö— 
nig3 fein Zolfbreit Iosgeriffen worden. Keine Grenze irgend- 
eines Staates ward erweitert oder zurücdgezugen: Europa 
blieb in feinen Gebietsverhältniffen ganz wie es gemefen. 
Preußen war gerettet; es hatte nur 200.000 Mann 
Truppen einer dreifach ftarfen Uebermacht entgegenftellen 
fünnen und war nicht unterlegen. Diefer Krieg gehört zu 
den außerordentlichften, die je den Deutfchen Boden ver— 
wüſteten, eins der denkwürdigſten Weltbegebniffe, reich an 
außerordentlichen Thaten und Szenen. Ganz Hinterpomz 
mern und ein großer Theil Brandenburgs glich einer 
Einöde — fagt ein Augenzeuge und Zeitgenoffe — andere 
Länder befanden fich in feinem befferen Zuftande ; es fehlte 
ſchier gänzlich an Männern; in vielen Provinzen gingen 
Meiber hinter dem Pflug, in anderen fehlten auch Diele. 
Man ſah große Streden fruchtbaren Landes, worauf die 
Spuren des früheren Aderbaues nicht mehr fiihtbar waren: 
die amerifanifchen Wüſteneien des Ohio und Dronofo 
zeigten jebt ihr rauhes Bild in den fultivirten Feldern 
Germaniens an der Oder und Weſer. 

Die Finanzen Defterreich3 und Frankreich waren zer 
rüttet, die Schabfammern troß aller Hilfsquellen, Auflagen, 
Steuern und Anleihen leer, die Bedürfniffe wuchjen immer 
dringender. Bei König Friedrich zeigte fich Feine Spur ' 
des Mangels, an Anleihen auswärtiger wie einheimifcher 


Der Gründer des rothfchild'fchen Handelshaufes. 73 


Kapitalien ward nicht gedacht und feine Untertbanen mit 
feiner neuen Auflage beſchwert. Indeſſen hatte Deutichland 
im Laufe des Krieges außerordentlich gelitten: Handel 
‚und Gewerbe ftocten troß der Geldſtröme aus Franfreich, 
England, Rußland und Schweden, die theils von den Armeen 
jelbft, theils durch die Subjidien nach Deutichland gebracht 
worden, und deren Geſammtſumme man auf 800 Millionen 
gefhäßt hat. Der Held aber, deſſen Untergang in den 
Augen aller Sterblichen unvermeidlich geſchienen, der jogar 
mitten unter jeinen Siegen felbit an feiner Nettung ver- 
zweifelte, machte Frieden, ohne auch nur ein Dorf zu ver- 
lieren, und — Preußen war gehoben; das Haus Hohen: 
zollern hatte jeine Stellung neben den Häufern Habsburg, 
Capet und Romanow errungen auf dem Kontinente Europa's. 

Bon weit größerer Bedeutung als der fiebenjährige 
Krieg und die ihm folgenden Kriegshändel in Europa war 
ein Begebniß fern vom europäischen Kontinente, im Welt- 
theile jenjett des Ozeans, deſſen Vorgänge und Erfolge 
von dem unberechenbariten Einfluß auf die politifchen, ſozia— 
len, fommerziellen und induftriellen Geftaltungen Der 
ganzen zivilifirten Welt wurden, insbejondere auch auf 
Rothſchild ihre Einwirkung übten. 

Sumitten der beiden großen Meere erſtreckt fich Der 
vierte Erdtheil, Amerika, rings von Waffer umgeben, von 
mächtigen Strömen durchfchnitten, die mit den zahlreichen 
Seen im Lande die bedeutendften Mittel und Wege zum 
Verkehr wie in feinem anderen Lande bieten, deſſen nach 
Norden hingeſtreckte Hälfte, der Zivilifation zugängig, dem 


74 Drittes Buch. 


ſtaunenden Guropa gegenwärtig als Beiſpiel und Vorbild 
mit Miefenfchritten in jeiner Entwicklung vorwärtseilender 
Kultur dafteht. Die Kraft eines halben Erdtheils, in einen 
Staat zufammengefaßt, Tegt ſich der alternden Diepfeitigen 
Melt ſelbſtbewußt gegeniiber. igenthümliche Formen der 
Gefellfehaft wie des Volks- und Staatenlebens machen 
ſich dort in ungebundener Zugendlichfeit geltend. Ein bis: 
her in der Weltgefehichte nie vorgefommener Reichthum an 
Bodenerzeugniſſen, getragen von einem faft abenteuerlichen 
Unternehmmumgsgetft in der Verwendung und Verwerthung 
der Naturſchätze haben dem jungen Reiche bereits eine 
Fülle von Kapital als Unterlage gegeben, gegen welche der 
tanfendjährige Fleiß des ehemaligen Mutterlandes zurück— 
treien mug — eine junge muthige Kraft in Tejlellofem 
Vorwärtsſtreben auf der Bahn großer Organifation, be— 
gabt mit tiefer nationalöfonomifcher Einficht, ohne klein— 
liche Kirchthurmintereſſen und prunkende Kathederweisheit, 
wie fie die alte Melt, hindernd und hemmend alle ©eftal- 
tungen, nur zu veichlich darbietet. 

Mas Erfindung und Handel, was Induſtrie und Ver— 
fehr, was Gewerbfleiß und Ausdauer, was Spekulation 
und Ihatkraft großes und großartiges zu erzeugen, was 
periönliche Freibeit unter dem Schirm und Schub politi- 
jher Freiheit und Verfaſſung zu ſchaffen, was vollite Gei— 
ſtes-, Glaubens- und Gewifjensfreibeit ind Leben zu rufen 
vermögen, das geftaltet fich hier. Die großen Entfernunz- 
gen verfehwinden vor dem gewaltigen Eiſenbahnnetz, wel- 
ches das ganze Land bedeckt: aus den fernften Anſiedlun— 


Der Gründer des rothichild fhen Handelshaufes 75 


gen und Farmen fommen bereits die Erzeugniſſe des Bo— 
dens auf den Markt bis nach Europa; die dichten Urwäl— 
der lichten fich, Die brachliegende Steppe verwandelt fich 
in urbaren Acker; wie beroorgerufen durch den Stab mäch- 
tiger Zauberer erhebt fich Stadt an Stadt, eine volfreicher 
wie die andere. — Wozu die alte Welt Sabrhbunderte 
bedurfte, das fördern in der neuen Welt Sabrzebende 
zu Tage; der Schatz jahrtaufendalter Errungenschaften 
und Erfahrungen der alten Welt ift das Fundament, wor- 
auf Dort der neue Bau aufgerichtet if. Groß durch 
Arbeit it Amerifa geworden, gejteigert durch die Frei— 
beit der Arbeit, fern von Einſchränkungen, Brivilegien 
und Monopolen, und fiegreich ſchlägt die praftifche Erfah— 
rung dort alle Theorien der Vorzeit und Gegenwart zu 
Boden. 

Hier wohnt das Geſchlecht — jagt treffend der junge 
amerifanifhbe Dichter H. Melsille — welches Feine Ver— 
gangenheit, feine Trümmer fennt! Neue Welt, Welt der 
Freude! Der Ozean umfpült fie, der Morgentbau benest 
ihre Stirn, alles it für fie — Friſche, Hoffnung, Zukunft! 
Und unfer deutscher Dichtermeijter Göthe charakfterifirt die 
neue Melt treffend in den wenigen Verſen: 

Amerifa, du halt es beſſer 
Als unfer Kontinent, der alte; 


Haft feine verfallenen Schiöjfer 
Und feine Bafalte. 


Dich Hört nit im Innern 
Zu lebendiger Zeit 
Unnüses Erinnern 

Und vergeblicher Streit. 


16 Drittes Buch. 


Zu jener Zeit, deren Zuftände uns hier zu fehildern 
obliegt, war jenes Land ſchier ein Urwald, eine gigan- 
tiſche Miefenfteppe, in der einzelne Kolonien vafengleich 
grünten und blühten. Cine dünn und fpärlich über Die 
enorme Ausdehnung des Landes ausgeftreute Bevölkerung 
war abhängig vom taufende von Meilen entfernten Mut— 
terlande England. Ohne Druck irgendeiner Despotie er— 
hoben fich die Kolonien wider dasfelbe, griffen nur ‚gegen 
die Theorie des Despotismus‘ zu den Waffen. 

Des Mutterlandes Parlament zu London hatte näm— 
lich ohne Theilnahme der Kolonien, welche durch Feine Ab— 
geordneten Darin vertreten waren, Die Erhebung einer 
Stempelftener und Auflagen auf einzelne Produkte beſchloſ— 
ſen: die Erbitterung gegen diefe parlamentarifchen Maps 
nahmen entfachte den großen Feuerbrand der Freiheit, und 
der Unabhängigfeitsfampf Nordamerifa’s gegen England 
begann im ©eburtsjahrhundert des Gründers des Haufes 
Nothfchtld, und ward, ungeahnt von der ganzen Welt, der 
Begim eines neuen wichtigen weltgefcbichtlihen Zeitab— 
fohnittes, einer nenen Weltordnung. 

Die neue Welt brach mit der alten Welt; ein neues 
Zeitalter nahm feinen Anfang, neu in Anfichten und Ideen, 
nen in Lebenskraft und Bedeutung. Don jenem ſchwach— 
bevölferten Urwaldslandftriche jenfeit des Weltmeered aus 
verbreiteten fich iiber den ganzen Erdkreis, wunderſam 
und wundergleich, wie von einer Wünſchelruthe hervorge— 
zaubert, in mafjenbafter Zahl Umgeftaltungen und Geſtal— 
tungen in allen Bezügen des Weltlebens, und auf dem 


Der Gründer des rothichild’fchen Handelshaufes. 77 


blutgedüngten Boden der Wahlſtätten und Schlachtfelder 
zwiſchen den Rieſenſtrömen Amerika's erwuchs die neue 
Welt mit ihrem neuen Leben. 

Bei ſeiner Entdeckung im letzten Drittel des fünfzehn— 
ten Jahrhunderts hatte das Land eine ſchwache Urbevöl— 
kerung; eine geringe Zahl von Männern angelſächſiſcher 
Abkunft, meiſt Landwirthe, Pflanzer und Handwerker, war 
mit Weib und Kind über den Ozean geſegelt, Freiheit und 
Wohlfahrt zu ſuchen, deren fie in dem alten Europa ent— 
behrte. Dieſen Europäern folgte das Sklavenſchiff und 
der ſchwarze Afrikaner. Das Glück der erfteren rief Ein— 
wanderer jeglicher Abftammung aus Mittel- und Weit- 
europa herbei. Die Bevölkerung nahm zu, und ihre Kraft 
und Energie eritarkteı. 

Da begannen die Reibungen sohn den Kolonien 
und dem Mutterland, die Konflikte zwifchen den fonft 
ruhigen Anfiedlern und den ihnen von England zugejandten 
Beamten, der Kampf des Volkes wider die Bureaufratie, 
flein und unſcheinbar, und jelbit der politifch gereifteite 
. Seherblid vermochte nicht, ſich ſelbſt nur zur Ahnung der 
jpäteren riefenhaften Folgen und Erfolge dieſes Kampfes 
zu erheben, die die ganze Welt fpäter Durchzucdten, und 
den ‚hiſtoriſchen Beltand‘ bis in feine tiefften Grundfeſten 
allüberall vulkaniſch erſchütterten. 

Eine beſchränkende Maßnahme der britiſchen Regie— 
rung gegenüber den amerikaniſchen Kolonien drängte die 
andere. Die Aufhebung des Freibriefes der Kolonien, die 
Verleihung des Rechtes der Ernennung und Abſetzung des 


18 Drittes Bud. 


Sheriffs an die ausführende Gewalt, die Verwandlung 
der Gejchwormengerichte in eine Schlinge für das Volk, 
indem die Ernennung der Geſchwornen dem Sheriff in 
die Hand gegeben ward, die Verlegung des Gerichtshofes 
jr Stapitalverbrechen des Magiſtrats- und Militärperfonals 
nach England, die Erlaſſung der Duebefbill, wodurch dem 
Bolfe die Habeas-Corpus-Akte genommen murde, welche 
Die perjönliche Freiheit des Einzelnen jchüßte, ſowie die 
Entfernung des Volks von jeder Theilnahme an irgendeinen 
Zweige der Berwaltung: das war die Skala der volks— 
feindlichen Negierungsafte, die ſich binnen kürzeſter Friſt 
nacheinander folgten und den blutigen Kampf wider jelche 
Unterjochung berbeiführten. Von Florida bis zu Kanada's 
Gisfeldert war der allgemeine Ruf fein anderer als der 
nach einem Bündniß wider Das gemwalttbätige Mutter- 
amd. -- 

Betrachten wir die MWeltlage zur Zeit des Begin— 
nes jenes Kampfes, jo war das Mutterland, England, 
im höchſten Grade in allen Klajfen forrumpirt, das Parlament 
jo fäuflic) geworden, dag mit vollem echte die Frage 
geftellt werden mußte, ob eine aljo gewählte, unter dieſem 
unmoralifchen Einflufje ſtehende SKorporation tauglich jet, 
auch nur innerhalb des Reichs legislative Gewalt auszu— 
üben? Die Freiheit Bolens war verſchwunden; fein Gebiet 
begannen die drei Großmächte Europa's zu  theilen. 
Die ariftofratiihen Privilegien Schwedens waren Durch 
Berrätherei und Ujurpation vernichtet; Die freien Reichs— 
jtädte Deutfchlandg, die in dieſem Reiche das Beifpiel der 


Der Gründer des rothichild'jchen Handelshaufes. 19 


Nepublifen bewahrt hatten, glichen eriterbenden Funken, 
deren einer nach dem anderen erlofeh. Venedig und Genua 
hatten durch ihren verfehwenderifchen Luxus den Geiſt der 
Unabhängigkeit erjtic, die Niederlande waren auf ver- 
derbliche Weiſe mit fich ſelbſt zerfallen. 

Diejer Verfall und Untergang der alten Formen der 
Freiheit ware das Symptom und der Borläufer einer neuen 
Schöpfung. Und als die Klotten und Armeen Englands 
auszogen, um die Willkür und Gewalt in Amerika feitzu- 
begriimpden, verſtummte rings auf Erden das Kriegsgetöſe: 
die, Könige und Fürften harrten in banger Erwartung, und 
die Nationen hefteten ihre Blide auf den beginnenden Kampf 
der Freiheit und der Gewalt. 

Die dreizehn Kolonien, welche den gewaltigen Kampf 
aufnahmen, waren ſchwache, an der Küſte eines Kontinents 
verftreute, miteinander nur wenig verbundene, faumt beachtete, 
der Welt fat unbekannte Niederlaſſungen in der Wildnis. 
Ein Volk ohne Verbindung, ohne Magazine und Arjenale, 
ohne Schab und Kredit kämpfte erfolgreich gegen Die ganze 
Kraft und den Reichthum Orofbritaniens. Kine Armee 
von friegsgeübten Soldaten ergab ſich aufftändifchen Land— 
leuten, MWafbington, der ‚Nebellengeneral‘, war der leitende 
eilt des Kampfes, Amerikaner von ©eburt. Meber und 
unter ihm befebligten todesmuthige Genoſſen; die Welt 
konnte nicht gleichgiltig dem blutigen Schaufpiele zufchauen : 
Die Altejte Ariftokratie Frankreichs, der jtolgefte Adel Polens, 
die muthigiten Herzen Deutſchlands jendeten ihre Vertreter, 
un als Vorkämpfer der Freiheit und Humanität mitzu— 


su Drittes Buch. 


fechten. Die Franzoſen Lafayette, Nochambeau, Lameth, 
Latour » Maubourg, der Pole Kosciusko, der Preuße 
Steuben und viele andere mit ihnen zugleich Fämpften in 
den Neihen der amerikaniſchen Freiheitskämpfer. 

So edle Kämpfer — jagt Löher — für die Freiheit fandte 
Deutichland nach dem neuen Lande; aber es war auch ge- 
zwungen, Söldnerheere zu fenden, welche die aufftrebende 
Sreiheit wiederum in den Staub werfen follten. In Amerika 
fampften Deutfche gegen Deutjche. Männer, welche aus Liebe 
zu ihrem neuen Vaterlande oder aus freier Wahl das 
Banner der Freiftaaten erhoben, ftanden im Felde gegen 
Landsleute, welche die Geldgier der Fürften an England 
verfauft hatte. Was fann die Schande abwaſchen, welche 
jene Menſchen, die fürftlichen Seelenverfäufer, auf den 
deutichen Namen gekracht haben! Das andere Völker, wie 
die Franzoſen unter Moncey, der 1791 zur Freiheit in 
Spanien aufrief, und 1822 die Kreiheit Dort wieder zer- 
trümmerte, fich zur Knechtung fremder Völker unter deren 
einheimijches Joch haben mißbrauchen laſſen, kann Die 
Deutſchen nicht entjchuldigen. Daß ein großer Theil der 
eingeborenen Amerifaner, die Torys, die ſchändlichſten Mord— 
thaten und Derräthereien gegen Die Freiheitsmänner be- 
gingen, wird vergeffen oder möglichſt verdedt. Aber für 
die Deutjchen erbt jener Fluch noch fort; der Name: 
„Delle!“ iſt noch heute ein Brandmark für den Deutſchen 
in Amerika; noch heute wirft der rohe Amerikaner die— 
ſes Wort dem ehrlichen Deutſchen mit Verachtung ins 
Geſicht. 


Der Gründer des rothichild’fchen Handelshaufes. si 


Deutfchland war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
ein großes Heerlager und eine Sammlung von Fürftenhöfen, 
Adelsgeſellſchaften, Stadträthen, Zünften und gelehrten Uni- 
verfitäten. Der Neichstag war ein Puppenſpiel, Das Reichs— 
fammergeriht eine Satyre auf Rechtspflege, die Reichs— 
armee ein Spottwort geworden. Das Volk im ganzen Reiche 
war gebunden und gebrochen, und hatte nirgend mehr etwas 
jelbitjtändiges und ſchönes als in feinem Samilienleben. 
Seine Kraft juchte ſich in dien Büchern oder im Dichten 
Kriegsgetümmel Luft zu machen Die deutfchen Kriegs— 
firechte waren Damals in allen Ländern Europas berühint und 
gefürchtet. Ihre Haufen hatten Die Schlachten in den fran— 
zöfifch-jpanifchen, deutſch-franzöſiſchen, polniſch-ſchwediſchen, 
preußiſch⸗öſterreichiſchen, öſterreich-türkiſchen Kriegen geſchla— 
gen, ſie hatten es gethan nach dem Willen der Fürſtenhöfe. 

Deutſche Rottenführer dienten in allen Heeren und 
waren die Meiſter der Kriegskunſt. Warum ſollte man 
nicht auch einige tauf end dieſer Kriegsknechte nach Amerifa brin= 
gen fünnen? Die Engländer hatten ja Geld, und die Flei- 
nen Fürften brauchten das Geld zu ihren Hoffeſten. Die 
Engländer bandelten mit ihnen und zeigten, wie viel blanfes 
Geld fie fir jedes Landeskind geben konnten. 

Der Landgraf von Heſſen-Kaſſel, Friedrich II. mit Na⸗ 
men, ſchlug freudig ein; er hatte ſeine koſtbaren Anlagen 
auf der Wilhelmshöhe im Kopfe u. ſ. w. Das Geld — dreißig 
Thaler für den Mann, und noch zwanzig Pfund Sterling mehr, 
wenn er nicht zurückkehrte — fam ihm wie gefchenft. Noch 
ein Paar deutjcher Fürften meinten ebenfalls, bei ſolchem 

Das Haus Rothſchild. I. 6 


s2 Drittes Buch. 


Handel könnten fie fich etwas zugutethun. Und nun ging 
die Menfchenfängerei 108. 

Die brauchbaren Landeskinder wurden zum Kriegspdienft 
herangezogen, und die Werber ftrichen Durch das Land. Es 
gab Soldaten in Menge, welche gleich den alten Lands— 
fnechten für gutes Traktement in den Krieg gingen. Auch 
viel fihlechtes Volk Tieß fich anmwerben. Bon der Bande des 
berüchtigten Räuberhauptmanns Hannifel, der damals gerade 
eingefangen war, follen an dreihundert Mann mit nach Ame— 
rika gegangen fein. Auch wo man fonjt einen von den wan— 
dernden Handwerksburſchen, Handlungsdienern oder Studen- 
ten erhafchen konnte, ftecte man ihn in die Soldatenjade 
und befürderte ihn mit dem übrigen auf die Schiffe. Seume, 
der deutſche Dichter und Touriſt, hatte diefes Schickfal und 
bat in feinen Schriften feine Erlebniſſe auf dieſer Reiſe 
erzählt. 

Zu folgenden Zahlen werden die Mannjchaften ange- 
geben, welche Deutjchland nach Amerika fchiefte und welche 
von Dort nicht wiederfamen. 

Der Landgraf von Heſſen ſchickte 16.992 Mann und 
verlor davon 6500; der Herzog von Braunſchweig 5723, 
wovon 3015 nicht zurückkehrten; der Graf von Hanau 2422, 
er verlor Davon 9815 der Markgraf von Anspad 1644, er 
verlor A615 der Fürſt von Walde jandte 1225 und ver- 
lor 7205 der Fürſt von Anhalt-Zerbit 1160 und hatte 176 
Mann Beruf. Im ganzen wurden alfo 29.166 Mann 
nach Amerika eingefchifft, von welchen 11.853 nicht wieder: 
fehrten. Während des Krieges wurden noch mehrere deutfche 





Der Gründer des rothichildfhen Handelshaufes, 83 


Regimenter nachgeſandt; die Kopfzahl derſelben iſt indeß 
zur Zeit nicht mehr zu ermitteln. Die pekuniären Bedin— 
gungen, unter welchen dieſe Subſidienverträge geſchloſſen 
wurden, waren äußerſt vortheilhaft; die Geheimartikel, 
welche denſelben beigefügt waren, ſind gar nicht bekannt 
geworden. 

Ein kentuckyſches Blatt in S. Louis veröffentlichte vor 
einigen Jahren ein Schreiben eines Grafen von Schaum— 
burg, Prinzen von Heſſen, an den Freiherrn von Hohen— 
dorf, Oberbefehlshaber der heſſiſchen Truppen in Amerika, 
vom 8. Februar 1777, aus Eugene Regnault's Denkwürdig— 
keiten entlehnt, von dem man zur Ehre der Menſchheit 
hoffen muß, daß es erdichtet iſt, oder daß der Prinz vor— 
ſichtigerweiſe von Gefallenen ſtatt von Gefangenen redet. 
Er eröffnet dem kommandirenden General en Chef des heſſi— 
ſchen Hilfskorps darin, wie er aus dem empfangenen 
Briefe mit unausfprechlihem DVergnügen den Muth der 
Truppen in dem Treffen bei Trenton erfehen habe, und — 
ſchreibt er — „Sie können fich meine Freude denken, als 
ich Jas, daß von 1950 Hefjen, die in dem Gefechte waren, 
nur 300 entflohen jeien. Da wären denn gerade 1650 geblieben 
auf der Wahlftatt, und ich kann nicht genug Ihrer Bor: 
fiht anempfehlen, eine genaue Lifte der ©ebliebenen an 
meine Bevollmächtigten in London zu fenden. Dieje Vor- 
fiht — fährt er fort — wird umſo nothwendiger ſein, 
al3 die dem englifchen Meinifter zugegangene Lifte nur 1455 
Öefallene nachweilt. Sp würde ich ja 160.050 Gulden 

6* 


84 Drittes Buch. 


verlieren. Nach der Rechnung des Lords der Schaßfammer 
erbielte ih nur 483.450 ftatt 643.500 ©ulden. Sie 
jehen wohl ein, daß ich in meiner Forderung durch einen 
Rechnungsiehler verkürzt werden foll, und Sie werden ſich 
deßhalb die äußerſte Mühe geben, zu beweifen, daß Shre 
Lite genau ift und Die andere nicht mit dem Grgebnifje 
jtimmt. Das britifche Kabinet wendet ein, daß, da 100 
Mann verwundet feien, fiir welche es nicht den ftipu- 
firten Preis für todte Leute zu bezahlen brauche, .... ? 
Erinnern Sie daran, daß von den 300 Lacedämoniern, 
welche den Paß bei Thermopylä vertheidigten, nicht Einer 
zurüdfam. Sch wäre glücklich, wenn ich dasjelbe von meinen 
braven Heſſen jagen könnte. Sagen Sie dem Major Min- 
dorff, dag ich außerordentlich unzufrieden bin mit feinem 
Benehmen, weil er die 300 Mann gerettet, welche vor 
Trenton die Tlucht nahmen. Während des ganzen Feld- 
zuges find nicht zehn von feinen Lenten geſallen“ u. f. w. 

Die Subfidiengelder für Die an Eng and zur Unter 
drückung Der Nevolution feiner nordamerifanifchen Kolonien 
erfauften 30.000 Mann deutjcher Truppen floßen in den 
Schab des Haus- und Familienvermögens von fieben deut— 
fchen Fürſtenhäuſern: Heſſen-Kaſſel, Hanau, Braunſchweig— 
Lüneburg und Braunſchweig-Wolfenbüttel, Anspach, Wal- 
deck und Anhalt-Zerbſt. Den größten Theil derſelben er— 
hielt für 17.000 Mann der Landgraf Friedrich IL von 
Helen, wie ſchon erwähnt, fait zweiundzwanzig Millionen 
Thaler. | 
Man bat diefe Subfidienveriräge deutſcher Fürſten, 


Der Gründer des rothſchild'ſchen Handelshaufes. 85 


mittelſt deren ſie ihre Truppen zum Kriegsgebrauch anderer 
Fürſten vermietheten, vielfältig zu beſchönigen und zu ver— 
theidigen geſucht, und behauptet, daß die Uebertragung 
ſpäterer Anſichten und Erkenntniſſe auf frühere Begeben— 
heiten leicht zu Mißgriffen verleite. Im vorliegenden Falle 
dürfe namentlich bei Beurtheilung desſelben nicht überſehen 
werden, daß nicht die Nationalbewaffnung deutſcher Völker 
und Stämme zu Kriegen fremder Fürſten verwendet worden 
ſind, ſondern daß es zum größeren Theile nur Soldaten 
geweſen, Söldlinge, die ſich ſelbſt hätten anwerben laſſen und um 
Sold vermiethet hätten und jeden Feldzug als eine Erlö— 
ſung von dem Dienſte der Garniſon betrachteten. Dieſe 
Behauptung iſt in Bezug auf Heſſen vermuthlich nur halb— 
wahr; denn wurde auch bier ein Theil der Mannſchaft für 
den britiichen Kriegspdienjt in Itordamerifa gegen Sold und 
Handgeld freiwillig angeworben, jo fand auch dabei eines 
Theils zugleich eine zwangsweife und gewaltfame Anwer— 
bung ftatt, indem man Leute jeden Standes mit Lift und 
Heberredung dazu anföderte, ja ſelbſt mittelit Anwendung 
thätlicher Gewalt zum Dienjt aufgriff, andern Theils aber 
der größere Theil des nach Amerika eingejchifften heſſiſchen 
Truppenkorps aus eingeborenen heſſiſchen ‚Unterthanen‘ 
beitand, indem in Helfen, dem preußiſchen Militäraushe— 
bungsweſen nachgebildet, die ſogenannte Kantonspflicht 
beitand, wornach jeder dem Bauern- und niederen Bürger: 
jtande Angehörige militärdienitpflichtig war und zum Kriegs— 
dDienft unweigerlich herangezogen wurde. 

Daß aber ſchon zu damaliger Zeit dieſe Truppenver— 


86 Drittes Buch. 


käufe edelherzige Gegner fanden, welche die Schmach des 
deutſchen Volkes laut tadelten, dafür ſprechen unter andern 
folgende Thatſachen. 

Lord Chatham, der Vater des ſpäteren Miniſters Pitt, 
schilderte im Sabre 1777 im PBarlamente in einer feiner 
vorzüglichiten Neden diefe Subfidienverträge, und nannte 
jte, „den Schacherhandel, den England mit jedem erbärm- 
lichen Füriten Deutſchlands treibe, um feine Untertbanen 
für die Kleifchbänfe eines fremden Landes zu faufen. Die 
Söldnerfebaaren — ſagte er im Verlaufe feines Vortra— 
ges zu den Miniftern gewendet — von denen Ihr Hilfe 
erwartet, werden Guch auf ewig verhaßtmachen bei Fein— 
den, deren Land Ihr mit den ſchmutzigen Söhnen von Raub 
und PBlünderung überziebt, und deren Hab und Gut Ihr 
der wilden Gier bezahlter Graufamfeit preisgebt! Wäre 
ich Amerikaner, wie ich Engländer bin, fo würde ich nie- 
mals meine Waffen ſtrecken, jolange ein fremder Soldat den 
geheiligten Boden meines Vaterlandes beträte — niemals, 
niemals, niemals!“ 

Mirabeau veröffentlichte zu derſelben Zeit eine. Flug— 
schrift durch den Druck mit dem Titel: „Rath an die Heſſen 
und die übrigen, von ihren Fürften an England verkauften 
deutſchen Völkerſchaften.“ Entrüſtet über dieſen „patriar- 
chaliſchen Schacher” ruft er darin aus: — 

„Unerſchrockene Deutſche! welches Brandmark laßt Ihr 
Euern edeln Stirnen aufdrücken! Wie? jene tapferen Deut— 
ſchen, die ihre Freiheit mit ſolchem Muthe gegen die Ueber— 
winder der Welt vertheidigten und den römiſchen Heeren 


Der Gründer des rothichildfchen Handelshaufes. 87 


Trotz boten, werden nun verächtlichen Negern gleich ver— 
kauft und vergießen ihr Blut für die Sache der Tyrannen! 
Sie dulden, daß man bei ihnen Menſchenhandel treibt!“ 
Als das erſte heſſiſche, für den Krieg gegen die ame— 
rikaniſchen Kolonieen beſtimmte Truppenkorps auf der Weſer 
eingeſchifft wurde, ließ Friedrich der Große Mann für Mann 
bei Minden verſteuern; er erhob von ihnen den üblichen 
Viehzoll. Als man den Landgrafen einmal ſeinen Schü— 
fer nannte, ſagte er: „Wäre er aus meiner Schule ber- 
vorgegangen, jo würde er den Engländern jeine Unter— 
thanen nicht verfauft haben, wie man Vieh verfauft, um 
e3 zur Schlachtbanf zu jchleppen.” Und in jeinem Werke: 
Antimacchiavell jchrieb Friedrich: „ES gibt Fürſten, welche 
einen ehrlofen Handel mit dem Blute ihrer Völker treiben ; 
ihre Truppen gehören den Meiftbietenden; es iſt eine 
Art Auktion, wo Diejenigen, welche die größten Sub— 
fidien zahlen, die Soldaten diejer unwürdigen Fürften zur 
Schlachtbank führen. Solche Fürften follten erröthen über 
die Schändlichkeit, mit welcher fie das Leben der Menfchen 
verkaufen, die fie als Väter ihrer Völker beſchützen fellten.“ 
"Der Judenhaß, nah Börne „einer der pontinifchen 
Simpfe, welche die Luft der Freiheit vergiften,” und jene 
vielfach unter Fürſten abgeſchloſſenen Subjidienverträge, 
ſowie die daraus reſultirenden enormen Summen an Sub— 
ſidiengeldern waren, wie bereits bemerkt, die mittelbaren 
Urſachen der ſpäteren Größe und Macht des Hauſes Roth— 
ſchild; jener, weil er die Juden von Amt und Gewerbe 
zurückwies, indem man ſie der chriſtlichen Bevölkerung in 


88 Drittes Buch. 


politiſcher wie gewerblicher Hinſicht nicht gleichſtellte, und 
ſie daher behufs Erringung von Subſiſtenzmitteln dem 
Handel überantwortet waren, der ſich ihnen als einzige 
Erwerbsquelle öffnete; dieſe, weil ſie den Landgrafen von 
Heſſen in Beſitz eines unermeßlichen Vermögens in einer 
kurzen Reihe von Jahren ſetzten, welches, durch die politi— 
ſchen Verhältniſſe und Geſtaltungen gefährdet, von jenem 
Fürſten dem M. A. Rothſchild zur Sicherung übergeben 
wurde. 
Wodurch dieſe politiſchen Verhältniſſe mittelbar her— 
beigeführt wurden, wollen wir im nächſten Abſchnitte zu 
erklären verſuchen. 


Viertes Bud). 


Anfänge des Hauſes Rothſchild. 





Finanzielle Zuftände, Sperationen und Maßnahmen 

Frankreichs im achtzehnten Gahrhundert. — Mayer Am— 

fchel Rothichild und der Landgraf Wilhelm EX. von 
Heſſen Kaſſel. Bezüge Beider zu einander. 


Der Zuftand des franzöfifchen Finanzweſens, der den 
legten Jmpul3 zum Ausbruche der Staatsumwälzung gab, 
war in jeder Hinficht wahrhaft fchreefenerregend und bei— 
ſpiellos; er war gleichjam das Endprodukt ſeit einem Jahr— 
hundert fortwährend vorgenommener wunrichtiger, nothge— 
drungener und gefährlicher Kinanzoperationen und verfehrter 
Finanzmaßnahmen bis zum Ende des fiebzehnten Jahr— 
hunderts, und jteigerte fih von Jahr zu Jahr mehr in 
einem Grade, der alle Berfuche und Manipulationen zur 
Hebung der Finanzen al3 durchaus wirkungslos erjchei: 
nen ließ. 

Bereit3 im Sabre 1715 befand fih der Staatsihab 
Frankreichs, als nach Ludwig’ XIV. Tode der Herzog von 
Orleans als Bormund des minderjährigen Ludwig XV. die 
Zügeldes Regiments ergriff, in voller Anarchie. Bauern und 
Bürgerſtand waren von dem Uebermaße der Steuern erdrüdt, 


93 Viertes Buch. 


die Staatseffeften entwerthet, und der König mußte felbit, 
als er am Ende feiner Tage acht Millionen bedurfte, fie 
durch eine Verfehreibung über zweiunddreißig Millionen Fau- 
fen, alſo 400 Prozent zahlen: die Staatsfihuld blieb auf 
der Höhe von 2062,138.000 Franfs. 

Da erhielt im Sabre 17146 der Schotte Law die 
Erlaubniß, in Paris eine Privatbank mit einem Kapital 
von ſechs Millionen in 12.000 Aktien, jede zu 500 Franfs, 
zu gründen, wovon ein Viertel bar und drei Viertel in 
Staatspapieren zum vollen Nominalwerth eingezahlt werden 
fonnten. Die Befugnig diefer Bank ging anfänglich nicht 
weiter, als Wechſel gegen Brovifion von fünf Sous für 
5000 Franks zu Ddisfontiren, der Handelswelt laufende 
Rechnung in ihren Büchern zu eröffnen und eine bejchränfte 
Zahl Noten auszugeben. Später ward die Annahme der 
Banknoten in allen Kaſſen bei Steuerzahlungen verordnet. 
Das Vertrauen flieg, Law ward als Frankreichs Netter 
angejehen, und jeine Privatanftalt mittelft Ordonnanz vom 
4. Dezember 1718 zu einer Eöniglihen ummandelt: 110 
Millionen wurden in Banknoten ausgegeben. Ä 

Im folgenden Jahre Itanden die Aktien ſchon auf 
1000; fie wurden auf, 160 Millionen erhöht, wogegen 
die Bank dem Könige 1200 Millionen gegen 3 Prozent dar— 
leihen ſollte. Behufs Auftreibung diefer Eolofjalen Summe 
ward eine Aftienemifjion von 300.000 Stüd zu 500 Franke 
beſchloſſen. Der Zudrang dazu glich einem fürmlichen 
Sturme: alle Klaſſen der Bevölkerung wollten fpekuliven ; 
ein toller Schwindel ergriff das ganze Reich. 


Anfänge des Haufes Rothſchild. 95 


Da die Staatsjchulden mit diefen Aktien abbezahlt 
wurden, fo blieben ſie das einzige Kreditpapier; man 308 
fie mehr und mehr dem gemünzten Golde vor, und eritand 
fie fogar mit einem Aufgeld von 10 Brozent, wodurch fich 
Law's Kaffen mit Gold und Silber füllten. Die Aktie vom 
Nominalwerth zu 500 erhielt der erſte Unterzeichner zum Kurs 
von 5000, fie ftieg bi zu 20.000. Jedermann gewann jelbit 
mit geringen Mitteln viel: alles jubeite, Law ftand im Zenith 
feiner Triumphe und ward 1720 Generalkontroleur Der 
Finanzen; 600.000 Aktien wareı gezeichnet zu einem Nenn— 
werthe von 1677,500.000 Frans ; das Börſenſpiel hatte 
fie zu einem Kurswerth von neun Milliarden erhoben, und 
Lam ließ fich noch zu einer Vermehrung der Banknoten 
auf die Summe von 2696,400.000 Franks verleiten. 

Als das Misverhältnig zwilchen Bapier und Geld fo 
ungeheuer geiteigert war, blieb das Erwachen aus dem Rauſch 
nicht Jange aus: es war ein fürchterliches, und als Die 
eriten Zeichen der Neaftion 1720 fich äußerten, und ein— 
zehte, an der Allmacht des Papiers zweifelt, dasſelbe 
gegen bares Geld und Waaren zu realifiven begannen, 
verbot die Negierung das Geld geradezu im Handel: jeder 
jollte zum Tauſche feines Geldes gegen Papier gezwungen 
werben; zulest ward unterfagt, mehr als 500 Franks Geld im 
Haufe aufzubewahren — zur Erleichterung des Geldum- 
laufs. Das Finanzmandver, ſich der Staatsjchuld Durch 
fünftliche Meberfteigerung ihres Kurfes zu entledigen und 
mit Papier zurücdzuzahlen, ward durchſchaut, man realifirte 


49 Viertes Buch. 


troß aller Berbote, und die Aktien fielen vom Jänner bis 
April 1720 von 20.000 auf 9000. 

Trotz Law's Widerfpruch febte der Negent durch Ordon— 
nanz vom 21. Mai 1720 den Nominalwerh der Banknoten 
auf Die Hälfte, und die Aftie von 9000 Franfs auf 
5000 herab, in der Hoffnung, das geftörte Gleichgewicht 
wieder herzuitellen. Aber dieſer Stoß verjeßte dem ganzen 
finanziellen Luftgebäude den Todesſtoß; die Mehrzahl war 
um das Shrige betrogen; nur mit Mühe ward einem Auf— 
ruhr vorgebeugt. Eine Unterfuchung der Sachlage ergab als 
Endrejultat, daß 2000 Millionen der Forderungen an die 
Bank geftrichen wurden, ohne daß ſich darum auf Koften 
des Unglücks der Einzelnen die öffentliche Schuld anſehnlich 
vermindert hätte. Der ganze Vermögensſtand des Landes 
fand fich verändert; nur einige wenige, die ihre Aktien noch 
rechtzeitig mit Eoloffalem Gewinn verkauft hatten, waren 
plößlich reichgeworden. Law flüchtete aus Franfreich und 
jtarb in Armuth zu Venedig: das law'ſche Bankſyſtem war 
ein bedeutende Glied der Kette von Ereigniffen, woraus 
die Nevolution entfprang. | 

Unter dem Finanzminiſter F leury (1726—43) ftieg 
die Staatseinnahme; unter feinen Nachfolgern betrug fie 
im Sabre 1758 die Summe von 230 Millionen; 1759 
war fie bereit auf 286, und 1763 auf 309 Millionen 
geftiegen, als der Friede zu Paris gefchloffen ward. Unter 
Ludwig XV. ftieg das despotifche Negiment mit feinen Haft- 
befehlen und Mätreffeneinflüffen. Der Bompadour folgte Die 
Dubarry im ſcheußlichſten Serailleben und in nichtswürdigfter 








Anfänge des Haufes Rothichild. 95 


Vergeudung; die legtere Mätreſſe Eoftete in fünf Jahren — 
180 Millionen Franks, und der Staat hatte beim Tode 
des Königs eine Schuldenlaft von 4000 Millionen. Kein 
Finanzkünftler vermochte zu helfen; wer fonnte helfen? — 
Ein verdorbenes Subjekt jollte helfen. 

Im Sabre 1769 ernannte Ludwig XV. den Abbe 
Terray zum Finanzminijter, der durch feine Finanzmaß— 
nahmen den Fluch von ganz Frankreich auf fich lud. Sein 
Vorgänger, der Oeneralfontroleur de Laverdy, übergab ihm das 
Bortefeuille mit einem jährlichen Defizit von jechsundfünfzig 
Millionen, welches zu deden er mit den weitgreifenditen 
Finanzediften jeine Amtslaufbahn begann. Man kann die 
Geſchichte diefes Minifters in die wenigen Worte zujam- 
menfajlen: er ſtahl Geld im Namen des Königs. Rentenre— 
duftionen, Zinſenherabſetzungen, Suspenfionen von Zahlun— 
gen, Entwerthbungen von Papiergeld jeder Art bildeten Die 
ununterbrochene Kette feiner Amtshandlungen, und wäh— 
vend er überall reduzirte, jteigerte er jein Einkommen bis 
zu 1,200.000 Franks. Noch bei feinen Lebzeiten er— 
ſchienen aus der Feder des parifer Adoofaten Coquereau 
„die Memoiren des Abbe Terray“ (London 1776), ein voll- 
jtändiges Regiſter jeiner finanziellen Schandtbaten und 
Itederträchtigfeiten, wodurch er fein Finanzſyſtem realifirte, 
welches in nichts anderem bejtand, als dem Monarchen 
durch Berhaffung von Geld in Ueberfluß aus den Staats- 
einnahmen die Mittel in die Hand zu geben, die Mätreſſen— 
wirthſchaft fortfesen zu Eönnen. Beim Tode des Negen- 
ten im Jahre 1774 boffte er, auch bei feinem Nachfolger 


96 Viertes Bud. 


auf dem Thron in Amt und Anfehn zu bleiben, indem er 
ihm alfobald einen Etat über das Reichsfinanzweſen und 
jeine Zuftände überreichte, Die er Durch Beifügung einer 
ungeheneren Zahl Empfangsquittungen von Der Hand des 
Königs, dem er die Summe von 180 Millionen zugewendet 
hatte, Ddarzuthun ‚glaubte, indem Ddiejelben eine Summe 
von ſechsunddreißig - Millionen nachwiefen, ohne den Zwed 
der Verwendung zu enthalten. Vergeblich — er wurde 
entlaffen. Sein letztes Staatsbudget, furz vor dem Tode 
des Königs entworfen, wies eine Vermehrung der Ein- 
nahme um fünfundoierzig Millionen gegen das vorjährige 
nach ; fo hoc hatte Terray Dasjelbe durch feine Neduftionen 
und neue Auflagen in die Höhe gejchraubt. Die Mä— 
treffe des Königs, die Dubarıy, zu feiner Mäzenatin zu 
machen, verdoppelte er ihre Monatspenfion von 30.000 
Franks, indem er dieſe Vermehrung dem Monarchen als 
ein Erſparniß vorftellte, „weil alsdann die unbeſtimm— 
ten petites me&moires und mandats particuliers für fie 
. wegfallen würden,“ während diejelben, als der König den 
Antrag genehmigt hatte, nach wie vor ihren Fortgang hatten 
und ſich in dem Maße obenein mehrten, ald die Macht 
und der Einfluß der Mätreſſe wuchjen. Beim Antritte 
feines Amtes batte er den Ausspruch gethan: Frankreich 
fei aus feiner Krife nur durch einen Aderlaß zu retten: die— 
fer Anficht blieb er treu bis zu feiner Entlaffung aus dem 
Amte, das er darnach verwaltete zum Verderben des gan— 
zen Landes, deffen Kredit er ‚beerdigte‘ nach Dem 
Wortſpiel: Abbe Terray a enterre le credit und 


Anfange des Haufes Rothichild. 97 


zum Unglück zahllofer Familien, die er an den Betteljtab 
bracte. Als er im Jahre 1770 die Zahlung der Billets 
des fermes generales unies, wovon vierzig Millionen im Um- 
lauf waren, die Reſkriptions und Affignations ſuspendirte, 
fanfen diefe Papiere um fünfunddreifig Prozent, infolge 
dejjen eine Menge Selbitmorde und Banferotte jiattfanden, 
eritere zur Zahl von 200, die beiden Magiftraten angegeben 
worden, leßtere 2350 an der Zahl. Auch Voltaire war 
beim Erlaß des Suspenfionsdefrets im Beſitze von 300,000 
Liores an Keffriptionsfcheinen und perfiffliste den Finanz- 
minifter in folgenden Verſen: 

Des que M. Abbe Terray 

A scu ma Capucinerie, 

De mes biens il ma delivre. 

Que servent-ils dans l’autre vie? 

J’aime fort cet arrangement, 

Il est leste et plein de prudence. 

Plüt a Dieu, qu’on en fit autant 

A tousles moins de la France! 

Diefe Verſe erhalten dadurch ihr Verſtändniß, Daß 
fie an einen Herrn Saurin gerichtet find, der zum Ver— 
walter der weltlichen Güter der Kapuziner im Lande Gez 
ernannt worden, wodurch er zugleich auf ein anderes finan— 
zielles Berechnungsmittel — Einziehung der Kloſtergüter — 
aufmerkſam machte. 

Ein Arret vom 41. Jänner 1768 batte alle Benfionen 
und Oratififationen mit einer Abgabe belegt, und um die 
Herren am Hofe nicht zu erzürnen, welche dieje Finanzmaß- 
regel gleichfalls traf, wurden ihre Einnahmen auf Terray's 

Das Haus Rothſchild 1. 7 


98 Viertes Buch. 


Antrag durch den König erhöht. So bezog der Herzog von 
Duras 20.000 Franfs, er behielt nach Abzug der neuen 
Auflage von 6000 nur noch 14.000 Franks, erbielt aber 
30.000, fo daß er troß feiner Auflage jebt 21.000 Franks 
Netto-Einnahme erhielt. Despotifch veränderte er die Ton— 
tinen in lebenslängliche Nenten, die noch dazu einen Zehn— 
ten zahlen mußten, und machte dadurch einige Hunderttau— 
jende unglüdlid. Die Renten der Stadt Bari! betrugen 
jährlich 70 Millionen; gleich einem Heiligthume hatte fich 
daran noch feiner feiner Amtsporgänger vergriffen; er aber 
feßte 1770 dieſe Fonds auf die Hälfte herab. Die Grä— 
fin Dubarıy, die fünigliche Mätreffe, plünderte Die Taſchen 
des Königs; um fie wieder zu füllen, plünderte der Finanz— 
minijter Terray die Taſchen Des Volkes, und damit ihm 
niemand das Mecht dazu ftreitig mache, vernichtete Der 
Premierminifter Maupeou im Sabre 1771 die letzte Schranfe 
der Willkür, das Parlament. 

Wie in finanzieller Hinficht, fo war jeglicher Willkür 
in allen Richtungen des Staats- und öffentlichen Lebens 
Thor und Thür geöffnet: die graufenhafteften Zuftände 
traten überall raſch und ungehindert nach einander ins 
Leben, die das Volk erdrücdten und die Volkswohlfahrt an 
den Rand des Abgrundes brachten. 

Seit dem Tode Ludwigs XIV., dejfen Lojung: „Der 
Staat bin ich,“ war, und feines Nachfolgers Ludwigs XV. 
öffnete fich der Abgrund der Finanzen in Frankreich immer 
drohender. Ein Regiment der Lüfte, ein befudelter Thron, 
der Schab erfchöpft, das Kapital des Waffenruhms und 


Anfänge des Haufes Rothichild. 99 


des Staatsbudget3 durch Teichtjinnige Kriege vergeudet, Die 
Regierung in dringendfter Noth die Staat3bedürfniffe zu 
deden, ein Staatsdeftzit von mehr als vierzig Millionen 
aus dem lebten Negierungsjahre jeines Vaters, und acht- 
undfiebzig Millionen antizipirter Ausgaben, das Volk über- 
antwortet den Launen und Leidenfchaften des Kanzler Mau— 
peou und des Finanzminiſters Terray, der Staat am 
äußerſten Nande des Banferotts, jeder Staatsverwaltungg- 
zweig in tiefften Schulden: — das war die unfelige, un— 
glückſchwangere Erbſchaft, die auf Ludwig XVI. überging, 
als eram 10. Mai 1774 den Thron feiner Väter beftieg. 
Dagegen erhob fich die öffentliche Meinung; in entſchiedener 
Dppofition ſtand fie gegenüber dem Hofdespotismus, der 
Barbarei der Kabinetsjuftiz, dem Unfug Der Haftbefehle, 
der zügellos ausjchweifenden Motte der Höflinge, abergläu- 
biſcher Bigotterie, dem Aemterkaufe, der Derlekung Des 
Briefgeheimnifjes und ähnlicher Bedrüdungen. Und das 
Volk freute fich des Todes Ludwig's XV. und der Regie- 
rung des Heild und der Segnungen unter feinem Nach- 
folger, der, kaum zwanzigjährig, ehrbar in Sitte, wohlwollend 
und Iandespäterlichen Herzens, befonnen und urtheilsfähig, 
in diefen Gigenfchaften eine reiche Mitgift zum Throne 
brachte. 

Unter dem nenernannten Bremierminifter, Grafen Maus: 
repa3, ward an Terray’s Stelle Turgot Finanzminifter. 
Auf des Königs Frage: ob es wahr fei, daß Turgot nie 
in die Mefje gehe, erwiederte Maurepas: Sire, ich weiß 
nur, daß Abbe Terray täglich bineinging. 

7* 


100 Viertes Buch. 


„Kein Staatsbanferott, weder zugeftanden, noch ver— 
deckt, feine neuen Steuern, feine Anleihen, nur Verbeſſerung und 
‚Hebung der Zuftände durch Wirthichaftlichkeit des Staatsd- 
haushaltes, billige Steuerumlage und Förderung des Ge— 
werbfleißes, und bei der Ausführung der Maßregeln keine 
Halbheit und Schwäche!“ — das waren Turgot’3 ehren- 
hafte Anfichten von Staatswirthſchaft. Nach ihnen begann 
er die Führung feines ſchweren Amtes. Aber die Kabale 
der früher Bevorrechteten, die von dem bisherigen Finanz— 
ſyſtem amd Steuerverwaltung lebten und fich maßlos be— 
teicherten, erhob jich wider ihn; diefe Hof» und Höflings— 
partei wollte von Nadifalmitteln nicht3 wiſſen; nur „mä— 
lige Reform“ war ihr Wiegenlied ; bald feierte fie nach 
allen Seiten Triumphe und — Turgot dankte am 12. 
Mai 1776 ab. 

Clugny und Tabonreau folgten auf furze Zeit 
als Finanzminifter, gewöhnliche Handlanger in der Finanz- 
funft. Der König machte der öffentlichen Meinung eine 
Konzejjion und ernannte ſchon im Juni 1776 Necker 
zum Schaßdireftor, und im Dftober desjelben Jahres zum 
Finangminifter unter dem Titel: Generaldirektor der Fi— 
nangen. Seine Finanzverwaltung dauerte bis zum 20. Mai 
1781. ©ewiegter Kauf- und Gejchäftsmann hielt er in 
der höheren Finanzverwaltung im ganzen Turgor’s Wege 
ein; uneigenmüßig, Geift mit Sittenveinheit in feinem Fa— 
miltenleben und gefellfehaftlichem Kreife vereinend, gefchickt 
in Behandlung des Geldweſens auf feinen verjehlungenen 
Wegen, gerecht gegen jedermann, glüdlih in Benutzung 


Anfänge des Haufes Rothſchild. 108 


aller Konjunkturen, war Sparfamfeit fein Syſtem; er fihlug 
Gehalt und DBortheile feines Amtes aus, und half fic, 
wo es die Noth forderte, Durch Anleihen ; feine neue Steuer 
führte er ein. Die Staatsihuld war um ungefähr 300 
Millionen gewachſen; er verzinste fie regelmäßig; indes 
machten die Kriegsanforderungen neue Stüßen des SKredits 
erforderlich. Der König erlaubte die DBersffentlichung des 
Finanzberichtes Neder’s, der in idealer Darjtellung einen 
Meberfchug von zehn Millionen in Ausficht Itellte, worin er 
das Defizit von fünfunddreißig Millionen verwandelt haben 
wollte, während das Jahr 1781 ein Staatsdefizit von 
218 Millionen darthat, zu dejfen und der Kriegsbedürfniſſe 
Deckung eine neue Anleihe von 426 Millionen fich ernöthigte. 
Und fiehe — Neder folgte feinem Vorgänger Turgot: er 
ward geftürzt, als er auf dem Gipfel feiner Größe Itand. 
Der blaue Umſchlag jeines Rinanzberichtes verlieh ihm den 
Spottnamen: „Blaues Märchen.“ Eine Flut von Pamphlets 
ſtrömte gegen ihn los. Necker beantragte feinen ibm bis- 
der soorentbaltenen Eintritt in das Kabinet mit Sib und 
Stimme al3 Finanzminifter beim Könige, dem er darauf 
jeine Entlaffung einreichte, die ihm gegeben ward. Dadurch 
ward Maurepas des ihm durch feinen Einfluß ſtets gefähr- 
licher werdenden „Protejtanten, Fremden und Nepublifanerg“ 
los. 

Seiner Nachfolger Joly de Fleury's und d'Or— 
meſſon's Finanzverwaltung währte nur zuſammen vom 
Mai 1781 bis November 1783. Calonne ward nach 
ihnen an die Spitze des Finanzminiſteriums berufen; „ein 


102 Piertes Bud. 


Schuldenmaher im eigenen Hauswefen, verſprach er dem 
Könige fichere Abhilfe,” ſtürzte aber alles in noch ärgere 
Berwirrung. Sein Vorgänger hatte den Brüdern des Kö— 
nigs die Berichtigung ihrer Schulden abgefchlagen. Gas 
lonne ließ ganz andere Glöcklein Flingen und — die Prinzen 
waren entzüicft von ihm. Und wirklich wies er für Mon— 
ſieur faft vierzehn, für den Grafen Artois faft fünfzehn 
Millionen an, bezahlte für den König das Schloß Ram— 
bouillet, für die Königin ©. Cloud, zufammen mit mehr 
als zehn Millionen, und jährlih an ©efchenfen und Pen— 
ſionen achtundzwanzig Millionen, wie fich dieſes alles aus 
dem im Sabre 1790 durch den Druck veröffentlichten „rothen 
Buch“ ergab, worin neben den Ausgaben des Staatsbudget- 
Ausgabe-Etat3 vom 19. Mat 1774 bis 16. Auguft 1789 
noch die ungehenere Summe von 227,985.000 Liores ver- 
zeichnet jteht auf Grund von „Zahlungsordonnanzen des 
Königs.” 

Diefe Vergeudung gehörte, während Calonne auf dem 
Finanzminiiterftuhl ſaß, jelbitredend zu den Geheimniſſen 
des Hofes, und trotz aller zweckmäßigen Schaffuingen und 
Öffentlichen Anlagen ſchien das Geld zu außerordentlichen 
Ausgaben nicht zu mangelı: Man träumte im Publikum 
von ergiebigen Hilfsquellen des Finanzmeifters, die Staats- 
papiere ftiegen, obwohl Männer vom Fach den Kopf fehütz 
telten über die Anleihen von zufammen 426 Millionen. 
Man lebte in der Oftentation des Heberfluffes vor dem 
Staatsbanferott, und Calonne ftellte dem König die Alterna- 
tive, den Banferott zu erklären oder die Notabeln zu beru- 


Anfänge des Haufes Rothichild. 105 


fen; denn das Jahr 1787 ſchloß miteinem Defizit von 140 
Millionen. 

Alfo waren König, Staat und Finanzen wieder auf 
dem Bunfte angekommen, wo fie zu Turgot's Zeit geftanden. 
Indeß traten die Notabeln zufammen. Calonne, ſtets reich 
an Ausfunftsmitteln, hatte ein Mittel erdacht, wodurch er — 
und zwar durch die Minorität der Mitglieder die — Ma: 
jorität zu beberrichen wähnte, und trat alio gerüftet in die 
Schranken. Er ſuchte in dialektiſcher Nede den Geiſt feiner 
Verwaltung zu rechtfertigen: das alte Defizit ſeit Jahrhun— 
derten habe ſich müſſen vermehren, feine Höhe ließ er unausge— 
Iprochen, gab es aber in einem Ausſchuſſe zu 115 Millionen 
an. Man jeste ihm zu, in feiner Bedrängniß erfolgte die 
föniglihe Erklärung: die Aufgabe der Notabeln ſei nur 
über die Korm, nicht über den Grund der Steuern zu be— 
vathen. Alles vergeblich — Calonne's Stunde hatte ges 
ſchlagen: er ward entlajjen, und als ihm eine Verſchleude— 
rung von 12 Millionen ohne Autorifation bei Borfenope- 
rationen nachgewiejen worden, nach Lothringen verwiejen ; 
einer peinlichen Anklage entzog ihn jeine Slucht über den 
Kanal. 

Brienne, Erzbifchof von Toulouſe, folgte ihm als Chef 
der Finanzkommiſſion. Gin Anleihen von 420 Millionen 
jollte die Finanzmijere enden; aber das Parlament widers 
ſprach; die begonnenen Einzeichnungen batten feinen Forte 
gang; die Derlegenheit der Schabfammer wuchs; der Fi— 
nanzminiiter ward entlaffen und aufs neue leder bes 
rufen, Der aus jeinem eigenen Vermögen einige Millionen 


10A } Viertes Buch. 


berlieh, denen während der nächften act Monate feine 
Amtsverwaltung eine Anleihe von ſechszig Millionen der 
Disfontofaffe binzufam. Durch ihn vermocht, erließ Der 
König den Befehl zum Zulammentritt der Reichsverſamm— 
lung und eine Wahlordnung durch Edikt vom 24. Jänner 
1789, die Neichsverfammlung wurde auf den 28. April 
nach DBerfailles berufen. Der Wahlkampf begann, mit ihm 
zugleich ein furchtbarer publiziſtiſcher Federſtreit für und 
wider alle dieſe königlichen Erlaſſe in einer ungezählten 
Zahl von fliegenden Blättern und Schriften, in deren 
erſter Reihe vornanſtand des Abbé Sieyes berühmte Schrift: 
„Bas iſt der dritte Stand?” — 

Der Verfaſſer lieh darin der herrſchenden Volksanſicht 
Worte; er ſieht im Staate Frankreich die umgekehrte Welt— 
ordnung: die Krone trägt hier den ganzen Staat; es iſt 
eine auf ihre Spitze geſtellte Pyramide; keine andere Hilfe 
gibt's, als ſie umzudrehen und auf ihre eigentliche Baſis zu 
ſtellen. Dieſe iſt das Volk, die in Wahrheit den ganzen 
Inhalt der Pyramide ausmacht. Seine Schrift: „Was ift der 
dritte Stand?” (1789) belehrt Diefen über jeine natürlichen 
Rechte, indem fie drei Fragen aufjtellt und beantwortet: „Was 
ift der dritte Stand? Alles. — Was iſt er bis heute in 
jeiner politifchen Bedeutung? Nichts. — Was verlangt er? 
Etwas zu fein.” — Er fährt fort: „Der dritte Stand ift in 
Mahrheit das Bolt; 25 Millionen stark tritt er 80.000 
„Seiftlichen und 120.000 Junkern gegemüber, die ohne ihn — 
nichts ſind;“ er verlangt, dag nach Köpfen, nicht nach Stän- 
den geftimmt werde. „Das alles hatte Sieyes rein aus fich 


Anfänge des Hauſes Rothichild. 105 


ſelbſt erdacht, er, ein Fränklicher unfcheinbarer Mann und 
Doch ein Eroberer, der mit der Macht von einem Baar 
Veichtverftändlicher Gedanken ausgerüftet, die Landitragen 
einer Revolution baute, ihre Signale aufitecte.” 

Die Notabelnverfammlung that die zerrüttteten Finanze 
zuftände der Nation offiziell fund, und während man fich 
um dieſelben jtritt, die fich ſtündlich verfchlechterten, ward 
die Unwirkſamkeit der Anleihesiinternehmungen fichtbar. 
Ein füniglicbes Edikt ſprach zum Erſchrecken des ganzen 
Volkes die noch nicht gehörte Wahrheit aus, daß die Jahr 
ungen der königlichen Kaſſen theils ausgerest, theilg be= 
johränft werden müßten, indem nur drei Fünftel der drin— 
genditen Ausgaben bar gezahlt, zwei Fünftel aber in Kre- 
ditjcheinen entrichtet werden jollten. Das war das Ber 
kenntniß Des Staatsbanferotts mit 60 Prozent. 

Die offiziell von Necker angegebenen Reſultate des 
Staatsbudgets waren, daß die Staatseinnahme 475,294.000 
Franks, die Staatsausgabe 531,444,000 betrug, das jähr- 
liche Defizit alfv 56,180.000 ausmache, welches vor ſei— 
ner Minijterialverwaltung 75 Millionen betragen habe, 
Durch ihn aber bis auf diefe Summe verringert jet. Wäh— 
vend vier Jahren machte er 530 Millionen Anleihen, näm— 
lich 300 Millionen auf Leibrenten und Lotterien direkt durch 
den königlichen Schatz negozirt, 97 Millionen mitteljt der 
pays d’etats gemacht, 36 Millionen auf den Sredit der 
Stadt Parts, des Klerus und des h. Geiftordens, 9 Mil . 
lionen zu Genua aufgenommen, 48 Millionen Betrag der 
Barfautionen und Vorſchüſſe der Beamten der ©eneral- 


106 Viertes Buch. 


pacht und Regie, und 40 Millionen Vermehrung der Ans 
tizipationen. 

Nach des Königs Tod unter dem Meſſer der Guillo— 
tine (21. Jänner 1794) beſchloß der Nationalkonvent: 
Tod einem Jeden, der Aſſignaten kauft oder verkauft! Der 
Louisdor galt 4200 Franks in Aſſignaten. Auf Antrag des 
Direktoriums vom 9. Dezember 1795 ward nach einer 
Reihe palliativer Finanzmaßnahmen ein Zwangsanleihen 
von 600 Millionen beſchloſſen, das Staatsbudget für das 
nächſte Sabre auf 616 Millionen feſtgeſetzt, darauf 124 
Millionen für Heer und Flotte bewilligt u. ſ. w, kurz — 
von Jahr zu Jahr waren erneuerte Geldauflagen an der 
Tagesordnung zur Beltreitung jtetS dringenderer Staatsbe— 
Dürfniffe. An die Stelle der Aſſignaten follten nach) dem 
Sejebe vom 18. März 1796 2400 Millionen in Territo— 
rialmandaten ausgegeben werden; fie janfen indeß gar bald 
ſo, daß man für drei Franks bar hundert Franks in 
Mandaien erhielt. 

Der Frieden von Campo Formiv (3. November 1797) 
hien der Vorläufer eines allgemeinen Friedens werden zu 
wollen. Garnot, an der Spitze der Armeeleitung der fran— 
zöſiſchen Nepublif, die ficb unter jener Leitung zum Siege 
über ganz Europa erhoben, hatte in weniger als andert- 
halb Jahren fiebenundzwanzig Schlachten, 120 Gefechte 
glücklich gewonnen, 116 Feſtungen und größere Städte 
eingenommen, 91.000 ©efangene gemacht, 3800 Stüd 
Geſchütz, 70.000 Flinten und 90 Fahnen erobert: 80.000 
Truppen der Gegner waren auf den Schlachtfeldern geblie- 


Anfänge des Haufes Rothfchild. 107 


ber. Das Iebenslängliche Konſulat proflamirte zum erſten— 
mal da3 Staatsbudget auf 590 Millionen, gleichzeitig aber 
die Eröffnung eines Kredit3 von 400 Millionen. — — 

Die im vorgebenden kurz gejchilderten Vorgänge im 
Nachbarſtaate Frankreich hatten die für das Haus Rothſchild 
jo einflußreiche Gejchäftsverbindung mit jenem deutjchen 
Fürſten zur Folge, der infolge der Friegeriichen Vorgänge 
zwifchen England und den amerifanifchen Kolonieen fich 
urplöglich ein jo bedeutendes Privatvermögen theils ſelbſt 
erworben, theil3 nach dem Tode feines Thronvorgängers 
von dieſem erverbt hatte. 

Landgraf Wilhelm IX. von Heſſen-Kaſſel, 1743, im 
- jelben Jahre mit M. A. Rothſchild geboren, war fein lu— 
xusliebender Fürſt; bei Lebzeiten feines Waters führte er 
bereits, zwanzig Sabre alt, das Negiment über die Graf— 
ſchaft Hanau, zog als preußiicher Generalmajor im Heere 
Friedrichs des Großen in den bairiſchen Erbfolgefrieg und 
trat am 31. Oktober 1788 nach feines Vaters Tode die 
Regierung ſämmtlicher hejfenzkafjel’icher Lande an. Feind 
jeder Ausländerei war er inSbefondere ein geborener Fran— 
zofenfeind, verjihönerte, troß feines Sparungsiyftems gar 
vieles im Lande neben mancherlei nützlichen Anlagen. Kurz 
nach feinem Negierungsantritte fchloß er mit dem im Auf- 
trage der englifchen Regierung nach Kaffel herübergefonmenen 
General Faucett auf vier Sabre einen neuen Subfidienver- 
trag mit England ab, wornach er 12,000 Mann Truppen in 
englifhen Sold gab, die in dem Feldzuge in der Cham— 
pagne gegen Frankreich fochten, mehr aus Feindfebaft wider 


108 Viertes Buch. 


dasſelbe ſowohl zu jener Zeit, als der Sturm der fran- 
zöfichen Revolution losbrach, wie unter der Kaiferherrichaft, 
wo er erklärte: „er wolle lieber preußifcher General als 
König aus Napoleon’3 Fabrik fein.“ Noch im Jahre 1794 
ftand er abermald 4000 Mann fiir die engliihen Kolo- 
nieen gegen Subfidiengelder ab. 

Am 1. November 1806 mußte er infolge der fran- 
zöſiſchen Invaſion Kaſſel verlaffen; zuerft floh er zu feinem 
Bruder Karl in Schleswig, lebte jeit Juli 1808 in Prag, 
wo ihn das 27. Eaiferliche Bulletin mit den Worten über— 
raſchte: „Das heſſen-kaſſel'ſche Haus hat feit vielen Jahren 
jeine Unterthanen an England verkauft und dadurch hat 
der Kurfürſt jo große Schätze geſammelt. Dieſer ſchmutzige 
Geiz ſtürzt nun fein Haus. Es hat aufgehört zu regieren.“ 
Infolge des zu Tilfit geichloffenen Friedens wurde Heſſen— 
Kaſſel dem neuen Königreiche Weſtfalen einverleibt. 

Bei jeiner Flucht aus feiner Reſidenz Kaffel war feine 
erite und Hauptſorge — Sicherung und Rettung feines un— 
geheueren baren, jowohl ererbten, wie erworbenen DBer- 
mögens. Und dieſes übernahm zum großen Theile M. 
U. Rothſchild neben mehreren anderen Perſonen. Wie 
groß Die dem erjteren anvertraute Summe war, ift jcehwer- 
ih zu ermittelt, und man muß es Dahingejtellt fein 
lajfen, ob es, wie einige angeben, zwei Millionen oder 
mehr waren. Rothſchild war im Beſitz de3 baren Geldes, 
als ein Begebniß urplötzlich infolge der politifchen Kon— 
junfturen eintrat, welches das ihm anvertraute Re 
Vermögen auf Das äußerſte gefährdete. 


Anfänge des Haufes Rothſchild. 109 


Es find darüber vielfach irrige Anfichten und Nach: 
richten verbreitet worden, namentlich über den Beginn der 
Geldgejchäftsverbindung, im welche der Gründer des Haus 
jes Rothſchild zu dem Landgrafen von Heffen trat. Die 
Bewegungen der fränzöfiihen Nevolution, die jo vieles er— 
jchütterte, jo viele Herrſcher und Fürſten durch ihre Kolgen 
bejeitigt und gejchaffen bat, vibrirten auch durch ganz Deutjch- 
land und wurden fühlbar bis zum Kriege auf deutjchem 
Boden. Die Sambre- und Maasarmee war überall ſieg— 
reich und der General Hohe an ihrer Spiße jchrieb ſeine 
Berichte aus Koblenz. Die kleinen deutſchen Fürſten ver- 
mochten dem Ueberfall de3 franzöſiſchen Heeres nicht zu 
widerjtehen, die geijtlichen Kurfürſten, die Pfalzgrafen, die 
Herzoge flüchteten vor ihren Waffen. Mit mehreren der— 
jelben trat das Haus Rothſchild in Verbindung und be- 
jorgte für fie ihre finanziellen Gejchäfte. 

Unaufgeflärt ift indeg und mit Gewißheit nicht zu 
beitimmen, ob der Landgraf Friedrich IL. ſich Rothſchild's 
bereit3 als Agenten bedient; bejtimmt aber war es jein 
Sohn Wilhelm IX., der fpätere Kurfürft, der als Graf von 
Hanau und Erbprinz von Heſſen gleichzeitig mit feinem 
Vater der Krone England ein Kontingent hanauer Unter- 
thanen fir den Kampf mit den amerifanifchen Kolonieen 
jtellte, während andere behaupten, daß ſchon Friedrih L. 
den M. A. Rothſchild zu feinem Agenten — ‚Hofjuden,‘ 
wie man damals dergleichen iſraelitiſche Agenten in fürft 
lien Dienjten nannte — ernannte und jein Thronnach— 


110 Viertes Bud. 


folger Wilhelm IX. dieſen Gefchäftsverfehr mit ihm fortfeßte, 
erweiterte und befeftigte. 

Sn den „Sprüchwörtern der Deutjchen” und von da 
übergegangen in andere Schriften wird unter dem Sprüch- 
wort: „Ehrlich währt am längften“ eine Darftellung von 
„Moſes“ Rothſchild in Frankfurt gegeben, wornach dieſer 
im Jahre 1792 das ihm anvertraute Vermögen des Kurs 
fürften (2) von Heſſen mit Aufopferung Des eigenen gegen 
die Plünderung der Franzoſen bewahrt und durch die red- 
liche Rückgabe des Schatzes von einigen Millionen Tha— 
lern, jowie durch die fernere Dispofition über Denjelben 
gegen zwei Prozent Zinfen feinen Ruf erworben und den 
Grund zu feinem Vermögen gelegt haben fol. 

Diefe Darftellung ift in der Hauptfache, nämlich daß 
Rothſchild dem Landgrafen von Heffen die Gründung feines 
Glückes jchuldet, vollfommen richtig; nur in den Nebenum- 
ſtänden haben fich einige Irrthümer eingefchlichen, die wir 
hier berichtigen wollen. 

Der Landgraf von Heffen floh infolge des erjten 
franzöſiſchen infalles, Eonnte aber nicht über Frankfurt 
geben, da diejes bereit3 in den Händen der Franzoſen war, 
fonnte alfo auch nicht einem Rothſchild auf der Durchreiſe 
dort Schäbe anvertrauen. Ein „Moſes“ Rothſchild eriftirte 
gar nicht. Rothſchild konnte dieſe ihm anvertrauten Schäbe 
nicht in feinem arten vergraben, da damals die Juden 
in Frankfurt außerhalb der Zudengaffe, in welcher fich feine 
Gärten befanden, gejeblich fein Grundeigenthum beſitzen 
durften und konnten. 


Anfänge des Haufes Kothichild. 111 


Das wahre und thatſächliche iſt folgendes: 

Die alte Krönungsſtadt des h. römiſch-deutſchen Rei— 
ches Frankfurt am Main wurde am 28. Jänner 1806 unter dem 
leeren Vorwande „häufigen Verkehres mit engliſchen Waaren 
und heilloſer Begünſtigung britiſcher Agenten“ von dem 
franzöſiſchen Marſchall Augereau beſetzt, ihr ganz willkürlich 
eine Kriegskontribution von vier Millionen auferlegt und ſie 
überhaupt gehörig ausgefogen. 

In Diefer für die Stadt verhängnißvollen Periode 
war alles für das zur Zeit in Frankfurt befindliche, den 
Händen Rothſchild's anvertraute Vermögen des Kurfüriten 
zu fürchten. Ein bewährter Zeitgenojfe und Augenzeuge, 
Schloſſer, der damals in Frankfurt lebte, erzählt dar- 
über in jeiner Geſchichte des achtzehnten und neunzehn— 
ten Jahrhunderts (VII. Abthl. 1. ©. 207): 

„Dir alle, die wir damals in Frankfurt auf Preußen 
hofften und das Manifeſt desjelben vortrefflich fanden, 
freuten ung, als den Kurfüriten ſchon nach vierzehn Tagen, 
nachdem er fich neutral und nicht am Kampfe gegen Na— 
poleon Antheil zu nehmen erklärt hatte, die Nemeſis er: 
reichte, und bedauerten nichts mehr, al3 daß uns ein 
Pflichtgefühl verbot, den Franzofen zu fagen, Daß fein 
übelerworbene3 Geld in Amſchel Rothſchild's 
Keller Siege. Dort lag e3 verborgen in Rothſchild's 
Weinfäſſern, weil duch Dekret des Kaifers Napoleon die 
Kontinentalſperre gegen England ins Leben gerufen war, 
und letzteres dagegen Repreſſalien angeordnet hatte, wor— 


112 Biertes Buch. 


nach nichts von deutſchen Häfen aus nach England ge- 
bracht werden konnte. 

Der Landgraf von Heſſen-Kaſſel hatte den Mayer 
Amfchel Rothſchild ſchon lange vor der franzöſiſchen Revo— 
lution durch Gefchäfte in alten Münzen feinen gelernt, 
und benutzte denfelben als Agenten, um feine Zinſen aus 
der londoner Bank von den für die dort an England ver- 
fauften Truppen angehäuften Kapitalien zu erheben. M. 
A. Rothſchild zug für die Summe Wechfel auf das engli- 
Ihe Banfterhbaus van Notten, welches Vollmacht des Land: 
grafen zur Erhebung der Zinfen hatte. Am Jahresſchluſſe 
berechnete ſich Nothichild mit dem Landgrafen, und hatte, 
abgejeben son der nicht unbedeutenden Proviſion, auch noch 
den Nusen, fortwährend mit den Geldern des Landgrafen 
jpefuliren zu können, was er auch in feiner unermüdlichen, 
Iharfitunigen, und dabei doch durchaus rechtlichen Weife 
mit dem glücklichiten Erfolge that. 

Die Erwerbung ungeheuerer Summen wurde aber erſt 
dann möglich, nachdem es dem M. A. Rothſchild gelungen 
war, den heſſiſchen Fürſten dazu zu bewegen, die Vollmacht 
in London dem Haufe van Notten zu entziehen, und Roth⸗ 
ſchild's zweitem Sohne, Nathan Rothſchild in London, zu 
übertragen. 

Für die Erhebung bei der londoner Bank exiſtiren 
zweierlei Vollmachten, nämlich auf Erhebung von Zinſen 
und auf Erhebung der Fonds nebſt Zinſen. Nathan Roth— 
ſchild erhielt eine Vollmacht zur Erhebung des Stoks 
nebſt Zinſen. 


Anfange des Haufes Rothſchild. 113 


Als nun die englische Negierumg ihre Armee in Spa— 
nien zu unterhalten hatte und fein chriftlicher Bankier die 
Lieferung des Geldes von England nach Spanten überneh- 
men wollte, da übernahm M. A. Rothſchild dieſe Lieferung 
gegen hohe Proviſion und leiſtete mit den unter Einwilli— 
gung des Eigenthümers erhobenen landgräflichen Fonds. 
die geforderte Kaution, bei der niemand fein eigenes Ver— 
mögen wagen wollte. Das Glück beginftigte Rothſchild's 
Unternehmen, die Geldſendungen kamen unverſehrt aut. 
Man erzäblt fih, daß Rothſchild diefe Gelder durch Franf- 
reich transportirt babe; der Kaiſer Napoleon ſoll dazu 
eine Lizenz gegeben haben, nachdem man ihm vorgeftellt, 
daß er, wenn viel Geld nach Spanien transportirt werde, 
nachher umſo größere Schäße erobern Eünne. Die Kaution 
ging alfo nicht verloren, und Notbichild verdiente während 
der Dauer des ſpaniſchen Feldzuges, alfo während acht 
Sabren jährlih 3 bis4 Millionen. 

Die Möglichkeit, eine jo hohe Kaution zu leiſten und 
Die pünktliche Geſchäftsbeſorgung veranlaßten hierauf die 
engliſche Regierung, den europäiſchen Fürſten die enormen 
Subſidien während des Kontinentalkrieges durch das Haus 
Rothſchild zu übermitteln, wodurch deſſen Anſehen und 
Reichthum zuſehends wuchſen, und durch die ſpäteren Staats— 
anleihen den ſpäteren Umfang erreichten. 


Das Haus Rothſchild. I. 8 





TR 

















— 











J 





Fünftes Bud. 


Bon der Börfe und dem Geldmarkt. — Die Stants- 
fchulden. — Rothſchild als Gefchöpf des Staatsan- 
leiheſyſtems. 


8* 


Dir N 
1 


EN 








Das Haus Mothſchild als Beherricher des Geldmarftes.— 
Erwerb, Arbeit, Rapital, Kredit. — Die Börse. — Bör— 
fenfpiel. Börfenenten. — Papiergeld. DBapier- und UF- 
tienhandel. Zeitfäufe. Differenzgefchäfte. Stocdjobberet- 
Agiotage — Staatsanleihen durch Bankfiers, befonders 
durch Rothſchild. — Die Staatsfhulden Europa's. 


Um Stellung, Bedentang und Einwirkung des Hau— 
ſes Rothſchild in ihrem gungen, ſonſt umerflärbaren Um— 
fange und Zuſammenhange auf die Politik, die Geld-, Hans 
dels- und Induſtriewelt unſeres Jahrhunderts kennenzu— 
lernen und -zu würdigen, iſt es vor allem erforderlich, ſich 
die Verhältniſſe und Geſtaltungen des ſtaatsfinanziellen, 
kommerziellen und induſtriellen Lebens der Gegenwart klar 
vor Augen zu führen. Und um dieſes zu können, gilt es, 
das Börſen-, Geld- und Staatsfinanzweſen zuvor 
näher zu beleuchten. — 

Das Haus Rothſchild iſt die beherrſchende Macht 
der Börſe; die Börſe iſt die Beherrſcherin des Geldmarktes 
und das Geld der Hebel der Exiſtenz der Geſammtheit 
wie der Einzelnen, der Staaten wie der Staatsangehörigen. 
Dieler Geldmarkt Europa's — ja über unferen Welttheil 


118 Fünftes Buch. 


hinaus — war dem Haufe Notbichild bis auf unfere Tage 
allein überantwortet, und fo übte es auf alle Zuftände und 
Verhältniffe Europa’3 — ja der ganzen Welt — den be- 
deutendften Einfluß bis zu der äußerften Alternative; denn 
es war eine Wahrheit: „ohne Rothſchild Fein Krieg, ohne 
ihn fein Frieden,” weil — mit ihm Geld, ohne ihn Fein 
Geld. Die Weltgefchichte der Gegenwart ward an der 
Börfe gemacht oder, „notirt“; auf jede3 Blatt der neueren 
Sejchichte jebte das Haus Mothichild fein „Vidi,“ oder 
jein zenjorifches „Imprimatur,‘* bevor es Geltung fiir Die 
Melt erbielt. 

Erſt in der neueften Zeit haben die bisherige Präponderanz 
und Omnipotenz eine Schmälerung zu erleiden begonnen ; 
denn das frühere alleingeltende finanzielle Prinzip der 
Staatsgewalten, nur durch Bankier die Geld-Staatsbe- 
dürfniſſe zu vermitteln, bat einestheild eine Mandlung 
erlitten, und anderntheils Hat ſich auch in Den höchiten 
Kreifen des Geldmarktes eine Konkurrenz geltendzuma= 
cben gewußt, welche infolge der Aftienzeichnungen durch 
jeden SKapitaliften von Tag zu Tag mehr dem Haufe 
Rothſchild gegenüber ebenbürtiger auftritt und einfluß- 
veicher erjcheint. Dadurch ift feine bisherige Geldallmacht 
in bedeutendem Grade gejchwächt worden. — — 

Das Leben, „die freundliche Gewohnheit des Daſeins,“ 
erheifcht Mittel; fie zu erwerben iſt Beruf und Streben 
der Lebenden, fie zu beſitzen Dichten und Trachten aller. Ver— 
dienst Durch Arbeit, Thätigkeit und Spekulation führt zu 
Vermögen: über den Bedarf hinaus fteigert es fich Durch 








Bon der Börfe und dem Geldmarkt. ꝛc. 119 


Anhäufung zu Reichthum, nach dem man als Grund aller 
Lebensbedürfniffe und Lebensgenüffe zu allen Zeiten und. 
unter allen Völkern geftrebt hat; dieſes Streben fteigert 
fich zur Sucht veichzumwerden, je ſchneller und müheloſer, 
deſto erwünfchter. Auch das Glückſpiel, al3 ein Mittel zu 
ichnellem, mühelofem Erwerb, findet fich zu allen Zeiten: Die 
Würfel waren befannt bei Öriechen und Römern, in den 
Urmwäldern unferer Vorfahren wie in den Salons der 
Gegenwart; nur die Tormen des Spieles wechielten. Das 
Mittelalter glaubte an den Wünſchſäckel FZortunat’s, an den 
Heckpfenning, an die Alraunmwurzel, an die Wünſchelruthe; 
Die Schasgräberei und die Schwarzfunft gehörten nicht 
minder dahin. Die Alchymie und Aftrologie waren Die 
Stedenpferde der Vorzeit; jene bezwecte das Auffinden des 
Steind der Weifen, diefe das Schauen in die Zukunft. Das 
alles ift heutzutage über Bord geworfen: an ihre Stelle 
jind Spekulation, Agivtage, Raffinerie, Schwindelei getreten 
neben reellem Erwerbe, der Haſardſpiele und der Spiel» 
höllen in den Bädern nicht zu gedenken, welche das Jahr 
1548 vernichtete, die Darauf folgenden Jahre aber wiederum 
aufs neue ing Leben gerufen haben. — 

St nun das Streben nach VBermögenserwerb und 
Neichthumsbefis fo alt wie die Welt und fo verbreitet, wie 
der Neichthbum Meittel ift, fih Genug und Annehmlichkeit 
des Lebens zu verſchaffen, fo tit in dem Streben, fich ſchnell und 
leicht dieſes Mittel zu verſchaffen, ein durch Die verſchiedenen 
Phaſen der Weltgefchichte im großen, wie durch den Geift 
und die Richtung einzelner Zeitalter und durch den Volksgeiſt 


120 Sünftes Buch 


tief begründeter Unterfchted diefes Strebens zu finden. Im 
Mittelalter war die Srwerbsart geheimnißvoll, gleichjam 
pvetifch, myitiich, His zur Anwendung von Zauberkünſten, 
Allianz mit dem Teufel und böfen, mächtigen Geiſtern: 
der Aberglaube, der alle Klaſſen der Bevölkerung und alle 
Branchen ihrer Thätigkeit in allen ihren Beſtrebungen durch» 
Drang, war auch beim DVBermögenserwerb thätig. In der 
Gegenwart dagegen tft Das Streben nach Eigenthum ſpeku— 
latio, nüchtern, profaifch; man vertraut nicht übermenjchli- 
chen. Einwirkungen, ſondern menjchlicher Berechnung amd 
Anſtrengung: die Raffinerie jeßt alle Hebel im Bewegung 
und erfindet fortdauernd neue Formen der Sagd nach Geld 
und Reichthum, die allerverberblichiten ſelbſt für phyſiſches 
und moralifches Wohl. Bon Tag zu Tag hat fich im Ver— 
laufe des 18. und 19. Jahrhunderts Die Zahl diefer For- 
men ins unnennbare geiteigert; durch Die Zeitgejtaltungen 
gefördert, dreht fih das Rieſenrad der Spekulation überall 
mit jaufender Schnelle zum Verderben der Welt. — 

Der reelle Erwerb mird Durch Arbeit, Kapital und lestlich 
ducch Kredit gemacht, der letztere iſt bei jedem Einzelnen 
ungefähr jo groß als fein Vermögen, Kapital und Arbeits: 
fraft zufammengenommen; der Kredit in einem ganzen 
Volk bildet daher in der That die Hälfte des ganzen Volks— 
vermögens. Was vom Kredit des Einzelnen gilt, das gilt 
auch vom Kredit eines Staates, som Nationalkredit, der in 
früherer Zeit ein jebr geringer war, wephalb man häufig 
in dringenden Fällen zu Zwangsmaßregelt fchreiten mußte, 
um Geld zur Befriedigung der Staatsbedürfniſſe zu erhalten; 


























Von der Börfe und dem Geldmarkt. ac. 21 


auch wurden oft Neduftion der Staatsfchulden und Aus— 
prägung geringhbaltiger Münzen als Mittel zum Zweck 
benust. Später find im Laufe der Zeit bejfere Verwal— 
tungs- und Finanzgrundſätze gang und gäbe geworden. Von 
da an fonnte die Anlegung von Kapitalien bei Negierungen 
in Staatspapieren von Kapitaliſten mit Zutrauen gefcheben. 
Indeß wurden diefe gar bald wie die Privataktien Gegenſtand 
der Spekulation. Das Schuldbuch eines Staates, bejonders 
mit zerrüttetem Kredit und in bewegter Zeit tft der beite 
Anhaltspunkt für jene Wetten um die Differenz der Staats— 
papterfurje, Die, aus England Itammend, mit dem Namen 
der Stockjobberei bezeichnet werden. Dieſe befaßt fich 
mit den Staatspapieren aller Linder; die Stodbörfen von 
London, Baris, Frankfurt find ſtets mit Perſonen gefüllt, 
die, ohne einerjeitS Die erforderlichen Papiere, noch anderers 
jeit3 die Mittel zur Dedung zu beiiten, um die Differenz 
der Kurfe großer Quantitäten von Staatsobligationen wetten, 
und denen eg nur um den Gewinn Diefer Differenz zu 
thun ift. 

Die einfachite und zugleich gewagteſte Art diejes ſoge— 
nannten Windhandels bat die Form eines gewöhnlichen Kaufes 
auf Lieferung oder Friſt; e3 verpflichtet fich dabei der Verkäufer, 
am beitimmten Tage eine beſtimmte Zahl beitimmter Staat$- 
Papiere zu einem beftimmten Preiſe dem Käufer zu liefern. 
Steigt nun z.B. der Kurs, und jener wird durch die Uns 
möglichkeit, die verſprochenen Summen in ſolchen Bapieren zu 
liefern, oder durch die DVerzichtleiftung des Käufers, der fich 


mit dem Schadenerfab jtatt der Erfüllung Des Vertrages 


122 Fünftes Buch. 


begnügt, von der eigentlichen Leiftung frei, fo bat er dem 
Käufer nur die Differenz zwifchen dem beſtimmten SKurfe 
und dem Kurfe des Verfalltages als den Betrag des 
durch die Nichtlieferung der Papiere ibm zugefügten Scha- 
dens zu Jeilten. Das it die Scheinform und formell- 
rechtliche Begründung des Geſchäftes: in Wahrheit aber ift 
es von Anfang anauf nichts als diefe Differenz abgejehen. 

Dem Aftienfehwindel öffneten jich Thor und Thüre in 
gefteigertem Maße in unferen Tagen infolge des langjäbri- 
gen Friedens und neuer Unternehmungen aller Art, wozu be- 
deutende Sapitalten erforderlih waren, welche berbeizu- 
ſchaffen e3 Der Unterjehriften von Theilnehmeri bedurfte ; man 
zahlte einen Theil der unterfehriebenen Aftien-Sinlage bar, der 
ganze Betrag derjelben ward erit mälig ausgefordert, Die Aktien 
aber voll ausgegeben. Diefe werden nun in den Handel 
gegeben und umſo ſchleuniger umgeſetzt, als man, wenn die 
Unternehmung die Stimme des Publifums für fih hat, 
auf der Stelle Durch Verkauf einen Kursaufſchlag gewinnen 
kann, indem der Kurs nicht felten ſchon über part ftebt, ebe 
die Aktien ausgegeben find. | 

Die meiſten Objekte diefer neuen Unternehmungen find 
neu und eigenthümlich: Kanäle, Dampfſchiffe, Eiſenbahnen, 
Straßen u. ſ. w. ſind Hauptzweige des aktienmäßigen Be— 
triebes, der Aktienſpekulationen und Atktienſchwindeleien 
geworden. 

Alfo ſteht es mit diefem Aftienbandel unferer Tage; 
man wird erinnert an Liſt's Worte im Jahre 1838: „Wirft 
man einen Blif auf das Koloſſale dieſer Papierſpekulationen, 














Bon der Börfe und dem Geldmarkt ꝛc. 123 


berücdfichtigt man alle nicht nur möglichen, ſondern noth— 
wendigen Folgen der unbeſchränkten Papierjpefulationen, fo 
erfchrikt man vor der Maſſe des Unheils, welches dadurch 
über die Völker fommen muß.“ 

Das iſt und wird fen „Die neue babylonifce 
Perwsrrung,, Die, ver Kreiherr vunn. Stein de 
weillagt. , 

Die Börfe tft das Barometer und Zifferblatt unferer 
Zeit, das Tagebuch der MWeltgefchichte der Gegenwart, der 
Puls unferes Wohl- und Hebelbefindens, der Thurmmächter 
unferer Fortſchritte, der ängitlih ins Horn der Baiſſe ftoßt, 
jomwie fich ein Feind auch nur von fern nabt; fie ift vor 
allem der Tempel des modernen Jernſalems. 

Das Treiben auf der Börſe hat etwas dämoniſches 
an fih. Die niedrigiten Leidenfchaften, deren der Menjch 
fähig ift, find auf den Gefichtern der Börſenſpekulanten zu 
fefen, zu deren Kategorie eine ganze Melt gehört. Die 
Börfe ift der Tempel der heutigen offiziellen Geſellſchaft; 
aber fie iſt auch die Kinderitube geworden, wo die Großen 
die Kleinen — ausziehen Die Börſenkönige, Börſen— 
männer, Großhändler und Rinanziers begen die Anficht, 
die Börfen und Börſenſtädte ſeien nur für diejenigen vor— 
handen, die Geld genug befißen, um fir den fteigenden 
Ruhm der vier- und fünfprozentigen Heiligen thätig zu ſein; 
ihnen find die „Affemblee nationale” und die „Neue preu- 
Stiche Zeitung” noch viel zu revolutionäre in ihren Tendenzen. 
Diele Herren wünfchen, daß außer den Börfenfurfen gar 
nichts gedructes zu befommen wäre; denn nad ihrer 


124 Fünftes Buch. 


Anficht wirken Bücher und Zeitungen doch am Ende nur nach- 
theilig auf -— die Papiere; die beiten Rummel ſind ihnen 
feinen Heller werth. 

Die Börſe wurde im Laufe der Zeit die große Werf- 
jtatt, worin fich Die ganze Maſchinerie des Handels, die 
Melt der Gefihäfte bewegte; darauf ward fie der Tummel— 
pla& der Spekulation, die fich bis zur Agiotage und jeglichen 
Schwindel fteigerte, wo der Bapterhandel in jeiner äußerſten 
Maßloſigkeit feine Orgien feierte und feine Opfer in greit- 
zenlofefter Ausdehnung in allen Länder forderte, herz— 
los und falt, wie die Spekulation, zahllofe Familien ſtürzte 
und dem Banferotte ihre in faurem Schweiße erworbenen 
Beſitzthümer überantwortete. Die Börfenbefucher haben drei 
verſchiedene Zwecke; entweder fuchen fie ein Kapital anzu: 
legen, oder fie jpefuliven, oder fie fpielen. Das find die 
drei möglichen Yunftionen auf der Börſe. Das Ießtere, 
das Börſenſpiel iſt unter diefen drei Oejchäftszweigen Der 
thätigite, rührigfte, behendſte und einflußreichſte, und zwar 
wegen der Leidenfchaft, womit es betrieben wird, wegen 
der Wechſelfälle, denen es fich ausſetzt. Achtmal unter zehn: 
mal iſt es das Spiel, welches ein Eünftliches Steigen und 
Fallen der Kurje und jene plößlichen Schwankungen be> 
wirft, deren Rückſchläge ſo häufig Die tramigiten Kolgen 
haben. Das Spiel untergräbt den Boden unter Den 
Füßen der eigentlichen Spekulanten wie der Kapitaliften, 
die eine vortheilhafte Anlage fuchen. 

Das Börſenſpiel iſt nichts anderes als ein Glücksſpiel, 
eine Wette auf das Steigen oder Fallen der Preiſe innerhalb 























Von der Börfe und dem Geldmarkt ac. 123 


einer beſtimmten Krift. Die Waaren, auf deren Preiſe ge- 
wettet wird, mögen Staatspaptere, Aktien von Eiſenbahnen 
oder induftriellen Unternehmungen, oder jonftige Gegenſtände, 
x B. Getreide, Spirituofa, Baumwolle, Del fein. An der 
Börſe fpielen heißt, ſolche Waaren unter der Bedingung faufen 
oder verkaufen, daß fie an einem ſpäteren beitimmten Tage 
‚geliefert werden, ohne daß man die Abficht oder Die Mittel 
bat, fie zu bezahlen. Der Käufer hofft, daß bis zum 
Lieferungstage die Preiſe geftiegen, Der Verkäufer, daß fie 
gefallen fein werden. Im erjteren Kalle hätte der Ver— 
käufer eine größere Summe anzulegen, als er von dem 
Käufer zu empfangen hat, im letzteren Falle verhält es 
ſich umgekehrt. Was nun der eine dem anderen zahlt, 
Das iſt Der Unterſchied zwiſchen dem bedungenen und dem 
wirklichen Preiſe am Lieferungstage. 

So thetlt fih Die ſpielende Börſe in zwei Lager. — 
Man bedenfe dabei die faft zahllofe Meuge von Papiergeld 
der Staaten, Landestheile, Provinzen, Landfchaften, Städte, 
Standesherren, Vereine, Kredit und Bankanftalten und 
Aftiengejellichaften, die alle Gegenitand der PBapiergeichäfte 
auf der Börfe find. Sp tft denn Die Staatspapier- und 
Aftienbörfe in unſerer Zeit auf eine Weiſe affortirt, wie 
nie zuvor und die Spekulation darin fehreitet unaufhaltſam 
fort; denn — „Handel und Verkehr müſſen frei fein.“ 

Um Geſchäfte zu machen, bediente man fich. der 
Börſenenten. Allmälig bildete fich diefes Erfinden von 
falfchen Nachrichten zu emem vollitändigen Syſtem aus: 
man erfand Geſchichten, die fich ebenſo Dramatifch wie eine 


126 Fünftes Buch. 


gutverfaßte Komödie entwidelten, worin die Mithandelnden 
oft ebenfo zahlreich, ihre Rollen ebenfo manchfach wie in 
einem Theaterſtücke waren, und deren Autorrecht ‚hoch- 
geitellte Männer‘ zuweilen mit ſehr zweideutigen Men- 
ſchen zu theilen nicht verſchmähten. Parlamentsmitglieder 
verfertigten oft jelbit ſolche Nachrichten; man gab fabrt- 
zirte Briefe aus dem Auslande herum, nder ließ fie in Die 
Zeitung einrüden, um irgend eine falfche Nachricht in Um— 
lauf zu bringen; jeder Kunjtgriff wurde angewendet, um 
fich zuerft den Beſitz von Neuigkeiten — feien fie wahr 
oder falſch — zu ſichern. Dienerfchaften hoher Staatsbe— 
amten jtanden im Solde großer Staat3papierjpekulanten, 
und jelbit Minijterfrauen fagte man nach, für ‚Werth em- 
pfangen‘ fich zu willigen Werkzeugen fir Männer gemacht 
zu Haben, Denen eine neue Nachricht taujfende von Pfun— 
den mwerth war. | 

Während des grogen Kontinentalfrieges zu Anfang 
diejes Jahrhundert war in England der Tod Bonaparte’s 
die LieblingSbörjenente, und ward mehrmals von der Börſen— 
jpefulation ausgebeutet ; die Urheber wurden nicht befannt, 
jondern meift nur geahnt; indep wurde 1805 ein Mitglied 
des Minifteriums Grenville, Lord Moira, in aller Form 
bejchuldigt, die ihm als Minifter zugefommenen Nachrich- 
ten zu Börfenfpefulationen benußt zu haben; jein Anklä— 
ger war ein Kommis der Bank von Cngland; aber 
Die Sache fihlief wieder ein, nachdem fie großes Aufſehen 
erregt hatte. 

Bis 1814 mußte dieſe Börfenente von Napoleon’s 


Von der Börfe und dem Geldmarkt. ac. 127 


Tod öfters in dem Zeitungswafler der englifchen Blätter 
jhwimmen. Dann famen andere an die Tagesordnung, 
je nach Zeit und Umständen. Bald mußte eine Börſenente 
von Kriegserflärung die Börſenwelt in Bewegung jeßen, bald 
ein Premierminifter plößlichen Todes erbleichen; gelegentlich 
mußte der König ernjtlich erfranfen, troßdem daß ihm 
Plumppudding und Champagner trefflich mundeten, oder ein 
Kabinet mußte jeine Entlaffung nehmen und dergleichen mehr. 

Die verfriibte Nachricht des ‚Lataren‘ von der Ein- 
nahme Sebaftopvls in unferen Lagen war nicht3 anderes 
als eine ſolche Börſenente, die ganz Europa mit eleftri- 
jeber Telegraphenhaft Durchflog, und eines achttägigen Zeit: 
raumes bedurfte, um ſich als eine Ente zu legitimiren; 
indeß war ihre Wirkung auf den Börſen unbedeutend, da 
Die Erfinder fie ungejchicterweife jo in Bewegung gejebt 
hatten, daß fie des Sonntags auf den Hauptbörienpläßen 
eintraf und Die Leute Daher Zeit hatten, ſich mindeſtens 
etwas zu befinmen. 

Seit ſich das Net des elektrifchen Telegraphen von 
Börſenplatz zu Börſenplatz ſpannt, ift das Leben folcher falfchen 
Börfenenten von gar furzer Dauer ; fie haben daher weni— 
ger Einfluß und Bedeutung als in früherer Zeit, wo die 
Nachrichten und Depefchen durch ganz Europa noch nicht 
mit der Schnelle des Gedankens von einem Drte zum ans 
deren verbreitet werden konnten; das ift gegenwärtig anders 
geftaltet. — — | 

Die Schulden der Staaten Europa's jehufen 
die Größe und Geldmacht des Haufes Rothſchild. An 


128 Sünftes Buch. 


der Spise ſteht England mit jenem Mammuths-Staats— 
ſchuldenetat, deſſen Pfunde Sterling, in die Fleinfte Silber- 
münze des Feſtlandes umgemwechfelt, Material zur Anlegung 
einer Metallcbauffee von einem Pole der Erde zum anderen 
in reichſtem, vollftändigftem Maße hergeben würde. Frank 
reichs Jahres-Ausgabebudget überſteigt bereit3 die Rieſen— 
ſumme einer Milliarde neben einer enormen Schuldenlaſt, 
und mehr oder minder ſind viele Staaten in fortwährender 
Schuldenſteigerung begriffen: das weiſen die veröffentlichten 
amtlichen Ueberſichten nach. 

Ein bedeutend großer Theil der gegenwärtig auf den 
Staaten Europa's laſtenden Schulden iſt durch Kontrahirung 
von Staatsanleiheverträgen mit großen Bankierhäuſern 
entitanden. Das Haus Rothſchild an der Spitze dieſer 
Geſchäfte vermittelte Durch feine fünf Hauptetabliſſements 
zu Kranffurt, London, Paris, Wien und Neapel bisher 
die Mehrzahl derſelben, wie es Durch feine zahlreichen Agen— 
turen und Geſchäftskommiſſionäre in faſt aller größeren 
Städten Europa's gleichfalls insbeſondere darauf feine Thä⸗ 
tigkeit richtete und fortdauernd darauf ſein Augenmerk ge— 
richtet hält. 

Beſonders mit dem Sabre 1813 traten jene politi— 
chen Verhältniſſe ins Leben, welche das Haus Rothſchild 
durch eine ununterbrochene Reihe großer Geld- und Kre— 
ditoperationen zu der Stellung gehoben haben, die es ge— 
genwärtig im den europäiſchen ſowohl, wie in Den Staats-, 
Kommerz- und Finanzangelegenheiten der ganzen Welt ein— 


nimmt. Die einzelnen Schritte auf diefer Bahn zu verfolgen 











Von der Dörfe und dem Geldmarkt. ıc. 129 


und zergliedern, bleibt den folgenden Abjehnitten dieſer Schrift 
vorbehalten. Nur zur allgemeinen Weberjicht des Umfanges 
derfelben darf hier bemerft werden, dag — nad der Auf- 
zeichnung eines eingeweihten, und mit dem Haufe Roth— 
ichild enge und genauliirten ftaatsmännifchen Gewährs— 
manıes, des Hofraths Gentz, im öſterreichiſchen Staatsfanzler- 
amte — bereit3 vor Dem Jahre 1826, während der 
Dauer von 12 Jahren durch die Vermittlung dieſes Hauſes 
für Nechnung der europäiſchen Souveraine zwiſchen eilf 
und zwölfhundert Millionen, theils und größtentheils als 
Anleihen, theils alg Subfidienzahlungen übernommen wur— 
den, wovon ungefähr 500 Millionen fir England, 120 für 
Deiterreich, 100. für Breußen, 200 für Frankreich, 120 für 
Neapel, 60 für Rußland, 10 Für einige deutſche Höfe und 
30 Millionen für Braſilien — ohne weder die an die verbün— 
deten Mächte im Betrage von mehreren hundert Millionen 
ausgezahlten franzöfiichen Kriegsentſchädigungsgelder, noch 
die manchfaltigen vorübergehenden Sejchäfte, die Das Haus 
in Aufträgen der verfchtedenen Negierungen vollzogen, und 
deren Geſammtſumme Die vorgenannten Summen noch 
weit überftieg, in Anfchlag zu bringen. 

Dieſe Staatsſchuldenmaſſe it die Achillesferje, welche 
tat ohne Ausnahme ſämmtliche Staaten Europa’s in ihrem 
natürlichen Gange mehr oder weniger hemmt. Gelbit da, 
wo leßtere in allem übrigen fich der Kraftfülle und Ges 
jundheit erfreuen, nag: diefer Wurm in ihrem Innern und 
gräbt fich feine Gänge Die Oemeinfamfeit des Uebels 
mag einen oberflächlichen Troſt dafür geben; ein bejjerer 

Das Haus Rothſchild. I. I 


130 Fünftes Buch. _ 


wäre der, wenn die Ausgaben der Staaten zumtbeil folchen 
Gegenſtänden zugewandt werden könnten, die mit der geit 
einen Ertrag gäben, ja jpäter vielleicht daS darauf verwen- 
dete Kapital nach und nach wieder einzubringen verfprächen. 
Eine ftatiftifche MWeberficht der europäiſchen Staats— 
fehulden der Gegenwart auf Grund der neueften fihereren 
Ausweiſe laſſen wir hier zunächft folgen und reiben daran 
noch jpeziellere Nachweifungen und Zujammenftellungen 
rückſichtlich der finanziellen Verhältniffe, Zuftände und Ge— 
ftaltungen von mehreren der größeren, wie mittleren Staaten 
Europa's, ſowie einiger der Eleineren Staaten Deutjchlands, 
fomweit fie in Beziigen zum Zwede unferer Schrift jtehen. 
In den in nachfolgender Heberficht bezeichneten Jahren 
hatten die Staaten Europa’3 folgende Staatsjchulden: 


Staaten Jahr Schulden nKM. fl. 
Anhalt:Bernburg 1854 1,422.235 Thlr. 2,133.352 
Anhalt-Defjau 1853 1,969,731. 2,954.596 
Anhalt-Köthen 1852 1,800.000 _„ 2,700.000 
Baden 1854 32,386.937 fl. ch. 26,989.114 
Baiern 1851  136,995.620 , „ 114,163.017 
Belgien 1854 653,630.371 Frks. 245,111.389 
Braunfchweig 1845 9,469 457 Thlr. 14,204.185 
Bremen 1845 2, Mill. o, 4,000.000 
Dänemark 1854 125 Mill. Thl. Reichsm. 141,000.000 
Frankfurt 1854 5,935.000 fl. xh. 4,946.000 
Frankreich 1851 5.345,637.360 Frks. 2.004,614.010 
Griechenland 1848 25,000.000 Drachmen 

1,929. 333211: 7b. ) 31,807.780 


66,600.000 —— 
Großbritannien 1853 764,541.295 Pfd. St. 7.645,412.950 
Hamburg 1854 66,008.870 ME. Bko. 49,506.000 





Bon der Börfe und dem Geldmarkt. ꝛc. 131 


Staaten Jahr Schulden Sn RI TE 
Hannover 1854 38,033.412 Thlr. 57,050.118 
Helen, Kurfürftth. 1840 1,642.566 Thlr. 2,463.949 
Heflen, Großhzgth. 1854 3,674.622 fl. rh. 3,062.187 
Heffen-Homburg 1854 1.152.002 960.585 
Sonifche Infen 1853 500.000 Thlr. 750.000 
Kirchenftaat 1852 69,600.000 Scudi 145,527.270 
Lübeck 1854 4200.000 Mark 1,620.000 
Meclenb.-Schwer. 1853 8,589.091 Thlr. 12,239.430 
Mecdlenb.-Strelig 1854 2,000.000 ,, 2,850.000 
Modena 1848 700.000 fl. C. M. 700.000 
Naſſau 1850 10,200.000 fl. th. 8,500.000 
Niederlande 1854 1.200,988.330 fl. hol. 1.100,816.000 
Norwegen 1849 5,600.000 Sp. Thlr. 11,200.000 
Defterreich 1854 1.466,200.000 fl. & M.  1.466,200.000 
Dldenburg 1854 1,600.000 Thlr. 2,400.000 
Parma 1854 14,300.000 Lire 5,550. 000 
Portugal 1852 86.574,975.662 Reis 104,367.060 
Preußen 1854 217,871.166 Thlr. 326,806.749 
Rußland 1853 788,573.112 SIb. Rubel 1.284,657.743 
Sacdjen, Könige. 1854 42.281.523 Thl. 64,172 284 
Sacjen-Altenburg 1853 1,218 876, 2,668.314 
Sacfen-Koburg 1853 1.931.092. ‚, 2,896.578 
Sadj.-Meiningen 1853 4,176.055 fl. ch. 3,480.046 
Sachfjen-Weimar 1853 5,879.736 Thlr. 8,819.604 
Sardinien 1854 571,826. 164 Frks. 214,447 312 
Schwrzb.-Rudolſt. 1854 96.283 fl. ch. 46.902 
Schwarzbg.- Son: 

dershaufen 1854 456.992 Thl. 733.488 
Sizilien 1848 109,568.000 Due. 182,613.333 
Spanien 1851 10.979,180.998 Real. 1.097,918.010 
Türkei 1853 886,000.000 Bialter 74,666.666 
Waldeck 1848 600.000 Thlr. 900 000 


Württemberg 1851 48,423.718 fl. ch. 40,353.098 
9* 


132 Fünftes Bud. 


Die Geſammtſumme aller europätihen Staatsichulden 
beträgt fonach in Konventions-Münze 16.544,181.119 fl, 
worunter felbftredend fowohl das verzinsliche wie unverzins- 
liche Papiergeld begriffen ift. 

Für die vollftändige Nichtigkeit obiger Summen kann 
ſelbſtredend keine Gewähr geleiftet werden; aber annäbernvd 
find fie richtig und genügen zu einem Bilde des Schulden- 
zuftandes der europäischen Staaten und mithin zu unſerem 
Zwecke. 

Ich laſſe eine andere Zuſammenſtellung rückſichtlich des 
geſammten kurſirenden Papiergeldes in Europa 
folgen nach einer Berechnung aus dem Jahre 1850, 
welche bis heute eine bedeutende Bermebrung bereits erreicht 
hat. Darnach war damals der europäiſche Geſammt-Pa— 
piergeldbetrag: 1.261,428.520 Thaler. Cs Eontribuiren 
Dazu Rußland 359 Millionen, Defterreich 300, Großbri— 
tannien und Irland ohne die Kolonieen 210, Frankreich 140, 
Preußen 54, Kirchenftaat 25, Bortugal 25, Belgien 20, 
Sabfen 5, Neapel 19, Danemart 15 Schweden 12, 
Niederlande 10, Sardinien 10, Tinfei 10, Spanien 8, 
Anhalt-Deſſau und Köthen 4,500.000, Baiern ebenſooiel, 
Joniſche Inſeln 3, Heſſen-Kaſſel 2,500,000, Frankfurt 
2,285.000, Heſſen⸗Darmſtadt 2, Libel 2, Toskana 2, 
Wirrttemberg 1,700.000, Baden 1,143.000, Braunſchweig 
1 Million, Sachſen-Koburg-Gotha 600.000, Sacjen- Mei- 
ningen 600.000, Sachſen-Weimar ebenfoviel, Anhalt-Bern— 
burg 500.000, Sriechenland 500.900, Meclenburg- Schwerin 
ebenjoviel und Altenburg gleichfalls, Naſſau 300.000, Reuß 











Bon der Börfe und dem Geldmarkt. ꝛc. 133 


ebenſoviel, Hannover 200 000, Schmarzburg - Rudolftadt 
200.000, Waldeck 5000 Thaler. 

Folgende Staaten hatten Fein Papiergeld: Bremen, 
Hamburg, Lichtenftein, Lippe-Detmold und Lippe-Schaum- 
burg, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg, Schwarzburg-Son— 
dershaufen, Heſſen-Homburg, die Schweiz, Norwegen, ©. 
Marino, Parma, Modena, Serbien und die Donaufür— 
ſtenthümer. 

Der Freiherr von Reden hat in ſeinem Handbuche 
„Deutſchland und das übrige Europa,“ folgende Geldbe— 
träge des in Deutſchland ausgegebenen unverzinslichen 
Papiergeldes nach Thalern zuſammengeſtellt: | 


I. Staatspapiergeld. Staatseinnmahmen. 
Preusenuhe. ne) . Sale, 30,842.300 Thlr. bei 106,498 000 Thlr.*) 
DOleEuprn m a ae). — 124.29,390.300R, 
IBLERRIHDErN . eu. . 1,214.300:,., 1. 10.009.800. 
ODE... 1,442,900., ,.; .. 10,439:364, , 
GroßherzogtHum Heffen.. 1,142.900 „ „  4343.942 , 
Heehſet 2300000668480 
aaa a 0%... — „21.0212,419:3002 3° 
Sadılenen, er en a... 000.000... 18.281.228 |, 
Großherzogthum Sachfen . 600.000... 2... 1.920.957, 
HANBDDERAN 2 ne. — 208080, 
Kokurg-Voiha .. .. - 2... 500:000° 2... 1.228.198, 
Sadjen - Meiningen - Hild- 
bBurahanfenıt?. .\. . u... 600.000 „ 823.675, 
Sachjen-Altenburg . . . . . 224.500, 0, 5..091.928: ,, 


) Nach dem jüngjten Staatshaushaltsetat für 1856. betragen fie 
bereits 118,864,071 Thaler. 


134 


Anhalt-Bernburg 
Anhalt-Köthen : . ne, 
IAnhale-Defau nn... m. 


Schwarzburg-Rudolftadt 


Reuß ri. Liner... 


Stadt TranffurtV. . 3.1. 


370.000 Thlr. bei 
40.000, , 
500.000. %, 
Brauniehloeig 2... > le ee 
200.000 „ , 411.828 , 
300.000. „2, 
2.000.000... 


Fünftes Bud. 


752.264 Thlr. 
450.000 „ 
596.000 „ 
Meng sfalesat, 
375.000- „ 
945.830 „ 


7 49,829.900 Thlr. Geſammtſumme. 


II. Banknotenund Papiergeld von Aktiengeſellſchaften. 


Thaler 


Oeſterreich: 


Dane, heart 241,076.200*) 


Preußen: 


Berliner Bank .. 19,994.000 


Bommerfche Bank. 1,000.000 
Breslauer Banf 1,000.000 
Berliner Kafjfenverein 968.800 
Batern: 
Hnpothef- und Wech- 
elbanen a... 4,571.400 
Sacjen: 
Leipzig- Dresdner Ei- 
fenbahngefellfehaft 500.000 
Leipziger Bank . . 4,127.000 


Shemmitzer Stadtbanf 300.000 
Oberlaufißer Hypo— 


thefenbanf . 800.000 


Naſſau: Thaler 
Landesbank .... 571.400: 
Hannoder: 
Die Stadt . 200.000 
Braunfchweig: 
Leihhausanftalt . . 600.000 


Darlehnsbanfjcheine 400.000 
Medlenburg-Schwerin: 
Roftoder Bank . . 448.600 
AUnhalt-Bernburg: 
Eifenbahngefellfchaft 
Anhalt-KXöthen: 
Gifenbahnfcheine . . . 500.000 
Anhalt:Deffau: 
Landesbank . . . ..2,487.000 
279,444.400 


200.000 


Hierzu fommen noch die Noten der im Sahre 1853 ge— 


gründeten Banfen zu 








*) Die unverzinslichen Reichsſchatzſcheine an 96 Mill. Thlr. find 
bier inbegriffen, da fie von der Bank laut Vertrag vom 23. 
Febr. 1854 gegen Noten umgetaufcht werden follen. 





Bon der Börfe und dem Geldmarkt. ıc 135 


DEAD I a ee. 14,285.000 Thaler 
Niederöſterreichiſche Eskompte-Ge— 

teliehane zu Wien 6,666.666 
Braunfchweigifche Bank... . .. 8.000.000: u, 
Mernariihe Bank „1.2. ... . 5,000.000  „ 


28,951.666 Thaler 
und die Noten der frankffurter Banf. Bon der Geſammt— 
jumme von 358,225.966 Thlrn. famen 

247,742.866 Ihle. auf Oefterreich und 

110,483.100 „ auf den Zollverein und Mecklenburg. 

Dieſes Reſultat ift von der in der bodemer’ichen 
Schrift gegebenen Ueberficht, die Das umlaufende Staats— 
und BankPBapiergeld im Zollverein auf 91,300.000 Thlr. 
im Sabre 1850 feititellte, ſehr verſchieden und bemeift die 
fich Iteigernde Vermehrung des Papiergeldes, ohne daß fich 
eine Steigerung des Verkehrs erweiſen laſſen könnte. 

Daraus ſcheint ſo viel hervorzugehen, daß entweder 
vor dem Jahre 1848 zu wenig, oder in jetziger Zeit zu 
viel Papiergeld exiſtirte. Iſt das letztere der Fall, was 
ſich mit Beſtimmtheit ohneweiters nicht entſcheiden läßt, 
ſo hat auch aus den oben entwickelten Gründen der ver— 
mehrten Nachfrage ohne vermehrtes Angebot die übermä— 
ßige Papiergeldemiſſion einen Theil der Schuld an der 
jetzigen Preiserhöhung der Bedürfniſſe. 

Dieſe Staatsſchuldenmaſſe, vertheilt auf die Kopfzahl 
der Bevölkerung der einzelnen Staaten, liefert folgendes 
Reſultat: die Schuld beträgt auf den einzelnen Einwoh— 
ner in 


1355 Fünftes Buch. 


Großbritannien 350 Gulden Sachſen-Koburg 35 Gulden 


Niederlande DIE RE, NAINRONIGE. Sachſen 
AnhaltsKötben 196 „ Preußen DON. 
Spanien 136. .„. . Meaib- Schwerin 2a, 
Bortugal 100, „Water 2AN 
Rranfreich 72, 2,0. Santntoner a, 
Dänemarf U oeularıd In 
Deiterreich 63m, Sachren-Altenbrg: 1a U, 
Sachſen-Gotha 42° ,„, Württemberg ON, 
Belgien Ba 9 Dkpen KOM: ,; 
Sardinien 3606Großh Heſſen Ss, 


Die Geſammtſumme der Staatsfchulden Europa's 
zuſammengerechnet umd auf die Geſammtbevölkerung vertbeilt 
fommt auf jeden Kopf der leßteren 98 Gulden. 

Wenn ein Staat außerordentliche Bedürfniffe zu bes 
friedigen, außerordentliche Ausgaben zu beftreiten bat, 3.8. 
weil er einen Krieg führen muß, der volksthümlich tft, der 
die ganze Eriftenz des Volkes in Anſpruch nimmt, jo braucht 
er kein Geld dazu zu borgen. Jeder aus dem DVolfe gibt, 
was er hat: der Arme fein Leben, der Weiche jein Geld. 
Iſt der Neiche Egoiſt und fest fih und feine gamilie über 
den Staat, jo zwingt ihn der lebtere, ohne Furcht vor 
Miderftand; denn das Geſammtvolk ift vor allem für den 
Staat gegen einige reiche Vrivatleute. Noch nie iſt hierüber 
eine Nevolution entftanden — ſagt A. Weill in feiner 
Flugſchrift iiber Rothſchild — außer in Ländern wie Jtalien, 
wo die reichen Bürger, in zwei Klaſſen getbeilt, ſich eben 
um die Herrſchaft ftritten. Die gezwungene Anleihe, Die 


Von der Börfe und dem Geldmarft. ꝛc. 137 


in Srankreich der Konvent machte, wurde vom Volke 
jauchzend begrüßt. 

Heberhaupt ift Darin der Taft des Volkes merfwürdig, 
und genaugenommen ift es meift bet Den michtigiten Lebens- 
fragen auf Seiten der Regierung. 

Der Zweck der Negierung ift das Wohl aller jv- 
gar auf Kojten einzelner, und je mächtiger diefe einzehren 
find, deſto Fräftiger muß Die Regierung ihr Recht ihnen ges 
genüber vertheidigen. Nur der Staat, der feinem Volke 
nicht traut, oder dem das Volk nicht traut, muß bet außer— 
ordentlichen Gelegenheiten feine Zuflucht zu Einzelnen 
nehmen, um ®eld zu borgen oder große m. 
ausführen zu laſſen. 

Das Haus Rodthſchild Hätte nicht entitehen können 
als Vermittler der Staatsanleihen, wenn die europätjchen 
Staaten feit 1813 ihren Völkern volles Zutrauen geſchenkt 
hätten. Der europätiche Staat greift nur zu allgemeinen 
Mafregeln bei auferordentlichen Fällen, als 3.8. bei Krieg, 
Cholera, Revolution; das Gewöhnliche, * geht ihn 
nichts an. Harmoniren Staat und Volk, ſo gibt das letztere 
gern; in andern Fällen wendet ſich der Staat an Einzelne; 
er macht von ihnen em Staatsanleihen, leiht Geld von 
ihnen für fich ; gewöhnlich bei Banfhäufern, die ein großes 
Kapital und Anjeben befisen, weil die Staatsanleihen zu: 
gleich des Vertrauens bedürfen; denn ſelten bejißt ein Bank 
haus, — mit Ausnahme Rothſchild's und einiger weniger 
Bankierhäuſer — mit dem von einem Staate ein Anleihen 
abgeibloffen wird, überhaupt jelbft joviel bares Geld, als 


138 Fünftes Buch. 


zur Anleihe erforderlich ift, oder es hat außerdem fein Geld 
ſchon in andern Gejchäftsunternehmungen angelegt. 
Deßhalb übergeben die ein Anleihegeſchäft einge- 
henden Regierungen dem mit der Anleihe betrauten Bank: 
hauſe auf die Anleihe ausgefertigte Staatsſchuldſcheine 
mit der Bedingung, dafür die baren Summen durch Ver— 
kauf diefer Papiere zu einer beſtimmten Zeit herbeizufchaffen. 
Das ift fir den Staat zwar in jedem Betracht eine bequeme 
Weiſe, Geld zur Beſtreitung von außerordentlichen Staats— 
bedürfniſſen ſchnell und ficher zu beziehen, aber die Folgen find 


für ihn und das Volk lange nicht jo erfprieglich, als bei Natio— | 


nalanleben. Durch die üblich gewordene Maßnahme der 
Megierungen, ‚Staatsanleihen bei Bankiers aufzunehmen, 
wird zunächſt der Privatmann, der Geld beſitzt, von dem 
aus ſolchen Anleihen bervorgehenden bedeutenden erſten 
Gewinne beinahe gänzlich ausgeſchloſſen und übergangen, 
der überwiegend größere Theil der Bevölkerung kann ſich 
aber bei dem Anfaufe ſolcher Staatspapiere und dem dar— 
aus rejultivenden Gewinne gar nicht betheiligen, und jo- 
mit zieht den erſten und größten Nuben nur Das reiche 
Bankierhaus, mit dem fontrabirt wird. 

Je größer die alſo kontrahirte Staatsſchuldenmaſſe in 
einem Staate it, deſto größer find Die eben bezeichneten 
Nachtheile fiir die größere Zahl, deſto größer aber auch zu— 
gleich Vortheil und Gewinn für die Staatspapierbeſitzer, 
beſonders aber für das Bankierhaus oder die Bankiers, mit 
welchen das Anleihegeſchäft geſchloſſen iſt. Jener zahlreichere 
Theil der Bevölkerung wird dadurch dem bei weitem klei— 











Bon der Börfe und dem Geldmarkt. ıc. 139 


neren Theile der Staatspapierbefiger zinsbar, während der 
Kapitalijt die Anleihefumme nicht vol einzahlt, fondern auf 
100 je 6, 8, 10, 15, 20 und wohl noch mehr Pro: 
zent in Abzug bringt, dennoch aber nicht nur die volle 
Summe vom Staat verzinjet erhält, fondern auch die 
Papiere zu einem höheren Preiſe, als er darauf eingezahlt, 
durch den Verkauf in den Verkehr bringt. 

Dieß find im allgemeinen dargeftellt und kurz zuſammen— 
gefaßt die Verhältniffe, welche durch die Kontrahirung von 
Staatsanleihen durch Bankiers herbeigeführt werden. Durch 
Darlegung fpezieller Fälle gewinnt das Bild noch mehr 
an Klarheit, und tritt heller vor das Auge des Leſers. — 

Die legten Tage haben den Regierungen infolge 
der durch fie eröffneten, für jeden zugänglichen Betheiligungen 
an Anleihen zur Beitreitung von Staatsbedürfniffen über 
die Unrichtigkeit ihres früheren Prinzips die Augen geöff— 
net; die Völker blieben nicht zurüd, wenn es Rettung der 
Staaten galt; es bedurfte feiner Vermittlung zur Beſchaf— 
fung von Millionen durch Bankiers. 

Dem früher allgemeingeltenden . finanziellen Staats» 
prinzip und dem daraus heroorgegangenen üblichen Staats: 
anleihefyitem und der Verwaltung des Staatsfinanzweſens 
in unſerm Sabrhundert verdankt aber allein das Haus 
Rothichild ſein Daſein, fein beifpiellofes a sch es ift 
eine Ausgeburt desjelben. — 





Schstes Bud). 


Das Haus Rothſchild, feine Gefchäftsperioden und feine 
Gefchäftsetabliflements. 





Geſchichte der Gründung und des Kortganges des Han- 
delshauſes Rothſchild in feinen vier Hauptperioden 
bis auf unfere Tage. Erjte Periode: von der Grümdung 
eines eigenen Gefchäftes durch Mayer Amfchel Noth: 
fchild bis zum Tode des legteren im jahre 1812. 
Zweite Periode: des Haufes Gefchäfte von 1812 bis 
1815. Dritte Periode: Vor und Fortgänge des Hau- 
fes von 1815 bis 1830. Vierte Periode: Ferneres 
Wachsthum bis zur Gegenwart. — Die verfchiedenen 
Gefchäftsetablijjements zu Frankfurt am Main, Lon- 
Don, Paris, Neapel und Wien. — Die fünf Gebrüder 
Rothſchild als Chefs und Vorſtände derfelben. — Agen— 
turen des Haufes und Kommiſſionäre in den größeren 
Städten Europa’s. — Die Großmächte und übrigen Staa- 
ten in und außer Europa in ihren StaatSsanleihebezü- 
gen amd finanziellen Verhältnifien zum Haufe Roth— 

Tchild in überfichtlicher Zufanmenftellung. 

Haben wir bisher zunächſt als Einleitung die Aufgabe 
und den Standpunkt des Gefchichtichilderers des Hauſes 
Rothſchild feitgeftellt, in allgemeinen und überſichtlichen 
Hauptumriffen das Vermögen desselben und feine im— 
menje Anhäufung in fo kurzer Zeit, die Urfachen und 
Wege dieſes Erwerbes, die Bedingungen feiner dadurch er— 
langten Geldmacht neben feiner Bedeutung al3 der eines 


144 Sechstes Buch. 


„kosmiſchen Bankhauſes‘ geſchildert und Stimmen für und 
wider dasſelbe mitgetheilt, haben wir hierauf den Urſprung 
der Familie wie des Geſchäftshauſes, den erſten Grund 
der Größe des letzteren angegeben, den Gründer desſelben 
porträtirt und die politiſchen, ſozialen, merkantilen und 
induſtriellen Zuſtände als mitwirkende Potenzen zu dem bei— 
ſpielloſen Glück und der maßloſen Steigerung dieſes Ge— 
ſchäftes vorgeführt, das Erforderliche von der Börſe, dem 
Geldmarkt, und dem Staatsſchuldenweſen der europäiſchen 
Staaten zum beſſeren Verſtändniſſe der Beziehungen des 
Hauſes zu denſelben zuſammengeſtellt, um dadurch darzu— 


thun, daß das Hans Rothſchild nur eine Schöpfung dies 


ſes Staatsfinanzweſens und Diefer Geldmarkts- und Bör— 
ſenzuſtärnde unſeres Jahrhunderts iſt, ſo liegt uns nun— 
mehr ob, die Geſchichte der Gründung, des Vor- und Fort— 
ganges des Hauſes und ſeiner Geſchäfte in ihren Ein- und 
Rückwirkungen auf die Geſchichte unſerer Zeit und die 
Geſchicke der Völker, wie auf die politiſchen Geſtaltungen 
der Staaten näher ins Auge zu faſſen und in ihren Ein— 
zelnheiten zu ſchildern und zu beſprechen. 

Es waren einzig und allein die Zeit und die großen 
Umwandlungen in den Gebieten der Politik, des Staats— 
Finanzweſens und der Induſtrie, welche dem enormen und 
beſchleunigten Emporſteigen des Hauſes in jeder Hinſicht 
förderlich waren. Das Glück und die Zeitumſtände traten 
ihm wohl in allen ſeinen Unternehmungen die Hand bie— 
tend entgegen, dennoch aber bleibt es ein nicht geringes 
Verdienſt des Gründers des Hauſes und der ſpäter nach 


Das Haus Rothichild, feine Gefchäftsperioden ꝛc. 145 


jeinem Tode an der Spike der Geſchäfte Der einzelnen 
Häufer ftebenden, gemeinfam, mit jeltener Vor- und Ein- 
ſicht und in noch feltenerer Eintracht raſtlos wirfenden fünf 
Söhne und Gebrüder, jene politifchen, fozialen und indu— 
ftriellen Konjunkturen rechtzeitig, Elug und unter Anwendung 
aller ihnen zugebote jtehenden, ſtets nur vechtlihen Mit— 
tel und Wege zu benußen und auszubeuten. 

Es ift nicht genau das Jahr zu ermitteln, wann der 
Gründer des Haufes nach feiner Rückkehr von der jüdi— 
ſchen theologischen Lehranftalt zu Fürth, oder vielmehr nach 
Zurücklegung der in einem Gefchäftshaufe zu Hannover zuge— 
brachten Sabre, ein eigenes Geſchäft begann: des Haufes 
Geſchäftsarchiv tft für die Welt ein umentdectes Land, ein 
undurchdringliches Geheimniß, ein unzugängiges SHeilig- 
thum im Tempel der Geſchäftswelt Rothſchild's, wozu 
keinem Laien der Eintritt geſtattet wird; nicht ein Blatt, 
nicht eine Seite aus dieſen ſo reichen Geſchichtstafeln zur 
Kunde unſeres Jahrhunderts wird dem profanen Blicke 
zugewendet, und ihm auch nicht ein flüchtiges Einſehen darein 
gewährt. 

Das Maurerthum hat ſeine Geheimniſſe nicht ſo 
ſorgſam gehütet und verborgen gehalten. Vielſeitig hat 
man ſich an die Chefs der verſchiedenen Geſchäftsetabliſ— 
ſements "gewendet um Auskunft über verſchiedene Punkte; 
‚aber vergeblich, ſelbſt über die unverfänglichſten, unbedeu— 
tendſten wurde ſie verweigert. So iſt uns ein Fall der 
Art bekannt geworden, wo das Haus, wegen einer ſolchen 
Auskunft ſchriftlich in Anſpruch genommen, in höflicher 

Das Haus Rothſchild. I. 10 


146 Sechstes Buch. 


Meife das Anfinnen mit den Worten ablehnte: „daß ein 
oollftändiger Stammbaum der Familie nicht ertitire, daß 
ferner bei der großen Menge von Anlehnsgefhäften, die an 
den verfchiedenen Orten der vielfachen Gtabliffements und 
Agenturen Eontrahirt worden, ein Oejammtverzeichniß Der: 
jelben niemals aufgenommen, daß endlich ein Vorträt des 
Gründers des Haufes nicht vorhanden, da derfelbe fich nie 
babe malen laſſen, man daher bedauere den Wünſchen 
nicht entiprechen zu Eönmen, indem man überhaupt PBubli- 
fationen, Die das Haus und die Familie Rothſchild betref- 
fen, jtet3 fremd geblieben ſei.“ — 

M. A. Rothſchild Hatte fich neben jeinen talmudifchen 
Kenntnifjen auf das Studium der Antifen und vorzugs— 
weife auf alte Münzfunde gelegt, dadurch gelangte er zu 
angejehenen Verbindungen, und dieſe Kenntniß ward fir ihn 
zugleich ein nicht unbeträchtlicher Erwerbszweig. Nebenbei 


übte er fih nach feiner Heimkehr in feine Vaterſtadt in 
den Kontorwiſſenſchaften und ward darin ein tüchtiger, ges | 
wandter Arbeiter. Zwar war fein Beginn nicht dem Salo- | 
mon Heine’s, des Chefs Des großen hamburger Ban 
fierhaufes gleich, Deffen Urvermögen in einigen Groſchen 


und einem Paar lederner Beinkleider beitand, die ihm fein 


biutarmer Vater bei jeinem Austritte aus dem elterlichen | 
Haufe allein mitzugeben vermochte, womit er in Ham— 
burg’3 Thore einmwanderte, mit welchem geringen Pfunde 
er aber ſo erfolgreich für ſich und jo mildthätig-ſegens⸗ 
reich für foviele Laufende duch Gründung bedeutender 
wohlthätiger Stiftungen und durch Handlungen echter | 














Das Haus Rothichild, feine Gefchäftsperioden x. 147 


Menjchenliebe, in nahen mie fernen reifen, für feine Zeit- 
genoſſen wie für jpätere Geſchlechter wirkte, 

Rothſchild's Eltern waren nicht in jo dürftigen Um— 
ftänden, wie die des Bankiers zu Hamburg; feine Äußeren 
Berhältniffe waren von feiner Geburt ar glüdlicher geitaltet ; 
ihm ward Gelegenheit zu feiner Ausbildung gegeben, Die 
jenem mangelte, und Die er fich felbit juchen und erwerben 
mußte. Während der junge Heine mittellos in die Welt 
trat, unbefannt und auf fih und feine Thätigfeit allein 
beſchränkt, erfolgte Rothſchild's erjter Austritt aus Dem 
elterlichen Haufe infolge von Dienftanträgen, welche ihm 
von mehreren Seiten gemacht wurden, da er fich Durch feine 
erworbenen gejsbäftlichen Kenntniffe bereit3 in feiner Vater— 
ftadt befannt gemacht hatte. Cr folgte einem Rufe nach 
Hannover in ein dortiges Wechſelhaus, welchem er mehrere 
Sahre feine Ihätigfeit im Intereſſe und zum Bortheile 
jeines dortigen Prinzipals zumandte. Fleißig und ſparſam 
fehrte er von dort heim, gründete gegen den Schluß der 
ſechsziger Sabre mit einem kleinen jelbiterworbenen Kapi— 
tale jein Geſchäft und durch feine im Jahre 1770 geichloffene 
Cheverbindung jeinen Haus: und Familienſtand in Frankfurt 
am Main. 

Zunächſt waren es Mäkler- und Geldwechjelgeichäfte, 
Tauſch, Ankauf und Verkauf von altem Gold und Silber, 
Münzen, antiken Geräthen, Heinen Kunftwerfen und der- 
gleichen, die den Gegenftand feines Geſchäftes bildeten. 
Bankiergeſchäfte und Handel mit Papieren folgten im Laufe 
der Zeit, und alſo ftieg und erweiterte ſich der Geſchäftskreis 

10* 


148 Sechstes Bud. 


Rothſchild's immer mehr und mehr und nach und nach, 
indem fich zugleich die Arbeitskräfte im Gejchäftsfontor 
dadurch mehrten, daß die Söhne, je nach Alter und Jahren 
zur Mitarbeit befähigt, herangezogen wurden und als Mit- 
arbeiter im Geſchäftskontor wirkten. 

Das Dertrauen des rothſchild'ſchen Gejchäftshaufes 
wich mehr und, mehr: die ©efchäftsalliang mit dem Lands 
grafen, fpäteren Kurfürſten, von Heſſen-Kaſſel und infolge 
deren mit mehreren anſehnlichen, theils füritlichen, theils 
nichtfürftlichen Häuſern, erweiterte in gefteigertem Maße 
feinen Geſchäftsumfang, den feine im Sabre 1801 erfolgte 
Ernennung zum heſſen-kaſſel'ſchen Hofagenten als Nach- 
folger des ‚Hofjuden‘ Feidel David noch mehr fürderte. 
Die Kontrahtrung Des eriten Staatsanleibens durch das 
Haus Rothſchild fallt in dieſe erſte Periode desfelben, in— 
dem es Staatsanleihegefchäfte mit der Krone Dänemark 
abſchloß, welche fichb bis auf die Geſammtſumme von 
zehn Millionen beliefen. 

Diefes für die damalige Zeit ſehr bedeutende Ge— 
ſchäft, — worüber das Nähere die folgenden Blätter ent— 
halten — batte die nothwendige Folge, daß von da an 
das Haus von Jahr zu Sahr die Zahl feiner Handels— 
und Gejchäftsfreunde, wie die feiner Bezüge zu fürftlichen 
Höfen und Staatsregierungen wachfen ſah und fein Auf 
jich jtetS weiter verbreitete. Dadurch ward der Gründer des 
Hauſes in den Stand gefebt, feine angeborene, ihm eigen 
thümliche Liebe zur Meildthätigfeit jtetS reicher entfalten zu 
können, welche, als die Stadt Frankfurt jpäter zur Haupt—⸗ 


Das Haus Nothichild, feine Gefchäftsperioden sc. 149 


ſtadt des neugejchaffenen Großherzogthums erhoben ward, 
durch feine Ernennung zum Mitgliede des dortigen Wahl— 
folfegiums Durch den edlen Öroßherzog (früheren Freiherrn 
von Dalberg), dem auch die jüdiſche Bevölkerung die Ver— 
leihung des vollen Genufjes der bürgerlichen und politi= 
ichen Rechte verdanfte, anerkannt und belohnt wurde. Die 
Mohltbaten des alten Rothſchild find in Frankfurt tradi- 
tionell geworden, und noch viele feiner älteren Bewohner 
erinnern fich des alten Amſchel Rothſchild aus der Juden— 
gaffe mit dem charakteriſtiſchen Judenhütchen auf dem fahlen 
Scheitel, wie erauf ſeinen Gängen durch die Straßen der 
Stadt ringsum fich Geſchenke und Almoſen fpendete. Fait 
fiebenzig Jahre alt ward erim Jahre 1812 den Seinigen 
Durch den Tod entriffen: jein Stamm zählte zehn Kinder, 
darunter fünf Söhne, welche das Geſchäft in Verbindung 
fortjeßten, des väterlihen Segens und feiner Mahnung 
eingedenf: „in brüderlicher Eintracht zu leben bis ans 
Ende” Mit feinem Abfterben ſchließt die erſte Periode des 
Hanjes Rothſchild ab, klein und im Dergleich zu den ko— 
Iojfalen Erfolgen der fpäteren VBerioden unbedeutend, wenn 
auch jchon gegenüber den Nefultaten anderer europäiſchen 
Banfhäufer jener Zeit von Bedeutung. 

Des Haufes Gefchäfte vom Jahre 1812 bis 1815 
bilden die zweite Periode feiner Thätigkeit; wir begrenzen 
Diefelbe jo enge, weil gerade vom Jahre 1815 beginnend 
der Umfang einen folchen Umſchwung nahm und eine jolche 
Höhe erreichte, wie fie kaum denkbar ift, ja gleich einem 
Räthſel erfiheint, welches feine Löfung allein in den von 


150 Sechstes Bud. 


da an plabgreifenden, höchſt eigenthimlichen Geſtaltun— 
gen in dem Leben der Staaten infolge der großen poli- 
tiſchen Ereigniſſe jenes Zeitalterd findet. 

Während dieſer drei Jahre von 1812 bis 1815 nahm 
bereitS das rothſchild'ſche Geſchäft feinen eigenthiimlichen 
Anfang in feinen kosmiſchen Bezügen; feine Richtung wandte 
ſich ſchon mehr von dem Privatverfehr, wie er bis dahin 
der Mehrzahl der Bankierhäufer eigen war, ab und fehlug 
eine andere Bahn ein. Es war dieß das Abjchließen mehre- 
ver Anleihegeſchäfte, das Ausgeben der Papiere derfelben, 
die Spekulation in Papieren und der Handel damit, die 
den bisherigen reinen Wechſelgeſchäften zur Seite traten. 
Dadurch allein wurde die Selva - Weltmaert 
Rothſchild gegründet; zugleich verbreitete ſich von 
der Börſe aus „das Derderben der neueren Zisilijation.” 

Die Effekten erzeugten einen neuen bedeutenden Handel 
und brachten einen neuen, zuvor in dem Maße nicht gefannten 
Erwerb hervor, dem innern ©ehalte und Außeren Umfange 
nach Das vorher beftandene Geſchäft in und mit Wechſeln 
bald überflügelnd. Den Staatspapieren traten alsbald im 
Laufe der Zeit Anleihen und Aktien aller Art hinzu, Die 
den Gefchäftsbereich in dem Mage ermeiterten, dag nicht 
nur Gefchäftsleute, ſondern auch viele Glieder anderer 
Stände, Ahrgebörige aus allen Klaſſen und Schichten der 
Geſellſchaft fih daran betheiligten. Diefe neue Art der 
Seldgefshäftsthätigfeit fand von Jahr zu Jahr mehr fich 
jteigernde DVBerbreitung, die in der Natur der Sache ge— 
gründet tft. 








Das Haus Rothichild, feine Gefchäftsperioden ac. 151 


® 


Man kann — einzelne Ausnahmen abgerechnet — zuvör— 
derft jede beliebige Summe in Staatspapteren anlegen und 
auf Diefem Wege verwenden, während bei Anlagen von Gel— 
dern und Rapitalien auf Hypothek (Sicheritellung Durch Ge— 
baude und liegende Gründe) gemeinhin größere oder Flei- 
nere Summen, als man gerade im Augenblick unterbringen 
fann, gejucht werden; alle gangbaren Bapiere kann man 
auf jedem irgend bedeutenden Platz veriilbern, alſo eine 
nene Ausficht auf eine gute Spekulation, namentlich den 
günstigen Mechjelfurs auf einem auswärtigen Platz augenz 
blikfih zu benutzen. Jeder Beſitzer von Staatspapieren 
fann auf den regelmäßigen Eingang der Zinfen mit 
Sicherheit rechnen, ganz bejondere Greigniife ausgenommen, 
und fie nach feiner Bequemlichkeit aıı mehreren Orten ohne 
alle Bemühung heben, eine Menge jonitiger erleichternder 
Bortheile ungerechnet. Zu allem dieſem kommt nun noch 
Die Spekulation und der Handel mit Papieren und der 
dadurch ermirfte größere oder geringere Erwerb, je nach 
Glück oder richtiger Wahl des Zeitpunktes bei ihrem An— 
und Verkauf. 

Die eriten bedeutenden Staats-Anleihen des Haufes 
Kothichtild waren — wie bemerft — die mit der Krone 
Dänemark vom Jahre 1804 bis 1812 gefchloffenen über 
zchn Millionen. Es ift nicht zu ermitteln, ob das im 
legtgenannten Sabre gejchloffene Anleihegeſchäft noch bei 
Lebzeiten des alten Rothſchild zuftande gefommen ift; 
indeß iſt dieſe Anleihe längſt zurückgezahlt, während gegen 
wärtig noch ein Anleihen vom Jahre 1822 bei Goldſmith 


152 Sechstes Buch. 


& Eompagnie zu London auf Höhe von drei Millionen 
Pfund Sterling und ein zweites vom Jahre 1825 im Ber 
trage von drei Millionen Bfund bei IH. Wilfon befteht. 
Augenbliclich ift Dänemark unter den europäischen Staaten 
finanziell gut fituirt, indem e3 ein Staatsbudget von fünf 
Millionen Einnahme und drei Millionen Ausgabe ohne das 
Budget der Herzogthümer beſitzt. 

Ueber Dänemark brach mit dem Sabre 1807 eme 
Reihe theils unverſchuldeter, theils unvorhergefebener Unglücks— 
fälle herein und brachte das Land dem Untergange nahe. 
Das bedeutendite und unjeligite Greigniß war der Ueber- 
fall durch England ohne vorgängige Kriegserflärung, indem 
es unter dem Admiral Gambier eine Flotte von vierumd- 
fünfzig Kriegsſchiffen in den Sund endete und das em- 
pörende Begehren der Auslieferung der dänischen Flotte 
jtellte. Auf entſchiedene Weigerung landete am 16. Auguft 
1807 ein britifches Heer von 33.000 Mann unter dem 
General Gatheart einige Meilen von Kopenhagen, welches 
drei Tage bintereinaitder bombardirt wurde, worauf der 
General Prymann die Flotte, beftehend aus achtzehn 
Linienſchiffen, fünfzehn Rregatten, ſechs Briggs und fünfund- 
zwanzig Kanonenbooten, dem Feinde übergab. Im Kriege 
mit England erklärte Dänemark im darauffolgenden Jahre 
der Krone Schweden den Krieg, der nach einjähriger Dauer 
mit dem Friedensfchluffe von Jönköping endete, während 
e3 mit England ihn mit ungeheuren Anftvengungen fort 
führte und eine Nuderflotille baute, womit es dem Gegner 
im Derlaufe des Krieges manchen fühlbaren Verluſt 





Das Haus Rotbfchild, feine Gefchäftsperioden 2c. 153 


zufügte, und wozu bei der gänzlichen Zerrüttung des Staat3 - 
finanzwejens die Bürger werteifernd durch Opfer an Geld 
und ©ut beigetragen hatten. Im Frieden von Kiel 1814 
mußte es Norwegen an Schweden abtreten, wofür es exit 
Schwediſch-Pommern erhielt, das ſpäter für das kleine Her— 
zogthum Lauenburg vertaufcht wurde. 

Dadurch fliegen die Bedürfniffe des Staates in dem 
Grade, wie die Kräfte des Volkes zu neuen Auflagen ab- 
nahmen: man fehritt daher zu Ausgabe von WBapiergeld, 
deffen Maffe nach und nach auf 142 Millionen ftieg, wäh- 
vend die Staatsiehuld am 1. Jänner 1814 ungefähr 100 Mil: 
lionen in Silber betrug; dieſe letztere mehrte fich Durch 
mehrere bedeutende Anleihen immer mehr und betrug am 
t. Sänner 1843 über 114 Millionen Neichstbaler. ine 
dDiefer Anleihen, wozt Dänemark feine Zuflucht nehmen 
mußte, war das mit M. A. Rothſchild und Söhne kon— 
trahirte Leihgefchäft. — — 

Die dritte Periode des Haufes begreift jeine Vor- und 
Fortgänge vom Jahre 1815 bis 1830 in fich, Die eriten fünfzehn 
Jahre nach Wiederherſtellung der „alten Ordnung der Dinge“ 
in der politifchen Welt Europa’3 nach dem Sturze der fran— 
zöfiichen Fremdherrſchaft unter Napoleon 1, jene Epoche, 
worin als Ziel der Politik der Sab aufgeitellt wurde: 
Ruhe für den Augenblick! dem denn auch von allen Kabi- 
neten nachgelebt ward bis zur Revolution in Frankreich im 
Jahre 1830, dem Sturze der Linie Bourbon durch die Linie 
Orleans. 

Für die Bankhäuſer Europa's und namentlich für das 


154 Sechstes Buch. 


Hans Rothſchild war dieſer Zeitraum ein äußerſt ergiebiger, 
eine wahre Kröſus-Erwerbszeit, das Zeitalter der Ge— 
ihäftshlüte und die goldene Niefenernte für die Beutel 
und Goldſchreine der Bankiers. | 

Die langjährigen Kriege fait aller Staaten Europa's — 
theil3 gemeinfchaftlih als gezwungene Bundes-, Kriegs und 
Waffengenoſſen mit dem Ufurpator, theild als Feinde wider 
ihn — hatten ſämmtliche Staatsfchäße nicht allein bis zum 
außeriten erſchöpft, ſondern obenein infolge der beiipiel- 
Iofen Kriegsfontributionen und demnächſtigen Kriegsrüftun- 
gen zur gewaltfamen Abſchüttlung des ſchwerniederbeu— 
genden Joches des Welteroberers eine Staats-Schuldenmaſſe 
in allen Ländern aufgebäuft, die wie ein Rieſenalp darauf 
lajtete. Das alles mußte möglichit wieder geordnet, insbe- 
jondere den großen Verpflichtungen gegen die Staaten 
glänbiger Nechnung getragen werden. Und das geſchah während 
diejer fünfzehn Sabre von 1815 bis 1830 und zwar hauptſäch— 


fich durch Vermittlung des Haufes Rothſchild; Die von. 


demfelben den fünf Großmächten Rußland, England, Oeſter— 
veich, Frankreich und Preußen allein bejchafften Anleihen 
betrugen bis zum Sahre 1826 nach einer guten Duelle — 
den Aufzeichnungen des Hofraths Gentz — die Summe von 
faft 1000 Müllionen, wozu für Neapel, Brafilien und ei— 
nige deutſche Höfe noch 160 Millionen hinzukommen. 

Die vierte Periode umfaßt den Zeitraum vom Sabre 
1830 bis zur Gegenwart. Während im Laufe der vorigen 
Verivde das Jahr 1825 infolge Nibertriebener Spefula= 
tionen aller Art jene Geldkriſis herbeiführte, welche viele 





Das Haus Rothichild, feine Gefchäftsperioden ꝛc. 155 


bedeutende Handels: und Gefhäftshäufer theils ganz ftürzte, 
theil8 an den Rand des Verderbensabgrundes brachte, jelbit 
die Erifteng der britifchen Bank bedrohte, die fich zum— 
theil nur durch einen von Rothſchild entliehenen bedeu— 
tenden Vorſchuß rettete und dadurch in den Stand gelebt 
ward, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzufommen, wurde 
in dieſer letzten Periode die Geld- und Geſchäftswelt 
durch einen andern bedeutenden Stoß tief erſchüttert. Die 
franzöſiſche Julirevolution des Jahres 1830 brach unver— 
ſehens aus und erſchütterte den Kredit bis in ſeine tiefſten 
Grundfeſten; auch hier half das Haus Rothſchild durch 
ſeine Geldmittel wie durch ſeinen Kredit ſowohl vielen Ge— 
ſchäftshäuſern als Staaten und — verdiente, wie in der 
vorigen Periode, bedeutende Summen und bedeutendes An— 
ſehen. Seine Größe erfreute ſich dadurch erneueten Wachs— 
thums. 

Achtzehn Jahre hindurch nach dieſem Umſturz der 
Dinge in Frankreich beſtand unter Ludwig Philipp, dem 
Chef und Begründer der neuen Dynaſtie auf dem franzö— 
ſiſchen Königsthrone, die neue Ordnung, und Ruhe herrſchte 
auf dem ganzen Kontinente Kür Rothſchild war Diele 
Periode „Die glanzvollſte ihrerfinanziellen Wirk 
jamfeit,“ wie der früher angefithrte Artifel im Der 
augsburger allgemeinen Zeitung jelbit bejagt. . 

Da rief ebenſo urplöslich der Februarmond des Jahres 
1848 Greigniffe in fait allen Ländern des europäiſchen Kon— 
tinent3 ins Leben, wie ſie die alte Welt zuvor nie gejehen, 
nicht einmal geahnt hatte. Nach den politifchen Erſchei— 


156 Sechstes Buch. 


nungen und Umgeftaltungen, Kämpfen und Gegenkämpfen, 
nach Einführung neuer VBerfaffungsformen und theils ganzer, 
theils theilweifer Wiederheritelung der Ordnung trat 
im Staatsfinanzweſen eine Neform ein, welche den bis— 
berigen Ginfluß des Haufes Nothichild gewaltig paraly— 
firte. Die Regierungen nach den Nevolutionen des Jahres 
1848 erkannten, daß auf andere Weife als bisher Geld 
zu beſchaffen jei zur Beitreitung der Staatsbedürfniffe; fie 
jaben ein, daß man ohne Vermittlung der Banfiers Die 
dazu erforderlichen Mittel aus erfter Hand direkt beziehen 
fünne, fie wandten ſich offen und geradezu an ibre Völker, 
und — die Bölfer gaben freiwillige Anleihen, nicht allein nach 
Bedarf und Forderung, jondern man zeichnete in einigen 
europätichen Staaten das Zebnfache und mehr über die 
beanfpruchten Summen hinaus. 

Diefe den Negierungen ſelbſt unerwarteten Erfolge 
baben von da an eine Wendung in dem bisherigen Staats- 
anleihebeichaffungsgejchäfte herbeigeführt, jegensreich für Die 
Völker, indem jeder ohne Ausnahme unmittelbar an den Fol— 
gen, dem Verdienſt und Gewinne, die ſolche Anleihen 
bisher nur den fie vermittelnden Baufhäufern allein zu— 
wandten, theilnehmen kann und zudem das Geſchäft ſelbſt 
ſtets wohlfeiler auf diefe Art zuitande fommt, indem der 
bedeutende Vorgewinn, der den Banfiers allein dabei zufiel 
und von den Staatsfaffen erſetzt werden mußte, dadurch 
gänzlich ein Ende genommen bat. 

Infolge diefer Maßnahmen kann fih zwar jedes 
Banfierhbaus an jeder Staatsanleihbe nach wie vor betheili- 


Das Haus Rothihild, feine Gefhäftsperioden ıc. 157 


gen, aber in feiner andern Weile als jeder Staatsange- 
hörige oder ſonſtige Privatmann; das frühere Verhältniß 
der vermittelnden Hand und Hilfe zwiſchen Negierung und 
Bankhaus Hat aufgehört, und infolge dieſer radikalen 
Umwandlung des Staatsanleibegejchäfts find alle Banfters, 
welche ſonſt fich demfelben hauptfächli zugewandt hatten 
und daraus enorme Gewinne zogen, auf andere Geſchäfts— 
bahnen und Gewinnwege angewieſen. 

Dieß gilt jelbjtredend vom Haufe Rothſchild haupt— 
jächlihb und zunächſt als eriter, die Staatsanleihen jeit 
einer geraumen Reihe von Sahren in größter Zabl ver- 
mittelnder Geldmacht. Es Hat fich Daher von jener Zeit an, 
son jenem „tollen Jahre 1848“ her, welches fr dasjelbe 
gerade ein verhängnißreiches geworden iſt, in feinen Gejchäf- 
ten eine ganz andere Richtung vorgezeichnet, und fich vor— 
zugsweiſe an allen induftriellen Unternehmungen, an Eiſen— 
bahnen, Berge und Hüttenwerfen und dergleichen bethei- 
ligt, nicht minder aber auch allüberall an Geldinftituten, 
Kreditanitalten, Banfen aller Art, fie ſeien reeller Natur 
oder mögen ins Reich des Schwindels gehören: jowohl 
Diefe wie jene find Gegenitände der Spekulation des Hau— 
jes Rothſchild, denn — „es macht gegenwärtig in allem,” 
ja e3 bat jogar verjucht, bedeutendes Kapital in Grund— 
befiß anzulegen, gleichwie es neuerdings die Konzeſſion zu 
der großen Unternehmung der transatlantiichen Packetboote 
vonder franzöfiichen Negierung erhalten bat, welche es in 
Berbindung mit einer Gefellfchaft von Nhedern zu Havre 


158 Sechstes Bud. 


auszubeuten beabfichtigt, dem Sprüchworte zum Trotz: 
„das Waſſer hat feine Balken.“ | 
Bei diefer ganz neuen Öeichäftsrichtung, welche einzu— 
Ihlagen das Haus Rothſchild durch Die Zeitgeftaltungen 
und finanziellen Verkehrs: und Bezugsreformen gezwun— 
gen worden, wenn e3 nicht feinen bisherigen Einfluß auf 
den Geld- und Börſenmarkt ganz einbüßen wollte, hat es das 
frübere Uebergewicht bereits ganz verloren und ſteht neben 
und zwifchen vielen der übrigen Bankhäuſer gegenwärtig nur 
noch ebenbürtig da, während es vorhin fich hoch und weit 
über dieſelben erhob. In finanzieller oder richtiger peku— 
niärer Hinficht indes haben fich Durch die neue Geſchäfts— 
richtung der Gegenwart auf den Gebieten der Spekulation, 
des Geld- und PBapierverfehrs die Verhältniſſe des Hau— 
jes Rothſchild nicht geändert, insbeſondere Vortheil und 
Gewinn ihres Geichäfts nicht verringert; vielmehr find die— 
jelben nur bedeutend gejtiegen, indem die gegenmwärtigen 
Konſtellationen der Börſenmärkte für eine Geldmacht wie die 
rothſchild'ſche nur den allergünftigiten Effekt haben, die am 
ſchnellſten und reichiten lohnenden find, da es dieſem Haufe vor— 
zugsweiſe, geſtützt auf ſein rieſenhaftes Kapitaleigenthum 
und auf feinen ungeheueren Kredit, möglich iſt, zu rech- 
ter Zeit fib an jeder finanziellen Unternehmung zu be— 
theiligen und — um das Wort zu gebrauchen — den 
fetteften Rahm von der Milch oben abzufchöpfen, während 
der nach ihm Kommende mit der ımteren Schicht zufrieden 
jein muß, und die jpäteren Theilnehmer — bejonders bei 





Das Haus Rothichild, feine Oefchäftsperioden ꝛc. 159 


den zahlloſen Schwindeleien unjerer Tage — leer ausgehen 
und Einbuße leiden. — 

Das erite und Haupt-Befchäftsetablifjement, gegrün— 
det von Mayer Amjchel Rothſchild, war das zu Frankfurt 
am Main; es war das alleinige bis zum Sabre 1798, 
in welchen zu London ein zweites Gtabliffement gegrün— 
det wurde, dem tm Sabre 1812 das zu Paris folgte. 
Dieje drei Etabliſſements gehören mithin der erſten Peri— 
ode des Hauſes an. In die zweite Periode Fällt die Grün— 
dung der übrigen größeren Gejchäftsetabliffements, und 
zwar des Gejchäftshaufes zu Wien um die Jahre 1816 
bi3 1817, jomwie des zu Neapel im Sabre 1821. 

Die Vorſteher und Chef3 aller dieſer fünf Käufer 
waren die fünf Söhne Rothſchild's. Der ältefte der Ge— 
britder, Anſelm, jtand bis zu feinem im Jahre 1855 am 
3. Dezember erfolgten Tode dem franffurter Haufe vor. 
Der dritte der Gebrüder, Nathan, verſah die Stelle des 
Chef3 zu London; er farb am 28. Juli 1836. Jakob 
von Rothſchild, der jüngfte der Gebrüder, führte Das Ge— 
jchäft zu Paris und lebt noch als der letzte Ueberlebende 
der fünf Brüder, während Salomon von Nothiehild, 
der Chef des Stabliffements zu Wien, am 27. Juli 1855 
und Karl Mayer von Rothſchild am 10. März desfels 
ben Jahres als VBorfteher des ©efchäftshaufes zu Neapel 
ftarben. Gegenwärtig jtehen an der Spite der verſchiedenen 
Häuſer — mit Ausnahme des parifer — Familienangehö— 
tige aus der zweiten ©eneration, wie denn auch an Die 
Stelle Anſelm's von Rothſchild im Suli 1856 der Frei— 


160 Sechstes Buch. 


herr Karl Srtedrich von Rothſchild zum E E£. öſterrei— 
chiſchen Generalkonſul zu Frankfurt am Main ernannt 
wurde. — 

eben diefen fünf grögeren Geſchäftshäuſern hat das 
Haus noch in faſt allen größeren Städten, insbejondere 
in den fürftlichen Nefidenzen wie in den Handels- und vor— 
zugsweile Börſenſtädten ſeine Agenturen und Kommiſſio— 
näre, welche dort Die nterefien des Haufes wahrnehmen 
und die ihnen gewordenen Aufträge ausführen, insbeſon— 
dere ſich mit dem An- und Derfaufder Papiere zufolge der 
ihnen zugebenden Anweiſungen und Ordres befallen. — — 

„Welcher Staat würde wohl jegt eine An— 
Leibe, ohne Rothſchild unterh an Dielen 2 Dieie 
Stage jtellte der in dem erſten Buche dieſer Schrift 
wiederaufgenommene Artikel, welchen die allgemeine augs— 
burger Zeitung des Jahres 1844 als Inſerat enthielt; 
und beute nach zwölf Jahren iſt jener Sab, der damals 
noch eine unumſtößliche Wahrheit war, bereits zur Lüge 
geworden: der bedeutende, faft alleinige Haupteinflug des 
Haufes Rothſchild auf die Finanzzuftände der Staaten 
Europa’s iſt gebrochen, Die bevorzugte Stellung, welche 
es in den Beziigen zu den Staatsanleihegeſchäften unter 
allen großen Bankhäuſern der Welt einnahm und jchier 
jede Konkurrenz unmöglich machte, oder Doch mindeitens 
auf das äußerſte erichwerte und in die engiten Kreife und 
Schranken zurückwies, ift verfehwunden. Aber vor der jüng- 
jten Zeit, deren wolitifche Geſtaltungen diefen Umſchwung 
herbeifüihrten, war das Haus Rothſchild beinahe ausjchließ- 


Das Haus Rothiehild, feine Gefchäftsperioden ıc. 161 


lich die vermittelnde Macht bei Staatsgeldverträgen, und 
wo neben ihm vielleicht andere, ſelbſt die größten Häuſer 
ſich bei einem oder dem anderen Unternehmen betheiligten, 
da hatte jenes dieſelben gleichſam im Schlepptau; es 
war der große Rieſendampfer, der kühn und kräftig voran— 
arbeitete; die unermeßlichen Geldmittel und der darauf ſich 
griimdende ſchranken- und grenzenlofe Kredit Rothſchild's 
war die Dampffraft, welche alles in Bewegung fette, wo- 
durch es fih zur Verfügung der Mächte ftellte, fobald fie 
feiner Geldhilfe bedurften. | 

Die Betbeiligung Rothſchild's an den europäiſchen 
Staatsgeldgeichäften befehränfte fich, wie wir oben geſehen, 
in der eriten Gefchäftsperiode Des Haufes auf mehrere 
hintereinanderfolgende Anletheverträge mit Der Damals geld- 
bedirftigen Krone Dänemark zum Geſammtbetrage von zehn 
Millionen. Die zweite Periode war in diefer Hinſicht Die 
unfruchtbarftie und unergiebigſte. Vom Jahre 1815 an 
dagegen nahm die Begründung des jetzt unermeßlichen Ver— 
mögens ſeinen Anfang durch eine Reihe bedeutender An— 
leihevermittlungen für die Großmächte Europa's, mehrere 
kleinere deutſche Staaten, den Hof von Neapel und das 
Kaiſerreich Braſilien, welche bis zum Schluſſe des Jahres 
1826 ſchon die Summe von 1200 Millionen umfaßten; 
nebenbei gingen in den erſten Jahren dieſer glänzenden 
Periode noch die ſeitens Frankreichs infolge des pariſer Frie— 
dens an die verbündeten Höfe zu zahlenden Kriegsentſchädi— 
gungsgelder im Betrage von mehreren 100 Millionen durch 
des Hauſes Hände, und außerdem noch die manchfaltigen 


Das Haus Rothſchild. I. 11 


1623 Sechstes Buch 


oorübergebenden Zahlungen in Aufträgen der verichiede- 
nen Megierungen, deren Geſammtbetrag jene Summen 
vielleicht noch überftieg, zum mindeften denfelben gleichfam. 

Betrachten wir die Durch des Haufes Rothſchild Ver— 
mittlung geſchloſſenen Staatsanleiheverträge, die desfallfigen 
Bezüge und finanziellen Verhältniſſe der Großmächte und 
übrigen Staaten in und außer Guropa zit jenem Kaufe 
während der Jahre 1815 bis 1830 näher, fo ergeben 
fich nachjtehende großartige Geldgefchäftsrefultate, für deren 
vollftändige Nefapitulation indeflen Feine Gewähr irgend- 
einer Art geleiftet werden foll. 

Eine der älteiten Anleihen it die mit der Krone 
Preußen im Sabre 1818 fogenannte englifche Anleihe 
im Betrage von fünf Millionen Pfund Sterling ; fie wurde 
unter ſehr läftigen Bedingungen abgeſchloſſen; der Staat 
bewilligte fünf Prozent Zinfen und erhielt für die evite 
Hälfte der Anleihe von 2 Millionen nur 70 Brozent 
des Nominalbetrages; die andere Hälfte wurde in zwei 
gleiche Theile gegen 72; und 75 Prozent getbeilt, wofür 
aber nicht der volle Betrag eingenommen wurde; mit der 
Beftimmung, dag im eriten Sabre 3, im zweiten 2", im 
dritten 2, im vierten 1'% und im fünften Jahre 1 Prozent 
abbezahlt werden follten. Im Sabre 1830 wurde der 
Reſt diefer Anleihe in eine vierprogentige umgewandelt, bet 
welcher ebenfall3 ein Prozent und die Zinfen der eingeldften 
Staatspapiere von 1835 an zur Tilgung verwendet werden 
follten. Im Sabre 1822 wurde eine zweite englifche Anleihe 
von 3% Millionen Pfund Sterling zu fünf Prozent und 


Das Haus Rothichild, feine Gefchäftsperioden sc. 163 


jäbrlicher einprogentiger Tilgung abgeſchloſſen, welcher im 
Jahre 1830 die dritte preußiſch-engliſche Anleihe gegen 
vier Prozent Zinfen folgte. 

Deiterreich ſah fich gleich Preußen genöthigt, meh— 
vere Staatsanleihen mit Rothſchild theils allein, theils zu- 
gleich in Verbindung mit anderen Bankhäuſern abzuſchlie— 
Ben.. Das erite Anleihen war das vom Jahre 1820 mit 
David Pariſh und ©. M. v. Rothſchild im Berrage von 
20 Millionen 800.000 ®ulden im Zwanziggulden-Fuße 
in ofen, vejpeftive Prämienjcbeinen von 100 Gulden. Die 
zweite mit Rothſchild abgeſchloſſene Anleihe folgte im Jahre 
1821 auf Höhe von 37 Millionen 500.000 ©ulden in 
Looſen zu 250 Gulden und zu 5 Prozent Zinfen. Daran 
ſchloß fich Die dritte zum Betrage von 25 Millionen im 
Jahre 1834 mit den Häufern Rothſchild, Arnſtein, Es— 
feles, Sina und Geymüller &. Komp. zu Wien, abge 
Ichloffen gegen vier Prozent Zinfen und in ofen zu 500 
Gulden, und fchlieglich eine vierte vom Sabre 1839 mit 
den nämlichen Häufern auf 30 Millionen in Obligationen 
zu 250 ©ulden. _ 

Rußland negoziirte im Jahre 1822 eine Anleihe 
von 372 Millionen Pfund Sterling durch das Haus Roth— 
jebild, welchen hierauf gleichfalls ein Anleihen von 15 
Millionen Pfund Sterling zur Entihädigung der weſtindi— 
ſchen Planzer im Jahre 1835 von England wegen des 
damaligen niedrigen Zinsfuges zu drei Prozent ohne grö— 
Beren Nennbetrag zugeichlagen ward, jedoch mit einer be- 
trächtlichen Zulage in geitrenten; man gab nämlich für 

1% 


164 Sechstes Bud. 


je 100 Pfund Sterling bar 75 Bund in dreiprozen— 
tigen Konſols, 25 Pfund in dreiprozentigen reduzirten 
nebſt 13 Schillingen ſieben Prozent langen Zeitrenten, die 
bis 1860 laufen und deren gegenwärtiger Werth, zu vier 
Prozent berechnet, auf zehn Pfund eilf Schillinge anzu— 
ſchlagen iſt. 

Im Jahre 1847 übernahm das Haus Rothſchild das 
Anleihen Frankreichs von 250 Millionen Franks zu 
75 Prozent; es garantirte die griechiſche Anleihe von 
96 Millionen Frank im Jahre 1833 zu 94 Prozent, 
und die Niederlande verkauften 1832 an Rothſchild 
den Antheil ihrer 27% progentigen Schuld, welche Belgien 
übernehmen mußte, zum Betrage von 80 Millionen GOul— 
den (zu 63, 39 fir 100) zu 60 Prozent. 

Anhalt-Köthen Eontrabirte bei Rothſchild 1823 
drei verfchiedene Anleihen zu 540.000, 325.000 und 
500.000 Thaler, zufammen 1 Million und 375.000; 
Belgien im Sabre 1831 50 Millionen Franks und 
mit Rothſchild und der Société generale zufammen 160 
Millionen. 

Brasilien erhielt durch Rothſchilbs Vermittlung 
1824 3 Millionen 200,000 Pfund Sterling und 1829 
800.000 Pfund; das Großherzogthum Heſſen im 
Sabre 1825 6% Million Gulden und 1834 2 Millionen 
375.000 Gulden, das Herzogthum Naſſau im Sabre 
1837 2 Millivnen 600.000 Gulden. 

An dieſe Anleihen durch RN schließen fich noch 
ferner folgende: 


Das Haus Rothichild, feine Geſchäftsperioden ac. 165 


Heffen- Homburg mit 1 Million 175.000 ©nl- 
den im Sabre 18295 Hobenzollern=- Hebingen 
mit 260.000 Gulden im Jahre 1829 5; Neapel 1821 mit 
16 Millionen, 1822 mit 20 Millionen und 1824 mit 
2% Millionen Pfund Sterling; der Kirchenſtaat 1831 
mit 16 Millionen Franks und 1845 mit 2 Millionen 
160.000 Frans; Sachſen-Koburg-Gotha mit 5 
Millionen 500.000 Gulden, und das Herzogthum Lucca 
1840 mit 1,050.000 und 1843 mit 1,120.000 Gulden. 
Das Großherzogthum Baden erhielt 1840 5 Millio— 
nen und 1845 14 Millionen Gulden bei Rothſchild, 
Haber und Goll, Kurheſſen 1844 6 Millionen 700.000 
Thaler. 

Augerdem wurden an neneren Staatsanleihen in Deutſch— 
land allein in den Jahren 1847 bis 1851 einfchlieplich noch 
£fontrahirt von Baden drei Anleihen zu 2, 1" und 17 
Millionen in den Jahren 1848, 1849 und 1851, und bei 
2. Blanc 1851 6 Millionen Gulden, Baiern in drei An— 
Seihen 1848 zufammen 22 Millionen, die Stadt Frank— 
furt am Mai 1849 969.600 und 1851 2 Millionen 
30.400 Gulden, Hannover 1847 3 Millionen 600.000 
Thaler, das Großherzogthum Helfen 1848 bis 1851 
in vier Anleihen 67 Millionen Gulden, Naſſau 1849 
I Million 200.000 Gulden. 

Diefe, feinesweges die ſämmtlichen Anleihen erjchöpfen- 
den Aufzeichnungen geben mindefiens doch ein Bild von 
der Größe, Bedeutung und dem Umfange des Staatsan— 
feibegejchäfts vom Sabre 1818 bis zum Jahre 1850 hin. 


166 Sechstes Buch. 


Mas außerdem durch Die vielen großen fonftigen Bank: 
bäufer während dieſer Sabre vermittelt worden und welche 
Staatsanleihen von 1850 bis heute gefchlojfen find, Tiegt 
außer Zweck und Abjicht diefer Schrift. Wie groß der 
Gewinn des Haufe Rothſchild dabei Durch feine mit jenen 
mancherlei Staatspapieren gemachten Börfengefchäfte und 
Spekulationen geweſen, darüber mangeln mir wie jedem 
Andern Anbaltspunft wie Nachweis; dem ibm allein 
jtand jede Einwirkung darauf zu; von ihm allein hingen 
die Börſe, ihre Preife und Schwanfungen ab. | 

Alle jene Geldbefchaffungen fir die Staaten und Für— 
jten warfen gleich im Beginn ihre feiten bedeutenden und 
bedingungsmäßigen Prozente für das vermittelnde Haus ab, 
dejfen größere Gewinne aber ſich erſt durch Die ſpäteren 
Spekulationen in diefen StaatSpapieren und Die wiederholten 
Anz und Derfäufe derielben, je nachdem des Hauſes Roth— 
child Allgewalt auf der Börſe die Preiſe derſelben hinab— 
gedrüct oder hinaufgeſchraubt, ergaben. 

Mie die gerchab, werden wir bet Schilderung Der 
Geſchäftsmanipulationen Rothſchild's ſehen. Nefapituliren 
wir zum Schluſſe, was ſich während des Beſtandes des 
rothſchild'ſchen Hauſes im Laufe ſeiner vier Geſchäftspe— 
rioden einflußreich für dasſelbe in der politiſchen Welt be— 
geben hat. In die erſte, mehr als vierzig Jahre umfaſſende 
Periode des Hauſes Rothſchild fällt eine Reihe der größ— 
ten politiſchen Weltereigniſſe: zuerſt der Freiheitskampf 
der engliſchen Kolonieen Nordamerika's gegen das Mutter- 
and und die erite franzöſiſche Staatsummälzung. Beide 





Das Haus Rothſchild, feine Gefchäftsperioden 2c. 167 


waren die mittelbaren Urſachen des eriten Gelderwerbs 
Rothſchild's infolge jeiner Bezüge zum Landgrafen, von 
Heſſen-Kaſſel, womit er den Grundſtein zu feinem Ge— 
jchäfte zu legen im Stande war. In dieſelbe Periode 
fällt die erobernde Weltberrjchaft Napoleons, während fein 
Sturz und die Nejtauration des früheren politischen Zus 


ſtandes und Gleichgewichtes in Europa die ganze folgende 


zweite Periode umfaßt. Rothſchild's Glückſtern war mit 
dem Glücksſterne Bonaparte’3 geitiegenz; als das Kriegs- 
unglück zuletzt diefen verfolgte, erjchien jenes Stern im 
höchſten Glanze, während der Bonaparte's in der Schlacht 
bei Belle-Alliance für immer erloſch. Während Rothſchild 
für, Napoleon’S Heere Lieferungen übernahm, ſchloß er An— 
leihen für einzelne Staaten zur Verwendung gegen ihn, 
ſchoß entthronten deutſchen Fürſten Geld zu ihrer Erifteng 
vor und diente allen Barteien; denn er gehörte feiner 
Partei, feinem politifchen Prinzip an. In Die dritte 
Periode fällt die eigentliche Begründung feines unermepli- 
chen Vermögens. Durch Staffetten und Kuriere früber 
als die übrige Handelswelt von dem für die gegen Na— 
poleon verbündeten Mächte glücklichen Ausgange der oben— 
erwähnten großen Schlacht. unterrichtet, machte er dur 
Die großartigſten Ankäufe an der Börfe einen Coup in Staats» 
papteren, wie es nie zuvor im Staatspapierhandel feines- 
gleichen gehabt hatte. Bon da au gewann das Haus 
höhere politiihe Bedeutung, indem fait keine Regierung 
mehr eine umfajjendere Finanzoperation ohne jeine Mit- 
wirfung unternahm; von 1815 an nahmen die bedeuten- 


163 Sechstes Buch. 


den Staatsanleihen ihren Anfang, welche den bedeutenditen 
Gewinn für das Haus alg3 deren Vermittler brachten. 

Mit der franzöſiſchen Julirevolution begann die vierte 
und glanzvollſte Periode feiner jtaatsfinanziellen Wirkſamkeit, 
indem es ſich ſeitdem Das faſt ausschließliche unbegrenzte 
Vertrauen der Kabinete erwarb. Begünſtigt von ihnen 
breitete Sich der Gefchäftsumfang des Haufes bei nunmehr 
eigenen großen Vermögen und Kredit in allen Zonen der 
Melt und ins unglaubliche aus. Die Rothſchilde waren 
es, welche den Geldmarkt Europa’s dirigirten; fie ftanden 
an der Spiße aller Geldangelegenhbeiten und Geldgejchäfte 
bis zu den letzten Jahren Dinab, wo die bereits erwähnten 
Umwandlungen in dem Staatsanleihegefchäft eimtraten und 
gang amd gäbe wurden, infolge deren die Vermittlung 
der Banfhäufer in den Hintergrund trat. Oegenwärtig 
it Die von Rothſchild betretene Geſchäftsbahn eme andere; 
wir ſchildern fie in einem ſpäter folgenden Buche, bemer- 
fen indes bier nur vorläufig, daß der Gewinn, der dem 
Haufe aus feinen Betberligungen an anderen Unternehmun— 
gen auf möuftriellen Gebieten und Geſchäftsbranchen jeder 
Art erwächſt, ins unglaubliche greift; die gewonnenen Millio- 
nen fteeifen an die Hunderte und machten zu fabelhaften 
Zahlen. — — 

Mir benüken den Ausgang dieſes Abjehnittes über 
die Gefibäftsperioden des Haufes Rothſchild zum Ausfüllen 
einer Lücke unſeres Geſchichtswerkes, deren Befeitigung und 
weſentliche Ergänzung wir nur Den unverhofften, bereitwil— 


Das Haus Nothicbild, feine Gejchaflsperioden ꝛc. 169 


ligen Gröffnungen einer befonders authentiſchen 
Duelle zu verdanken haben. 

Bekanntlich iſt das Dertrauen, welches das heſſen— 
kaſſel'ſche Fürſtenhaus dem mehrgenammten M. A. Roth— 
ſchild schenkte, als erjte Bafis zu dem foloffalen Reichthume 
des rothſchild'ſchen Bankhauſes zu betrachten. — 68 ift 
aber das Räthſel, warum der Landgraf von Heſſen-Kaſſel 
einem bis dahin ganz unbefannten und ganz unbe— 
mitzelten Juden ein 10 unumſchränktes Vertrauen in 
der Art Schenken durfte, daß es Diefem überhaupt möglich 
ward, wenngleich mit Benutzung ausgezeichneter perſönli— 
cher Eigenfchaften und der ſehr günftigen Zeitumftände, den 
foloffalen Nutzen hierauszuziehen, bis dahin nicht genit- 
gend befanmt und daher auch nicht erörtert worden. Der 
Vorgang war aber folgender: 

Der zu Anfange diefes Jahrhunderts verjtorbene kur— 
hannover'ſche Oenerallieutenant Emmerich Otto Auguſt Ba— 
son von Eitorf, zugleich Generalinſpekteur der Kavallerie, 
General-Quartier-Meiſter (Chef des Beneralitabs der Ar- 
nee) und Chef des Dragonerregiments Eſtorff, welches in 
Northeim und an der hammoverisch-heiliichen Grenze ftatio- 
wirte, war während des fiebenjährigen Krieges, wo er Ge— 
neraladjutant des als Feldherrn bekannten Herzogs Ferdi— 
nand von Braunſchweig-Lüneburg war, in Beziehungen zu 
dem Landgrafen Wilhelm VII. von Heſſen-Kaſſel getreten. 
In ſehr befreundeten Verhaͤltniſſen ſtand er aber mit den 
beiden Regierungsnachfolgern Friedrich II. und Wilhelm IX. 
(als Kurfürſt Wilhelm I), mit letzterem auch ſchon, als 


170 Sechstes Buch. 


er noch Landgraf von Hanau war. — Xriedrich IL bildete 
ſich befanntlich ein im Vergleiche zu der Größe feines Lanz 
des jehr bedeutendes Heer, von welchem er, wie bereits 
erwähnt, einen Theil gegen Geld an England während des 
nordamerifanijchen Freiheitsfrieges überließ. Aber auch fein 
Sohn, der ebengenannte Landgraf Wilhelm von Hanau, 
jtellte für dasjelbe Land, denfelben Zweck und die gleichen 
Bedingungen Truppen, vermehrte, im Jahre 1785 zur Nez 
gierung von Heſſen-Kaſſel gelangt, feine Armee und nahm 
an mehreren Feldzügen theil. Ber allen jenen Gelegen— 
heiten ward der gewichtige Nath des Baron von Eſtorff 
als erprobten Kriegsmanns *) eingeholt, und kam derfelbe, 
von den beiden Landesfürften aufs freumdlichite eingeladen, 
jehr oft nach dem nahegelegenen Kaſſel, wo er ftet3 Die 
ansgezeichnetfte Aufnahme bei Hofe fand. — Gern über- 
nahm es Eſtorff, welcher von allen Seiten nicht allein als 
ein ſehr kenntnißreicher General, jondern auch als ein Mu— 
jter von Sefälligfeit und Uneigennützigkeit gejchildert ward**), 
während eines fehr langen Zeitraumes den beiden Fiürften 


*) Er war es auch, welcher das Genie Scharnhorft’s erfennend, 
diefem als jungen Manne eine Dffizierftelle in feinem Drago- 
ner-Regimente (wozu er als Inhaber das Kecht hatte) gab 
und ihn auf alle Weile unterftükte, bis er zum tüchtigen Mi- 
litär ausgebildet, jpäter in preußifche Dienfte übertrat. — 

**) Im fiebenjährigen Kriege übernahm er, auf den Wunfch des 
Herzogs Ferdinand von Braunfchweig, zur Komplettirung von 
Regimentern die Unkoften und noch jeßt fehulden die Kronen 
Großbritannien und Hannover der eftorfffchen Familie den 
Erſatz in dem, felbft ohne Zinfenberechnung, fehr Hohen Betrage. 


Das Haus Rothichild, feine Gefchäftsperioden 2c. 171 


in veinmilitärifchen Angelegenheiten mit beitem Rathe zur 
Hand zu gehen; dagegen lehnte er wiederholt und ent— 
ſchieden es ab, das Finanzielle mitzuvertreten, obwohl ihm 
jenes nur Mühe verurjachte, diefes aber ihm jehr erhebli- 
chen Gewinn verfprah. — Für das Finanzielle jchlug er 
nun dem genannten Fürſten einen gewiſſen Rothſchild 
(Mayer Amjchel), aus Frankfurt am Main gebiürtig, vor, 
welchen er im Haufe feines Bankiers in Hannover, mit 
welchem er ebenſowohl in jeiner gewichtvollen und umfang 
reichen militärifchen Stellung, alsauch als großer Grunde 
befiter (er war Beſitzer ſämmtlicher eſtorff'ſcher Güter im 
Hannover'ſchen) vielfache bedeutende Geldgeſchäfte abzuma— 
chen hatte, als einen ebenſo klugen und thätigen, als recht— 
lichen und zuverläſſigen Mann, hatte kennen lernen, und 
empfahl ihn am kaſſeler Hofe auf eine ſolche ausgezeich— 
nete und eindringende Art, daß Mayer Anſelm Rothſchild 
von Anfang an das unbeſchränkteſte Vertrauen ſeitens des— 
ſelben genoß,*) welches er freilich auf die glänzendſte Weiſe 





*) Als Mayer Amfchel Rothfchild infolge der ſehr warmen Re— 
fommandation des Generals von Eftorff zum erftenmale beim 
Zandgrafen Wilhelm IX. von Hefjen erfchien, war dieſer ge= 
rade mit jenem beim Schachipiele. — Rothſchild hatte eintre- 
ten dürfen und machte nun, hinter dem Stuhle des Yandgrafen 
ftehend, den jtummen Zufchauer, Da der Yandgraf ganz ins 
Spiel vertieft war, umfomehr, da jeine Bartie ungünftig jtand. 
Endlich erinnerte er fich des Eingetretenen und redete ihn mit 
ven Worten an: „Verfteht Er auch was vom Spiel?" Roth— 
jhild, welcher dem Gange des Spiels eifrig gefolgt war, ant- 
wortete rafch gefaßt: „Wollten Euer Landgräfliche Durchlaucht 
mohl die Gnade haben, Diefen Zug (welchen er nun näher 
bezeichnete) zu thun.“ Es war ein wahrer Kardinalzug, wel— 
her urplöglich die Vartie des Landgrafen, welche dem Matt 
nahe war, glänzend umgeftaltete. 





172 Sechstes Buch. 


unter den jchwierigiten Verhältniſſen zu rechtfertigen wußte ; 
zum Beijpiele, als er den größten Theil des Fehr bedeu: 
tenden PBrivatvermögens des Kurfürften Wilhelm I. (als 
Yandaraf Wilhelm IX.) bei der franzöfifchen Invaſion ret- 
tete. Die wenngleich ſehr gewifjenhbafte Verwaltung 
warf dennoch auch für Nothichild und feine Söhne (beſon— 
ders war jein Sohn Nathan in England thätig), melde 
jich jener großen Kapitalien zu glüdlichen Spekulationen 
bedienen konnten, fehr erheblichen Gewinn ab. Es bildete 
tich auf Diefe Weife die Basis zu dem fpätern Vermögen 
des modernen Kröſus. Der Anſtoß hierzu war nun ein- 
mal gegeben, und man kann mit Necht Den weitern Fort— 
gang des Bankierhaufes Notbichild mit einer Lawine ver- 
gleichen, freilich einer folchen, welche noch immer fortrollt 
und, anſtatt vergänglichen Schnees, vollwichtiges edles Gold 
unwiderſtehlich mitfichfortreigt ; freilich einer folchen, welche 
nicht einen verhältnißmäßig kleinen Erdfleck, jondern den 
ganzen zivilifirten Erdkreis bedeckt. — Wer und was alles 
unter diefer Finanz Welt-Lawine einſt begraben werden wird, 
iſt der Zukunft vorbehalten. 


- 


Nachdem der Landgraf nach glücklich beendigtem Schach— 
|piele mit Rothſchild auf das Gnädigfte fich unterhalten und 
das Weitere auf den folgenden Tag beftimmt hatte, fagte ex 
nach Abtreten Rothichild’s zum General von Gftorff: „Herr 
Seneral, Sie haben mir feinen Dummen refommandirt !” mwor- 
auf Diefer erwiederte: „ch Darf zuperfichtlich hoffen, daß Euer 
Yandgräflichen Gnaden auch in Betreff der übrigen guten Ei— 
genfchaften Rothſchild's befriedigt fein werden.“ 

„Wollen’s hoffen.” — 

Es iſt weltbefannt, wie dieſe Hoffnung ſich aufs glänzendſte 
bewährte, ſowohl in des Landgrafen, als auch in Rothſchild's 
Intereſſe. 


Siebentes Bud). 
Das Stamm-Gefchaftshaus zu Srankfurt am Aain. 

















Frankfurts Handelsverfehr und Meſſe. — Die franf- 
furter Börfe und ihre Abhängiafeit von Nothſchild 
als Spouverain des Staatspapier- und Aktienhandels 
und des Börfengefchäfts. — Mayer Anfelm von Roth— 
fchild als Chef des Haufes nach dem Tode des Grün: 
ders. Biographiſche Charakteristik desfelben. Sein 
Verhältniß zur Stadt Frankfurt und der dortigen jü— 
diſchen Gemeinde. — Gefchäftsumfang des franfrurter 
Etablijjentents. — Erfte Staatsanleihen. — Die media- 
tifirten Fürjten, die deutfchen Standesherren, der hohe 
Adel und ihr Refugium in Geld: und Finanznöthen. 


Der Zufall, dag Frankfurt am Main die Geburtsjtadt 
des alten Mayer Amſchel Rothſchild war, war die einzige 
Beranlaffung, daß er ſich nach feiner Rückkehr aus dem 
Wechſelhauſe zu Hannover, worin er eine Reihe von Jahren 
geitanden, dort etablirte und am Schluffe der fechsziger 
Sabre des vorigen Jahrhunderts Geſchäft und Hausjtand 
gründete. Dort geboren und erzogen, war er mit allen 
dortigen Verhältniſſen bekannt: das Terrain, auf welchem 
er den Grundſtein legte zu dem nachmaligen Weltgejchäfte, 
war in jeder Hinficht von ihm fondirt; und das allein 
beitimmte feine Wahl für feine Vaterſtadt. Hier wollte 
er gleih allen übrigen Geſchäftsleuten feined Glaubens 
und leihen die üblichen, nach der reichsftädtifchen Geſetz— 


176 Siebentes Buch. 


gebung und DBerfafjung ihnen gejeklichgeftattetein Geld-, 
Mechsler- und Mäflergefchäfte treiben, und fo begamı er, 
ohne Die fernſte Ahnung des maßloſen Gedeihens und 
Wachsthums dieſes kleinen Geſchäftsbeginns, der ihn, oder 
vielmehr ſein Haus ſpäter zur bedeutenden Rolle des 
„Schutzgeiſtes des Friedens“ erhob — das beißt: von 
jeiner Anficht und MWillfährigfeit, die nolitifchen Groß— 
mächte mit Anleihen im ihren Projekten und Plänen zu 
unterftüben oder nicht, Krieg und Frieden, Wohl und Webe 
der Völker und Staaten abhängig und fih zum Beherr— 
Iber der Börfe, zum Herrn der Gifenbabhnen 
und Kanäle, der Minze und Juduftrie machte. 
Und das wurde er durch feinen jtet3 wachjenden Einfluß 
und feine bis zum vollſtändigſten Hebergewichte fteigende 
Einwirkung auf die Börſe. Dazu bedurfte er der Staaten 
jolange, bis die Staaten jeiner bedurften, und er eine 
Nothwendigkeit fiir fie ward. Auf dem böchiten Gipfel 
jeiner Börſenallmacht angelangt, war das Haus Rothe 
jchild die alleinige Gewalt der Welt, wogegen weder der 
Einzelne, noch der Staat überhaupt irgendetwas vermochten. 
Alle waren ihm zins- und dienſtbar; es beſtand zwifchen 
ihm und diefen gleichjam eine Art Jinspflichtigfeit und 
Grhuntertbänigfeit, deren Macht und Schranken erſt nach 
dem ‚tollen Jahre 1848° gebrochen und weggeräumt find, 
jeit die Negierungen erkannten, daß fie auch auf andere 
Meife zur Beftreitung der Staatsbedürfnijfe Geld erhalten 
können, als duch das Haus ‚„M. 4. von Rothſchild's 
Söhne.“ — Frankfurt, dejfen Urfprung die Geſchichtforſchung 


Das Stamm-Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 177 


nicht gehörig aufgeklärt Hat, verdanft jein Entitehen der 
Furt über den Mainfluß. Mar macht feindliche Ein- 
fälle ins Land fruchtlos, wenn man jorgfältig Die Furten 
des Grenzſtromes bewacht und längs demjelben Warten, 
Burgen und feite Schlöffer anlegt als Hut- und Wach— 
plätze. Beſonders geſchah dieß von den Römern den Deutz 
jchen gegenüber, Die, unerſchrocken im blutigen Handge- 
menge, die Feten flirchteten, die ihnen tiefe Gräben und 
hohe Mauern entgegenjesten. Und eine jolde Burg war 
der Anfang Frankfurts. Welcher römiſche Feldherr ſie er- 
baute, iſt ungewiß; fie war vorhanden, als Karl der Große 
Sid» und Mitteldeutjchlands Boden betrat, bier einen 
Palaſt baute, und eine Kolonie gründete. Der befannte 
Römer in Frankfurt iſt wahrſcheinlich jener Palaſt, nach 
demſelben Plane, wie der von ihm zu Aachen erbaute. 

Jene natürliben Vorzüge, die den Erbauer Frankfurts 
beitimmten, jeine Burg gerade hier anzulegen, Die bequeme 
Mainfurt, der fehiffbare Fluß, die fruchtbare Gegend be- 
günftigten frühzeitig den Gewerbfleiß und Handelsverfehr. 
Sp unbedeutend der deutſche Handel im ganzen damals 
war, jo geringfügig war auch Frankfurt jelbit und jet 
Handelsverfehr; doch fuchte ihn Karl als Quelle des Volks— 
wohlitandes ergiebiger zu machen. Nur er konnte den 
fühnen Gedanken fafjfen, die Donau mit dem Main durch 
die Altmühl und Rednitz zu verbinden und jo der Hans 
del des Morgenlandes aus dem Hauptlager zu Konſtan— 
tinopel in das Herz von Deutjchland zu leiten. Er legte 
Das Haus Rothſchild 1. 12 


178 Siebentes Bud. 


Sahrmärkte an, Einheimiſche und Fremde heranzuziehen — 
fie waren der Urſprung der franffirter Meſſen. 

Mitten im Gewühle des Krieges unter vaubfüchtigen 
Nachbarn, befonders der wegelagernden Ritterſchaft, war 
Frankfurts Handel im Mittelalter emporgefommen, und 
während der Schreden und Grauſen des Fauftrechts ſchütz— 
ten und begünftigten ihn verfchiedene Reichsgeſetze, Die 
beſonderes ©eleit gewährten; denn die Kaifer fühlten, wel- 
nen Einfluß der Handel auf Macht und Anfehn der Völ— 
fer übten. Man baute Kaufbäufer, ſteinerne Krahne, 
Lagerhäufer, und Friedrich II. war der erſte Kaiſer, der die 
Herbitmeife durch einen Freiheitsbrief in Schutz nahm. 
Ludwig V. gab der Stadt das Necht, diefe Erwerbsquelle 


N Sau verdoppeln; er befürderte den Flor des einen Marktes 


Di hniel Je und glänzende Neichdtage, Die er bald darauf 
in m et Zu Ehren des Apoſtels Bartholomäus, 
deſſen Schädel in’ das Bartholomäusftift in Frankfurt fam, 
ward eine neue Kirchweihe verordnet auf die Woche vor 
Mariä Empfängniß, und dahin auch die Meſſe verlegt: 
die Fremden, die des Heiligen Ruf hieherzog, vermehrten 
die Zahl der Einkaͤufer. 

Wie ſehr ſich die kaufmänniſche Bedeutung Frankfurts 
ſchon im Mittelalter gehoben hatte, beweiſt die Ueber— 
lieferung der Geſchichte von dem Wechſel, den Papſt Inno— 
zenz dem Gegenkönig Heinrich Raſpe nach Frankfurt 
ſandte, auf einen frankfurter Kaufmann im Betrage von 
25.000 Mark Silber. gisgeftellt, woraus fich Elar ergibt, 
daß ©eldvorrath und Vertrauen jhon damals auf dortigen 





Das Stamm-Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M 179 


Plabe bedeutend waren. Neben Köln und Straßburg war 
Frankfurt bereit3 die größte Handelsftadt in diefem Theile 
Deutfchlands: an Reichthum wich fie wenigen deutſchen 
Handelsftädten und im Rang ging fie bei Kaiſer Mari- 
miltan I. Krönung dem mächtigen Nürnberg vor; den 
Ehrentitel : „römifche Neichsfammer,” hatte fie mit Genua 
gemein; die goldene Bulle beſtimmte, daß fir ewige Zei— 
ten die römiſche Königswahl in Frankfurt geſchehen folle, 
und im Laufe der Zeit ward fie von den verfchiedenen 
Kaifern mit Gnaden- und Gunſtbriefen zur Förderung Des 
Handels überhäuft, felbit mit dem Rechte, Silbermünzen 
zu prägen. 

Die mächtige Hanfa war gejunfen: Nürnberg, Das 
„deutſche Venedig,“ jandte einen Theil feiner Manufaktu- 
ven nach Frankfurt, Augsburg feine Zeuge und Stoffe, 
Ulm feine Leinwand dahin; felbft mit den Sandelspläßen 
Aachen und Dortmund ſtand es in Verkehr: allen dieſen 
Pläben gewann Frankfurt den Nang ab und wuchs, ob- 
wohl jein Handel ſpäter aufgeblüht war, jest um deſto 
ſchneller; jelbit aus der Entdeckung Amerifa’3 zug e3 rei— 
hen Gewinn, weil dadurch der Handelsverfehr der Völker 
nach dem Weiten bingezogen wurde; es war der Vereini— 
gungsplab, der Zentralpunft fir Ober- und Niederdeutſchland. 

Snöbejondere blühte von Jahr zu Jahr mehr als neuer 
lohnender Gejchäftszweig der Wechſelverkehr, gerade 
durch die Meilen Frankfurts befördert. Der Neid anderer 
Handelsitädte blieb nicht aus: 1406 verbot fogar Nürnberg 


feinen Einwohnern den Beſuch der franffurter Meſſe bei 
12* 


180 Siebentes Bud. 


Todesſtrafe. Allein die Stadt ſcheute zur Sicherheit ihres 
Handels keine Opfer; in ihren Bündniſſen mit den Nach— 
barn war die erſte Bedingung: Schutz der Meſſen! 
Sie gewährte Meßfreiheit im umfaſſendſten Sinne des 
Wortes, übte unerbittliche Meßpolizei zur Sicherung der 
Perſonen und Waaren der Meßbeſucher, und das Geleits— 
weſen war vorzüglich geordnet. Schriftſteller wetteiferten 
int Lobe der Meſſen Frankfurts: „das Haupt aller Jahr— 
märkte auf Erden,“ der „kleine Inbegriff der Welt,“ das 
„Kaufhaus der Deutſchen,“ der „berühmteſte Markt Euro— 
pa's“ — Das waren die Prädikate, die fie ihm. beilegten. 

Der Handelsverfehr, der um die Mitte des ſechs— 
zehnten Jahrhunderts auch in Frankfurt ſehr durch den 
Krieg gelitten, bob fich zu Ende Desjelben wiederum zu 
bedeutender Blüte, woran die Meflen den größten An— 
theil hatten. „Soviele Sterne am Simmel, ſoviel Waaren 
zählt Frankfurtz!“ ſang ein franffurter Dichter jener Zeit. 
Der Tuchhandel Englands fand zum großen Schaden 
der Hanjaftädte, die ſeit Jahrbunderten im Befit des Zwi— 
ſchenhandels geweſen, Direkte Abjabwege nach Frankfurt: 
ganze Schiffsladungen famen über Emden. Der Wein- 
handel bfübte nicht minder: Rheinpfälzer- und elfaßer 
Meine wurden zu Schiffe über Antorf nach dem Norden 
Europa's geführt. Ein neuer Erwerbszweig insbejondere 
öffnete ſich in dieſem Zeitraume Dem unternehmenden 
Kaufmanne: der Buchhandel neben demWechſelgeſchäfte. 
Durch die bedeutenden Buchdruckereien, die man in Frank— 
furt gründete, ſtieg der erſtere zu einer ſeltenen Höhe 


Das Stanım-Gefrhäftshaus zu Frankfurt a. M. 181 


empor. Zur Ofterneffe verfammtelten fich bier fait alle 
deutſchen und viele ausländischen Buchhändler, deren einige 
oft taufend Zentner Waare und mehr hinbrachten. Johann 
Saur gab bier den erften Bücher-Mep- Katalog 
feit 1567 beraus, im Vorgange der Büchervoerzeichniſſe 
Willer's in Augsburg, und unter dem Namen: „Meß- 
relationen“ erfchien die erite franffurter Zeitung, 
die zwei Jahrhunderte beitand. An die Stelle des frühe: 
ven Seldwechfeld traten Die Wechfelbriefe: auf die Zahl: 
woche in den franffurter Meſſen wurden im ganzen Deutſch— 
Sand die Verſchreibungen ausgeftellt. Die Handelsverbin— 
dungen Frankfurts mit dent Auslande, namentlich den Nies 
derlanden, Frankreich, Italien, Sachſen, den Hanfejtädten 
mebrten fich von Jahr zu Jahr, und die gegenwärtige, 
große und einfingreiche Bedeutung der Stadt Frankfurt als 
Meß- Markt: Handels- und Börfenplaß if 
weltbefannt. Don größter Bedentung iſt Die Börſe Frank— 
furts; fie erhielt die hervorragende Stellung, welche fie 
neben und zwijchen den übrigen Börſen felbit der größten 
Meltftidte und Handelspläße enmimmt, durch das Haus 
Nothichild, und die Kurfe der Frankfurter Börfe werben 
in gleichem Grade von der europäiſchen Handelswelt be- 
achtet, wie die Börfenmarktsliften der größten Geldmarkts— 
plätze, Börſen- und Handelsitädte, worauf namentlich von 
Sranffurt aus dadurch fortwährend bins und eingewirkt 
ward, daß in mehreren dieſer Städte, das heißt in London, 
Paris, Wien und Neapel rotbiehild’fche Geſchäftsetabliſſe— 
ments, wie in den vielen anderen Städten, zum Beifpiel 


182 Siebentes Buch. 


Berlin, Petersburg, Kopenhagen, München u. ſ. w. roth— 
ſchild'ſche Geſchäftsagenturen gegründet ſind und Kom— 
miſſionäre dieſes Hauſes dort ihren Sitz haben. Welche 
Wechſelbeziehungen dadurch bedingt werden, und wie die 
Geſchäfte und Spekulationen dieſes Welthauſes dadurch 
ſich gegenſeits fördern, liegt nach dieſen Anführungen zu 
klar vor, um noch eines Kommentars zum beſſeren Ver— 
ſtändniſſe zu bedürfen: daraus löst ſich das Problem, mie 
ſich dieſe Geldmacht alſo und ſo ſchnell bilden konnte, von 
ſelbſt, und nicht minder leuchten daraus die Gründe der 
Abhängigkeit der frankfurter Börſe in jeder Hinſicht, wie 
die der übrigen in vielen Bezügen von Rothſchild — je— 
dermann kennbar — hervor, ſo daß wir auch hier eines 
näheren Details überhoben ſind, und nur noch allein daran 
erinnern, daß überall und bei jeder Gelegenheit das Han— 
deln der fünf verſchiedenen Häuſer ein gemeinſames iſt und 


auf denſelben Punkt — das gemeinſame und nämliche In— 


tereſſe — fortwährend gerichtet iſt. 


An der Spitze des frankfurter Hauſes ſtand zunächſt 


der alte Meyer Amſchel bis zu ſeinem Tode; er war es, 
der dem Kurfürſten von Heſſen-Kaſſel im Jahre 1806 zur 
Zeit der franzöſiſchen Invaſion aus dem Schiffbruche ſeines 
Glückes ſein großes bares Hausvermögen unter alleiniger 
Theilnahme und Mitwiſſenſchaft des kurfürſtlichen Kabinets— 
rathes und ſpäter als Paläograph bekanntgewordenen 
Friedrich Ulrich Kopp durch Aufbewahrung in Wein— 
fäffern in feinem Hauskeller rettete. Nach feinem Tode 
übernahm die Stelle des Chefs des franffurter Hauſes 


Dos Stamm-Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 183 


fein ältefter Sohn Mayer Anfelm von Rothſchild und 
führte das Regiment bis zu feinem am 6. Dezember 1855 
erfolgten Hinfcheiden. Er war Geſchäftsmann durch 
und durch; in diefen jechs Worten ift feine ganze Char— 
afteriftif in Beziehung zu dem Haufe, deſſen Chef er war, 
enthalten. War die Individualität feines zweiten Bruders 
Nathan, des Chefs des Londoner Gtabliffements, auch aus— 
geprägter in geſchäftlicher Beziehung, zeichnete er fich auch 
durch ſchärferen, tiefer in die Zukunft Ichauenden Geſchäfts— 
bfif vor dem älteren Bruder aus, war er auch — mit 
einem Worte — größerer Finanzier, Spefulant und Bör— 
jenmann und, wenn auch Autodidakt, kenntnißreicher und 
son grümndlicherer Durchbildung: jo war dieg von minderem 
Einfluſſe auf Die Gefchäfte des Haufes, da einestbeils 
überall gemeinjame Thätigkeit und Weberlegung ſtattfand, 
und anderentheild tm ganzen überhaupt einer größeren 
geiftigen Prävalenz es nicht bedurfte, um Die Nefultate 
zu erreichen, welche das Haus erzielt hat; denn Die Zeit, 
in der es wirfte und die Bezüge und DVBerbindungen, zu 
deren Anfnüpfung der Zufall ebenfoviel als eigenes Ver— 
dienst der Mitglieder des Haufes beitrug, waren ihm jo 
überaus günftig, daß darin hauptjächlich der Grumd zur 
maßlofen Steigerung jeiner Gefchäfte zu juchen ift, was 
man in gemeinen Leben in die Worte zuiammenfaßt: 
„es hatte Glück.“ Daß man aber biefem Glück nicht 
geradezu blindlings folgte, vielmehr mit Borficht, und nach 
allgemein ein für allemal als Teitend angenommenen Ma— 
ximen überall zumwerfe ging, muß gleichfalld anerfannt 


134 Siebentes Buch. 


werden, und eine dieſer Hauptmarimen, welche das Haus 
Rothſchild bei allen feinen Unternehmungen fonder Aus— 
nahme berücjichtigt bat, war — Benukung Des rech— 
ten Augenblicds bei allen fich Darbietenden politifchen 
wie Handels: Konjunkturen. — 

Mir maßen uns nicht au, eine Sharafteriitif Des 
Chefs des Frankfurter Hauſes in lebensichildernden Um- 
riſſen zu geben, laſſen vielmehr ftatt unſer wohlunter- 
richtete Angenzeugen, die in der Nähe des Verſtorbenen 
gelebt und ihn beobachtet haben, das Mort nehmen, deren 
einer alfo ſich über ihn ausſpricht: 

Mayer Anſelm von Rothſchild ift der älteſte unter 
den europäischen Nabobs, durch und durch orientalifche 
Phyſiognomie, mit althebräifchen Sitten und Angewohnz 
beiten. Er trägt den Hut im Nacken, ſchneeweißes Kopf— 
haar, den Ausdruck des Geſichtes im ganzen frei, felbit 
mit einem Anflug von (vielleicht erkünſtelter) Lebensfroh— 
beit, wenn er jich beobachtet merkt. Der Oberrock ift in 
der Negel vffen und nicht auf den Achſeln vırhend, ſon— 
dern an ihnen nachläffig herabfinfend; beide Hände ruhen 
in der Hofentafche und klimpern mit Geld. Er gebt meift 
zu Fuß aus. Sedem Bettler, der ihn auf der Straße an— 
jpricht, gibt er nie weniger ala ein Sechsbatzenſtück. Sein 
Wohlthätigkeitsſinn iſt überhaupt fehr groß. Die ärmeren 
jüdiſchen Familien in Frankfurt leben meiſt von ihm; zu 
dem neuen jüdiſchen Spital gab er den größten Theil des 
Fonds her. Bei Brandunglück, großer Kälte ꝛc. iſt er 
jogleih mit großen Summen auf und auszuhelfen bei 


Das Etamm-Geihäftshaus zu Franffınt a. M. 185 


der Hand. Entſteht Noth oder jtarfer Froſt, jo ſammelt 
ſich aber auch ſogleich eine ſtarke Menſchenmenge vor dem 
rothſchild'ſchen Comptoir in der Fahrgaſſe. Seine Stadt— 
wohnung in der genannten Straße iſt imgrunde von 
augen ein unanſehnliches Gebäude, und fein Fremder, der 
vorübergeht, Sollte muthmaßen, daß bier der reichite Kauf- 
mann der Welt wohnt. Aus Aberglauben bebielt er immer 
jein Comptoir darin bei; er wähnt, mit dem DBerlaffen 
Diefes Haufes könne jein Glück ihn verlajfen. Unter der 
Kompagnie der daſelbſt eingepferchten Comptoiriſten jißt er 
wie em Padiſchah in der Mitte auf einer ziemlichen Er- 
höhung, zu feinen Füßen fißen die Sefretäre, vund herum 
ſtehen Die ab- und zugehenden Mäfler und Agenten, mit 
ein paar Worten jagt er jedem über jedes feine Mei- 
nung; als ein kaufmänniſches Genie erfter Größe, weiß er 
auf den Moment tiber jeden brieflichen oder mindlichen 
Antrag einen Entichluß zu faſſen; bat er dieſen mit Ja 
oder Nein ausgeiprocben, fo wäre fein Weſen auf der Welt 
im Stande, ibn auch nur mit einer Sylbe auf dasjelbe 
Ihema zurückzubringen. Ihn in Gefhäftstachen allein zu 
ſprechen, ift eine Unmsglichkeit; alles wird auf feinem 
Comptoir öffentlich verhandelt, wie bei dem rheinijchen Ge- 
vichtshöfen. Die Comptoirſtunden hält er to pintitlich aus, 
wie jeine Commis und Hat noch weniger Grhofung als 
dieſe; denn felbit im Theater wird er faft immer herausge- 
rufen, weil eben Kuriere für ihn eingetroffen, und aus 
bemfelben Grunde foll er fast jede Nacht aus dem Bette 
müſſen, um die Durch Stafetten überbrachten Handlungs— 


186 Siebentes Bud. 


Depeſchen zu durchjehen und möthigenfalls nah Wien, 
Paris und London zu befördern. Neben feinem Lager bat 
er fich zu diefem Ende ein Meines Comptoir errichtet. Er 
hat jehr viele Titel und Orden, trägt aber in der Negel 
nur das Band des Furhbefjiichen und laßt fich ganz einfach 
„Herr Baron“ anreden. Sowohl die in Frankfurt akkre— 
ditirten, alS Die Durchreifenden Diplomaten zeichnen ihn 
jehbr aus, und große Diners werden gegenfeitig ausge 
taufht; da er für feinen Theil nur Eaufcherzubereitete 
Speijen genießt, jo fißt er im diefen ajtereien in wahrer 
Bein da. Diefes jtrenge, ungeheuchelte Zeithalten an den 
veligiöfen VBorjehriften feines Glaubens ehrt ihn höchlich; 
er gilt fiir den frömmſten Juden von ganz Frankfurt. Sch 
babe nie einen Menſchen fich fo peinigen, die Brujt zer- 
ichlagen, gen Himmel auffchreien, zum Allvater aufwernen 
jehen, wie den Baron Rothſchild am langen Tage in der 
Synagoge. Von der Anftrengung des unausgeſetzten Be— 
tens und ſeiner fortwährenden Theilnahme am Geſang 
fällt er häufig ohnmächtig hin; es werden ihm dann ſtarke narko— 
tiſche Pflanzen aus ſeinem Garten vor die Naſe gehalten, 
um ihn wieder zur Beſinnung zu bringen. In früheren 
Jahren hat er fich freimillig große SKafteiungen auferlegt, 
um den Himmel zu bewegen, ihm einen Sprößling zu 
ſchenken; allein diefes Glück int ihm nicht geworden, und 
ſeine Ehe finderlos geblieben. 

An dieſe kurze charakteriſtiſche Schilderung feiner Per— 
ſönlichkeit ſchließen wir ein zweites Porträt, welches nach 
ſeinem Tode eine gleichfalls wohlunterrichtete Feder in 


Das Stamm:Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 187 


einem öffentlichen Organe von ihm nach eigener Anſchau— 
ung lieferte. Sie jehreibt: 

Rothſchild's Tod hat in Frankfurt bei allen Ständen 
eine tiefgehende, gemüthliche Theilnahme gefunden. Der 
berühmte Name, mit welchem, der räumlichen Berbreitung 
nach, vielleicht nur (!) der Name Napoleon gleichen Schritt 
hält, war an fein Mitglied des Haufes fo engangefnüpft, 
wie an den alten Amjchel Mayer. Auch war er gleichjam 
mit der Äußeren Erſcheinung jeiner Heimat verwachien, 
wie er denn auch nie nach dem Glanz größerer Städte 
unzufrieden oder jehnjüchtig hinblickte. Er bedurfte Feines 
ausgedehnteren Kreiſes; fein ‚Geſchäft‘ bot ihm eine hin— 
reichende Bühne zur Durchführung der merfwirdigen Nolle, 
für die er berufen war. Zudem war er fiir die älteften 
Leute eine Jugenderimmerung, und jein Hintritt läßt in 
der Vorftellung jedes Einheimifchen eine Lücke. Rothſchild 
war, abgejehen von feiner Geſchäftsgröße über die wir 
fein Urtheil haben, ein Mann von durchdringendem Ver— 
jtand und bewundernswerther Menſchenkenntniß. Ein genias 
ler Inſtinkt befähigte ihn jelbit über Berfonen, deren Denk— 
weiſe und geijtiges Intereſſe ihm durchaus fernlag, Die 
ſchlagendſten Urtheile zu fällen. Gitelfeit, Scheinweſen, 
innere Leerheit wußte er durch jede Hülle des Geijtreich- 
thbuns, der ©elehrjamfeit oder der weltmännifchen Ge— 
wandtheit unmittelbar herauszufinden. Der tüchtige Kern 
galt ihm alles, und gefcheidte, ‚reelle‘ Menſchen behan— 
delte er gern „al pari.“ Die Menſchenkenntniß ging bei 
ihm oft in Menfchenverachtung über. () Dies erklärt fich 


188 Siebentes Buch, 


leicht; ſein Scharfblick ließ ihn erkennen, wie jeder ſein Be— 
ſtes, der Dichter und Künſtler ſeinen Ruhm, der Hochade— 
lige ſein Ahnenwappen, der Schöngeiſt ſeine Redensarten 
vor ihm als Pfauenrad aufſchlug; bald mit geſchäftigem 
Zudringen, bald mit ſcheinbarem Stolz, meiſt aber um 
des gemeinſten Vortheils willen. Wer ſich ruhig verhielt, 
oder einfach, rückhaltlos ſeine Meinung kundgab, den ver— 
ſtand er zu ſchätzen. Er hielt das perſönliche Intereſſe 
für die Haupttriebfeder menſchlicher Handlungen; doch 
läugnete er nicht geradezu die Aufrichtigkeit idealer Rich— 
tungen. Er mochte zugeben, daß hie und da jemand 
einen höheren Gedanken auch ohne Eitelkeit, auch ohne 
oder gegen den eigenen Vortheil, rein aus Liebe zur 
Sache durchzuführen ſtrebe; nur war er nicht geneigt, einen 
ſolchen jemand für beſonders klug zu halten. Seine Un— 
terhaltung hatte etwas zutrauliches; doch wußte er eine 
gewiſſe achtunggebietende Zurückhaltuug durchblicken zu 
laſſen. Zu dieſem Doppelverhbalten war die jüdiſche Sprech- 
weile ein ſehr gefchichtes Mittel. Die in Frankfurt auch 
den Chriſten verftändiche Mundart wirkte bei ihm erhei- 
ternd und aufmunternd; Doch war er fich des drolligen 
Geprägs feiner Unterhaltung fchlau bewußt, und wandte 
fie mit Glück au, um Wahrheiten und Zurechtweiſungen, 
die in jtrengerer Form verlegt hätten, in vorgeblichem 
Scherz anzudeuten. Die amnefdotifchen Aeußerungen, Die 
fich in diefer Weife von ihm erhalten haben, befunden 
ſämmtlich im ihrer baroden Kürze den geradeften Verſtand 
und eingehenden Scharfjimm Auch wußte er feine fine 


Das Stamm-Geſchäftshaus zu Frankfurt a. M. 189 


reichen Einfälle in zugänglichere Worte zu kleiden. Als 
man in zahlreicher Abendgeſellſchaft den durchreiſenden 
Thorwaldſen feierte, ſagte ihm Rothſchild bei der Vorſtel— 
lung: „Sie ſehen ſo ſchön aus, Hr. Ritter, daß man glau— 
ben ſollte, Sie hätten ſich ſelbſt gemacht.” Thorwaldſen 
mußte geſtehen, ein erfriſchenderes Kompliment nicht gehört 
zu haben. Noch bei Rothſchild's goldenem Hochzeitfeſt 
bewunderte man die heitere, ſichere Gewandtheit, womit 
er jedem der vielen Eingeladenen ein bezügliches Wort 
des Grußes und Dankes widmete; und zwar dem gering— 
ſten wie dem angeſehenſten. 

Ueberhaupt war der Alte wur inſofern ariſtokratiſch, 
als er ohne gefpreizten Hochmuth der perſönlichen Bes 
Deutung und Kraft fich bewußt war. Dieje kann nicht 
gering geweſen fein, da fie Hinreichte von dem, was die 
meiften am meiſten wünſchen, eine ſolche Fülle zu erlan— 
gen. Er erzählte nicht ungern von ſeinen geringen An— 
fängen, von ſeinem Münzenverkauf in den Hôtels, von 
den Fußwanderungen nach den Comptoirs, von dei Frei— 
tagsabenden in dem bekannten Hauſe der Judengaſſe, wo 
Weißbrod und gebratene Nüſſe den ganzen Aufwand aus— 
machten. Den Stolz gewiſſer Emporkömmlinge behan— 
delte er mit ſouveräner Geringſchätzung. () Politiſche 
Parteinahme war ihm fremd, ſoweit nicht das Geſchäft ein 
Anlehen an die Prinzipien der Ruhe und Stabilität mit 
ich brachte. Wir erinnern uns von ibm gehört zu haben: 
„Die Menjchen wollen ihre Kreiheit, und laſſen fich nur 
gern befehlen, weni es zu ihrem Beſten gefchieht; meijten- 


190 Siebentes Buch. 


theils ift e3 aber gut, daß fie gehorchen müſſen.“ Weber 
Regierungen ſprach er mit Bedacht; Doch war feine Vor: 
liebe für Defterreich unverkennbar. 

Rothſchild war altgläubiger Jude durch Geburt, Er— 
ziehung, Gewohnheit und Geiſtesrichtung, bejonders aber 
Durch eine gemwilfe Scheu vor dem Antaften deſſen, was fo 
lange Zeit „gut gethan.“ Auch glaubte er, wenn von 
rothſchild'ſcher Seite in die Neformfignale eingeftimmt 
werde, jo würde alles Map und alle Zucht aufhören. 
Die jüdische Ortbodorie bat an ibm einen unerjeßlichen 
Halt verloren; nicht nur weil er die ‚Srommen‘ am lieb- 
ften unterftüßgte und fich bei den Nachbaritaaten für alt- 
gläubige Nabbinen verwandte — Died alles könnten auch 
andere Teiften. Aber der bochbejahrte Mann fühlte fich 
mit feinem jüdiſchen Konfervatismus völlig eins; er konnte 
in Diefer Beziehung auch Teidenfchaftlih und unduldſam 
werden. jüngere Leute, die in feine Fußſtapfen treten 
wollten, würden neben ihm erſcheinen wie ſtutzerhafte Henry— 
quinguiften neben einem Maury oder Cazales. Auf feine 
Familie (Kinder hatte er nicht) wandte der Verſtorbene 
außer der natürlichen Zuneigung auch den ſorgenden Blick, 
der den Stiftern einer neuerblühenden Dynaſtie eigen iſt. 
Bei dem jungen Nachwuchs wünſchte er Sinn für perſön— 
liches Verdienſt, Neigung zum Selbſtdenken, dazu Liebe 
für das Judenthum erhalten zu ſehen; es war ein Ge—⸗ 
genjtand feiner Beſorgniß, unter den amderserzogenen 
Sefchlechtern könnte zuverfiontliche Hoffart, Teere Genuß— 
fucht oder auch Mipachtung des jüdiſchen Geſammtbandes 








Das Stamm-Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 181 


auffommen. Sonft nicht eben lehrhafter Moralift, äußerte 
er fich oft ausführlich im diefem Stimm. 

Amfchel von Nothfchild verwandte außerordentliche 
Summen zu milden Spenden Zwar mancher, deſſen Bitt- 
gefuch in eigener Angelegenheit oder deffen Verwendung 
für Nothleidende nicht den erwarteten, wohl auch nicht 
den gebührenden Erfolg hatte, denft darüber anders, und 
weit auf die enormen Mittel bin, die dem Berftorbenen 
und feinem Haufe zugebote ftanden. Doch wird man 
in diefer Hinficht Teicht ungerecht. Wo die Geſuche um 
Unterftüsung von Armen, um Beiträge fir Stiftwigen 
und Gotteshäufer (doch wohl mur fir Synagogen?), um 
Zuſchüſſe fir Ausftattungen, Emrichtungen, Studienfoften, 
nicht nach Dubenden, ſondern nad Hunderten, ja Tau— 
jenden zu berechnen find, wird eine genane Abwägung 
jebwer, eine perjünliche Theilnahme faum möglich fein. 
Rothſchild's altjüdiſcher Wohlthätigfeitsfinn war vorzugs— 
weiſe begründet in einer billigen Denkweiſe, die „leben 
und leben laſſen“ zur Deviſe haben mochte. Dazu kam 
ein taktvolles Bewußtſein feiner Stellung; er gab nad 
vielen Seiten hin Arbeit, und hörte gern, daß ein fleißi- 
ger fleiner Mann ſich vorwärtshracte. Die Armen vers 
lieren viel an, ihm. Aber auch der völlig Unabhängige 
erkennt an, daß eine Erſcheinung von bedeutendem Gepräge 
Dahingegangen ift. Bei einer angeftrengt durchgearbeite— 
ten Jugend, aufgewachjen unter den eben mühſamem— 
porjtrebenden Stamme, konnte er den Schmud einer Flaf- 
fiiben Bildung nicht aufweiſen. In gefchichtlichen und 


192% Siebentes Buch. 


ad 


ſprachlichen Kemmmiffen, ſowie in £örperlichen Hebungen 
fuchte er im Mammesalter einiges nachzuholen. Wenn 
jedoch etiva ein Schmaroger jein vorzügliches Neiten pries, 
wandte er ſich unwillig weg. Sein ſehr mittelmäpiges 
Franzöſiſch und Engliſch ſprach er aus Bennemlichkeit 
oder aus Stolz ebenſo gelaſſen hin, wie ſein nicht viel 
beſſeres Deutſch. Gegen Damen behielt er eine ſehr ver— 
bindliche Redeweiſe, eine lebhaft aufgetragene, doch nicht 
tattloſe Galanterie bis in ſein hohes Alter bei. Seine 
Kunſtliebe bezog ſich vorzugsweiſe auf Münzen und an— 
tike Metallarbeiten; doch auch über Gemälde hörte man 
ihn oft ein ungekünſteltes, gutes Wort jagen. Außerdem 
liebte er ſeinen Garten, und zwar mehr der Blumen, über 
die er ſich gern unterhielt, als der Früchte und Gemüſe 
wegen. Wer ihn einmal geſprochen hatte, vergaß ihn ſo— 
bald nicht wieder. Und ſo ſchätzen wir in ihm, bet manchen 
Sonderbarkeiten und Mängeln, doch einen Sohn der kraft— 
vollen ſiebziger Jahre, einen jener Original- und Race— 
menſchen, die immer ſeltener werden. 

Seine Stellung als Bewohner der Stadt Frankfurt 
zu derſelben war rückſichtlich ſeiner politiſchen und bürger— 
lichen Rechte dieſelbe, wie die der ganzen jüdiſchen Bevöl— 
kerung, welche ihre Gleichberechtigung in der Stadtgemeinde 
mit der Einwohnerſchaft des chriſtlichen Bekenntniſſes wäh— 
rend der Dauer des Beſtandes des Großherzogthums Frank— 
furt zur Zeit der franzöſiſchen Fremdherrſchaft „nach der Be— 
freiung Deutſchlands vom fremden Joche“ wieder eingebüßt 
hatte. Während damals der Gründer des Hauſes Mit— 


Das Stamm-Gefchäftshaus zu Franffurt a. M. 195 


glied des Wahlkollegiums war, war fein Sohn von jeder 
Betheiligung an der Gemeindeverwaltung ausgeichloffen 
gleich dem unbemitielten Schakerjuden ; denn ihm fehlte 
dazu Die erfte Bedingung — das Bürgerrecht der Stadt, 
ohne dejjen Befis fein Jude nicht einmal zum Nachtwäch- 
terdienjte qualiftzirt tt. 

Obwohl jtrengortbodor und zur altgläubigen Partei 
des talmudiſchen Judenthums gehörig, wandte er zwar der 
jüdifchen Kirchengemeinde feiner Vaterſtadt manche Gabe 
zu; indeß difjfentirte er nichtsdeitoweniger gar häufig mit 
dem Ffirehlichen Gemeindevorftand; ja, als man im Jahre 
1544 den Neubau einer Synagoge profeftirte, hatte er zu 
dieſem Zwede zwar die bedeutende Summe von 150.000 
Gulden als Beitrag beſtimmt, trat indeg mit dieſem An— 
erbieten wieder zurüd. Mean beabfichtigte damals ſeitens 
der jüdischen Gemeinde ſich für die annullirte Schenkung 
aus der rothſchild'ſchen Kaffe durch ein ſehr loyales Mittel 
jchadloszubalten, welches in den Händen des Gemeinde— 
sorstandes lag. Es werden nämlich bei der franffurter 
Gemeinde die Umlagen zur Beltreitung der Synagogenbe— 
durfniffe mehr in Form emer DVermögensiteuer erhoben; 
ſämmtliche Mitglieder der Kamilte Rothſchild find und wa- 
ven Mitglieder der jüdiſchen Gemeinde, und verftenerten da— 
mals ein von ihren angegebenes Vermögen von 3 Millio— 
nen Gulden, während das damalige Privatvermögen des 
Baron Anſelm allein auf mehr als 10 Millionen ange— 
nommen ward. Die Gemeindebebhörde, welche jo oft gegen 
Angehörige der Meittelklajfen rückſichtlich der Stenerbeträge 

Das Haus Kothichild. IL. 13 


194 Siebentes Buch. 


mit aller Strenge verfahren und micht felten daraufbe— 
ftanden, dag der Steuerpflichtige Die Nichtigkeit feiner Ver— 
mögensangabe eidlich erklärte, hatte bisdahin offenbar zum 
größten Nachtheile der übrigen Oemeindeglieder gegen Roth— 
child Nachficht gebt, indem fie, ebenfogut von diefen Ver— 
mögensverhältniffen unterrichtet wie jeder Andere, niemals 
einen Nothichild zur eidlichen Bekräftigung aufferderte. Die 
©emeindemitglieder zahlen ſeit vielen Jahren nach dem 
Steuerfuße von 3 Kreuzen für 1000 ©ulden, während, 
wenn die ſämmtlichen rothſchild'ſchen Familienglieder allein 
nach dieſem Sabe zur Beitragsleiftung herangezogen wür— 
den, faum "/, Kreuzer per Mille zu zahlen wäre, indem 
das Gemeindebudget nicht über 30.000 Gulden jährlich be- 
trägt. Ob fpäterhin eine Erhöhung des Beitrags von dem 
Chef des rothſchild'ſchen Haufes wie von den übrigen Fa— 
milienmitgliedern gefordert worden, iſt ung nicht bekannt. 

Beim Tode des Freiherrn Anſelm von Rothſchild 
wurde fein Brivatvermögen zwifchen 50 bi3 60 Millionen an— 
gegeben, welches der teitamentarifchen Beſtimmung zufolge 
ein Neffe des Berftorbenen erbte. Der jüdifihen Gemeinde 
vermachte er als Legat 1 Million 200.000 Gulden neben 
mehreren anderen lestwilligen Vermächtniſſen, wobei er au 
der Armen gedachte; „Dein“ — pflegte er zu jagen — „die 
Armen auf der Straße find meine Hofbeamten“, und fei- 
nen derjelben ließ ex bei jeinen Gängen durch Die Stadt 
unbejchenft, wie fein Vater von jeher gewohnt gewejen. 
Ehenjo ordnete er tejtamentarifch regelmäßig-wöchentliche 
Seldfpenden in dem Stammhauſe in der Judengaſſe ai. 


Das Stamm:Öefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 195 


Freund des Geldes gleich ſeinem Vater übte er aber auch 
Wohlthaten jeder Art, wiewohl er für Unterſtützung jüdi— 
icher Talente wenig gethan. Freund des Witzes liebte er, 
einen witzigen Einfall zu lohnen. Als einst Saphir ji 
mit den Zeilen brieflih an ihn wandte, des Inhalts: 
„Herr Baron! Geben Sie mir 1000 Gulden und — ver— 
gejfen Sie mich!" sandte er ihm die verlangte Summe 
mit den Morten: „Ich Tende Ihnen die gemünichte Summe 
und — habe Sie vergejjen.“ 

Mie begründet und ſozuſagen weltbefannt Anſelm's 
Mopithätigfeitsruf war, beweifen folgende authentiſche 
Anekdoten, deren BVBeröffentlichung bisher noch nirgends 
erfolgte. 

Als der Freiherr Mayer Anſelm von Rothſchild, der 
älteite Sohn des Gründers des rothſchildiſchen Banfhaufes 
im Sommer 1832 im Bade Ems zur Kur war, bewohnte 
er die belle-etage eines feinen PBrivarhaujes ‚Der Römer 
berg.” Das Erdgeſchoß bewohnte ein Baron von E, ein 
blutjunger preußijcher Ulanenoffizter. Baron v. Rothſchild 
war gegen dieſen äußerſt freundlich. — 

Eines Abends gingen fie auf der Promenade zwiſchen 
dem Kurhaufe und den ‚Vier Thürmen‘ Tpazieren. Roth— 
child im eifrigen Nedefluffe über Park- und Garten-An— 
lagen war jtillgeftanden, als ein ſchlechtgekleideter Menſch 
fich jeiner hintern Rocktaſche nahte und fingerfertig diejelbe 
öffnete. Schon glaubte Baron v. E, es jei ein Spigbube, 
welcher den Weltkröſus ſich zur Zielſcheibe feiner Indu— 
jtrie auserjehen habe, als er bemerkte, dag er nicht neh— 

13* 


196 Siebentes Buch. 


men, fondern geben wollte, wenn auch nur Vettelbriefe. 
Gr ließ ihn alfo gewähren. Kaum hatte Baron von 
Rothſchild fich wieder in Bewegung geſetzt, jo inkommo— 
dirten ihn die ſpitzen, die Taſche verquerdrehenden Briefe. 
Raſch griff er hinein, fühlte und ſagte dann völlig be- 
rubigt: „Bekanntes!“ Es war evident, daß er Bettel— 
briefe schon Durch Anfühlen erkannte. — 

Der Spaziergang war auf der nach Koblenz führenden 
Chauſſée fortgefekt worden und trat auf der Nüdfehr ber 
veits Dämmerung ein. Da fprang plößlich ein zerlump— 
ter Kerl hinter einem Baum hervor und züdte einen Ge— 
genjtand gegen die Bruſt des Freiherrn Anfelm. Schon 
wollte jein Begleiter dem Kerle in den Arm fallen, da 
gewahrte er, daß es fein Biltol oder Stilett, fondern ein 
Bettelbrief war, welcher auf dieſe vehemente Weife dem 
alten Herrn überreicht werden ſollte. Rothſchild blieb 
auch hierbei ganz ruhig, denn auch dieſe ſonderbare Weiſe 
der Uebergabe von Bettelbriefen war für ihn nichts neues 
mehr. — 

An einem ſehr warmen Sonmertage, als der Baron 
M. A. v. Rothſchild einige Bekannte zum Diner bei fich 
hatte, war ein Fenſter, gerade Dem ©ajtgeber gegenüber, 
geöffitet worden. Da flog zum. Defert, eine Ananaspy— 
ramide freifend, ei Brief Durchs offene Fenſter wohl ge: 
zielt gerade auf den Teller des DBarons. Die Gäfte 
waren erſtaunt; Rothſchild griff aber ruhig in jeine Weſten— 
taſche, holte ein Goldftüd hervor, ftecfte es in den uner— 
drochenen Brief und fpedirte ihn, ebenfo raſch und auf 


Das Stamm-Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 197 


diefelbe Weife wie er gekommen, wieder hinaus. Die 
Säfte freuten fich über dieje ebenjo originelle als prompte 
Weiſe Wohlthaten zu jpenden. Rothſchild hatte aber Feine 
Ruhe, bis er wußte, wad daraus geworden jei; er bat 
daher um, Entjehuldigung einen Augenblick aufzuitehen, trat 
ans offene Fenster, jehaute heraus und fam darauf offen- 
bar ſehr beruhigt und beglückt zurück, indem er halblaut 
jagte: „Blacirt !” 

Es war jehr intereffant zu bemerken, wie dem reich- 
ten Manne der Welt daran gelegen war, wohl durch Die 
Macht der Gewohnheit, genau zu mwiflen, ob ſelbſt auch 
jene allerkleinfte Summe richtig ‚placirt‘ war. — — 

Mie bemerkt, war der Chef des Hauſes zu Frankfurt, 
Anſelm von Rothſchild, altgläubiger Iſraelit, Feind jeder 
Neuerung; er hielt den Tag des Sabbath hoch, verſchmähte 
indeß nicht, am Keittage zu Handeln und Gelder zu erhe— 
ben. So hatte er bei ſeiner Anweſenheit auf dem Kon— 
greß zu Aachen bei Derdortigen Regierungshauptkaſſe 160.000 
Thaler an einem Sonnabend zu erheben. Und er fand 
fich zur beitimmten Stunde im Kaffeılofale em. Als man 
ihn auf den Tag aufmerkffam machte, entgegnete er: „Man 
Hat nicht alle Tage 160.000 Thaler zu empfangen!” und 
— ſtrich die wohlnachgezählte Summe ein. — 

Der Geſchäftsumfang des Frankfurter Stammgerchäfts- 
haujes ift bedeutend, die Gefchäfte insbeſondere dadurch 
zahlveich, daß e3 gerade die größte Zahl von Gefihäftstun- 
den zählt; denn nicht allein die Mehrzahl der deutjchen 
Staaten und Fürften trifft man in den Reihen Diefer franf- 


198 Siebentes Buch. 


furter Geſchäftskundſchaft, ſondern inSsbefondere auch eine 
bedeutende Zahl medintifirter Fürften und Standesherren, 
und Mitglieder der hoben Ariſtokratie Deutfchlands, beſon— 
ders Süddeutſchlands, deren finanzielle Berhältniffe mehr 
als die des norddeutichen Adels die Hilfe von Bankier— 
häufern erforderlich machen. 

Da wir die Bezüge des Haufes zu den regierenden 
Fürften, Häuſern und Staaten des deutichen Bundes zum 
Gegenjtande der Beſprechung in dem folgenden Abjchnitten 
machen werden, jo beſchränken wir uns bier nur auf die 
Seldgejchäftsverhältniffe der Standesherren und der Ari— 
ftofratie Deutſchlands, mit Einſchluß derjenigen, mit wel: 
chen das Haus durch ſein Etablifjement zu Wien in Ver— 
kehr und Gejchäftsverbindungen ftebt. Wir geben die Na— 
men der mediatifirten fürftlichen und Der höhern deutſchen 
Ariftofratie angehörigen Schuldner Rothſchild's, joweit jelbe 
uns dadurch bekannt geworden, daß die über ihre Anleiben 
ausgegebenen Papiere auf den Börſenmarkt gefommen, in 
nachfolgender Zuſammenſtellung: 


Sfenburg-Biritein 1,100.000 ©ulden, 
SaynWittgenftein-Berleburg 300.000 " 
MWaldburgsgeil 172.000 “ 
Sraf Sandor v. Szlanniga 670.000 # 
Nitter von Rieſe 250.000 — 
Iſenburg-Wächtersbach 294.000 Re 
Solms - Lich 300.000 ” 
Löwenftein- Wertheim 1,250.000 n 


Löwenſtein-Roſenberg 350.000 


Das Stamm Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 199 


Prinz Viktor zu Sfenburg 140.000 &ulden, 
Graf Viczay 700.000 4 
Graf Szapary 309.900 7 
Graf Leiningen-Weiterberg 80.000 — 
Fürſt zu Wied 700.000 Thaler, 
Graf von Niczky 340.000 Gulden, 
Graf v. Hunyady 500.000 7 
Graf v. Szechenyi 1,800.006G u 
Graf Henkel v. Donnersmark 1,125.000 3 
Graf v. Froberg 100.090 7 
Fürft 9. Galantha Eſterhäzy 6,400.000 r 
Freiherr 9. Greifenklau 130.000 PP 
Fürſt Schwarzenberg 5,000.000 = 
Fürſt Waldburg-Wolfegg 800.000 h 
Fürſt Waldſee 350.000 3 


Graf 8. v. Wartemberg 2,070.000 — 

Die Anleiheu der deutſchen Standesherrſchaften bei den 
übrigen deutſchen Bankhäuſern außer Rothſchild enthält an— 
nähernd die nachfolgende Zuſammenſtellung: 

Das frankfurter Haus Philipp N. Schmidt ſteht mit 
folgenden Herrſchaften in Anleiheverbindung: mit Fürſt 
von Dettingen-Spielberg zum Betrage von 230.000 Gul— 
den, Fürſt v. Dettingen-Walleritein 1,600.000, Graf Solms— 
Laubach 1 Mill., Graf Solms-Rödelheim 500.000, Frei— 
herr D. v. Eichtbal 600.000, Graf Fugger-Kirchheim 
145.000, Graf Fugger-Babenhanfen 600.000, Fürſt Lei— 
ningen 1 Mill. 650.000, Graf Kaſtel-Diſchingen 234.000, 
Baron von Nequel 100.000, Freiherr von Rieſe 200.000, 


200 Siebentes Buch. 


Freiherr v. Niedheim 150.000, Graf Iſenburg-Philipps— 
eich 140.000, Graf Erbach Schönberg 400.000, Graf Stol- 
berg-Ortenberg 120.000, Freiherr v. Stachelhaufen 300.000, 
Freiherr von Gemmingen 120.000, Graf Erbach Fürftenau 
550.000, Freiherr Marjchalf v. Oſtheim 130.000, Freiberr 
v. Diifurthb 130.000, Freiherr K. v. Buſeck 150.000, Frei— 
herr v. Vemingen 105.000, ©raf 8. v. Eltz 270.000, 
Graf H. v. Eltz 275.000, Graf Luv. St. Genois 100.000, 
Graf J. B. Batthyänyi 600.000, Graf Szatray 500 000, 
Graf A. Walditein 1,700.000, Graf Schönborn-Buchheim 
1,465.000, Graf M. v. Strachwitz 400.000, ©raf 8. ©. 
Heilen 350.000, Freiherr v. Hertling 50.000, Graf k. v. 
Palffy 685.000, Baron ©. v. Orczy 1,550.000. 

Dei verſchiedenen Bankiers in Deutichland hatten au— 
Berdem big zum Sabre 1852 folgende Standesherren und 
Mitglieder meist des deutſchen Adels Anleihen aufgenont- 
men. Freiherr v. Auffeß 600.000 Gulden, Graf J. Banffv 
324.000, Freiherr v. Bergen 50.000, Freiherr v. Buttler 
300.000, Graf Erbach 965.000, Fürft M. Eſterhäzy 750.000, 
Freiherr v. Frankenſtein 99.000, Freiberr v. Fuchs 154.000, 
Graf Fugger-Kirchberg 75,000, Graf Fürſtenberg 150,000, 
Freiherr Groß 58.000, Graf v. Batthyänyi 1,450.000, Frei— 
herr v. Gumppenberg 42.000, Graf Helmſtatt 200.000, 
Graf Karoly 1,200.000, Fürſt Kaunitz 280.000, Freiherr 
v. Lerchenfeld 30.000, Fürſt Löwenſtein-Wertheim-Roſen— 
berg 400.000, Freiherr Notthaft 100.000, Graf Peja— 
eswich 1,400.000, Graf v. Rau 80.000, Graf v. Rotten— 
hau 100.009, Fürft Salm-Horſtmar 400.000, Graf Marı 


Das Stamm:Öefhäftshaus zu Frankfurt a. M. 201 


Grfinger 300.000, Straf Schenf v. Stauffenberg 400.000, 
Freiherr Thungen 200.000, Freiherr v. Weiler 125.000, 
Freiherr v. Weisenftein 100.000, Freiherr v. Würtzburg 
125.000, Freiherr v. Menburg-Murholz 84.000. — 
Betrachten wir jchließlich noch die Souverainetät Roth— 
ſchild's auf der Frankfurter Börſe und deren Abhängigfeit 
von ibm. Die Klagen tiber diefes läftige und für die übri— 
gen Bankhäuſer, wie für das ganze jpefulirende Publikum 
nachtheilige Dependenzverhältuig haben fich häufig und zu 
verjehiedenen Zeiten in öffentlichen Blättern Luft gemacht. 
Dieje das Treiben der rothſchild'ſchen Geldmacht auf 
der franffurter Börſe rügenden Artikel, welche son Zeit 
zu geit in den Organen der Zeitungspreſſe auftmuchen, 
erſcheinen wie ſchablonenmäßig abgefaßt und behandelt jelbit- 
vedend immer dasjelbe Thema. Die Jeremiaden der franf- 
furter Börſenmänner rücjichtlich der rothſchild'ſchen Omni— 
potenz find deßhalb monoton gleich den biblifchen Klag- 
gefangen des Jeremias. Sie laſſen fich allenfalls durch 
das Schema darftellen: „An unjerer Börſe zeigte fich heute 
das Geld etwas flüffiger und man hofft, dag es bald noch 
flüſſiger werde. Leider iſt es wahr, daß die bekannte Geld- 
macht den Geldſtand unferes Platzes fo ziemlich ganz in 
Händen hat, und obgleich eine ‚Macht‘ handelt fie Doc 
fo emfig aufden Eleinften Gewinn wie der kleinſte Mäkler.“ 
Diejer Drudf, den das Haus auf die kleinern Käufer 
ausübt, ift nachgerade empfindlich geworden; es ift Diefe 
Geldgroßmacht den geringeren Geldmächten gefährlich ; da- 
gegen fruchtet feine Befchwerde, denn der Handel ift frei, 


202 Siebentes Buch. 


die Spekulation ungehindert; das ift in der Natur des 
Dörfengefchäftes gegründet, und — es iſt einmal fo. Auch 
läßt Rothſchild feine Macht andere fühlen; er. hat nie- 
mand zu befragen, feine Kammer, noch fonft jemand; 
wenn e3 gilt bei fremden Anleihen zu interveniven, jtebt 
er alsbald mit allen Waffen - gerüftet da. Als ein Ban— 
kierhaus eine belgiiche Anleihe allein zu übernehmen ge— 
wagt hatte hinter Rothſchild's Nüden, da drückte er fie 
beftändig und nachhaltig, und — trug feinen Gefangenen 
gefnebelt nach Haufe. 

Das Haus Rothihild Hat aber anderjeits in der That 
nicht geringe Verdienſte um den Geldmarkt durch die Un— 
terftüßungen, die es in jchwierigen Geldnothzeiten und Hans 
delsfrifen bedrängten Häufern mit jeinen unermeplichen 
Geldmitteln und feinem unbegrenzten Kredit angedeihen 
ließ, und ihre Rettung vor Banferott und Untergang da- 
durch bewirkte. Freilich ziebt es von den entjtehenden Ka— 
lamitäten auch jeinen Bortheil, wie folgender Kal darthut; 
allein dafür ift es em Kaufmann, und es ift ſchon aner- 
kennungswerth, wenn es an dem fichtlichen Nuten auch 
andere theilnehmen läßt. 

Im Jahre 1838 hatte ein großes parifer Banfier- 
haus zahlreiche Tratten unvorfichtigerweife von der Banf 
der vereinigten nordamerifanifchen Staaten afzeptirt. Die 
Banf jedoch war, wie man weiß, in fehr jchlechten Um— 
jtänden, und das Gerücht ging, fie müſſe falliren. Roth— 
child jelbit hatte einige von Diefen wanfenden Afzeptatig- 
nen in Händen. Doch das mußte man nicht jo. Was 


Das Stamm-Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 203 


that er? Er bot aus freiem Willen der Bank in den nord- 
amerifanifchen Staaten 40 Millionen an, hob dadurch — 
wenn auch nur momentan — den Kredit derjelben und 
rettete das parifer Haus, — den eigenen Vortheil aber 
hatte er bei dieſer Operation Dadurch gewahrt, Daß er zus 
erit feine Anleihe ſehr gut abjebte, die gleich nachher um 
50 Prozent fiel, und der amerifanifchen Bank nicht bares 
Geld, jondern Tratten auf fie ſelbſt ee Die er ſpott— 
wohlfeil auffaufte. 

Alfo wurde das parifer Haus durch Rothſchild's kluge 
Kombinationen gerettet; die Bank von Nordamerika wird ſich 
aber von da an wohl hüten, noch einmal vom Hauſe Roth— 
ſchild Geld nehmen zu wollen, wenn es ihr wiederum an— 
geboten werden ſollte. 

So ward Rothſchild zum König der Finanzen — ſagte 
damals ein deutſcher Publiziſt — und dieſes Königthum 
iſt keine poetiſche Lizenz; die übrigen Bankiers ſind ſeine 
großen Vaſallen, er kann ſie zerſtören, wenn er ſie nicht 
braucht, und kann ſie aufrichten und ſtützen, wenn er ſie 
braucht. 

Wir ſchließen dieſes Kapitel mit einer Anekdote! — 
Sie iſt charakteriſtiſch und deßhalb hier an ihrer Stelle. 

Ein Staatsökonom, ein Diplomat, ein Schriftſteller 
und ein Schauſpieler ſaßen jüngſt in einer Geſellſchaft bei— 
ſammen. Der Erſtere ſprach von Rothſchild und ſeinem 
Einfluß. Der Schauſpieler erhob ſich und ſtellte die Frage: 
„Geſetzt, wir hier hätten die Hälfte des Vermögens Roth— 
ſchild's; wir ſpekulirten damit, ſei es, in welchem Artikel 


204 Siebentes Buch. 


es wolle; denn Handel und Induſtrie greifen ineinander 
wie die Näder einer Mafchine. Wer hätte unfer Geld in 
Zeit von einigen Jahren!“ — Keiner antwortete nach lan— 
gem Nachfinnen. — Endlich verfeßte der Auge Künftler: 
„Rothſchild und fein anderer.” 

Und wahrlich — es Tiegt ein Stück Wahrheit in diefer 
Antwort, wenn wir auch dieſer wahrbaftzermalmenden 
Anficht von der Allmacht Rothſchild's, wie fie ein Publiziſt 
im Sabre 1844 öffentlich ausiprach, in deren ganzem Um— 
fange nicht mehr beipflichten fünnen. Möglich, daß damals 
dieſe Anficht der Wahrheit naheſtand; wenigftens war fie 
ihr näher als heutzutage, da die Zeitlage und ihre Zu— 
ftände gegenwärtig in der Welt des Geldmarfts bedeutend 
andersgeftaltet find al3 vor zwölf Jahren, und es jetzt ſo— 
wohl einer Koalition von Geldfräften — Bankiers wie 
Rentiers — möglich wäre, dem rotbfchild’fchen Einfluß Die 
Stange zu halten, als auch die Staaten die Macht be- 
fißen, deinfelben Einhalt zu thun. Die Staatsfinangprin- 
zipien find zudem auch dem Haufe Rothſchild gegemitber 
nicht diefelben geblieben; fie Haben zu feinem Nachtheile 
bereit3 eine gänzliche Ummandlung, eine — Revolution 
erlitten, welche fih gegen das Megiment der Macht am 
Main in feiner früheren Bedeutung drohend gewaffnet hat. 
Das Haus Rothſchild ift heutzutage fir die Staatsregie— 
rungen feine Nothwendigfeit mehr. Das haben die Erfchei- 
nungen der leßtern Jahre in mehreren Ländern Europa’s 
bewiefen, wo, ohne Rothſchild's Hilfe und Bermittlung 
anzurufen, Anleihen für die Regierungen in ſo großem Um— 





Das Stamm-Gefchäftshaus zu Frankfurt a. M. 205 


fange und fo kurzer Zeitfrift von den Völkern freiwillig 
befehafft wurden, wie nie zuvor Bankierhäuſer zu jchaffen 
im Stande waren. Die Interejfen der Völker und Negie- 
rungen waren gemeinjam, und dieſes Einverſtändniſſes be— 
darf es nur, um der Bei: und Mithilfe von Bankhäufern 
gegen enorme Prozente auf immer zu entbehren, und fie 
auf ewige Zeiten von Diefer Branche des Geldmarfts fern- 
zuhalten zum Bortheil des Eingehen, zum Segen der 
Bölfer. 








Achtes Bud. 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 





Staatsfinanzgzuftände Englands. — Nationalreich— 
thum. — Staatsfchuld, Staatsſteuerweſen. — London 
und feine Börſe. — Nothſchild's Bezüge zu derfelben 
und zum britifshen Staatsfinanzivefen. — Nathan von 
Rothſchild als Chef des londoner Etablifjements. — 
Seine Bedeutung. — Lionel von Rothſchild. 


Neben dem Haupigefihäfte zu Frankfurt am Main 
Segte das Haus Rothſchild zuerſt in London ein Filialge— 
Ichäft an, indem der Gründer des Hauſes tim Sabre 1798 
jeinen dritten Sohn, Nathan Rothſchild, binfandte, einen 
Mann, den ausgezeichnetſten unter jeinen Söhnen, Der 
durch ſeinen scharfen, durchdringenden Geſchäftsſcharfblick 
das Meiſte zur — der Größe und des Anſehens des 
Hauſes beigetragen und durch wichtige, der Krone Groß— 
britanien geleitete finanzielle Dienfte ficb das Vertrauen 
der eriten britiſchen Staatsmänner im einer Reihe von fait 
fünfzig Jahren bis zu feinem Tode erworben bat. 

Zu London jtand der alte Mayer Amſchel Rothſchild 
anfänglich in feinen anderen Bezügen, als daß er mit dem 
dortigen Wechſelhauſe van Notten in Gefchäftsperbindung 
trat, die dadurch lebhafter und bedeutender wurde, daß 

Das Haus Rothſchild. 1. 14 


210 Achtes Buch. 


ihn der Landgraf von Heſſen-Kaſſel — wie bereits früher 
erwähnt — als Agenten verwandte, um ſeine Zinſen aus 
der Bank von England zu London von den dort für die 
an England nach Amerika verkauften heſſiſchen Hilfstrup— 
pen angehäuften Millionen zu erheben. Amſchel Mayer 
Rothſchild zog für die Summen Wechſel auf jenes londo— 
ner Haus, welches Vollmacht des Landgrafen zur Zinſen— 
erhebung beſaß. Später gelang es dem Gründer des Hau— 
ſes, den heſſiſchen Fürſten zu veranlaſſen, die Vollmacht 
in London dem Hauſe van Notten zu kündigen und dem 
dritten Sohne Rothſchild's in London zu übertragen. Diefe 


Vollmacht wurde fir ihn in weitefter Form ausgedehnt, 


inden fie nicht allein auf Erhebung der Zinfen, jondern 
auch der Stods jelbit Tautete. 

Mit richtigem Blicke hatte der alte Rothſchild London 
zuerft unter allen Großſtädten Europa's zum Gründungs— 
plaße eines Filialgeichäftes auserjeben, welches im Laufe 
der Zeit an Geſchäftsumfang jowohl alle übrigen ſpäter— 
gegründeten Etabliſſements, felbit das zu Paris, als auch 
das Haupt und Zentralgeſchäftshaus zu Frankfurt am 
Main weit iberflügelte; denn wie alles in England, und 
vor allem in London, in fabelhaftgrogen Formen und Maf- 
jen auftritt, fo auch die finanziellen Verhältniſſe, Die peku— 
niären Geftaltungen, der Geſchäfts- und Handelsverfehr, 
die Borfommmiffe und — Greianifje des Geldmarfts in 
Dieter Meltftadt von weit über zwei Millionen Bevölkerung, 
dem Zentrum der ganzen Handels-, Fabriks- und Indu— 
jtrtethätigfeit von ganz Großbritanien, dem Mittelpunkt 


Das rothſchild'ſche Gtabliffement zu London. 211 


der reellſten Spekulationen, aber auch der ungeheuerſten 
Schwindeleien auf der Börſe, wie in allen Geſchäften und 
Unternehmungen, trotz der ſprichwörtlich praktiſcheſten Na— 
tion, des „müchternen, proſaiſchen, berechnenden Krämer— 
volkes.“ 

Die Wahl Londons zu einem Banketabliſſement war 
ſomit die wohlüberlegteſte: ſie hat ſich dadurch bewährt, 
daß das Haus Rothſchild — alle heimiſchen ſpekulativen 
Bank- und Geldhandelshäuſer Englands überflügelnd — 
die Börſe und den Geldmarkt bis nach den beiden Indien, 
bis zur Spitze Afrika's, bis nach Auſtralien hin gleichſam 
monopoliſch beherrſcht. 

Großbritanien, das ‚Land der Erbweisheit‘, iſt Durch 
falſche Volkswirthſchaft, durch äußerſte Bevorzugung der 
Handels- und der Induſtrieintereſſen, ſowie Durch gänz— 
liche Vernachläſſigung der übrigen Produktionszweige das 
Muſter eines bis zu den widerſprechendſten Extremen ge— 
triebenen Staates geworden. Im Beſitz der freieſten Ver— 
faſſung in Europa entfaltet es die größte Tyrannei, im 
Beſitze unermeßlichen Reichthums ſtirbt das ſchmachtende 
Volk in Irland vor Hunger, die Noth der Arbeiterbevöl— 
feruna im Lande ijt grenzen- und bodenlos und droht mit 
den jchredenerregenditen Gefahren. 

Unter Diefen furchtbaren jozialen Zuftänden hatten 
auch Die inneren politifchen Verhältniſſe fih in nachthetlig- 
jter Weiſe geftaltet. Vor der Neform der britiſchen Na⸗ 
tionalvertretung durch das Miniſterium Grey hatte die Wahl— 
korruption eine ſolche Höhe erreicht, daß die Unabhängig— 

— 


212 Achtes Buch. 


feit der Krone wie des Wahlkörpers durch Zuſammendrän 
gen der Stimmenmebrbeit in wenigen Händen auf das 
ernftlichite bedroht war. An die Stelle dieſer durch die 
Reformbill befeitigten Mipftände find indeß Tpäter neue 
getreten; die Wahlforruption iſt durch jene Bill nicht auf- 
gehoben, jondern fie hat ihr nur eine neue Richtung gege- 
benz; dem Anfchein nach bat fie das demokratiſche Element 
in die Verfaſſung eingeführt; aber das artftofratifche Prinzip 
ift Dadurch nicht geändert; vielmehr erhielt das große Grund— 
eigentbum einen noch größern Antbeil als zuvor amd be- 
herrſchte die große Zahl der Grundpächter. In den Städ— 
ten gilt der Einfluß der Eigenthümer auf die Miether; 
London zum Beiſpiel iſt faſt ausſchließlich Eigenthum einer 
kleinen Zahl ariſtokratiſcher Familien, und das dadurch her— 
beigeführte Einſchüchterungsſyſtem tft nachtheiliger als die 
früheren Mißſtände. | 

Heutzutage ift an die Stelle des Grundbeſitzes eine 
andere Macht ins Parlament getreten, Die außerdem läugft 
die herrſchende Macht in allen übrigen Branchen des Volks— 
lebens und der Derfehrwelt war. Infolge des Sieges, 
den die Gegenkorngeſetzligue davongetragen, herrſcht Die 
Geldariftofratie, ftatt des Grundbeſitzes das Kapital; demt 
der Sturz der Korngeſetze — jagt ganz richtig D'Iſraeli — 
iſt nichtS anderes als der Sturz der grundbeſitzenden Ari- 
jtofratie durch Die Geldariftofratie, des Adels durch Die 
Bourgevifie, des Stammbaumes durch das Geld. Aus der 
Ackerbaubevölkerung iſtdurch Diefe Geldmacht eine Fabrik 
beoälferung gemacht, in Irland ift e8 — nad) Buret's 


Das rothſchild'ſche Etabliſſement zu London. 213 


Ausspruch — eine „Art Wohlitand, nicht Hunger 
zu fterben”“ geworden; und faum eriftirt eine große Stadt 
dort, die nicht ihr ‚Feines Irlande unter der darbenden 
Arbeiterbevölferung bat. 

„Die Stufe, auf der England angekommen — fagt 
Carlyle in feiner Schrift: „Borzeit und Gegenwart! — 
in Neichthum Hinfchmachtend , in MWeberfülle bungernd, ift 
eine furchtbare Strafe des Geſchicks, Das in Den Greig- 
niffen des Völkerlebens herrfcht. England war zu dem Höch— 
iten berufen, zum Verbreiter der Zivilifation und des Heils 
unter den fernſten Völkern der Erde: es ſah in feinem 
Berufe meift nur eine ©elegenheit der Ausbeutung; 
es frug nur nach Geld, und jo wurde alles zu Geld unter 
jeiner Hand. Das iſt fein Fluch. ES entftand ein wun— 
derliches, unnatürliches Bündniß zwifchen dem Gelde, der 
Snduftrie und dem DBolfe, ein Bund der Ausbeuter und 
Ausgebeuteten, der Wölfe und Schafe, der nur durch Die 
gräßliche Unnatur der britifchen Zuftände erklärt werden 
fann.” | 

England — fagt von Harthanfen — hat nie geglaubt, 
daß ein blühender Zuftand des Handels und der Induſtrie 
die wahre Grundlage für die Blüte und den Beſtand Des 
Staates fein könne; es glaubte vielmehr, daß mur der Lands 
bau und eine fräftige Grundariſtokratie an deſſen Spibe, 
den Beitand des Staates der heranbranfenden und fluktui— 
enden Nevolution gegenüber gewährleiften Eünne. Darum 
wandte e3 nach dem Ausbruche der franzdfifchen Revolution 
alle Kräfte feiner Gejebgebung daran, um feine Grund—⸗ 


214 Achtes Bud. 


arijtofratie zu ftärfen und unter deren Leitung den Land— 
bau zu hebeıt. 

Pitt febte jene berühmte Parlamentsakte über Die 
Semeinheitstheilungen Durch, welche auf die uralte Landes— 
eintheilung unter Wilhelm dem Groberer in 10.800 große 
Lehngüter zurückging und darnach die Beſitzrechte nor— 
mirte. Während im übrigen Europa der Adel den unmit— 
telbaren Beſitz des größeren Theiles ſeiner kultivirten Flä— 
chen allmälig verloren hat, und infolge der Revolution oder 
modernen Geſetzgebung auch das Obereigenthum und die 
vorbehaltenen Renten und Dienſte, war der engliſche Adel 
im unmittelbaren Beſitz des Grundes und Bodens geblieben, 
hatte nur Zeitpächter. Allein neben ihm war doch noch 
1790 eine große Zahl von Bauern und noch mehr ganz 
kleiner Eigenthümer vorhanden. Infolge jener Parlaments— 
akte und der dabei ausgeſprochenen Rechtsgrundſätze ſind 
aber dieſe nun ſämmtlich verſchwunden. Und während im 
übrigen Europa aller Grundbeſitz ſich mehr und mehr zer— 
ſplitterte, hat er ſich in England im Gegenſatz noch mehr 
konſolidirt. 

In der Geſetzgebung Englands gilt als Grundſatz, 
daß jeder Grundbeſitzer zur möglichſten Ausbeutung ſeines 
Grundes und Bodens verpflichtet iſt, oder, wenn er das 
nicht kann, ihn einem Anderen überlaſſen muß. Infolge 
dieſes Grundſatzes ſollten nun die kleinen Eigenthümer, 
denen bei der Gemeinheitstheilung ein aliquoter Theil der 


Gemeinweiden zugefallen war, dieſen nicht bloß kultiviren, 
ſondern zu den Koſten großer Meliorationen beitragen. 


| 


Das rothſchild'ſche Crabliffement zu London. 215 


Dazu fehlten ihnen die Mittel, fie verfauften lieber ihr 
Eigenthum an die großen Eigenthümer und zogen entwe- 
der in die Städte, fihb den Gewerben zumendend, oder 
pachteten von den größeren Bellsern und wandten ihr aus 
dem Berfauf gelöstes Kapital ſelbſt auf Meliorationen. 

Auf Diefe Weite verfchwand die ärmliche Klaſſe der 
feinen Eigenthümer im England gänzlich, fie und ihre 
Nachkommen jind größtentheils wohlbabende Pächter. Das 
Grundeigentbum ift demnach in England im die Hände 
einer nicht übermäßig zublreichen, aber reichen Landariſto— 
fratie zuianımengefommen, von da Datirt der immere Klor 
Englands und die durchgängige Wohlhäbigkeit der ganzen 
ländlichen Bevölkerung und baſirt auf der zu einer bewun— 
dernswirdigen Höhe gehobenen rationellen Landwirthichaft. 
Die reichiten Sruchtfelder, herrliche, Durch zweckmäßig an- 
gelegte Bewifferungen zum höchſten Ertrage gebrachte 
Wieſen und Weiden, vortreffliche Forſtkulturen, das Land, 
überall durcbiehnitten von Chauffeen und Kanälen, neuer— 
dings Eijenbahnen, die den raſcheſten Umjas aller Pro- 
dukte ermöglichen, geben dem Ganzen fait das Anſehen 
eines unermeßlichen, anmuthig angelegten und jorgjam kon— 
jerpirten Barfes. 

Der eigentliche Aderbau möchte übrigens im allge: 
meinen wohl am höchſten in Schottland jteben. Irland 
darf man in diefer Beziehung nirgend in Betracht ziehen ; 
es it die „Partie honteuſe‘ des britifchen Neiches, der merf- 
würdigite bedauernswertheite Gegenjas zu England. 

Das in den Fabriken und Manufafturen geltende, 


216 Achtes Bud. 


richtige und bewährte Brinzip der Theilung der Arbeit 
gilt wie in allen Gewerben in England, fo auch in der 
Landwirthſchaft. Gerade durch dasfelbe hat jich das Fabrik— 
wejen ſoſehr gehoben; es wird Dadurch in jedem ein— 
zelnen Gejchäfte große Kenntniß und mechanifche Tertig- 
feit erworben, der Verdienſt vermehrt und der Geldumlauf 
beſchleunigt. Auch in der Landwirthfchaft bewährt fich 
dieſe Arbeitstheilung; jedem wird feine eigene befondere 
Arbeit zugetheilt, wodurch er darin eine befondere Fertig— 
feit erlangt. ‘ 

Beſonders aber wählt in England jeder Landwirth 
einen bejonderen Zweig der Landwirthſchaft. Man unter- 
ſcheidet Acer und Weidewirtbichaften. Dort muß Der 
Plug allein alles thun, und die Komernten müſſen den 
ganzen Ertrag geben; bier befchränft fich fait alles auf 
Meide- und Viehnutzung. Die Weidewirthiehaften halten 
hauptfächlich nur Rindvieh- oder nur Schafzucht; und dieſe 
treiben wieder Zuzucht, oder Maftung, oder Meltwirthſchaft, 
oder Schur als Hauptbefchäftigung. Mancher zieht nur ver- 
edelte Viehracen dieſer oder jener Art, verkauft das junge 
Vieh einem Viehmäfter, oder Melfer, oder einem Aderbauer 
als Zugvieh. Die Melkwirthiehaften machen Butter oder 
Käfe, oder bringen die Milch auf den Markt der nächſten 
Stadt. Der Viehmäſter bat gemeinhin tüchtige Kettweiden, 
fauft aber auch Rüben auf dem Felde, treibt jein Vieh 
darauf und mäſtet es alfo. Dieter hält Schafheerden 
um der Maftung willen, jener wegen der Wolle, noch ein 
Anderer der Lämmer halber. Einer rechnet viel auf beit 


Das rothſchild'ſche Gtabliffement zu London. 217 


Hürdenfchlag, ein Anderer hält es für ſündlich, feine Schafe 
ſo einzufperren. Kurz — der größte Theil der Landmwirthe 
hat einen Sauptbetrieb, worauf er Arbeit und Kapital 
verwendet; das übrige gilt ihm als Nebenjache. Auch 
den Bedarf für den Haushalt erzielt er nicht jelbit, Da er 
e3 von anderen, bie, jich beſonders darauf legen, wohlfeiler 
befommt. 

Sp betrachtet und treibt man in England die Land— 
wirthichaft gleichſam als Manufaktur, während fie in den 
übrigen Ländern mehr als Fabrik erjcheint, wo dasſelbe 
Material zu mehreren Broduften, der Abfall des einen 
jofort zur Erzeugung des anderen verbraucht wird, wo 
feine überflüffige Kraft des Maſchinenwerks verlorengeht, 
Sondern nach dem Sparſyſtem zu anderen Arbeiten benußt 
wird. Im Dergleich zu den Beitrebungen und Erfolgen 
der britifchen Landwirthſchaft, welche längſt die Gipfelhöhe 
des Meiitertbums erreicht hat, Stehen die ökonomiſchen 
Bemühungen anderer Länder gleichjam im eriten Kindesalter, 
wie denn felbit der beite Patriot irgendeines Landes Des 
europäifchen Kontinents, wenn er die Hand aufs Herz 


‚ degen und wahrhaft jprechen will, wie’3 ihm ums Herz 


it, offen gejtehen muß, Daß troß aller Verbeſſerungen im 
Gebiete der Induftrie, der Fabriken und Manufaktur Eng- 
lands Fabrikaten noch immer der Vorrang vor denen 
aller itbrigen Linder gebührt und fen Nuf und Ruhm 
von feinem bis heute übertroffen ift. 

Mie alles in England in fabelhaft großartigen Formen 
auftritt, Armuth und Reichthum, Verderbniß und Tugend, 


218 Achtes Buch. 


ſo auch die Landwirthſchaft und der Gartenbau. Die Gemüſe— 
märkte Londons werden gefüllt aus der ungeheueren Ausdeh— 
nung der Gärten, welche die Weltſtadt umgeben und 27, Mil- 
lionen Einwohner mit Nahrung verforgen. Innerhalb eines 
Umkreiſes von 15 Cenglifchen) Meilen um London befinden 
fich 200.000 Heres Land in den Händen von Gärtnern, 
die fammtlich fir den londoner Markt arbeiten. 10.000 
Lait Riiben, 10.000 Säde Erbſen, 20 Millionen Stück Sel- 
lerie, 40 Millionen Kohlköpfe und 100 Tonnen Wajler- 
freffe werden jährlich allein auf dem Marfte von Covent— 
garden zum Verkauf gebracht. Die Aderfelder, abgetheilt 
in größere und kleinere Quadratflächen, wie Beſitz oder 
Bewirthichaftung es mitfichbrachten, find überall mit 
Erdwällen bis 5 Fuß boch eingefriedigt und mit Gebüſch 
bejett, aus welchem in angemeſſenen Abſtänden ſtattliche 
Bäume, vorzüglich Buchen, Ulmen und Eichen fich erheben. 
Die Neihen dieſer Baumpflanzungen find es, die, von fer 
gejehen, einander deden und al3 zufummenhängende Wal- 
dung erſcheinen; fie dienen zugleich zur Befchattung der 
Shauffeen. Sobald man näherfommt, ſchwindet bald Die 
Täuſchung rückſichtlich Der ſcheinbaren Waldbedeckung des 
Landes. Obwohl der britiſche Ackerbau auf hoher Stufe 
itebt, jo det der Ertrag bei weiten nicht den Bedarf, 
und bis aus Südrußland ber wird das Getreide nach 
England zu Schiffe geführt. 

Aber auch ganz abgefehen von den eben gefchilderten, 
wahrhaft riefenhaften und jedem merfantilen Unternehmen 
jörderlichen Zuftänden Englands vechtfertigten Die eigen- 


Das rothſchild'ſche Etabliſſement zu London. 219 


thümlichen und nicht minder viefenhaften Verhältniſſe der 
Hauptftadt London allein die Wahl des alten Rotbiehild 
vücjichtlich der Anlegung eines Gefchäftsetabliffements das 
jelbft. Welche Gelegenheit zu großartigen Geldgeſchäften 
bietet nicht diefe Stadt allein dar, die auf ihren 95 eng— 
lichen Quadratmeilen fat ebenjosiel Einwohner als ganz 
Schottland, mehr als das Königreich Hannover oder Wür— 
temberg oder Sachjen, Toskana, Baden u. |. w. zahlt. Jeder 
Tag bringt — ohne die nen in der Stadt fich anfiedelnde 
Bevölkerung — einen Zuwachs von 130 Perſonen: us 
gefähr 124 werden täglich verheiratet, 198 Kinder gebo- 
ven und 156 Perſonen fterben. Falls die Bevölkerung 
Londons in ſelbem Maßſtabe zuzunehmen fortfährt, würde 
fie am Schluffe des laufenden Jahrhunderts fait fünf 
Millionen betragen; die wohnliche Unterbringung einer 
ſolchen Menfchenmaffe wirde einen Raum von 160.535 
Acres mit fat 700.000 Häufern, das heißt mehr ale das 
Doppelte des heutigen Flächeninhaltes erheijchen. Täglich 
fommen ungefähr 200.000 Menſchen zu Fuß und 15.000 
zu Waſſer auf den Dampfbooten von verſchiedenen Seiten 
in das Innere der City. Einen ferneren Mapitab der 
Bewegung in diefer Hauptjtadt geben Die verjchiedenen 
Bahnhöfe innere und außerhalb derſelben. An der Sta- 
on von London Bridge jtieg Die Zahl der Anlangenden 
von 5,998.000 im Jahre 1850, auf 10,845.000 im Sabre 
1854, an der ſüdweſtlichen Station von 1,228. 000 auf 
3,308.000. Im öftlichen Bahnhofe langten im verflojfenen 
Jahre an und fuhren ab: 2,143.000, in Custon-Square 


220 Ychtes Buch. 


970.000, in Paddington 1,400.000, in Kingseroß 711.000 
und in Senchurchitreet nicht weniger als 8,144.000 Ber: 
ſonen. — — 

Schon unter der Regierung der Königin Anna ver— 
mehrte die Staatsſchuld, deren Gläubiger die Kaufleute, 
die Geldſäcke und die Bank waren, die Macht der Whigs 
gegenüber den Grundbeſitzern um ebenſoviel, als ſie betrug; 
das Geld begann damals ſchon ſehr bald ſeine Macht zu 
fühlen, und wollte ſie auch in der Verfaſſung und Ver— 
waltung des Staates geltendmachen. Es ward auf das 
Andringen und durch den Einfluß jener Staatsgläubiger 
ein Geſetz erlaſſen, daß in Zukunft nur jener, der 600 
Pfund Sterling als Grundbeſitzer und 300 als Stadtbe— 
wohner jährliches Einkommen habe, zum Parlamente erwählt 
werden könne. Das war die Grundlage des Gebäudes, das 
erſt nah Jahrhunderten vollendet werden follte. 

Das Geld ward ſtets mächtiger. Die Bejtechlichkeit 
nahm, während des Geldes Einfluß wuchs, während die 
Börſe von der Schuld überfloß und zum Spiele verleitete, 
immer mehr zu. Die erften Namen Englands bejudelten 
ſich mit einer Seldjucht, wie nur die römischen Konfulen in 
der entarteteften Zeit des Neiches ähnliches aufweiſen. Marl: 
borough verfaufte das Brot und die Kleidung der Solda- 
ten; feine Schlachten waren für ihn nur ein Mittel, jetz 
en Schab zu vermehren, das Blut jeiner Helden eine 
Goldgrube für feinen Geiz. Somerfett, Neweaftle und die 
übrigen Minijter Lieben felbit ihr eigenes Geld dem Staate, 
dem fie es auf die ſchnödeſte Weiſe entwendet hatten, zu 


Das rothſchild ſche Etabliffement zu London Be | 


den Bedingungen, die fie jelbit itellten. Alle, die Ein: 
fluß batten, bis zu den Bettkammerintriguantinnen hinab, 
wollten ihren Antheil haben, und die Minifter theilten willig 
nit ihnen, damit ſie des Raubes umfo länger ficher ſeien. 
Die gebeimen Fonds wurden zum Kaufe dev Mitglieder 
des Unterhaufes verwendet, und Das Unterhaus vermehrte 
ihre Summe, um den eigenen Lohn zu vergrößern. ALS 
die Tories endlich die Whigs aus dem Felde ſchlugen, was 
von 30 Deillionen Pfund Sterling unberechnet in den 
Staatsausgaben, und der Skandal war nur umfo größer 
durch die Erfolglofigfeit der Klagen, die er veranlagte. 

Zu allen dieſen erorbitanten Erſcheinungen im Staats-, 
Volks- und fozialen Leben gejellten fich nun noch Die finan— 
ziellen Zuftände des Staates und die furchtbare Laſt der 
Staatsſchuld des Landes. Während der Herrfchaft der bei— 
den Heinriche V. und VI. betrug die Staatseinnahme jähr- 
lih 60.000 bis 70.000 Pfund Sterling und ſtieg unter 
Eduard IV. und Richard IM. auf 100.000. Heinrich VII. 
hinterließ infolge drückender Finanzmaßregeln einen Schatz 
von faſt 21 Millionen Pfund Sterling, den ſein Sohn, 
Heinrich VIII, verfihwendete und nebenbei das Gut der 
Kirchen und Klöfter plünderte. Unter ihm ward eine Kopf: 
‚ feuer von 4 Pence bis zu 10 Mark eingeführt und zu 
| Zwangsanleihen nach Verhältniß des Vermögens, zu ger 
vinghaltiger Münzprägung und derartigen zweidentigen und 
verwerflichen Finanzmitteln geſchritten. Eduard VI. hin— 
terließ 240.000 Pfund Schulden und verzinste feine An— 
leihen bis zu 14 Prozent. Unter Maria wurden manche 


222 Achtes Buch. 


Kirchengüter zuritdigegeben, aber auch manche Krongüter 
veräußert. Königin Eliſabeth war beliebt, weil fie das 
Volk nie mit übermäßigen Forderungen beläftigte. 

Unter Jakob I. begimmen die Kämpfe iiber die Gren— 
zen des Bedürfniſſes der Steuerbewilligungen und des Rechts 
und der Pflicht derjelben. Die Nebellion unter Karl L 
hatte ihre erſte und ſtärkſte Wurzel in den Befchwerden 


über des Königs eigenmächtiges Finanzverfahren; von ges 


rechtem Widerſtande fiel man in ungerechtes Angreifen, und 
die Finanzgefibichte des ‚langen Barlaments‘ und Crom— 
well's bewies, daß Umwälzungen Eoftbar find. In jene 
Zeit des eriten Parlaments fällt Die erſte Grundſteuer, die 
erfte Akziſe auf Brot, Oetränfe, Mehl und Sak und 
u. a. Die Anordnung: jeder folle wöchentlich ein ©ericht wer 
niger efjen. i 

Unter Karl II. ſtiegen Jahreseinnahme und Ausgabe 
des Staates über 1 Million Pfund Sterling; unter Wil 
helm III. betrug die Kriedensausgabe 1,900.000, unter 
Königin Anna 2 Millionen, unter Georg I. 2, Millionen, 
unter feinen Nachfolger Georg IE 7 Millionen. Bon 
Georg IH. an gerechnet bewegt fih alles und jteigt im 
vergrößertem Maßſtabe; die Einnahme ftieg zwijchen 1761 — 
1833 von 9 Millionen auf 46; die Ausgabe überitieg fie 
bei weitem. Die Schulden betrugen am Ende der Regie— 
rung Wilhelm’ II. 16, Anna's 54, Georg's I. 52, im 
Jahre 1748 78, 1762 146, 1783 238, 1793 233, 1803 
528, 1816 860, 1835 nur 772 Millionen Pfund, wäh— 
vend die Mehrzahl der Staaten während des Friedens ihre 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 125 


Schulden vermehrte. 1836 betrug die Einnahme 45, die 
Ausgabe 44 Millionen Pfund Sterling. 

Die Staatsjchuld Englands läßt fich in ihrer Winzel 
bis auf Karl II. zurücführen, der eine halbe Million 
Gelder der Bankiers im Sabre 1672 aus der Schatzkam— 
mer fich zueignete. Im wejentlichen beginnt ſie erſt unter 
Wilhelm II.. der ſich an die Kaufmannſchaft Londons um 
ein Staatsanleihen gegen doppelten Nutzen wandte. Vierzig 
Handelshäuſer fanden ſich bereitwillig, wodurch er ein zwei— 
faches Ergebniß erreichte: er machte dadurch die Kaufleute 
zu ſeinen Anhängern, weil der Werth ihrer Schuldbriefe 
an ſeine eigene Herrſchaft geknüpft ward, und die Ariſto— 
kratie ihm dafür dankte, daß er ohne ihr Geld Krieg 
führte; denn dazu bedurfte er dieſes Geldes. Für die als 
Anleihen empfangenen 500.000 Pfund bar erhielten die 
Darleiher gerade doppelt ſoviel in Pfundſcheinen. 1694 
verlangte er 1,500.000 Pfund, und erklärte, daß diejeni— 
gen Kaufleute, die die erſten 1,200.000 Pfund zuſammen— 
jebiegen würden, zu einer Handelsfompagnie unter dem 
Namen: Bankvon England verbunden werden follten. 
Die Summe war bald umterfchrieben, worauf der König 
den Unterzeichnern einen Kreibrief gab, wornach fie unter 
gewiſſen Vorſchriften in Gold, Silber, Wechſeln und ander 
ren Sachen handeln follten. 

Wilhelm IM. machte während feiner Negierungszeit 
die eriten bedeutenderen Staatsichulden ; fein langjähriger 
Kampf gegen die ganz Europa mit Unterjochung bedrohen 
den ehrgeizigen Pläne Ludwig's XIV. von Frankreich zwang 


2234 Achtes Buch. 


ihn dazu; er legte den Grund zu der fyäter jo viefenhaft 
angejchwollenen Staatsjchuld Orogbritaniens. Nach dem 
Beifpiele feines Vaterlandes Holland stellte er als Prinzip 
auf, daß der Staat zu allen Zeiten feinen Berbindlichkeiten 
gegen feine Gläubiger auf das ſtrengſte nachkommen mitjfe. 
Dieß war damals noch ein ganz neuer Grundſatz, und in 
anderen Staaten, zum Beijpiel in Frankreich, hat man noch 
bis Ende Des vorigen Jahrhunderts die verjprocenen Zin- 
ſen willkürlich berabgejegt. Dafür bat aber auch England 
vorzugsweiſe vor allen Staaten, felbjt in den Zeiten feiner 
größten Bedrängniffe, ſtets Kredit gehabt, und zu gleicher 
Zeit ward es dadurch ermöglicht, ſolche Staatspapiere zum 
Gegenſtand des Handelsgejchäfts zu machen, wodurch es wies 
der dem Staat, der fte ausitellte, unendlich erleichtert wurde, 
in Nothzeit Geld aufzunehmen. Jene Staatsſchuld von 
16 Millionen Pfund ſtieg unter der Königin Anna auf 
das Vierfache, und mehrte ſich dadurch die Macht in den 
Händen der Kaufleute, der Bank und der Kapitaliſten. 
Der Name: Kapitalift — jagt Traneis — mit dem 
unter Obr heutzutage jo vertraut ift, war dem Jahre 1692 
noch unbekannt; er ward in jener Zeit von denjenigen an— 
genommen, Die ihren Vortheil begriffen, wenn fte im Dem 
geichaffenen Fonds operivten, um der Negterung zu Hilfe 
zu fommen. Die Börſe erfchien wie Minerva, fie Iprang 
völlig gerüftet hervor; die Hauptnegozianten der erſten eng- 
lifchen Anleihe waren Juden; fie ftanden dem Oranier 
Wilhelm IE. mit ihren Rathſchlägen zur Seite, und einer 
von ihnen, der reiche Medina, war Marlborongh’3 Ban— 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 225 


tier, zahlte ihm jährlich 6.000 Pfund Penſion und erntete 
dafiir die Erftlinge der Sampagnenachrichten : Die Sieges— 
tage des englifhen Heeres waren fiir ihn ebenfo gewinn— 
abwerfend, als fir Englands Waffen ruhmreich. Alle 
Kunftgriffe der Hausse und Baisse,*) die falſchen Nach- 
richten vom Kriegsjcehauplage, die angeblich angefommenen 
Kuriere, die geheimen Borfenfoterien, das ganze geheime 
Räderwerk des Mammons war den erften Vätern der Börſe 
befannt und ward auch von ihnen gehörig ausgebeutet. 
Das Beitechungsiyitem des britiichen Parlaments da- 
tirt von dieſer Zeit; die Korruption unter Wilhelm IH. 
war der Beginn des Derfalls des Kredits und der Ehre 
Englands — jagt ſelbſt der Engländer Francis. Die bei- 
den größten Momente, die den englifchen Sädel füllten, 
fallen in die Zeit der Hanmover-Dynaftie: die beiden gro— 
Ben Minifter Walpole und Pitt gewährten fie dem Lande; 
aber zugleich famen ganz neue Elemente ſtürmiſcher Gäh— 
rung in Umlauf durch das Börſenſpiel in Aktien und Staats— 
Papieren; bejonders in Aufnahme Fam es durch die oftin- 
diſche Kompagnie. 
Im Jahre 1782 trat Willtam Pitt, dreiundzwanzig— 
‚jährig, unter Lord Shelburne, dem erſten Lord der Schab- 
kammer, als Kanzler der Finanzverwaltung zuerſt in das 
Miniſterium; ein Jahr darauf ſtand er als erſter Miniſter 
an der Spitze des britiſchen Volkes, und wandte insbeſon— 








*) In der Börſenſprache bezeichnet Hausse das Spekuliren auf 
das Steigen, Baisse jenes auf das Fallen der Papiere. 


\ Das Haus Rothſchild. J. 15 


228 Achtes Buch. 


dere jeine ganze Thätigfeit auf Die Vermehrung des Na- 
tionalreichthums und die Sicherftellung der Finanzen. Der 
Ertrag des Budgets ſtieg unter ſeiner Leitung von Jahr 
zu Jahr; 1783 betrug die Einnahme 10 bis 114 Millig- 
nen Pfund Sterling, 1793 war fie auf 16, 1800 auf 
26 Millionen geftiegen; das Jahr 1810 wies bereits eine 
Staatseinnahme von 62 Millionen nah. Pitt's Finanz 
plan it die Grundlage des neuern britischen Finanziyftems 
geblieben; er jtellte durch trefflich berechnete, gejetliche 
Anordnungen den Staatskredit wieder her, der unter North's 
Verwaltung während des Krieges mit Amerifa jehr er- 
ſchüttert war; er errichtete Fonds zur Verminderung Der 
Nationalſchuld. Seine Maßnahmen wirkten fo erfolgreich, 
daß die konſolidirten Annuitäten von 3 Prozent, die im 
Dezember 1784 auf 54 geſunken waren, bereits 1786 auf 
76 und im März 1792 auf 96, alſo in acht Jahren um 
42 Prozent gejtiegen waren. 

Im Sahre 1786 gründete er den in fih wachjenden 
Echuldentilgungsfonds mit einer Million Pfund Sterling 
jährlich und 1792 einen eigenen Lilgungsfonds von 4 
Prozent fiir jede neue Anleihe. Jener Fonds hat ſich in 
28 Jahren vom 1. Auguſt 1786 bis 5. Januar 1814 
im ganzen auf 268 Millionen Bund Sterling gehoben, 
jo daß durch die Anlegung desjelben in Stocks die ganze 
Schuldenlaft, die ſich ſeit Wilhelm III. bis zu Ende des 








amerifanifchen Krieges auf 257 Millionen angehäuft, und 


augerdem noch 12 Millionen von der jeit Dem Beginn 


des Hevolutionskrieges entſtandenen Nationalſchuld abger 


Das rothſchild'ſche Giabliffement zu London. 227 


tragen worden find. Unter jeinem Minifterium wurde Oſt— 
indien für England oder vielmehr für die Kompagnie er- 
obert, und von dieſer Groberung ber datirt fich eigentlich 
der Eoloffale Reichthum, den Oropbritanien noch heutzutage 
beißt. 

Kein Ereigniß in der Finanzgefcbichte Englands war 
in jeinen unmittelbaren wie entfernten Folgen fo bedeu— 
tend als die unter der Regierung Georg's II. vorgenoms 
mene Aenderung des Geldwerthes, welche zuerſt von Pitt 
durch den Druck pefuniärer, während der Kriege verurfach- 
ten DBerlegenheiten und dann von dem Liverpool-Minijte- 
rium und den Whigs geſchah, als dieje plößlich und rück— 
fichtslos den urſprünglichen Werth wiederheritellen wollten. 
Im Sabre 1797 war die englifche Bank in größter Ver— 
legenbeit, beſonders infolge der finanziellen Korderungen Der 
Regierung, die jährlich Millionen borgte zur Beſtreitung 
der Kriegsausgaben und zur Unterftüsung der Hälfte ber 
Kontinentalmächte durch SKriegshilfsgelder. Man unter- 
jagte daher die Leiftung aller baren Zahlungen ; Dadurch 
jant der Werth einer Banknote von 1 Pfund Sterling 
auf 17 bis 15 Schillinge, 1811 ſogar bis auf 14 Scil- 
inge, und das Haus der Gemeinen beſchloß die Erhöhung 
des Werthes der Banknote auf 20 Schillinge. Allein troß 
dieſes abgeſchmackten Votums beftand die Werthverminde— 
rung fort, bis unter Lord Liverpool's Verwaltung endlich 
‚ der Beginn der Barzahlung befohlen ward, und alle wäh— 
vend der Werthverminderung kontrahirten Schulden jekt 
nad dem Nennwerth in barem Gelde berichtigt werden 
157 


228 Achtes Buch. 


mußten, fo daß, wer 1000 Pfund während der legten zehn 
Sabre geborgt hatte, jeßt 1300 zu zahlen hatte. Banke— 
rotte und Unglücksfälle waren die unausbleiblichen Kolgen. 

Am Schluſſe ſeines faſt achtzehnjährigen Miniſteriums 
legte Pitt das Budget vom Jahre 1801 vor, wornach ſich 
die Hilfsquellen des Staates vermehrt und die gewöhnli— 
chen Einkünfte geſtiegen ſeien, und legte dann am 14. 
März 1801 fein Miniſterium nieder, worauf Addington 
als erſter Lord und Kanzler der Schabfammer au ſeine 
Stelle berufen wurde. Indeg trat Bitt bereits im darauf— 
folgenden Sabre wiederum an die Spike der Staats- und 
Finanzverwaltung bis zu feinem Tode am 23. Janıtar 1806. 

Es ift bier weder am Orte, noch an der Zeit, die Ent- 
und Verwicklung der engliſchen Kinanzzuftände einer Detail- 
listen Beleuchtung und Darftellung bis auf unfere Tage 
zu unterwerfen: die politifche Stellung des Landes, die vers 
Ichtedenartigen Intereſſen feiner Bevölkerung in ihren Haupt— 1 
jwichten, die bedeutenden Koften der Unterhaltung Der 
Niejenftantsflotte haben Die Zuftände im britifchen Finanze 
wegen herbeigeführt, Die eine Staatsichuldenlaft und das 
neben nichtSdeftoweniger einen Staatsfredit zur Folge ges 
habt haben, wie ihn die Meltgefchichte bis dahin nicht 
gekannt hatte. 

Und Dennoch iſt Die Finanz- und Steuerverwaltung 
Englands die einfachfte, wohlfeilfte und geräufchlofefte in 
der ganzen Welt. | 

Ale Abgaben, die Zölle, Akzife, Stempel, Salz aus- 
genommen, werden von Männern aus dem Wolfe repartirt, 


Das rothichild’fche Etabliffement zu London. 229 


firirt und erhoben, faft ohne einiges Zuthun der Negierung, 
und unter den manchfach intereffanten Erſcheinungen, welche 
eine nähere Kenntniß von Großbritanien darbietet, ift ums 
ftreitig die merkwürdigſte der leiſe und einfache, aber Doch 
feſte und Fräftige Gang der großen Staatsmafchine in der 
ganzen inneren Verwaltung des Neiches ohne fichtbare 
Einmirfung der Negterungsgemwalt überhaupt, jo bejonders 
in der Grhebung der Steuern. 

‚Das Parlament beitimmt zu dem Ende mitteljt der 
die Abgaben verordnnenden Afte eine Anzahl mit bejtimmten 
Vermögen angefejfener Berfonen in jeder Grafſchaft (größ- 
tentheil8 aus den Friedensrichtern entnommen) zu Kom: 
miſſarien der Grundſteuer (Landtar), welche am 30. April 
eines jeden Jahres fich verfammeln und nach gewillen Ber 
zirfen von einem oder mehreren Hunderten fo vertheilen, 
daß für jede Abtbeilung drei Kommiffarien entitehen, fir 
jede einen Schreiber (Klerf) ernennen und den Beitrag 
jeder Abtheilung im ganzen feititellen. In derjelben Ver— 
ſammlung wird jodanı von den Kommifjarien jeder Ab- 
theilung die Auswahl der zur Subrepartition geeignetiten 
Perſonen getroffen und dieſe angewiefen, fich am beſtimm— 

ten Orte und Tage vor ihnen zu ftellen, wo fie alsdann 
vollftändig über den Gegenftand und ihre Obliegenbeiten 
inftruirt und vereidet werden. Diefe Vereideten überlie- 
fern darauf in der dritten Zufammenfunft der Kom— 
miſſarien ihre Subrepartitionslifte (Hebezettel) in Dreifacher 
Zahl, und präfentiven zwei oder mehrere zu Grhebern ge- 
‚ eignete Individuen, deren Kaution, wenn es verlangt wird, 


230 Achtes Buch. 


berichtigt, denfelben eine Hebelifte bebändigt und der Tag 
bejtimmt wird, an welchem die Kommiflarten ihre Ausitel- 
ungen gegen jelbige erörtern wollen. 

Die Erheber machen diefes in ihren Bezirken bekannt 
und legen die Hebelifte zu jedermanns Einfiht und Ab— 
jchrift vor. Mer über den eigenen zu hohen Anſatz oder 
des Anderen zu niedrigen oder ganz überſehenen Anſatz fie 
beſchweren will, macht jehriftlich Anzeige, worauf Die Be— 
Ichwerde erörtert, entſchieden und die Nolle berichtigt wird. 
Von diefer Beitimmung ftehbt dann nur noch ein letzter 
Rekurs an die Seſſion (Verſammlung der Friedensrichter) 
offen, wenn jemand, der ſich zur Stimmgebung bei der 
Mahl der Parlamentsglieder befugt glaubt, nicht Diefem 
gemäß hoch genug in der Nolle eingetragen ift. Die Kom— 
mifjarien übernehmen zulett die vollftändigen namentlichen 
Steuerrollen und die Itamen aller Affefforen und Kollefto- 
ren der Generaleinnehmer der Grafſchaft; ihr ganzes Ge— 
ſchäft iſt in fünf Zuſammenkünften beendigt; nur der Kol— 
lektor, der Klerk für alles Schreibwerf und der General— 
einnehmer werden mit 3, 17, 2 P. vom Pfunde belohnt; 
die ganze Hebung fofter alfo nur 2", Prozent: alle übri— 
gen Perfonen handeln unentgeldlich. 

In ganz gleicher Art wird auch mit Feſtſetzung aller 
Steuern auf Häufer, Renfter, Sefinde, Wagen, Pferde, 


Hunde, Wappen, Livreen verfahren. Auch bei der großen, 


Einkommenſteuer findet im weſentlichen dasſelbe Verfah— 
ren ſtatt, nur unter Theilnahme einer größeren Zahl von 
Kommiſſarien. 


Das rothſchild'ſche Stabliffement zu London, 231 


Nach dem Staatsfinanzetat des Jahres 1854 beliefen 
fich die Sabresemnabmen auf 59,496.153 Pfund Sterling, 
die Ausgaben auf 65,692.961, alſo daß fich ein Defizit von 
6,196.308 Pfund Sterling herausstellte. Was die Reveniten 
betrifft, brachten die Zölle (alles netto berechnet) 20,496.658 
Pf. St.; die Afzife 16,197.169 Bf. St. ; die Stempelgefälle 
3,036.135 Pf. St.; Taren (Land und Schätzungsſteuern) 
3,036.135 Pf. St.; die Einfommenftener 10,515.369 Pf. 
St.; die Poſt 1,299.156 Pf. ©t.; Krondomänen 272.571 
Bi. ©t.; Verkauf alter Vorräthe 414.673 Pf. St.; Ein 
zahlungen der vftindischen KRompagnie 60.000 Pf. St.; 
diverfe Einnahmen 165.859 Pf. St., und nachträgliche 
Zahlungen 61.044 Pf. St. Unter den Ausgaben jmd auf- 
geführt: 27,864.533 Pf. St. fiir Intereffen und Verwal— 
tung der Staatsfhuld; 1,839.289 Bf. St. fir den konſo— 
lidirten Fonds, und 35,989.138 Bf. St. fir Die verfchie- 
denen Berwaltungszweige, in dem Maßſtab als das Geld 
fiir dieſe vom Parlament bewilligt worden war. Unter der 
Rubrik des ‚Eonjolidirten Fonds‘ figurirt die Zioillifte mit 
400.510 Br. St.; dann Leibrenten und Penſionen mit 
345.040 Pf. St; Gehalte und Bewilligungen 186.763 
Pf. St.; Diplomatengehalte und Penfionen mit 148.984 
Bf. St.; Gerichtshöfe mit 572.256 Pf. St., und vermifchte 
, Ausgaben mit 185.934 Pf. St. Die Armee koſtete 8,380.882 
Pf. St; die Flotte 14,490.105 Pf. ©t.; das Zeugamt 
, 5,450.719 Pf. ©t., der fupplementare Kriegs: Kredit betrug 

1,800.000 Pf. ©t., und die verschiedenen Zivil-Verwal— 
tungszweige find mit 5,867.532 Bf. St. aufgeführt. Wie 


2332 Achtes Buch, 


fih die Ausgaben in dem darauffolgenden Sabre gejteigert 
und wie überhaupt die Staatsfinanzzuftäinde Englands 
augenblicklich infolge des Krieges mit Rußland geſtaltet 
find, ergibt der Vortrag des Schabfanzlers, den er im 
Monat Mai 1856 vor dem Finanzfomite hielt, indem er 
jeine Finanzvorlage machte. Er erinnerte zuvörderſt daraı, 
wie er ſchon im Februar mit einem Budget vor das Haus 
getreten fe. Damals habe fich bei feinen Voranjchlägen 
ein muthmaßliches Defizit von 3,560.000 8. herausgeftellt, 
zu deffen Dedung er eine Anleihe von 5,000.000 8. vor— 
geiehlagen babe, welche auch angenommen worden fet. 
Später habe er dem Haufe ein Projekt zur Ausgabe von 
3,000.000 8. in Schatzſcheinen vorgelegt, welches zur Aus: 
führung gefommen ſei. Da die Ausgaben des verflojfenen 
Jahres ſich auf 88,428.000 8. und die Einnahmen auf 
65,704.000 8. beliefen, jo ſei ein Defizit von 22,732.000 8. 
geblieben, wobei der Vorſchuß von einer Million auf die 
ſardiniſche Anleihe und die Ablöfung ererbter Penſionen, 
die ih auf 213.000 8. beliefen, nicht mitgerechnet feien. 
Sm ganzen babe man mithin 23,936.000 %. mehr ver— 
ausgabt, als eingenommen. Zur Dedfung diefer Summe 
jeien durch Anleihen und Schakjcheine 26,478.000 8%. auf 
gebracht worden, alſo 2,542,000 8. mehr, als der Betrag 
des Defizits. Am 31. März 1856 feien 5,600.000 %., am 


31. März des vorhergehenden Jahres hingegen nur 3,949.000, 
L. im Staatzfchabe gewejen. Die Öefammtausgaben wäh 
rend der beiden Kriegsjahre beliefen ſich mit Ginfchluß der 
Sardinien vorgefchoffenen einen Million auf 155,171.000 8, | 


Das rothſchild ſche Etabliffement zu London. 233 


während die Ausgaben in dem beiden letztvorhergegan— 
genen Friedensjahren 102,032.000 8. betrugen, was einen 
Unterfchied von 53,088.000 8. macht. Die Einkünfte in 
den beiden Kriegsjabren beliefen fich auf 125,200.000 L., 
in den beiden vorerwähnten Friedensfahren auf 108,018.000 
2, was einer auf dem Wege der Beſteuerung erzielten 
Zunahme um 17,182.000 ®. gleichfonmt. Durch DVergrö- 
Berung der fundirten und umfundirten Schuld wurden 
33,604.000 2. aufgebracht, ſo daß während der beiden 
Kriegsjahre im ganzen 50,786,000 8. mehr in den Staats- 
ſchatz floſſen, als während der beiden vorhergehenden Frie- 
densjahre. Rechnet man dazu den Ueberſchuß dieſer Frie— 
densjahre, jo erhält man als für die Kriegszwecke verwend- 
bare außerordentlibe Summe 56,772.000 2, und weni 
man die Kriegsfoiten des Finanzjahres 1856/57 auf 
24,500.000 L. veranschlagt und dieſelben mit hinzurechnet, 
im ganzen 77,588.000 2. Wenn auch der Krieg beendigt 
jei, bemerft der Schabfanzler, jo müſſe das laufende Jahr 
in finanzieller Hinficht doch noch als Kriegsjahr betrachtet 
werden. ES gereiche ihm zur Freude, mittheilen zu können, 
dag die Regierung im Stande gewejen fei, die urfprünglich 
für Heer und Flotte veranjchlagten Summen bedeutend her- 
abzujegen, indem diejelben fich auf 54,874.000 8. belaufen 
hätten, jest aber auf 37,315.000 2. ermäßigt feien, was 
einen Unterfchied von 17,559,000 2. mache. Zu den eigent- 
lichen Kriegsfoften fomme noch das infolge des Vertrages 
mit Sardinien zu zahlende Geld. Die Gefammtausgaben 
de3 laufenden Jahres mit Einfchluß der fardinifchen Anleihe 


354 Achtes Bud. 


veranjchlage er auf 75,525.000 8%. Der Vorficht halber aber 
jei e8 gut, da man gewiſſe Ausgaben nicht vorher genau 
berechnen könne, noch 2,000.000 8. in Bereitfchaft zu halten, 
jo daß fichb dann das ganze Ausgabebudget auf 77,525.000 
®. belaufen wiirde. Da er nun die Einnahmen auf 67,152.000 
L. veranfehlage, jo ſei ein Defizit von 10,373.000 8. zu 
erwarten, welches jedoch, wenn man den noch nicht ver- 
ausgabten Reſt der Anleibe vom vorigen Jahre, 1,500.000 
L. nämlich, mit im Nechnung bringe, auf 8,873.000 8. 
berabfinfe. Mit Rückſicht auf die Lage des Landes und auf 
die Schwierigfeit oder Unwahrfcheinlichkeit, diefen Betrag 
jofort Durch neue Steuern aufzubringen, babe die Regie— 
rung die Auferlegung nener Steuern nicht für rathſam ges 
halten, wie fie andererjeitS auch eine Steuernermäßigung 
nicht empfehlen könne. Er habe es deßhalb vorgezogen, 
eine Anleihe von 5,000.000 L. abzufchliegen. Wie er von 
Baron MNotbiebild gehört babe, beliefen fich die Depofita 
bereit3 auf 4,000.000 L., d. b. auf eine Summe, welche 
ein zum Vorſchuſſe bereites Kapital von 40,000.000 8. reprä— 
jentirte. Die Anleihe werde jedoch nicht das ganze Defizit 
deden. Um Die noch außerdem zu beftreitende Summe auf 
zubringen, werde er jpäter die Ermächtigung nachjuchen, 
noch weitere 2,000.000 8. in Schagicheinen zu burgen. 
Der gegenwärtige Stand des Geldmarftes laſſe eine Er— 
höhung der fchwebenden Schuld nicht als rathſam erſchei— 
nen. Doc glaube er, daß die Entwerthung der Exchequer- 
bills in vorübergehenden Urfachen ihren Grund habe. Der 
Werth der noch ausitebenden Exchequer-bills belaufe fi 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 233 


auf 20,124.000 L., von welcher Summe fich 5,000.000 
L. in den Händen der Kommijfare für die Reduktion der 
Nationalſchuld befinden, jo daß eigentlich nicht mehr als 
15,124.000 8. auf dem Markte feien. Wenn man die 
Höhe der Staatsfchuld zu Ende des Tekten großen Krieges 
mit der gegenwärtigen Finanzlage vergleiche, fo zeige fich 
eine Abnahme der fonjolidirten Schuld um 49,000.000 2. 
und der fehwebenden Schuld um 17,000.000 L., während 
man jest an Zinfen für die Schuld 4,500.000 8. weniger 
zahle als damals.*) Man höre vielfach die Anficht äußern, 
daß der Uebergang aus dem Kriegs- in den Friedenszu— 
ftand ein günftiger Zeitpunkt fiir eine Nevilton des Steuer 
weſens jei. Mas den Zolltarif angehe, ſo fei Derfelbe 
bereits Durch Sir R. Peel revidirt worden, und die einzi- 
gen Zölle, welche man noch als Schußzölle bezeichnen könne, 
jeien die auf ausländiiche Spirttuofen und auf auslän- 


*) Die britifche Staatsſchuld ift fo ungeheuer, daß es dienlich ift, 
fie durch verfchiedene Mittel der Einbildungsfraft zu verdeut- 
lichen. Sie zu 800 Millionen Pfund Sterling angenommen, fo 
denfe man fich Diefelbe in Kronthaler eingetheilt; 15 Stüd 
Kronthaler nehmen Dicht nebeneinander hingezählt 2 Fuß ein, 
aljo obige Summe 19.596 geographijche Meilen oder 3.%°mal 
den Umfang der Erdfugel. Schichtet man Guldenſtücke zu einer 
Säule auf, fo gehen 12 Stück auf 1 Zoll, folglich bildet die 
britifche Staatsfchuld in Gulden umgemwechfelt eine Säule von 
2.334 Meilen. In Guldenftücen hat fie ein Gewicht von 2.0” 
Millionen Sentner, die von 69.000 Pferden (zu 30 Zentner) 
auf 17.250 vierfpännigen Krachtwagen fortgebracht werden 
fönnten. 


236 Hchtes Buch. 


diſches Malz. Auch die Stempelgebühren und die Luxus— 
Steuern (assessed taxes) feien revidirt worden, und Der 
Afzife babe das Haus fortwährend feine Aufmerkſamkeit 
angedeihen laffen. Zum Schluffe beantragte der Redner eine 
Anzahl von Nefolutionen, durch welche die Anleihe ſank— 
tionirt werde. — Dieje Anleihe bat das Haus Rothichild 
in London übernommen; wir fehren zur ferneren Schilde- 
rung feiner Ihätigfeit zurück 

Mie bereit3 bemerkt, hatte des Haufes Gründer feinen 
dritten Sohn Nathan Mayer Rothſchild an die Spike 
desjelben geftellt, in Berückſichtigung feiner hervorragenden 
Verfönlichkeit unter feinen Brüdern und der umfangreichen, 
Ihwierigen und Fomplizirten Stellung, welche das Haus 
dort einnehmen mußte. Während die übrigen Etabliffements 
in Frankfurt, Wien, Paris und Neapel mehr gemein 
fehaftlih geführt wurden, führte Nathan das Tondoner 
Geſchäft allein, und war zugleich die Seele der Geſchäfts— 
Ipefulationen des franffurter Stammhaufes wie der übrigen 
Silialgefchäfte. Der Beginn des Einfluffes und des Der: 
mögens diejes Iondoner bedeutenden Geſchäftshauſes fällt 
ganz und gar in das gegenwärtige Sabrhundert; doc, 
machte es nicht eher Geſchäfte von Bedeutung al3 einige 
Zeit nach dem Anfange desjelben. Nicht früher als im 
Jahre 1808 beim Ausbruche des Krieges in Spanien, wo 
e3 von London aus die Zahlungen für die britifche Armee 
in jenem Lande übernahm, konnte es fich durch das Ent— 
falten von bisher unerbörten Brivatgeldmitteln der Han— 
delswelt im allgemeinen befannt machen; von da an begannen 


Das rothichild’fche Etadliffement zu London. 237 


jein Verkehr und jein Einflup auf Bank und Börſe Lon— 
dons; von da an begann es den britischen Geldmarkt 
und die Börſe zu beberrichen. 

Unbeftritten it Die londoner Börſe der größte und 
wichtigite Geldmarkt in und für Europa. Sie wird von 
der Politik beherrjeht, und beherrſcht hinwiederum dieſe: 
die Hauptanleihen auswärtiger Mächte werden hier ein— 
geleitet, und die engliſche Regierung, obſchon ſie die fremden 
Staatsanleihen nicht mit günſtigen Augen anſieht, darf 
ihnen doch ohne eigenen Nachtheil ihren Schutz nicht ent— 
ziehen. 

Die Schwindeleien der Börſe, des Geldmarkts und 
des Aktien- und Papierhandels unſerer Tage werden un— 
ausbleiblich die ſchlimmſten Folgen nach ſich ziehen. Na— 
mentlich iſt die londoner Börſe mit Papieren ohne Ende 
— abgeſehen von Staatspapieren — überſchwemmt und 
darnach das Aeußerſte zu fürchten. 

Die allgemeine Beſorgniß vor den böſen Folgen des 
in der letzten Zeit immer mehr um ſich greifenden Speku— 
lationsfiebers veranlaßte die „Limes“ in einem City-Artikel 
im Juli 1856 den Engländern einen Warnungsruf zu— 
kommen zu laſſen, und da er in mancher Beziehung auch 
außerhalb England nicht bloß von Intereſſe, ſondern auch 
beherzigenswerth ſein dürfte, geben wir den Artikel ganz 
wieder. „Das Spekulationsfieber, welches allmälig um 
jich zu greifen anfängt, wird von allen, die ihr Augenmerk 


‚auf die dauernde Wohlfahrt Englands gerichtet Haben, 


mit Aengitlichkeit verfolgt. Es kann jedermann  fehen, 


2338 Achtes Buch. 


wie mit dem Zufluß von edlen Metallen die Nachfragen 
nach zu inveitirenden Kapitalien fteigen, daß dieſe von allen 
Seiten befriedigt werden, und dag die Mehrzahl der Unterneh: 
mungen nicht allein die disponiblen Kapitalten verſchlingt, 
ſondern das Land auch, lange ſchon, nachdem das Blatt 
jich gewendet haben ditrfte, zu dauernden Geldauslagen ver- 
pfliehten wird. Es läßt ſich nicht minder far erkennen, Daß 
das Endrefultat in einer Kriſe beitehen wird, wie wir fie in 
den Jahren 1825, 1836 und 1847 mitgemacht, und wie 
wir fie in England mit vollitändiger Genauigkeit alle eilf 
Jahre zu erwarten haben. Trotzdem wird fich die ganze 
Bevölkerung von dem einmal eingejchlagenen Wege wicht 
abſchrecken laſſen, denn jeder denkt, er werde im rechten 
Augenblicke innehalten und fein Nachbar werde den Schaden 
tragen. Ber folchen Zujtänden tft Waren vergebene Mühe, 
da Doc) über das Ende alle einig find. Das einzige Gute, 
Das ſich wirken läßt, ift, Das Publikum von Zeit zu Zeit 
auf feine Lage, wie ſie wirklich ift, aufmerffam zu machen, 
jo dag, wenn es fich allguweit einläßt, es dieß mit Dem 
vollen Bewußtſein der drohenden Gefahr thue. Bis jest 
iit feine vorhanden, aber ein Rückblick auf die Unterneh: 
mungen des lesten halben Jahres wird zeigen, daß Die 
Summen, zu deren Anſchaffung bereits Verpflichtungen 
eingegangen wurden, beträchtlich jind, und dag, wenn biete 
— wie e3 während des nächiten halben Jahres leicht der 
Fall ſein dürfte — verdoppelt oder verdreifacht werden, 
ich eine Auslagefumme hberausftellen würde, groß genug, 
alle verfügbaren SKapitalier Gnglands für die nächſten 


Das rothichild’iche Stabliffement zu London. 239 


drei big vier Sabre zu verihlingen. Es folgt bier eine 
Lifte aller feit dem 1. Januar dieſes Jahres auf der Börfe 
eingeführten Aktiengeſellſchaften: 1) Acadian-Iron-Com— 
pany 200.000 2. Kapital; 2) Alliance = Bank 800.000 ; 
3) egyptiihe Bank 250.000 ; 4) ottomaniſche Bank 500.000 ; 
5) Schweizer Bank 300.000 ; 6) Bernambucv-Eifenbahn 
1,200.000; 7) Riga-Bahn 1,600.000 ; 8) Geylon-Bahn 
800.000; 9) Dit-bengalifhe Bahn 1,000,000; 10) italieni- 
che Berbindungsbahn 1,000.000; 11) lombardo-venettanijche 
Bahn 6,000.000 5; 12) Euphrat-Thal-Bahn 1,000.000; 13) 
kaufmänniſche Agence fir Indien 1,000.000; 14) Faſer— 
(Bapier-) Kompagnie 190.000; 15) Mühlenbau in Geylon 
100.000; 16) türkiſche Gas-Kompagnie 100.000 517) Eaiffe 
des Mines 800.000; 18) kaliforniſche Quarz-Kompagnie 
50.000; 19) Slippers français 800.000 ; 20) Brennmaterial 
in Trinidad 50.000; 21) Ruhrort-Kohlengruben 160.000; 
22) Barifer Steinfohlen 800.000; 23) Faſerpapier-Kompag— 
nie 100.000; 24) Fairfteld Kerzen-Kompagnie 160.000 ; 25) 
NYarmouth-Fiſcherei 30.000; 26) Dlipbant-Gas 50.000; 
27) Hotel-Kompagnie 1,000.000; 28) Weit-London Bank 
400.000 ; 29) Diskonto-Bank 1,000.000; 30) Weit-Mtetro- 
politan-Banf 300.000; 31) Bank von Wales 100.000 ; 32) 
Unity Banf 300.000; 33) Waffenfabrif 60.000 ; 34) Londoner 
Wein-Kompagnie 50.000; 35) Schladen-Kompagnie 50.000; 
36) PBatent-Schub-Fabrif 120.000 5; 37) Londoner Milch: 
Kompagnie 50.000 ; 38) Wallifer Brenmmaterial 30.000 ; 39) 
Londoner Bleih-Kompagnie 30.000; 40) zur Nettung von 
Wrads 60.000; 41) Surrey Gardens-Kompagnie 40,000; 


240 Achtes Buch. 


42) Weſt-Ham. Deitillation 200.000; 43) Remorqueurs an 
der Themſe 200.000 ; 44) Mid Kent Eifenbabn 70.000 ; 45) 
Brighton Hotel 50.000. Summa 23,490.000 8. — Hier 
haben wir 45 Aktien-Unternehmungen, die ein Kapital von 
23,490.000 8. erfordern; Doch müſſen von diefer Summe 
bedeutende Abzüge gemacht werden. Hinzufommen die von Nr. 
t bis Nr. 22 inElufive aufgezäblten Auslagen im Auslande. 
Sie betragen 19,110.000 &., und da viele darunter, wie Die 
lombardiſch-venetianiſche und Die italieniſche Verbindungs— 
bahn, Die ſchweizer Bank ꝛt, gemeinſchaftlich auf der eng— 
liſchen und den kontinentalen Börſen gezeichnet wurden, ſo 
müſſen von obiger Summe gegen 6,000.000 L. abgezogen 
werden. Kerner find darunter 1—2 Millionen Banf- Kapital, 
die wahrſcheinlich nicht ganz eingezahlt zu werden brauchen, 
und fomit wären die Verpflichtungen gegen das Ausland 
im ganzen etwa 11,000.000 2. Das wird wohl nicht allzuviel 
erfcbeinen, wenn man bedenft, dag im Jahre 1855 eine 
ebenſo große Summe für ein einziges Unternehmen, 
die große kanadiſche Hauptbahn, erfordert wurde; aber es 
ift Doch immer genug, um eine fühlbare Wirfung bervor- 
zubringen, und würde das Geld für eine Anleihe gebraucht, 
ftatt für Unternehmungen, deren Vollendung Jahre in An— 
fpruch nimmt, jo würde Der Geldmarft, wie ext kürzlich bei 


Gelegenheit der türkiſchen Anleihe, jehr entſchieden und unan— 


genehm affizirt werden. Dazu kommt, daß mit obiger Liſte 
nicht alle Anforderungen erſchöpft ſind, daß auſtraliſche und 
kanadiſche Schuldſcheine beinahe wöchentlich in aller Stille 
negoziirt werden, und daß Sardinien einen Vorſchuß von 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 241 


einer Million zu erhalten hat. Was die von Nr. 23 bis 
Pr. 44 aufgezählten Kompagnien betrifft, Deren Operationen 
aufs Inland befehränft find, fo läßt fih wenig gegen fie 
einwenden. Ihr Aktienkapital beläuft fih im ganzen auf 
4,380.000 %., wovon 1,000.000 wegfallen dürften, da fich 
die londoner Hotelfompagnie wahrfcheinlich auflöit, wäh— 
rend 2,000.000 L., die von den neuen Banken aufgebracht 
werden jollen, nicht aus der Zirkulation genonimen werden.“ 

Das ift die gegenwärtige Lage der Verhältniſſe und 
Geſchäftsſchwindeleien auf der erften Börſe der Welt, der 
die übrigen Börſen des europäiſchen Kontinents big zu der 
unbedeutendften hinunter in ihren angemeſſenen Abftufungen 
nahahmen, auf Die Dauer aber ebenfo gewiß mie ihre 
Borgängerin von den unausbleiblichen und nachtheiligiten 
Folgen ereilt werden; denn auf diefe Papierfündflut wird 
gewiß Fein Negenbogen folgen. — 

Die Organijation der Iondoner Stockbörſe ift einfach: 
ein Ausſchuß von 20 Mitgliedern unter einem Präfidenten 
und Vizepräfidenten, die jährlich erwählt werden, beforgt 
die Verwaltung und erläßt die Börfenordnung. Die Be- 
fugniffe dieſes Ausſchuſſes find unumſchränkt; er ftößt Die 
unwürdigen Mitglieder aus, und wenn einer feine Verbind— 
lichkeiten nicht erfüllen will oder fan, macht es der Aus— 
ſchuß durch Anfchlag bekannt. Die Kunſtausdrücke der lon— 
doner Börſe find einfach: Die Hauſſiers heißen Bulls 
chſen), die Baiſſiers Beard (Bären), die Pleitegegan- 
genen lame Duds (lahme Enten). Lebterer Namen werden 

Dad Haus Rothſchild. I. 16 


242 Achtes Bud. 


an die Schwarze Tafel gebangen, eine Art Börfenpranger, 
der zuerft 1787 benußt ward, wo 22 ‚lahme Enten‘ mit 
einem Defizit von einer DViertelmillion Pfund Sterling auf 
einmal von der Börſe wegblieben. 

Das innerfte Heiligthum der Börfe find nur Mitglie- 
der zu betreten berechtigt. Wehe dem Uneingeweihten, der 
fih aus Zufall oder Neugier hieher verirrt. Sowie emer 
der Anmwefenden den Fremdling erkennt, ruft er aus: „Bier- 
sehnhundert neue fünf Prozent!“ und hundert Stimmen wie- 
derholen das Zauberwort. Darauf regnet es Püffe, Fauſt— 
ſchläge, YJußtritte auf den Eindringling, der entjeßt über 
den unvermutheten Meberfall fich vergeblih nah Schub 
und Hilfe oder wenigftens nach einem mitleidigen Geſicht 
umfiebt. Man fpielt fürmlih Ball mit ihm, und nur 
jpöttifche Rufe des Bedauerns vernimmt man: „Schlagt 
ihn nur nicht todt! Zerbrecht ihm nur nicht die Knochen! 
Schämt Eu, einen Gentlemen alſo zu behandeln!“ ruft 
ein Anderer und verjegt ihm einen Tritt, daß er zwanzig 
Schritt weit fliegt. Zerftoßen und zerbläut, den Rod in geben 
zerriffen und den Hut ins Geficht gefchlagen, erreicht der 
Mishandelte endlich die Thür, immer noch verfolgt von 
dem Gebrüll: „Vierzehnhundert neue fünf Prozent!“ 

Auf Londons Börſe hat das Haus Rothſchild in London 
durch feinen früheren Chef Nathan den bedeutendften Einfluß. 
Sm Sabre 1798 nach England gekommen, faufte er als 
Agent feines Vaters in Manchefter Fabrikartikel für den 
Kontinent ein. Später erhielt er große Summen ausdem fur 
fürftlich heſſiſchen Hausvermögen zur Dispofition, die er mit 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 245 


außerjt richtiger Einficht verwendete und damit feine Geld— 
mittel auf unglaubliche Weife mehrte. Stets größer wird 
von da an der Umfang feiner Gefchäfte ; fie erftredten ſich 
über den ganzen Kontinent und übten einen größeren oder 
geringeren Einfluß auf die Geldangelegenheiten jeder Art. 
And Dadurch wuchs die Bedeutung des ganzen roth— 
ſchild'ſchen Geſchäfts; nie find vor feiner Zeit Finanzun— 
ternehmungen in einem jo großen Maßftabe in ganz 
Europa vorgefoinmen. Außer der Mitwirkung jeiner Brü— 
der und einer Menge Agenten in jeder Stadt der alteıt 
und neuen Melt, die unter feiner Leitung Geldgeichäfte 
aller Art unternahmen und führten, hatte er auch eine 
Schaar von fleineren und größeren Kapitaliten zur Dis- 
polition, die an den Anleihen und anderen öffentlichen 
Finanzgeſchäften Antheil nahmen, die dem Haufe ihr un— 
bedingtes Vertrauen jchenften und; zu jeder Zeit bereit 
waren, alles mit ihm gemeinschaftlich zu unternehmen. 
Nichts war daher fir ihn zu groß oder zu ausge— 
dehnt, wenn es vernünftig und mit Wahrfcheinlichkeit auf 
Erfolg verbunden war. In den legten 8 Jahren vor 
jeinem Tode, in denen man jeine finanzielie Intelligenz 
und politifche Einfiht als auf der höchſten Stufe feiner 
Entwickelung annehmen darf, fannten daher feine Mittel 
feine Grenzen, wenn man die direkten ſowohl wie die in— 
direkten in Betracht zieht. Alle jeine Brüder galten als 
befannt fir Männer von vielem Berjtande und großer 
Geſchäftskenntniß; aber es ift ebene allgemein bekannt, 
daß fie bei allen Unternehmungen ihr Urtheil dem jeini- 
16* 


244 Achtes Bud). 


gen unterordneten, und daß er das bewegende Prinzip der 
grogen Geldmaſſen war, die fie zuſammen beſaßen. 

Man kann fagen, Rothſchild fet der Erfte geweſen, 
der fremde Anleihen in England einführte; denn obgleich 
Papiere und Dofumente diefer Art zu allen Zeiten da— 
jelbit in Umlauf waren, jo Tieß doch der Umſtand, daß 
die Zinfen und Dividenden derjelben im Auslande gezahlt 
wurden, fie den Kapitaliften für unbequem erfcheinen, fo 
daß fie wenig Luft bezeigten, fich darauf einzulafjen. Aber 
Rothſchild traf nicht nur die Einrichtung, daß die Zinfen 
der auswärtigen Anleihen in London gezahlt wurden, ſon— 
dern er reduzirte fie auch auf englifche Münzſorten und 
arbeitete dem Steigen und Fallen derfelben entgegen, jo 
dag man bei dem Umfabe eines Staatspapiers ftets feinen 
vollen urjprünglichen Werth in barem Gelde erhalten 
fonnte, wodurch fie natürlich viel mehr in Aufnahme kamen. 

Alle dieſe Operationen wurden durch ein äußerſt 
merfwitidiges Glück begünftigt; denn obwohl manche Staa— 
ten, die in England Anleihen gemacht batten, banferott 
wurden, fo. verfehlten doch diejenigen, mit denen Roth— 
ſchild fontrahirt hatte, niemals, ihren Verpflichtungen nach— 
zufommen. Dieß verdanfte er fowohl feinem guten Ur— 
theil bei der Auswahl der Staaten vor dem Abſchluſſe 
der Anleihe, als der richtigen und umfichtigen Leitung der 
Geſchäfte nach demielben. Waren die Gelder zur Aus: 
zahlung der Dividenden nicht zur gehörigen Stunde bereit, 
jo befähigten ihn feine eigenen großen Mittel ftetS zu den 
erforderlichen Borfchüffen, während fein Einfluß und feine 


Das rothichild'iche Stabliffement zu London. 249 


Beharrlichfeit ihm ftetS Die vorgeftreckten Gelder wieder 
einbrachten. Was man daher auch von üblen Folgen 
fremder Anleihen jagen mag, fo kann man diejelben doch 
feinenfalls Rothſchild beimefjen. Ueberdieß find dieſe 
Anleihen auch die Duellen großen Nationalerwerbes ge- 
worden, da fait alle Stocks oder Aktien der Kontinental- 
mächte, die urfprünglich hier in England gefchaffen wurden, 
im Auslande ftatt des baren Geldes in Umlauf kamen, 
wodurch fie Dergeitalt im Preiſe jtiegen, daß die Beſitzer 
20 bis 30 Prozent Dabei gewannen. 

Außerdem war Rothſchild auch ein Käufer und Ber- 
fäufer aller Arten von Staatspapieren, und bejaß man 
dergleichen, welche niemand mehr annehmen mochte, fo 
erhielt man von ihm ftet3 den vollen Werth dafür gezahlt. 

Aber nicht nur bares Geld ſchoß er den geldbe- 
dürftigen Staaten vor, ſondern er übernahm auch die Um— 
wandlung von Staatspapieren in andere, die geringere 
Zinfen brachten, und er ging kurz vor feinem Tode noch 
mit vielen Neduftionsplänen um, die gewiß niemand als 
nur er im Stande gewefen wäre auszuführen und die nun 
mit ihm verloren gegangen find. 

Rothſchild's Anleihen fielen indeß nicht alle günftig 
aus troß feiner Meberlegung und Berechnung; er bat meh- 
vere empfindliche Verluſte dabei erlitten, die den Sturz eines 
jeden anderen Haufes mit geringeren Mitteln herbeigeführt 
haben würden. Eine derjelben war unter andern Lord 
Berley’3 Anleihe oder jeine Einführung der 3'/,progentigen 
Schatzkammerſcheine, die erjten Papiere der Art, die fich 


246 Achtes Buch. 


unter diefem Namen auf dem englifhen Marfte zeigten, 
und woran Rothſchild 500,000 Pfund Sterling verloren 
baben fol. 

Zur Zeit der Invaſion der Franzofen in Spanien 
zur Megierungszeit Ludwigs XVIII. im Sabre 1823 war 
Rothſchild Durch die franzöfifche Anleihe in große Gefahr 
gerathen; jeine großen Hilfsquellen festen ihn indeß in 
den Stand, die Stods emporzubalten, und jo lief die 
Sache am Schluffe noch ohne empfindlichen Verluſt für 
ihn ab. Diefe Berhältniffe brachten auch den Papieren 
der anderen europätfchen Staaten einen bedeutenden Stoß, 
die fich damals auf dem Markt befanden, und namentlich 
wurden die neapolitaniſchen Papiere fo bedeutend nieder- 
gedrüdt, daß die Mehrzahl der Theilnehmer zurüdtrat ; 
das Haus Rothſchild war daher gendthigt, die ganze Laft 
diefer Anleihe mit allen ihren Verluſten allein zu tragen. 
Auch eine Anleihe mit Portugal brachte ihm DBerlufte, 
die indeg nur zu den geringfügigeren, die es- betroffen, 
gezählt werden können. 

Dft lehnte Nathan Staatsanleiheanträge ohne weiteres 
ab, wenn fie ihm nicht annehmbar oder gefährlich ſchienen; 
io ſchlug er die Anträge rund ab, ein folches Geſchäft mit 
Spanien oder denjenigen amerifanifchen Staaten zu fchließen, 
die früher unter ſpaniſcher Oberherrfchaft geitanden. Er 
machte es möglich, fich von allen ıumficheren und fehlechten 
Serchäften in den Testen 15 Jahren fernzuhalten, bie 
man den Zenith feiner Laufbahn als Bankier und Finanz 
zier nennen kann. Mit gleicher Sorgfalt vermied er aud, 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 247 


den zahlreichen Aktiengeſellſchaften beizutreten, Die in jener 
Zeit fich bildeten, und deren Papiere dann fliegen und 
fielen. Man kann indeß jagen, daß er durch feine Be— 
gründung der Aſſekuranzgeſellſchaft im Jahre 1824 — 
furz vor der allgemeinen Aftienmante in England — bie 
Beranlaffung dazu gegeben hat; außer diejer Geſellſchaft 
aber, die übrigens jehr bedeutende und günftige Nefultate 
erzielte, ift uns Feine andere befannt, mit welcher er in 
direfte Verbindung getreten. 

Sn dem unbeilvollen Sabre der Geldkriſis 1825, wo 
durch übertriebene Spekulationen und Schwindeleien aller 
Art eine furchtbare Neaktion im Handelsverfehr in Eng- 
land hervorgebracht wurde, und Hunderte kaufmänniſcher 
Notabilitäten in Stockung geriethen oder zu Grunde gin— 
gen, jelbft die engliiche Bank wankte, feste Nathan allein 
die leßtere durch feine Gold» und Silverbarrenjendungen 
in die Lage, ihre Barzahlungen fortfegen zu fünnen. 
Welche bedeutende Brozente für den „Helfer aus der Noth‘ 
dabei abfielen, bedaıf faum der Erwähnung, da ohne 
denjelben die fataljten Verwicklungen für jenes Inſtitut 
unausbleiblih entſtanden jein würden. 

Auch über den Ozean hinaus eritrecte fich rettend 
jeine allmächtige Hand; das Kaiſerreich Brafilien ward 
durch ihn fogar einftmals gerettet. Im Jahre 1824 war 
bei den Iondoner Haufe Th. Wilfon et Compagnie von 
der brafilianifchen Regierung eine Anleihe von 3 Mill. 
200,000 Pfd. Sterling mit 75 Prozent gegen 60 Ber: 
j&reibungen abgefchlojfen. Da die Kommifjarien aber die 


248 Achtes Bud. 


geftellten Bedingungen nicht verantworten zu können glaubs 
ten, übernahm das Haus Rothſchild die Ablieferung der 
noch übrigen 2,200.000 Pfund. Nachdem aber die Zin- 
jen feit 1827 nicht hatten gezahlt werden können, machte 
der Kaifer zur Dedung derfelben bis 1831 im Sabre 1829 
eine neue Anleihe von 800.000 Pfund, welche mit Roth— 
ſchild abgefchloffen wurde. 

Auch an dem neueften Anleihen Englands von 5 
Millionen Pfund (Mai 1856) betheiligte fich das Haus 
Nothichild bedeutend. Nachdem auf dem Schatzamte der 
Schaßfanzler dem Gouverneur der Bank von England ein, 
die Minimal-Bedingungen der Regierung enthaltendes, ver- 
flegeltes Papier eingebändigt hatte, fragte Baron Roth— 
child, was die Regierung in Bezug auf die Schabjcheine 
zu thun gejonnen fei. Der Schaßfanzler erklärte, wie ſchon 
früber, Daß die Regierung feine neue Ausgabe derfelben 
beabfichtige, daß fie aber über den Zinsfuß der umlaufen- 
den noch nichts beftimmen könne, dagegen feſt entjchlofjen 
jet, die fundirte Schuld nicht weiter zu vergrößern. Baron 
Rothſchild Händigte hierauf fein Angebot, das einzige, 
welches gemacht wurde, dem Schabfanzler ein. Es lautete: 
„Dir bieten fiir die vorgefchlagene Anleihe von 5 Mill. 
8. unter Beobachtung der amtlich bekannt gemachten Zah— 
Iungs-Termine, nach dem Maßftabe von 108 8. Iproz. 
Konfols, den Zinfen-Ertrag vom vergangenen Januar an 
gerechnet, für je 100 2. in barem Gelde, wofür wir das 
verlangte Depofitunm zu erlegen bereit find.” Da dieß den 
Konſols zu 92! —92’/, entipricht, fe erklärte der Schak- 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu London. 249 


kanzler, daß Diefes Angebot unter den Minimal-Bedingun- 
gen der Regierung fei, die, wie fich bei Eröffnung des ver- 
fiegelten Papiere berausftellte, auf 93 (107 8. 10 ©. 
7 D.) lauteten. Baron Rothſchild erflärte fich nach kurzer 
Beſprechung mit feinen Kollegen bereit, die Bedingungen 
der Regierung anzunehmen, und der Kontrakt ward fofort 
unterzeichnet. Man betrachtete die Bedingungen der An— 
leihe al3 ſehr günſtig für die Megierung. Die Anleihe 
ward auf der Börſe zuerit mit 1? Prämium notirt, wel 
es fich jpäter bis auf 17/, bob. 

Doch das Mles find nur noch geringe Thatſachen, 
welche die Geldallmacht des Londoner Haufes befunden, 
die alles überjteigt, was jemals ein Geschäftshaus ver- 
mocht hat. 

Unerſchüttert durch die politifchen Konjunkturen, welche 
den europäifchen Frieden zu bedrohen jchienen, blieb der 
große KRapitalift feinem Syſtem getreu, indeß rund um ihn 
ber die Geldbefiter, Bankiers und andere Kaufleute ihre 
Kapitalien aus den Staatsfonds zurücdzogen. Ohne dielen 
legten Umstand hätte er vielleicht, fo groß auch feine eige- 
nen Kräfte jein mochten, weniger fiegreich fein Ziel erreicht. 
Es entitand nun ein folcher Ueberfluß an müſſigen Kapi— 
talien, daß Die, welche ihr Geld zurückgezogen hatten, es 
ohne Bedenken auf Stods zu dem geringen Zind von 
2 Prozent ausliehen, zw einer Zeit, wo dieſe ſelben Stocks 
3°, Prozent trugen. Hieraus erwuchs ein neuer unge— 
heurer Gewinn auf die Zinfen, während das Kapital um 
14 Prozent geftiegen war. Dieß war ohne Zmeifel der 


250 Achtes Bud. 


Gang, den der tiefſchauende Meifter in Geldoperationen, 
jowohl in England, als in anderen Staaten, wo er die 
Kreditfyiteme regiert, befolgte. 

Solchen riefenbaften Einfluß übt ein einziges Ge— 
ſchäftshaus, das Haus Rothſchild in einem Lande, deſſen 
Volksreichthum und Staatskredit beiſpiellos vor allen Völ— 
kern und Staaten der Erde hervorragen, deſſen im Lande 
ſelbſt verſichertes Eigenthumskapital ſich allein auf 900 
Mill. Pfund beläuft, deſſen Geldhandel auf dem londoner 
Markt allein jährlich 140 Mill. Pfd. Sterling beträgt, 
deſſen Banken — die Fonds der Bank von England abgerech— 
net — jährlich über 150 Mill. Pfd. disponiren, deſſen 
Eiſenbahnkapital 240 Mil. Pfd. groß iſt, wogegen bie 
Staatsſchuld ſich auf 760 Mill. Pfd. Sterling beläuft. 


Neben derartigen wahrhaften Weltgeldgeſchäften und 
Kiefenunternehmungen verjchmäht das londoner Haus | 


ebenjo wenig, wie die übrigen vier Häufer, auch fich zu ger 


ringen Handelöverbindungen und unbedeutenderem Geld 
und Gejchäftsverfehr herabzulaffen. ES vergißt dabei feiner 


finanziellen Weltbedeutung ganz und gar, und ift nicht 
minder mit einem Gewinn von 6 Prozent Provifion und 


Zinfen zufrieden, gleich jevem andern Bankier- und Wechſel⸗ 


geſchäftshauſe. 


Rothſchild's Wechſelgeſchäfte in London werden in 


einer fo großartigen und ausgedehnten Weife geführt, daß 
fie den Anleihegefrhäften gewiß nicht nachjtehen, und da die: | 
jelben nicht zum gemeinfchaftlichen Geſchäfte aller Fünf 
Häufer gehören, jondern fich nur auf den Chef des lon— 


Das rothſchild'ſche Etabliffement zu Lonton. 251 


doner Haufes und feine Familie bejchränfen, denen der 
Gewinn daraus allein zufließt, jo haben fie ihm ficher einen 
bedeutenderen Ertrag abgeworfen, als fein Antheil an dent 
übrigen Geldgefchäften. Sie wurden zudem zu allen Zeiten 
und unter allen Umständen fortgefegt und waren nicht jenen 
Zufällen unterworfen, denen die auswärtigen Anleihen ftets 
ausgeſetzt find. 

Das Benehmen Nathan’s v. Rothſchild bei diefen 
Wechſelgeſchäften ftellte feinen Charakter in das vollfte und 
vortheilhaftefte Licht. Nie ſtand er einen Augenblick an, 
einen Wechſel aus irgendeinem Welttheile anzunehmen, 
und fein Gedächtniß war fo ftarf, daß er, troß der Maſſe von 
Geichäften, die ihn mit jedem Poſttage überftrömten, und 
troß dem, daß er nie etwas motirte, doch im Stande war, 
nach jeiner Rückkehr von der Börfe alles genau feinen Buch— 
haltern zu diftiren. Seine Zuverficht und Freigebigfeit in 
diefen Mechjelgefchäften verdient nicht minder der Erwäh— 
nung. Biele Kaufleute, deren Wechjel man nicht refpeftiren 
wollte, fanden bei ihm Beiltand, und die geringen DBer- 
luſte, welche ihm aus diefer uneigennützigen Handlungsweiſe 
erwuchſen, zeigen deutlich, daß ſein Zutrauen ſelten gemis— 
braucht ward. 

Bei dieſer Gelegenheit muß eine beſondere Eigen— 
thümlichkeit, welche in England rückſichtlich des Wechſel— 
rechts und der Wechſelexekution, abweichend von den 
Ländern des Kontinents, herrſcht, erwähnt werden, und 
dieſes umſo mehr, als mancher Leſer hier vielleicht zum 
erſtenmale erfaͤhrt, daß im kommerziellſten Lande der Welt, 


252 Achtes Bud. 


wo mehr Wechfel zirkuliven alsim übrigen Europa zufammen- 
genommen, ein ſummariſches Verfahren bei Wechjeln, der joge- 
nannte Wechſelprozeß gänzlich bis jetzt unbekannt geblieben it. 
Mie bei jeder anderen Forderung muß auch der Gläu— 
biger, der fir einen nicht bezahlten. Wechſel Nechtshilfe 
jucht, vorausgefeßt, daß die Summe die Zuftändigfeits- 
grenze der Grafſchaftsrichter überfteigt, jich an Die Ge— 
richtshöfe zu Meftminfter wenden und Die ganze Majchi- 
nerie einer Unterfuchung vor Richtern und Gefchworenen 
in Bewegung fjeben. Ein Wechſel it in England nur 
Dadurch von jeder anderen Forderung verfchieden, Daß der 
Kläger bloß die Unterſchrift des Ausſtellers und die ſoge— 
nannte valuable consideration (d. 5. daß er für den 
Mechjel wirklich etwas gegeben babe) zu beweifen bat. 
Die fonftigen Elemente des Nechtsanfpruchd werden als 
durch den Wechſel felbit bewiefen angenommen. Gegen 
dem fich nicht vertheidigenden oder nach feiner Vertheidigung 
verurtbeilten Beklagten wird aber Feine raſchere Erefution 
al3 bei jonftigen Anfprüchen gewährt, während auf dem 
Kontinente gerade in der rafchen Nechtshilfe der mefentliche Ä 
Borzug des Wechſels gefehen wird. | 
Im Sabre 1855 fam diefe MWechfelprozegangelegenheit 
ins Parlament: e3 waren zwei neue Geſetzentwürfe vorz | 
gelegt; der eine ftammte von Lord Brougham, der andere 
war im Unterhaufe eingebracht, Lord Brougham gebt 
durchaus radikal in feinem Entwurſe zumerfe und ahmt 
ganz dem fontinentalen Wechſelprozeß nad; in der Kea— 
ting'ſchen Bill ift mehr Anlehnung an engliſche Verbalt 


Das rothichildfhe Etabliffement zu London. 233 


niffe. Ein Richter joll bei einem Mangels Zahlung pro- 
teitirten Wechſel entjcheiden, ob der Beklagte fih im ges 
wöhnlichen Wege vertheidigen darf oder gleich zu erefutiren 
ift. Die Handelswelt ift über die Näthlichkeit beider Maß— 
regelt fehr getheilt. Die Attorney3 find auch gegen dieſe 
Neuerung, von der man namentlich Fraudulente Be; 
nabtheiligung anderer Gläubiger befürchtet. 
In Schottland hat man von jeher unter dem Namen sum- 
mary diligence den feſtländiſchen Wechſelprozeß gehabt, und 
der Umſtand, daß die Neuerung aus Schettland ſtammt, 
aus dem Lande, von dem Johnſon, deſſen Haß gegen den 
Teufel, die Whigs und die Schotten gleich groß war, fagte, 
daß der befte Weg darin der fei, der nach England führe, 
hat nicht wenig zu dem großen Wideritande beigetragen, 
den Die beiden Bills bis jetzt gefunden haben. 

Sean Paul jagt: „Der Engländer hat Scheuleder vor 
den Augen: er fieht nur einen Punkt, aber Diefen Scharf 
und richtig.” Die Wahrheit diefer Bemerkung bewährt 
ich auch hier: er fürchtet bei Einführung des feſtländiſchen 
Wechſelprozeſſes Webervortheilung der übrigen Kreditoren, 
deren Anfprüche fich nicht auf einem Wechfel gründen, in- 
deß ebenfo begründet find als Wechfelanfprüche. Dazu 
fommt, daß bei faufmännifchen Vermögensfalliments und 
Konfurjen viele kurz vor deren Ausbruch, wovon fie vor 
Anderen Kenntniß erhalten, fich durch Ausitellung eines 
Wechſels das Vorzugsrecht der Befriedigung vor allen ein- 
fachen Forderungen ermwirfen, da dem Wechſel bei Verthei- 


234 Achtes Buch. 


lung der Bermögensmafle ein Vorzug zuftehbt, und Die 
Wechſelgläubiger vor den Uebrigen befriedigt werden. — 

Die Gebrüder Rothſchild in London und Baris find 
auch bekanntlich k. k. öfterreichifche Generalfonfulen, und 
jollten als folde die Handelsintereffen Defterreihs an 
beiden Pläben vertreten. Dieje litten indeß dadurch, das 
jie in den Händen dieſer zwar mächtigen, aber in Hinficht 
jener Intereſſen wenig effektiven Männer rubten, deren 
Ambition der Titel und die damit verknüpfte Würde eines 
©eneralfonjuls genügten, die aber in ihrer offiziellen Kor— 
reſpondenz Lücken eintreten und daher dem Wunſche vollen 
Raum ließen, eine KRonjulatsfanzlei in Paris, befonders in 
London zu befisen. Bis zum Suhre 1846 hatte diefelbe 
nicht eriftirt, und Rothſchilds fuchten der Errichtung der: 
jelben fortwährend entgegenzuarbeiten. Der duch feine 
Schidjale in beiden Hemifphären der Handels: und Bör— 
jenwelt befannte Vinzenz Nolte Hatte in gedachten Sabre 
von dem jebigen Finanzminifter von Brud, dem Schö— 
pfer des Bufterreichifchen Lloyd, damald zu Trieft, die Zw 
fiiherung feiner Verwendung zur Erlangung der Kanzlei 
Direftorftelle bei diefer neu zu griüimdenden Behörde erhalten, 
und mar veranlaßt, direkt mit dem Haufe Rothſchild in 
Mien dieferhalb in Unterhandlungen zu treten, und dann 
der Ernennung durch die betreffende Landesbehörde, der 
Diefelbe obliege, eitgegenfehen zu können, wenn das Haus | 
einverftanden and feinen Namen der Kandidatenlifte eine 
verleibe. 

Der Aſſocie und Gérant des wiener Gtablijfementd, | 


Das rothſchild'ſche Gtabliffement zu London. 235 


Moritz Goldſchmidt, juchte fich durch diplomatifche Floskeln 
von jeder genügenden Aeußerung und Erklärung fernzus 
halten und verwies Nolte an den Hofkammerpräfidenten. 
Sowohl das öfterreichifche ©eneralfoniulat zu Baris wie das 
zu London waren auf Anjuchen Der Chefs der rothihild’- 
chen Ctabliffements in beiden Städten ihnen mit dem 
Vorbehalte verliehen, daß, jobald die Regierung für noth- 
wendig erachte, in beiden Konfulsten eine Kanzlei zu er- 
richten, die fich mit den Handels- und Induſtrieverhältniſſen 
Deiterreich8 mit Franfreihb und England zu befchäftigen 
Haben würde, fie gehalten fein follten, eine Lifte von min— 
deſtens vier Kandidaten zu der Kanzleidireftorsftelle (mit 
600 Pd. Sterling Einkommen auf Koften des Haufes 
Rothſchild) vorzulegen. Die vfterreichifche Regierung er— 
Härte, daß der Augenblick gekommen, wo fie in London 
eines Kanzleidireftors für das dortige Konfulat bedürfe. 
Man entledigte fich auf diplomatifche Weiſe ſeitens Roth— 
Ihild’3 des Kandidaten Nolte, indem man fich ſchon vor den 
mit ihm eingeleiteten Unterhandlungen nach einem öſterrei— 
chiſchen Staatsbeamten für diefe Stelle umgeſehen batte, 
Trotzdem dauerte die Vakanz fünf Jahre, bis endlich dem 
Nachfolger im Handel3minifterium Brud’3, Herrn von Baum- 
‚ gartner, Gelegenheit geboten ward, den Sekretär der 
jeitens Dejterreichs zur Iondoner Ausftelung im Sabre 
‚ 1851 gejandten Kommiffion, Schwark, kennen zu lernen 
und ihm die KonjulatsfanzleisDireftorsitelle zu übertragen. — 

Bis zu feinem, am 28. Juli 1836 zu Frankfurt er- 
joigten Ableben ftand Nathan Meyer von Rothſchild, kak. 


€ 


— 


56 Achtes Bud. 


öſterrcichiſcher Generalkonſul in London, als Chef an der 
Spitze dieſes MWelthandelsgejchäfts daſelbſt. Er hatte fi 
1806 mit der dritten Tochter Levi Barnett Cohen's, eines 
iondoner Kaufmannes, vermäbhlt, die ihn überlebte als Mutter 
von vier Söhnen und drei Töchtern. Die älteite Tochter 
iſt an einen Sohn Des Bruders in Frankfurt vermählt, 
und es war die Verheirathung feines älteften Sohnes Lio— 
nel mit einer Tochter desfelben Bruders, die Nathan nach 
Frankfurt rief, wo er feine Tage beichloß. 

Sr hatte feine Beerdigung zu London verorditet; feine 
Leiche wurde daher dahingeſchafft; das Leichenbegängniß 
nahm unter Theilnahme des ganzen diplomatifchen Corps 
Dajelbit, des Lordmajors und Sheriff wie der Aldermänner 
der Stadt und mehrerer Lords ftatt. Die Beiſetzung der 
Leiche erfolgte auf dem Kirchhof, der zur großen deutjchen 
Synagoge auf dem Herzogsplatz gehört. In der Keichen- 
rede am Grabe führte Dr. Salomon Herfchell an, daß der 
Verſtorbene, deſſen Mildthätigfeit befannt, außer feinen zahl- 
reichen Beiträgen zu jeder Wohlthätigfeitsanftalt, häufig 
noch Tauſende in des Redners Hand gelegt habe, um ſie 
zu milden Zwecken und für Hilfsbedürftige zu verwenden. 

Sein Nachfolger als Chef des Iondoner Haufes ift 
fein ältefter Sohn, Baronet Lionel von Rothſchild. Diefer 
vermochte es vor mehreren Jahren Durch feinen Geldeinfluß 
als Barlamentsmitglied für die Iondoner Altftadt gewählt 
zu werden, indeß war er nach wie vor bis zur Stunde 
gehindert, fein Mandat gefeglich zu erfüllen, indem die 
son der englifchen Verfaſſung gefeßlich geforderte Ableiftung 


Das rothichild’fche Gtabliffement zu London. 237 


des jogenannten Abjurationdeides feinem Cintritt ins 
Barlament entgegeniteht, und alle, felbjt die erſtaunlichſten 
Bemühungen bisher ganz erfolglos gewejen find. Da ftellte 
zu allgemeiner VBerwunderung im Juli 1854 der Tory 
Walpole im Unterhaufe die Motion: dem Wunfche des 
Barons von Rothſchild zu willfahren und ihm zu gejtatten, 
Daß er fih durch einen Nechtsrath vor dem betreffenden 
Ausfchuffe des Haufes vernehmen laffe, um zu beweifen, daß 
die gegen ihn angerufene Akte Georgs II., wornach nie- 
mand im Parlamente fißen kann, der in einem kontrakt— 
lichen Berhältniffe zur Regierung fteht, auf ihn und feine 
Uebernahme der letzten engliſchen Staatsanleihe feine An- 
wendung finden könne, indem jonft fein Inhaber von Kon- 
ſols darin fißen fünne, mithin die große Mehrheit ver 
jetzigen Unterhausmitglieder, wenn nicht die Geſammtheit 
derjelben, ihre Site räumen müſſe. 

Die Angelegenheit fam in einer Mittagsfisung des 
Unterhaufes zur Debatte, und der befannte toryſtiſche Nechts- 
gelehrte Thefiger, ein Gegner der Judenemanzipation, ent- 
gegnete u. a.: er wolle Herrin Rothſchild nicht verhindern, 
jeine vermeintlichen Nechtsanfprüche geltend zu machen; 
aber er finde es paffender, daß der Baron entweder per- 
ſönlich oder durch einen Anwalt an der Schranfe des Hauſes 
‚ vernommen werde, und ftelle er daher ein Amendement it 
dieſem Sinne; nach den Bemerkungen und Gegenäußerungen 
‚ mehrerer Anderen zug derjelbe das Amendement zurück, und 
Walpole's Antrag ward genehmigt. 

Die Sache ward nun augetragenermapen einem 


Das Haus Rothſchild J. 17 


258 Achtes Buch. 


Ausschuß des Parlamentes vorgetragen, und diejer entſchied, 
daß der Baronet eventuell im Unterhaufe zu jißen dur 
jeine neuerlichen Geldgefchäfte mit dem Staate keineswegs 
verhindert fei, worauf dann derfelbe einer Deputation der 
City-Wähler die patriotifche Erklärung gegeben bat: er 
jei entichloffen, fein Mandat feſtzuhalten, und bei jeder 
paſſenden Gelegenheit zu verfechten. Wie e3 das Anfehn 
hat, fo jeßen feine Freunde ihre Hoffnung auf Lord Lynd— 
hurſt's BIN zur Abſchaffung des Abjurationgeides. Indeß 
wurde in einem Meeting Iondoner Wähler mit Stimmen- 
mehrheit die Nefolntion angenommen: es wäre auch im 
Intereſſe der Neligionsfreiheit winfchenswerther, ein Mit: 
glied zu wählen, das „Tisen, fprechen und ftimmen könne.“ 

Ob der Baron je von feinem Mandate Gebrauch ma- 
chen und im Barlament fisen wird, muß die Folgezeit 
lehren. 


Neuntes Bud). 
Das Haus Rothfchild in Paris. 





Franfreichs Staatsfinanz- und Staatsſchuldenweſen 
feit Napoleon J. bis unter dem Neginente des Neffen. 
James von Nothfchild, der Chef des parifer Haufes ; 
Züge und Unefdoten. Des Haufes Bezüge und Ein: 
wirfungen auf den Geldmarkt, die Hanvdelswelt und 
Induſtrie Frankreichs — Konkurrenten und Rivale 
Rothſchild's in Paris und anderen Großftädten. — 
Gewinne und Verlufte des Haufes. — Diebitahl Car: 
pentier’s. 

Faft fiebenzig Jahre hindurch waren Frankreichs Re— 
gierungen nur proviforifch. ES erfehienen und verfehwanden 
nacheinander die fonftituirende Negierung mit dem Verſuch 
einer Kepräjentativverfaffung, die gefeßgebende Verſamm— 
lung mit einer Interimsregierung, der Konvent mit einer 
Gewaltherrſchaft, das Vollziehungsdireftorium mit feinem 
‚ Lieferanten-Öouvernement, der achtzehnte Brumaire mit 
den drei Konfuln, Bonaparte und fein Konfulat, Napo- 
leon I. mit dem Kaiferreich, die erfte Reſtauration mit 
‚ den älteren Bourbonen, unter Louis XVIN. die Hundert 
Tage Napoleons, die zweite Neftauration mit der Regie- 
sung der Doftrinäre, der Emigranten und Jeſuiten unter 

Charles X., die Zuliusdynaftie Orleans mit dem unver- 


262 Neuntes Bud. 


änderlichen Gedanken, ihr Sturz durch die Februarrevolu— 
tion, die Nepublif, die Präfidentichaft Louis Napoleon's, 
Napoleon III. Kaifer der Franzofen. Das ift die Skala 
der verſchiedenen Negierungsformen Frankreichs ; fie begreift 
den ausgebildetiten Despotismus und das Negiment der 
äußerſten Zügellofigfeit in fich. 

Mir Haben bereits im vierten Abfehnitte überfichtlich 
die Zuftände und Geftaltungen des Saatsfinanzwefens 
Tranfreichs bis zum lebenslänglichen Konfulate, welches 
in Bonaparte3 Hände gelegt ward, dargeftellt. Als lebens— 
länglicher Konſul der franzöſiſchen Nepublif proflamirte er 
zum erjtenmal das Staatshbudget: es betrug fait 600 
Millionen. Da erfchien am 4. Mai 1804 der Belchluß 
de3 damaligen Tribunats, der die Eonftitutionelle Einleitung 
zum Kaiſerthum machte, aljo Tautend: 

„Sn Erwägung, daß zur Zeit der Revolution, wo 
der Wille der Nation fich mit mehr Freiheit 
ausfprechen fonnte, die allgemeine Stimme fich fin 
die individuelle Einheit und mi der höchſten Ge— 
walt ausſprach; 

daß die Familie der Bourbonen, nachdem ſie durch 
ihr Betragen die erbliche Regierung dem Volke verhaßt 
gemacht hatte, die Vortheile dieſer Regierung in Vergeſ— 
ſenheit brachte und die Nation zwang, ihr Heil in der 
demokratiſchen Regierung zu ſuchen; 

daß Frankreich, das die verſchiedenen Formen dieſer 
Regierung erprobte, ſtets nur die Geißel der Anarchie als 
Ausbeute derſelben erhielt; 


Das Haus Rothſchild in Baris. 263 


daß der Staat am Rande des Abgrunds jchwebte, 
al3 Bonaparte, von der Vorſehung herbeigerufen, plötzlich 
su jeiner Rettung erjchien; 

daß Franfreich unter der Regierung eines Cinzigen 
nach innen die Ruhe und nach augen den höchiten Grad 
son Achtung uud Ruhm wieder erlangt hat; 

daß Die von dem Haufe Bourbon in Oemeinfchaft 
mit einem Minifterium, das ſich als den unverjöhnlichen 
Feind Frankreichs erwieſen bat, gejcehmiedeten Komplotte 
Frankreich die Gefahr enthüllt haben, die ihm drohen 
müßte, wenn. e8 Bonaparte verlöre, und den mit einer 
Wahl verfnüpften Bewegungen preisgegeben würde; 

daß Das Tebenslängliche Konſulat und das dem er- 
ten Konful bemwilligte Recht der Ernennung jeines Nach— 
folger3 nicht hinreichen, um die innern und Außern Intri— 
guen zu verhüten, Die bei der Erledigung der höchiten 
Magijtratur ficherlich nicht ausbleiben würden; 

daß man Durch die Einführung der Erblichfeit dieſer 
Magijtratur ſich ſowohl nach dem Beijpiele der großen 
Staaten der alten und neuen Zeit richtet, als auch dem 
eriten MWunjche, den die Nation im Jahre 1789 ausge- 
drückt hat, willfahrt; | 

daß die Nation durch die Erfahrung belehrt, mit mehr 
Ernſt als je auf dieſen Wunſch zurückkommt, und denſel— 
ben aller Orten äußert; 

daß die Völker, wie die Geſchichte lehrt, bei allen 
politiſchen Revolutionen die höchſte Gewalt der Familie derer, 
welchen ſie ihre Rettung verdankten, übertragen haben; 


264 Neuntes Bud. 


Daß, wenn Sranfreich feiner Sicherheit wegen ein 
erbliches Oberhaupt verlangt, e3 Bonaparte ſowohl aus 
Dankbarkeit, als aus Zuneigung auf dieſen Poſten be— 
rufen muß; 

daß Frankreich alle Vortheile der Revolution durch 
die Wahl einer Dynaſtie bewahren wird, in deren Inter— 
ejje die Erhaltung der evolution nicht minder Tiegen 
mus, als die Vernichtung derfelben im Intereſſe der alten 
Dynaftie läge; 

daß Frankreich von der Familie Bonaparte mebr, als 
von irgendeiner andern, die Grhaltung der Mechte und 
Freiheiten des Volks, das ihn erwählt, und alle dieſe 
Rechte und Freiheiten verbürgenden Einrichtungen erwar— 
ten darf; 

daß es endlich feinen Titel gibt, der ſowohl Bona— 
parte's Ruhm als der Würde des Oberhaupts der franz 
zöſiſchen Nation mehr entjpräce, als der Kaifertitel: 

Ipricht das Tribunat, das ihm durch den Artikel 29. 
der Verfaſſung verliehene Necht übend, den Wunſch aus: 

1. daß der erfte Konful, Napoleon Bonaparte, zum 
Kaifer der Franzoſen proflamirt, und in diefer Eigenſchaft 
mit der Regierung der franzöſiſchen Nepublif beauftragt 
werde; 

2. daß der Katfertitel und die Faiferlihe Macht in 
feiner Familie nach dem Necht der Erftgeburt in männlicher 
Linie fich forterbe; 

3. daß bei den in der Organifation der beftehenden 
Behörden vermöge der Einführung der erblichen Gewalt 


Das Haus Rothſchild in Paris. 265 


etwa erforderlichen Veränderungen die Gleichheit, die Frei- 
heit und die Rechte des Volks unverjehrt bleiben.‘ 

Der gefebgebende Körper trat in einer Adreſſe die— 
jem Wunfche des Tribunats bei, und am 18. Mai faßte 
der Senat da3 organische Senatuskonſult ab, welches Na— 
poleon zum Kaifer der Franzoſen erflärte und ibm Die 
erblicbe Kaijerwürde übertrug. 

Sämmtliche Senatoren begaben fihb nad St. Cloud; 
Cambacéres als Vorſitzender übergab das Senatuskonfult 
dem erften Konful, welcher es mit folgenden Worten in 
Smpfang nahm: 

„Alles, was zum Wohle des Vaterlandes beitragen 
kann, bildet einen wefentlichen Beftandtheil meines Glücks. 
Sch nehme den Titel an, den Sie als nüslich für die 
Nation betrachten. Sch untermwerfe das Geſetz der 
Erblichkeit der Öenehbmigung des Volks; 
ich hoffe, daß Franfreich die Chrenbezeugungen, mit deinen 
es meine Familie umgibt, nie bereuen wird; in allen 
Fällen wird mein Geiſt von meiner Nachfommenfchaft in 
dem Augenblic weichen, in welchem fie aufhören würde, 
die Liebe und das Zutrauen der großen Nation zu vers 
‚ dienen.” 
| Gemäß der Verfaſſung leiſtete der Kaifer dann fol— 
‚ genden Eid: 

„Ich ſchwöre die Integrität des Gebiet3 der Repu— 
blik zu ſchützen, die Geſetze des Konfordats, der politifchen 
und bürgerlichen Freiheit, fowie die Unmwiderruflichfeit der 
‚ Veräußerungen der Nationalgüter zu achten und geachtet 


266 Neuntes Bud. 


zu machen, feine Auflagen anders ala kraft des Geſetzes 
zu erheben und einzuführen; die Snftitution der Ehrenle— 
gion aufrechtzuerhalten und einzig und allein im Sinne 
der Wohlfahrt, des Glücks und des Ruhms der franzöſi— 
ſchen Nation zu regieren.“ 

Am 19. Mai ernannte Napoleon die Marſchälle und 
die Großwürdenträger des Kaiſerthums; am 20. ward ev 
als Napoleon I. zum Kaifer der Franzoſen ausgerufen. 

Dem Bolfe ward die Frage zur Abjtimmung vorge 
legt: „Das Volk will die Erblichkeit der Kaiferwürde in 
der geraden, leiblichen, legitimen und adoptiven Ab- 
ſtammung Napoleon Bonaparte'3, und in Der geraden, 
feiblichen und legitimen Abftammung Joſeph Bonaparte’s 
und Ludwig Bonaparte’s, ſowie dieß durch Den Senats— 
beſchluß vom 28. Floreal des Jahres AI. beftimmt ift.“ 

3,574.898 Bürger ftimmten darüber ab; davon ſag— 
ten 3,5728329 Ja; 2569 Nein. 

Am 1. Dezember 1804 überreichte der Präſident des 
Senats dem Kaiſer dieſen „Volksbeſchluß“; am 2, 
Dezember fand die Krönung und Salbung Des Kaifers 
Napoleon und der SKaiferin Joſephine ftatt, wozu Bapit 
Pius VII ſchon am 25. November nach Paris gefom- 
men war. 

Das war die Tagesordiiung und das Programm dev 
erſten Einfesung des napoleoniſchen Kaiſerthums. 

Mit Ausnahme der ſechs Reichswürdenträger, der 
ſechszehn Marſchälle, der hundert Senatsmitglieder und | 
der Richter, die unabſetzbar waren, feste er nah Willkür 


Das Haus Rothfchild in Baris. 267 


alle anderen Beamten ab; die niederen Stellen betrugen 
300.000, das Heer 450.000, dazu 64.000 Zivilpenfionäre, 
und fo braucht man nicht zu ſtaunen, daß er 3, Millionen 
Stimmen für fih zu ſammeln vermochte, um fich die Krone 
zuerkennen zu lajjen. 

Alle Inhaber der Nationalgüter waren Befürderer 
jeiner Ihronbefteigung ; fie bildeten faſt Die Hälfte Der 
Bevölkerung, und feit vem 18. Brumaire faufte er noch 
die andere Hälfte durch Stellen, die er gründete, damit 
fie Darauf bieten follte. 

In wenigen Jahren, nachdem er alfo Kaijer gewor- 
den, wurde Napoleon Herr des europäischen Kontinents! 
er ward es, weil er nur Kabinette und Diplomaten zu 
überliften und Söldnerheere zu ſchlagen hatte, fein Volk 
aber auf dem Feſtlande wider fich gerüstet gefunden. ALS 
Spanien, als Deiterreich, als Rußland, als endlich Preu— 
ßen und Deutſchland gegen ihn als Nationen ſich erhoben, 
da ging ſein Sieges- und Glücksſtern unter. Willkür— 
lich und gewaltſam erweiterte er die Grenzen des franzö— 
ſiſchen Reiches, indem er die weltliche Macht des Papſtes 
aufhob, den Kirchenſtaat für einen Theil Frankreichs er— 
klärte, ſich von ſeinem Bruder Louis Brabant, Seeland und 
Geldern abtreten ließ, damit der Thalweg des Rheins die 
franzöſiſche Grenze ſei, dann Holland ſelbſt mit Frankreich 
vereinigte, Wallis demſelben einverleibte, weil die Sim— 
plonſtraße für Frankreich wichtig ſei, und endlich am 10. 
Dezember 1810 die Nothwendigkeit ausſprach, das Reich 
bis an die Oſtſee auszudehnen, und damit die ganze See— 


268 Neuntes Bud. 


füfte nördlich einer willfürlihen Linie vom Ginfluß der 
Lippe in den Rhein bi Travemünde zu Frankreich zog. 
Alfo reichte ‚das große Reich‘ von den Pyrenäen bis zur 
Ditjee, und vom Terel big nach ZTerracina, und feinem 
Beherrſcher gehorchten Vaſallen und Verbündete in Däne> 
marf, Spanien, der Schweiz, dem Rheinbunde und Sizi— 
lien; in Schweden war die Thronfolge einem franzöſi— 
schen Marſchall übertragen, Preußen war erichöpft, Oeſter— 
reich jcehien Durch Familienbande gefefjelt: nur zwei euro- 
päiſche Mächte ftanden unerſchüttert neben Frankreich: 
England und Rußland. 

Mie ſehr auch das nene Kaijerthbum fich vergrößert 
hatte nach augen bin, jo waren die DVerhältniffe im In— 
teren die fchlechteiten. Druck und Zoch jeder Art lafteten 
auf den ‚Eaiferlichen Untertbanen‘, Steuern in ftet3 wach— 
jender Erhöhung und eine die Staatseinnahme weit über- 
jteigende Staatsausgabe. Das Jahr 1804 ſchuf Frank 
reich zum Kaiferreiche mit einem infolge des Finanzgefekes 
vom 23. Februar 1804 Ds Staatsausgabes 
Budget von 700 Millionen. 

Im Sabre 1804 *) betrug die Bruttoeinnahme der 108 
Departements in Frankreich 726 Millionen Franks, deren 
Erhebungskoſten 175 Mill. der Ausgabe-Etat nach dem 
Friedensfuß dagegen 644 Millionen. Der Feldzug des 
Jahres 1894 brachte 150 Mill. ein, obwohl fie im Etat 


*) Ueber Frankreichs Hilfsquellen und die Mittel, feine Zinanzen 
feit der Revolution aufrecht zu erhalten. Bon Fr. D’ Fvernois. 
Aus dem Pranzöfifchen. Berlin 1805, 


Das Haus Rothichild in Paris, 269 


nur zu 103 angefchlagen waren und eine Erjparnig von 
75 Mill, indem das Ausland ein DBiertel des Heeres 
unterhalten mußte. 

Diefe auswärtigen Hilfsquellen, verbinden mit Ver— 
fauf des Meftes der Nationalgüter, deckten fowohl das 
innere Defizit al3 auch den Ueberſchuß der Ausgaben des 
Kriegs- und Friedensfußes. 

Das offizielle Einnahme-Budget für das Jahr 1804 
ftellte folgende Poſitionen auf: 

Brundfteuer Dr... 210,000.000 Franks 
Abgabe von Perſonen, Verboten 

Gütern und Lebensmitteln . .  32,800.000 , 
Neue Zentimen- Abgabe von beiden 


etetent 0, Bar 0 18T AT N0N. 
Thürs und Fenſterſteuer a 600000 
Paccnſtenuer 660000 
Zentimen für die Kriegskoſten la N 
Derwaltung des Enregiſtriments, Der 

Domänen und Forften . . .  180,000.000 „ 
oltonalsölle-. >. 5» 8000000 
Ran. 11041600000 
Rarmallosterte „2029 14000.000 
SG DJOH, 3,000.000 ,, 
anzmwelen “NN... 800.000 ,, 
Unbeftimmte und zufällige —— 2589.040, 

550000 00 Franfs. 


Dazu kommen die nicht aufgeführten auswärtigen 


270 Keuntes Buch. 


Einnahmen, fo daß fich die erite Annahme zu 726 MT. 
als richtig darftellt. 

Das veröffentlichte Budget rückſichtlich der Ausgaben 
jtellt fich alfo dar: 
Für Die öffentliche Schuld und 


Letbrenteruin un. u. ilaladt are 71198 ,Aulor Krone 
Für den Juſtizminiſter 27 5:91391,28,000:000. 2, 
Für den Minifter des Innern . .  34,730.919 


N „ Auswärtigen . 7,000.000 
EN, der Finanzen . . 77,677.000 
„ „ „ Des öffentl. Schatzes 8,000.000 Pr 


UND des Krieges . . 268,000.000 , 
— ——— des Seeweſens und 
der Kolonien 60000000 
Zur Beſtreitung der Staatsunter- 
handlungskoſte 15,000,.000:,,9,, 
Für. den: Reſervefgnd 9,438.318, 7, 


-700,000.000 $ranfs. 

Diep tft der Etat fir ein Kriegsjahr. Für den Etat 

des Friedensjahres muß man zuerft 79 Mill. abziehen, jo 
dag noch 624 Mil. auf dem Etat bleiben. Hinzugeſetzt 
müjjen werden die Zivillifte des Kaifers, welche mit den 
ihm zur eigenen Verwendung überlajfenen Domänen, den 
Appanagen feiner Brüder und der Befoldung der Groß— 
offiziere der Krone 30 Mill. beträgt. Da indeß der Haus: 
halt des Konſuls im obigen Etat mit 7 Mil. aufgeführt 
ift, jo fommen zu jenen 624 Mill. nur 23, wornach Die 
firen Ausgaben 644 Mil. Franks betragen. Zu Diejer 


Dos Haus Rothſchild in Paris. 271 


Summe kamen die Departementsausgaben zu 79, die Aus— 
gaben für die Straßenunterhaltung zu 15, die Erhebungs— 
koſten zu 80, die geheimen Polizeiausgaben zu 5 Mill., ſo 
betrug die ganze Summe der Ausgaben eines Friedens— 
jahres (mit Ausſchluß der Koſten für den Klerus) 823 
Millionen, alio 376 Millionen mehr als unter der könig— 
lichen Monarchie. 

Im Sabre 1806 begann die Ausbeutung Deutfih- 
lands nach den fiegreichen Greigniffen: Frankreichs Bud— 
get ward für diefes Jahr auf 689 Millionen und 1807 
auf 720 Mill. feitgefest, worunter fich die Negie (droits 
reunis) mit 84", Millionen befanden. Die aus der 
Kriegsitener Preußens und Deiterreichs gefammelten Schätze 
bildeten eine ‚extraordinäre Domäne‘ von 400 Millio— 
nen; den ©ejammtertrag des Krieges berechnete Daru, 
der Generalintendant, zu 600 Millionen. 

Bon Jahr zu Jahr ftieg das Keichsbudget, im Jahre 
1809 und 1810 auf 740, im darauffolgenden Sabre auf 
954 Millionen. Die Vorbereitungen zum Peldzuge gegen 
Rußland, der ungehenerften Kriegsrüftung im neueren Eu— 
topa, verſchlangen Millionen über Millionen. 

„Napoleon hatte das mächtigfte Heer verfammelt, 
welches die neuere Melt jemals gefehen: aus allen Thei— 
len des Kontinents hatte er Streitkräfte herbeigezogen ; 
jede Verſchiedenheit des Blutes, der Gefichtäfarbe, Sprache, 
Kleidung und Waffen fand fih in feinen Schnaren. Die 
Hilfsmittel ganzer Provinzen murden durch Königreiche 
geführt, welche die Waffen in Achtung hielten; die Artil— 


272 * Neuntes Buch. 


lerie ganzer Feſtungen durchzog die Felder; das Vieh von 
tauſend Hügeln ward zur Nahrung der Myriaden gemacht, 
welche in die Ebenen des öſtlichen Europa ſtrömten, wo 
Blut in Strömen floß, und die Erde mit Menſchenbeinen 
gebleicht wurde. Allein dieſer Rieſenkriegszug *), obgleich 
fortwährend glücklich, erreichte keinen Zweck, als der Feind 
beſiegt war und als der Sieger vergeblich um Frieden 
warb. Die alte Hauptſtadt des moskowitiſchen Zaarenrei— 
ches war in ſeiner Gewalt, aber die Eroberung war ihm 
nutzlos wegen der Friedensweigerung des Feindes und der 
Unfruchtbarkeit der Umgegend. Der Brand Moskaus be— 
gann in einer Nacht Napoleon's Niederlage, welche der 
Froſt einer anderen vollendete. Auf den Pomp und das 
Material zahlloſer Krieger, auf ihre Kavallerie, ihre Kano— 
nen, ihre Magazine und ihr Gepäd ſanken langſam und 
allmälig Flocke auf Flocke der Schnee einer nordijchen 
Nacht hinab; der Nüdzug der Waffenſchaaren ward abge— 
schnitten, fein Verderben ward unwiderrufbarer beſiegelt, 
als wäre er in der Schlacht befiegt. Alle feine Anftren- 
gungen, die verlorene Macht wieder zu gewinnen, vermoch- 
ten nie die Wirkung jener ruſſiſchen Nacht auszugleichen. 
Das Feuer feines Geiftes brannte noch ftrahlender als zu— 





*) In Niebuhr's Papieren fand fich ein amtliches „Zableau von 
den k. franzöfifchen und alliitten Truppen, die durch Die k. 
preußifchen Staaten vom 1. März bis 22. Juni 1812 mar- 
Ichirten,“ wornach die Gefammtzahl mit Ausfchluß der polni- 
fchen, öfterreichifehen und füddeutfchen, die nicht Preußen be— 
rührten, 422.814 Mann betrug, die Zahl der Kavallerie-, Ar— 
tillerie- und Trainpferde 114.173. 


Das Haus Rothihild in Paris. > 273 


Hoc: in zwei Feldzügen waren feine Anſtrengungen mehr 
als menfchlich, jeine Hilfsquellen noch wunderbarer, wie 
früher, feine Tapferkeit werth fiegreichen Lohnes und des 
Preijes, um den er fpielte; — allein alles war vergeblich, 
Die Waffe blieb nicht Länger in feiner Hand, fein Heer 
war entſchwunden, feine Gegner beugten fich nicht länger 
unter dem Gefühle feiner überlegenen Natur, fie entdeckten, 
er fei befiegbar, wie fie jelbft, und wurden ihrerjeits kühn. 
So war der große Feldherr, und-jo das Schickſal, in das 
er ſtürzte. 

Ein mächtiger Geiſt eriten Ranges, einer der größten 
Meifter in der Kriegsfunft nimmt er feine Stellung unter 
den Generalen der höchiten Klaſſe ein; Friedrich's II. Tak— 
tik. brachte er umſoviel und mit jo wichtigen Hinzufit- 
gungen weiter, dag man ihm die Erfindung der neueften 
Taktik nicht abiprechen darf. Sein Genie blieb aber nicht 
auf den Krieg bejchränft, er jah in Negierungsangelegen- 
beiten ebenjo ſcharf, gleich entfchloffen über fein Verfahren 
darin, wie im Felde. Aber bei allen dieſen Eigenfchaften 
man &ruberer, war er Tyrann 

Um feinen Durſt nach Gewalt zu jtillen, um feinen 
Ehrgeiz nah Herrſchaft, den feine Groberung jättigen 
Eonnte, zu befriedigen, trat er die Freiheit mit Füßen. Er 
hüllte die Welt in Flammen, welche das Blut von Milli 
orten nur zu löfchen vermochte. Ehrlichkeit, Wahrheit, Mit- 
leid, Pflichtgefühl waren von ihm geſchieden, der einen 
einzigen und jelbftfüchtigen Zweck verfolgte. Enghien’3 Tod, 
Wright's graufame Leiden, Pichegru's geheimnißvoller Tod, 


A 


Das Haus Rothſchild. L 18 


274 Neuntes Bud. 


Palm's Beitrafung, Touſſaint's Martern find mul 
Flecken feines Ruhmes.“ 

Alſo charakteriſirt ihn treffend Lord Henry Broug— 
ham. — Er opferte 5 Milliarden an Geld als eingeſtan— 
dene Koſten der Kriege von 1802 —1814 für Frankreich 
allein, und fünf Sechftel der 3 Millionen Menfchen, die 
während jener Zeit zum Kriegsdienfte ausgehoben worden, 
feinem Ehrgeize. 

Seine Entthronung und Ueberſicdlung nah Elba 
folgten dem Kampf und feiner furchtbaren Niederlage in 
Rußland und im Fortgange des Krieges von ganz Europa 
wider ihn. in Deutichland wie auf Frankreichs. Boden 
bi3 zur Ginnahme von Paris, mit ihnen die Wiederein- 
feßung der Bourbonenherrſchaft und Einführung einer Eon- 
ftitutionellen Verfaſſung unter Ludwig XVIII. 

Den zum eritenmale zufammenberufenen Kammern 
legte der Miniſter Montesquien einen Bericht über des 
Reiches Zuftand vor in greller Färbung des Unheils der 
Kaijerregierung. Noch trüber war das Bild des Finanz— 
minifterd Louis über die Staatsfinanzen und Staatsbe: 
dürfniſſe: rückſtändige Zahlungen über 1308 Millionen, 
die fich indeß auf 759 ‚vermindern: ließen; Die fundirte 
Staatsfchuld betrug nur 98 Mil. Zur Tilgung ward der 
Berfauf der Domänenforften und Gemeindegiter und 
ein Kredit son 100 Mill. befchloffen. Man beftimmte 
das abnorme und tranfitorifche Budget für 1814 und das 
Normalbudget für 1815, letzteres mit 618 Millionen 
Einnahme und-547 Mil. Ausgabe mittelſt Geſetzes vom 


Das Haus Rothihild in Paris. 275 


23. September 1814; die Zisillifte ward auf 33 und 
außerdem 30 Mill. für die Schulden der Bourbonen im 
Auslande aus der Zeit der Emigration bewilligt. 

Da trat als 100tägige Epifode die Rückkehr Napo- 
leon’3 ein; die Ujurpation ward durch der Miirten Waffen— 
Hilfe unterdrückt: faſt eine Milton fremder Truppen war 
auf Frankreichs Boden; fie erforderte eine Kriegsrequifitinn 
son 100 Millionen durch eine außerordentliche Steuer 
beim Ausgange der hundert Tage. Das Budget für 1816 
ward auf 548 Mill. ordentlicher und 290 Mill. außer 
ordentlicher Ausgaben feitgejeßt, bei jenen für Die konſo— 
hidirte Schuld 125,500.000 Franks; alles in allem zu— 
jammengerechiret zu 1.069,261.826 Franf3 feitgefeßt durch 
das Geiek vom 25. März 1817. Die Entjehädigung der 
Smigranten durch eine Milliarde, und die Kriegsentſchä— 
Digung der verbündeten Mächte durch 700 Millionen was 
ven enorme Boten des Staatsausgabe-Etat3 neben ber 
Summe fir die Verpflegung der fremden Okkupations— 
armee in Kranfreich auf 5 Sabre. 

Das Staatsbudget ftieg und ftel im dein folgenden 
Jahren in Einnahme wie Ausgabe: die Kammern von 
1824—1825 festen die Zivillifte für den König auf 25, 
für die Prinzen auf 7 Millionen fe. Das Budger ftieg 
unter Den verfchiedenen Miniftern fortdanernd bis zur Juli— 
revolution; es betrug unter dem Minifterium Martignac 
im Jahre 1828 für das der Revolution vorhergehende 
Jahr 986 Mil. Einnahme und 980 Mil. Ausgabe, und 
die jährlichen Renten 248 Mil. Franke. 

18* 


276 Neuntes Bud. 


Unter der orleans'ſchen Dynaftie waren die Finanzen 
troß der großen Einnahmen nie blühend. Während Louis 
Philippe’3 Regierung überftieg das Nefultat der indirekten 
Steuern allein 12 Milliarden um einige 100 Millionen, 
und die Staatseinnahme belief fich jährlich auf 1000 big 
1200 Millionen. Die Haupturfache lag in dem fortwäh— 
renden ‚bewaffneten Frieden.‘ Im Jahre 1841 ergab 
ich Sogar ein Defizit von 1000 Millionen: die Fönigliche 
Zivillifte betrug 12 Millionen, für den Kronprinzen 2 Mil- 
lionen, bei einem PBrivatfamilienvermögen von 74 Millionen. 

Louis Philippe's Syſtem hatte dag Land bereits an 


den Vorabend der furchtbarften Pinanzkrife gebracht. Die 
Stadt Paris war mit 12 Millionen (gegenwärtig weit 


mehr) verfehuldet und das Stadtbudget mit einer Nente 
von 600.000 Frank belaftet. Die Notb der Arbeiter 
war furchtbar, im Handelsftande gab es Banferotte ohne 
Ende: man batte bei dem eingeriffenen Betrugfyftem mit 


fingirtem Kredit ohne Kapital gehandelt. Die Revolution, 


klopfte nicht an, fie fiel mit der Thür ins Haus. Eine 
proviforifche Negierung ftellte fih an die Spige und erlieh 
ein Dekret nach dem andern, von der Abfchaffung des 
Königthums bis zu der Meberweifung der Millionen der 
Zivilfifte an die Arbeiter. Die Staatsfchuldenlaft mar 
furchtbar, die finanzielle Zerrüttung grenzenlos. 

Auch ohne die Nevolution wäre binnen wenigen Mo- 
taten ein Staatsanleihen von 600 Millionen erforderlich 
geweſen. Es gab nur zwei Mittel, die neue Republik 
vom finanziellen Abgrumde zu retten: Diktatur (Erpreſſung) 


Das Haus Rothſchild in Paris. 277 


oder Kredit. Hätte der Staat die geringfte Zögerung in 
Erfüllung feiner Verbindlichfeiten gezeigt, fo würde das Wort 
Banferott auf allen Lippen gefehwebt haben. Goudchaux, 
der Finanzminifter, nahm feine Entlaſſung; er fühlte fich 
der jehwierigen Aufgabe nicht gewachfen. Man fuchte nach 
einem fähigen Kopfe, der der augenblidlih jo äußerſt 
gefahrvollen Krifis mannhaft entgegenzutreten vermöchte. 

Auf Goudchaux folgte Garnier-Pages als Finanzmi— 
nijter; er begamı fein Amt mit dem Verkaufe der Koriten 
der alten Zioillifte, defretirte ein Freiwilliges Anleihen, und 
da der Geldfad taub blieb, verfügte er die beflagenswer- 
theite aller Finanzmaßnahmen: den Steuerauffhlag von 
45 Zentimen bei den vier Einzahlungen der direkten 
Steuern; fie traf mur den von Schulden erdrücten Land— 
mann, den kleinen Grundbeſitzer. Siebenhundert Millionen 
verichuldete der Staat den Sparkaſſen, Inhabern von Schab- 
jcheinen und den verfchiedenen Zweigen des öffentlichen 
Dienftes. Das Ansgabebudget betrug 1700 Millionen, die 
Staatsſchuld 5 Milliarden und 179 Millionen; fie war in 
‚fieben Jahren um fat 1 Milliarde gewachfen. Jene Zus 
ichlagfteuer brachte 150 und ein Vorſchuß der Bank auf 
Die Forften 230 Millionen ein. Und damit rettete man 
ih von dem Staatsbankerott. 

Unter dem Bräftdententhbum der Republik, welches 
gar bald zum Kaiſerthum umſchlug, ſtieg das Staatsbudget 
jortwährend; der Krieg mit Rußland erforderte ein Opfer 
nah dem andern: ein Staatsanleihen folgte dem anderen. 
sm April 1856 wurden die Ausgaben des Budgets, die 


278 Neuntes Buch. 


Dotationen, jowie die Stadtsfchulden unter dem gegeit- 
wärtigen Kaiferthbume angegeben, wie folgt: 

Die regelmäßigen Ausgaben belaufen fih auf 1598 
MIN. Frans. Der erſte Theil der Ausgaben befteht aus 
den Intereſſen fir die Schuld, welche zerfallen in 342 Mill. 
zur Berzinfung und Amortifation der konſolidirten Schuld ; 
10! Mil. zur Berzinfung der Spezialanleiben für Kanäle 
Je, 33% Mil. zur Verzinfung der fchwebenden Schuld, 
der Kautionen 3e., endlich 68 Mill. Dette viagere; zuſam— 
men 455 Millionen Franken, welches den Intereſſen einer 
vierprogentigen Schuld von 11.375 Mil. Kranken oder 
3030 Mill. Thalern entfpricht. Seder Franzoſe tft alſo 
mit einer Schuld von 86 Thaler belaftet. Die Dotatio- 
nen betragen bar 25 Mil. für den Kaiſer, 1 Mill. 
für die Prinzen und Prinzeſſinnen des Faiferlichen Hauſes, 
6'/ Millionen fir den Senat, 27 Millionen für den 
gefeßgebenden Körper, 3 Millionen Supplement fir die 
Ehrenlegion: macht 38% Millionen Franken Dotationen. 
Die Erhebung der Steuern Je. foftet 165 Millionen d. 5, 
die Einnahmen zu 1500 Millionen angefchlagen etwa 11 
Prozent. 4 Millionen Franken find für die Bollendung des 
Louvre beftimmt. Die Vermehrung des Budgets des Mi- 
nifteriums des Unterrichts und des Kultus ift lediglich zu 
Gunſten des Klerus, nicht der Schulen. Die außerordentz 
lichen Kriegsfoften (abgefehen von dem regelmäßigen Mi— 
Itärbudget von 340 Millionen Franken) bilden ein befon- 
dere Budget, und werden mit 46 Millionen Intereſſen 


Das Haus Rothſchild in Paris. 279 


in der fonjolidirten Schuld, alfo mit 1150 Millionen Vier— 
progentige berechnet. 

Frankreichs Bevölkerung zu 35 Millionen gerechnet 
macht eine regelmäßige — von 46 Franken auf 
den Kopf für das Jahr 1856. — 

Das in Frankreich und ei in Paris in ein— 
zelnen Händen und bejonders im Belike von Bankierhäu— 
ſern aufgehäufte Kapitalvermögen ift unermeßlich. Im Juni 
1848, als der Nationalverſammlung der Dekretsentwurf 
über die Verwandlung der ſchwebenden Schuld in eine 
fonfjolidirte vorlag, veröffentlichte eim damals unter dem 
Titel: „die Organifation der Arbeit,“ erjcheinendes parifer 
Journal und ebenjo auch Die „Neform’ die „eriten Anfänge 
einer DBermögensftatiftif in Paris“, worin ſich folgende 
Angaben finden: Die Häufer Gebrüder Lafitte und Dela— 
marre wurden jedes zu 10 Millionen geſchätzt, Baudon 
zu 12, Nougemont und Lafond zu 15, Durand, Deleffert, 
Aquirrevengon und Halpben jedes zu 20, Hottinger und 
Pellaprat jedes zu 25, Fould zu 30, Hoop zu 40, der 
Baron Grefjulbe zu 100, Rothſchild zu 600 Milli— 
onen Franks; den König tarirte man darin zu 800, den 
Herzog von Aumale und Madame Adelaide jedes zu 70 
und den Herzog von Montpenfier zu 20 Miliionen. Darnach 
galt da3 damalige Vermögen jener großen Bankiers zu= 
jammen 362 Millionen, Nothichild beſaß darnach mithin 
238 Millionen mehr als jene zufammen, und famen über= 
haupt auf nur 20 Einwohner der parijfer Bevölkerung 
zwei Millionen. 


280 Neuntes Bud. 


Durch dieſes große Kapitalbefisthum erlangte das 
Haus Rothichild feine Bedeutung und Einwirkung, wie nie 
ein Handelshaus vor ihm gebabt hat, noch haben konnte. 

„Mnwillfürlichb — fagt der mehrfach erwähnte Ar— 
tifel in der Augsb. Allg. Zeitung — drängt fich die Frage 
auf, wie es dem Haufe Notbichild gelungen, feine bedeu— 
tende Stellung in Frankreich unter den verjchiedenartigiten 
Negierungen ununterbrochen zu behaupten? Die Löſung 
desfelben ift leicht — fährt der Artikel fort. Es gehörte 
feiner politischen Partei an; die Rothſchilde find die Freunde 
des Königthums, der Gefeglichfeit und des Friedens, und 
als jolche Eonnten fie ihren überwiegenden, finanziellen Ein: 
fluß unter den heterogenen Minifterien eines Decazes, 
Billele, Martignac und Polignac als unter der Negierung 
des Königs Louis Philippe bewahren.“ 

Das hätten fie auch — ſetzen wir hinzu — vermocht 
unter der Republik der eriten Zeit nach der Februarrevo— 
fution, der Präſidentſchaft Louis Napoleon's und des 
Kaiſerthums Napoleon's III., wenn nicht von jener Zeit 
an die Regierungen des europäiſchen Kontinents der Mit— 
wirkung und Vermittlung des Haufes Rothſchild bei Konz 
trahirung ihrer Staatsanleihen entjagt, und einen anderen 
Meg eingefchlagen, nämlich die unmittelbare Betheiligung 
des Vermögens ihrer Völker in Anfpruch genommen hätten. 

Durch feinen Einfluß ftürzte das Haus Rothſchild im 
Sabre 1840 den Premierminifter Ihiers, indem es offen | 
für die vier Mächte gegen Kranfreich in Paris auftrat. | 
Mag Thiers Necht oder Unrecht haben, er glaubte ala | 


Das Haus Rothſchild in Paris. ’ 281 


Franzoſe zu handeln und die Ehre ſeiner Nation zu ver— 
treten. Dieſe Rückſicht hatte das Haus Rothſchild nicht zu 
nehmen; denn es vertritt keine Nationalität. Es iſt — 
und es mag dawider ſtreiten oder nicht — kosmopolitiſch, 
wenigſtens europäiſch, nicht deutſch, franzöſiſch, engliſch, 
nicht italieniſch, türkiſch oder ruſſiſch, und da es eine Haupt— 
macht in der Diplomatie iſt, ſo erhält es auch ſoviel 
möglich den Frieden auf Koſten aller Prinzipien. 

Gegen Thiers trat Rothſchild als König der Börſe 
und als öſterreichiſcher Generalkonſul auf. Thiers ließ 
ihn im Conſtitutionel fragen, was ihn die franzöſiſche Ehre 
angehe, da er doch ein Deutſcher ſei. James Rothſchild 
antwortete in einem öffentlichen Briefe, den er in alle 
Journale einrücken ließ: wenn er auch ein Deutſcher ſei, 
ſo ſeien doch ſeine Brüder Franzoſen. Dennoch handelte 
er im Intereſſe Deutſchlands in der vorliegenden Sache 
der Rheingrenze. Thiers trat ab, Guizot folgte; vom 
franzöſiſchen Standpunkte iſt aber ſein Verfahren aller— 
dings etwas kosmopolitiſch antinational geweſen; und ſo 
ganz umſonſt hieß das Miniſterium Guizot nicht le mi— 
nistere del’ Etranger. In konſtitutionellen Staaten über— 
haupt iſt Rothſchild's Macht am ſtärkſten und ausgebreitetſten, 
weil ſie bloß auf dem zufälligen Beſitz, d. h. auf der Börſe 
beruhen, worauf er als Souverain herrſcht; die Mehrzahl 
der Deputirten find feine Knappen, und fo hebt und ftürzt 
er in „den gelegneten Ländern der Eonftitutionellen Frei— 
heit” mer ihm gefällt oder mißfällt. Wollte der deutfche 
Rothſchild (in Frankfurt) deutſch, der Rothſchild in Eng- 


282 Neuntes Buch. 


land englifch fein, u. f. w., fo bfiebe dem Haufe nichts 
übrig, als fich zu trennen und in verfehiedene Käufer auf: 
zulöfen. — — 

Milliarde! Milliarde! ertönt's heutzutage überall; 
man bat fih an den Begriff Milliarde gewöhnt, wie au 
die Begriffe: Fortſchritt, Gleftrizität u. ſ. w. Millionen 
find untergeordneten Ranges geworden; zu jedem, auch 
dem £leinften Bank, Eiſenbahn- oder Steinkohlenunter— 
nehmen fordert man nur Millionen, als wären's Hunderte, 
Und für diefe Milliarden und Millionen gibt man Papiere 
aus unter den verjchiedenartigften Namen, und kauft fie 
und verfauft fie, und kauft fie abermals an, und ſchlägt 
fie wiederum los, und ſteckt den Gewinn, der bei diefem 
Handel, der ruhelos ift und unftet wie Der ewige Jude, 
abfällt, in den Sädel, oder fauft dafür wiederum Papiere 
und verfährt Damit, wie eben gejagt. Und das Haus dieres 
Handels ift die Börſe. — | 

Friedrich Szarvady jagt in feinen politifhen und un— 
politischen Studien und Bildern), mit Bezug auf Die parifer 
Börje und ihre Sefchäfte: „Napoleon wie Louis Philippe 
waren darauf bedacht, ihrem Andenken ein Monument zu 
errichten ; erfterer wellte in der Madeleinefirche dem Ruhme 
jeiner ©enerale ein militärifches Pantheon erbauen; letz— 
terer, der Napoleon des Friedens und der hohen Aftien- 


furfe, machte fich durch das parifer Börfengebände um 
fterblich; demm er hatte Feine anderen Generale als die 





*) Berlin. Tr. Dunfer 1852. I 78 


Das Haus Rothſchild in Baris. 283 


pariſer Bankiers, die ihn auf den Thron gehoben; ihnen 
wandte er alle feine Liebe zu — was Wunder aljo, daß er 
den täglichen Gefechten jeiner Getreuen ein würdiges Schlacht- 
feld errichtete. Der Barrikadenkönig kannte feine Zeit und 
wußte, dag die Börſe die Seele des Materialisums ift, 
der die moderne Geſellſchaft belebt; er wußte, was er 
that, wenn er die legitime Nriftofratie zum Beſten der 
Ariftofratie des Geldſacks enterbte.“ 

Die Fünf und Dreiprozentigen bilden nebjt der ſpa— 
niſchen Anleide und einigen Anderen die Hauptbafis der 
Dperatiouen ; ebenjo nehmen mehrere Eiſenbahnaktien die 
Thätigfeit der Börſenſpekulanten in Anſpruch, zu deren 
Kategorie eine ganze Welt gehört; vom Garottier, der bloß 
auf den Kurs eines Tages fpefulirt, und PBrimipieler, der 
von vornherein jeinen Verluſt oder Gewinn feitiest, big 
zum Wechjelagenten und Hautfinniizier gibt es eine unab- 
jehbare Reihe von Unterabtheilungen: eine Naturgeschicht- 
ſchreibung der parijer Börſenſpieler harrt noch ihres Buffon. 

Nicht zu leugnen tft, Daß es an der Börſe Kapazitäten 
gibt, deren diplomatiſche ©eichiclichkeit einen Talleyrand 
zu Schanden machen könnte, jorwie fich Talleyrand wiederum 
feine fehönften Lorbeern diplomatiſcher Spisbüberei und zu— 
gleib ein beträchtliches Vermögen durch einen Börſencoup 
gebolt bat. — Ueberhaupt iſt die Börſe die Lehrmeiiterin 
aller merfantilen, Geld- und diplomatifchen Künfte und 
Kunſtſtücke, reeller Spefulationen und bodenlojer Schwinde- 
leien, Fejonders in unferem Sabrbundert die habe Schule 
derselben gewerden. 


284 Neuntes Bud. 


Die DBerfchiedenheiten der parifer Börſe und des 
franzöfifchen Staatsjchuldenmwefens gegenüber den übrigen 
Hauptbörfen und Oropitaaten find indeffen zu auffallend 
und feineswegs zu Gunſten Frankreichs. Was z. B. den 
Geldgroßmächten im ‚Lande der Erbmeisheit‘ jenfeit3 des 
Kanals gelingt, was fie wagen und unternehmen, und 
zwar mit gfüclichem Effekte, das können ihre Kollegen 
auf der parifer Börſe nicht mit gleich ficherer Ausficht auf 
günftigen Erfolg unternehmen; bejonders ift dieg augenz 


bliflih der, Fall, indem die größten parifer Geldmata— 


dore, mit Neid, Nivalität und Haß gerüftet, ſchroff wider 
einander stehen und fich jeden Biffen von dem Munde 
wegzufchnappen fuchen. — Wir geben einige Beifpiele von 
dieſen Börfenmachinationen, weil fie zugleich den nächiten 
Wirkungskreis des yparifer Hauſes Rothſchild vor Augen 
führen. 

Die Frage: was wird auf der Börſe zu Bari 
verhandelt ? beantwortet fich durch eine furze Zuſammen— 
ttellung der franzöſiſchen Staatsjchulden wie der übrigen 
Paſſiva in Frankreich. Nach dem-,Manuel du speculateur 
a la Bourse“* vom Sahre 1854 beträgt das Kapital der 


Staatsichuld (in runden Summen alles aufgeführt) 


5.562,000.000 Franks; Schatzſcheine waren im Umlauf 


für 120 Millionen, Obligationen der Stadt Paris und 
des Seinedepartements 92 Mill., Bank von Frankreich | 
an Kapital 91 Millionen; an Kaffe 500 Millionen, 
Nationalkontor 20 Millionen, Bodenfreditgefellfchaft zu 


Marfeille 260 Millionen, Bodenfreditgefellfihaft zu Never 


>, (= Bit 2, gr ” a = 
Das Haus Rothſchild in Baris 283 


53 Millionen, Credit mobilier 660 Millionen, Kanäle des 
Staat3 und der Kompagnien 2000 Millionen, Eiſenbab— 
nen des Staats 1200 Millionen, der Rompagnien 1608 
Millionen, Berfiherungsgejellibaften 800 Millionen, zu— 
ſammen 13.000 Millionen Franks, dreizehn Milli— 
arden. Sie wurden auf der pariſer Börſe 1854 verhan— 
delt, herumgetrieben; und wie viel iſt im Laufe des Jah— 
res 1855 binzugefommen, wozu uns die offiziellen Zah— 
len augenblidlih no fehlen! Man bedenke dabei, das 
nab 5. Say die ganze induftrielle Produktion Frankreichs 
415 Milliarden jäbrlib beträgt. Das iſt das enorme 
Objekt, womit man an der parijer Börſe — ‚ipielt‘ 
Das Handelsgeſetzbuch verbieter Käufe auf Zeit oder auf 
Prämien, auf Differenzen, erflärt dieſe Gejchäfte für mul 
und nichtig, jest Strafen darauf bis zu einem Jahr Gefäng- 
nis und 500 — 10.000 Frank. Wenn jemals Geſetze ge— 
geben worden, um übertreten zu werden, jo ſind es Dieie 
Böriengeiege. Neun Zebntel aller Börjengeihäfte find 
Scheinkäufe, Wetten, Differenzipiele. Und dieſe geſetz— 
brebende DBerfammlung bleibt unberührt von Polizei 
und Gericht, während am 2. Dezember die gejeggebende 
Verſammlung durch ein Regiment Truppen zur Haft ge 
bracht wurde: die Noth des Jahrhunderts beberricht die 
Börſe, und Noth ift mächtiger als Geſetz. — 
Im Sabre 1824 projektirte der damalige Finanzmini— 
ſter Marquis von Villele die Umwandlung der ganzen 
‚ franzöftichen Staatsjchuld der fünfprogentigen in eine Schuld 
‚ zu drei Vrozent. Diejenigen, die geneigt jein jollten, im Aus— 


286 Neuntes Buch. 


tauſch Für ihre fünf Prozente Zinfen tragenden Staatseffef- 
ten neue Drei Prozent gebende Effekten zu 75 Franks für 
jedes 100 an Zahlungsftatt anzunehmen, jollten Zahlung 
zum Bollen erhalten. Die ganze Staatsfchuld betrug 
3.066,783.560 Franks, und es ward vorausgefekt, daß 
vielleicht nur ein Drittel der Fondsinhaber die Konverfion 
ausschlagen, folglich 1.055,556.720 Franks barzuzahlen 
jein würden, um fich mit den Staatsgläubigern abzufinden. 

Um Diejes bedeutende Kapital zufammenzubringen, 
mußten die finanziellen Kräfte der englifchen, holländiſchen, 
und franzöſiſchen Banfterwelt in Anſpruch genommen wer- 
den. Die Anerbietungen von allen Seiten machten es 
den Koryphäen der Londoner und parifer Börſe, Gebrüder 
Baring, Rothſchild C. Söhne und. Lafitte &. Comp. 
zu feiner ſchweren Aufgabe, die Kapitaliften der verjchiede- 
nen Länder, womit fie in Verbindung fanden, befonders 
der Dorfen zu London, Paris und Amfterdam, in drei Liften 
zu vereinen, deren jede eine der genannten Firmen an der 
Spitze trug. 

Hierauf ward unter dem Vorſitz Alerander’3 Baring 
ein Komite gebildet: Beifiser waren Baron James Roth— 
jchild und Jacques Lafitte, um über die Bedingungen mit 
dem Minifter zu unterhandeln und im Tauſch für Die 
nenzufchaffenden drei Prozent zu 75 Franfs das bare Geld 
zur Zahlung der alten Staatsfihuld herzugeben. Der ger 
beimgehaltene Plan der Inhaber der zu freirenden dreipro— 
zentigen Schuld war, dieſelbe zu 80 Prozent wieder zu 
Geld zu machen und an den Mann zu bringen. Diefer 


Das Haus Rothſchild in Paris. 287 


Preis würde den Käufern 3°, Prozent Zinfen gegeben 
baben, und wenn die abbezahlte Schuld nicht anders als 
durch neue, zu 80 angefaufte 3 Prozent-Staatseffekten zu 
eriegen gemefen wäre, jo folgte daraus, daß die fünf Pro— 
zent vor der beabfichtigten Ummandlung den relativen 
Preis von 106 Franfs 66°, werth fein mußten, um den 
entiprecbenden Zinfenertrag abzumwerfen. 

In diefem Sinne ward an den drei Börſen operirt. 
Das in Paris zur Komverfion beftimmte Kapital ward auf 
1000 Millionen geſchätzt. Die Börfenfpefulanten, im Glau— 
ben, daß die Unternehmer den neufreirenden Fonds nicht 
unter 80 in Umlauf eben würden, fauften an den Börfen 
zu Amfterdam und Frankfurt zu 81 — 83'/,. Zu gleicher 
Zeit wurden bedeutende Verkäufe der franzöſiſchen fünfpro— 
zentigen Staatspapiere zu den relativen Breifen von 106 
Franks 67 bi3 110 gemacht; mehr war nicht zu erhalten. 

Billele’s Umwandlungsprojeft bedurfte, um gejekliche 
Operation zu werden, der Öenehmigung der beiden Kam— 
mern, und ging in der Deputirtenfanmer bei der unge— 
heueren minifterielen Majorität durch mit einer Mebrbeit 
von 68 Stimmen nach langen jtürmifchen Debatten. In 
der Pairskammer manveuprirte namentlich der Vicomte von 
Chateaubriand aus perfönlichen Groll gegen den Mini- 
fer gegen das Projekt: Villéle fiel gegen ihn mit einer 
Maforität von 12 Stimmen duch. Die fünfprozentige 
Rente, die tagsvorher zu 106 Franks notirt worden, fiel 
auf einmal bis zu 98 md erregte eine außerordentliche 
‚Aufregung : Chateaubriand verlor fein Vortefeuille, und am 


283 Neuntes Buch 


Tage darauf ward die fünfprozentige Rente bei Deffnung 
der Börſe zu 104 Franks gemacht; dann Eehrte fie zu dem 
Kurfe von 98 Franks zurück und blieb lange alfo ftehn. 

Da man behufs der Konverfion viel gekauft hatte, 
jo mußten die a terme gemachten Ankäufe wieder zu Geld 
gemacht werden. Baring und Pafitte wurden am härteſten 
getroffen; das Haus Rothſchild aber fand reichhaltigen 
Erſatz durch die Verkäufe des zu kreirenden Dreiprozenti- 
gen Fonds zu 81 und 82 und des gleichzeitigen Verkaufs 
bedeutender Quantitäten finfprozentiger Mente zu 104, 
105 und 106. Da der dreiprozentige Fonds nun nicht 
ins Leben gerufen ward, ſo hatte es auch nichts zu lie 
fern, und Die verfaufte finfprogentige Rente konnte es zu 
98 Franfs erfegen. 

Diefer Plan Rothſchild's war den beiden anderen In— 
terejfenten in der projeftirten Konverfion nicht mitge— 
theilt, wie e3 Das allgemeine Einverſtändniß in Betreff 
der gemeinfchaftlichen Theilnahme an Gewinn und Berluft 
doch erheifiht hätte — fie fanden fih Demnach über- 
flügelt. Die umüberwindliche Abneigung, die der Chef 
des hope’fchen Haufes, B. C. Labouchere, gegen alle Ge— 
jhäftsverbindungen mit dem rotbichild’fchen Haufe von 
jeher gehabt, war Urfache, daß das amıfterdamer Haus 
bei diefer Unternehmung, folglich auch bei den DVerluften, | 
nicht betheiligt war. — Ä 

Sm Sabre 1830 war e3 dem befannten Bankier 
P. J. Duvrard zu Paris gelungen, fih genaue Kenntniß 
von den ominöſen Ordonnanzen des damaligen Mintjtertumd 


Das Haus Rothſchild in Paris | 289 


Polignac unter Karl X. acht Tage vor ihrer Veröffentlt- 
hung zu verſchaffen, welche die Julirevolution und den 
Sturz der bourbon'ſchen Dynaftie zur Folge hatte. So— 
bald als Duprard feiner Sache gewiß war, hatte er einige 
Banfiers und Wechfelagenten zu Paris ins Cinverftände 
niß gezogen und war nach London geeilt. Hier ange- 
fommen ließ er auf einmal an der Börfe eine folche Maife 
franzöfifcher Staatspapiere zu immer tiefer fallenden Kur— 
jen auf Lieferung mwegfchlagen, daß da3 Haus Notbichild, 
das zur Aufrechthaltung Derjelben fich unter den erften 
Käufern befunden Hatte, vollfommen überrafcht, einen Cou— 
vier nach Paris abgehen Tieß, um die wahre Urfache diefer 
maßlofen Verkäufe zu erforfchei. 

Aber auch dem Haufe Nothichild zu Paris fehlten 
auffallenderweife alle Schlüffel dazu. Der Baron James 
Rotbichild, der wenige Monate zuvor die le&te Anleihe der 
Negierung duch eine Emiſſion von vier Prozent Rente 
zum Kurfe von 102 Franks 7 Gent. übernommen, begab 
ih am 24. Juli im gewaltiger Aufregung zum Fürſten 
Polignae und fuchte Licht zu erhalten. Die Möglichkeit 
der fraglichen Ordonnanzen war bereit3 Börfengefpräch 
geworden; aber niemand hatte Gewißheit darüber, und 
als der Baron von jeinem Beſuche beim Premierminifter 
heimfehrte, machte er fein Hehl daraus, Daß Diefer ihm 
jein Ehrenwort verpfänder habe, die Ordonnanzen feien 
nichts als ein bloßes Projekt gewefen, nie eruftlich aufge- 
nommen worden und wirden ein Luftgebilde bleiben. 


Am folgenden Tage wurden fie befumtlich von Karl X. 
Das Haus Rothſchild, J. 19 


290 Neuntes Bud 


nach der Meſſe unterzeichnet und erſchienen am nächſten 
Morgen im Moniteur. 

Dadurch geſchah es, daß die ganze Anleihe von 78 
Millionen 373.750 Franks dem Haufe Notbiehild und 
jeinen Theilnehmern auf den Händen blieb, indem fie um 
20 bis 30 Prozent fiel. Lange Zeit hindurch jtanden 
die Papiere derielben in einem fo fchlechten Ruf, daß fich 
faum ein Käufer dazu fand; doch war das Geichäft eigent- 
ih mehr nachtbeilig für Rothſchild's Theilnehmer als für 
ihn jelbit, da fie den größten Theil diefer Papiere ihm 
bereit abgenommen hatten. Man machte es ihm dazu— 
mal zum bitterften VBorwurfe, daß er feine Freunde dieß- 
mal gänzlih ohne Hilfe ließ; doch muß man hie— 
bei bedenken, daß er bisher feinen großen Gewinn ftets 
vedlich mit feinen Theilnehmern getheilt hatte, und daß 
die Julirevolution, welche dem Abjchluß dieſes nachtheili- 
gen Geichäfts folgte, ein Ereigniß war, welches niemand 
vorausſehen konnte. 

Duvrard hatte eine bedeutende Summe mit einem 
Schlage gewonnen, die fein Agent de Change, Amet, auf 
2 Millionen angab. Sobald er diefe glüdliche Kombina— 
tion ausgeführt, begab er fich von London nach Paris 
zurück und feste feine Börfenoperationen fort. Sie waren 
a la baisse geweien, und da die Rente, ſelbſt nach dem 
Eintritt Kaſimir Perier’s in das Miniftertum, bis zu 52, 
ja jelbit im Monat Februar 1831 bis zu 48 Franfs ges 
fallen war, ſo laſſen fich feine anßerordentlichen Gewinne 
einigermaßen berechnen. 


Das Haus Rothfehild in Paris. 291 


Das Sabr 1847 war für Börſe und Staatsfinanze 
wefen, befonders in England und Frankreich, ein fehr böſes 
Sabre. Der Druck in der Handelswelt war groß, der Geld— 
mangel ftieg in dem Grade, daß in erfterem Lande man 
im Oftober auf MWechfel, die von einem der erften dortigen 
Bankhäuſer afzeptirt waren, und nur noch fieben Tage zu 
laufen Hatten, an Diskonto und Proviſion einen Betrag 
geben mußte, der 13 Prozent fürs Jahr gletchfam. Die 
Banfen zu Liverpool und Neweaftle ftellten aus Mangel bes . 
nubbarer Effekten ihre Zablungen ein, was nach allen Richtun— 
gen bin bedeutende Berheerungen und Faliſſements zur Folge 
hatte. Es war indeß mehr Mangel an Vertrauen als an Geld; 
alles hatte weit über Vermogenskraft hinaus in Eiſenbahnen 
und Getreide ſpekulirt, daß erſtere bedeutend in Werth ge— 
ſunken und an letzterem große Summen verloren waren. 

An der pariſer Börſe ſtiegen ſeltſamerweiſe im da— 
rauffolgenden Monate die Staatseffekten in dem Augen— 
blick eines anerkannten und ſchwer zu deckenden Geldbedürf— 
niſſes. Das Spiel des Zufalls und ein unberechnetes 
Zuſammentreffen verſchiedener Urſachen brachten dieſes ſelt— 
ſame Phänomen zuſtande, weniger die mächtige Hand 
des Haufes Nothfchild. Unter dem großen Decouvert der 
Börſe in dreiprozentigen Nenten befand fich auch eine be- 
deutende Summe jenes Hanfes, die, feitvem es dem Kurſe 
diejer Effekten eine gewiſſe Bahn vorzuzeichnen fich bemühte, 
beträchtlich angefchwollen war, und wovon man allgemeinen 
Rechnungen nach vorausfesen durfte, daß fie dem Haufe 
einen Mittelfurss von 75 Franks 50 Cents gebe. Aus 

19* 


2923 Neuntes Buch. 


den ſyſtematiſchen Verkäufen Rothſchild's ſchien zu erhellen, 
Daß die Befeftigung dieſes Kurfes fein urfprünglicher Zweck 
und der Kurs zu 75 Franks 75 Cents die äußerfte Grenze 
jeiner Spefulationen war, bi wohin er den Preis denn 
auch binauftrieb. 

Die große Heerde der Derfäufer a decouvert, die 
Rothſchild's Spuren als ihrem Leithammel folgten und 
ſtark verfauft hatten, befand fih nun ohne Staatspaptere, 
und jomit war es leichtes Spiel für Die Hauffiers, Die 
Rente allmälig bis zu 76 Franks 40 ©. zu heben, 
da neue Verkäufer fehlten, die Zahl der Käufer bedeutend 
war und die Seltenheit der dreiprozentigen Nenten ihnen 
zu Hilfe fam. Kurz darauf trieb die Konfüderation Der 
Hauffierd den Kıns bis 77 hinauf, dem augenfcheinlichen 
Intereſſe Rothſchild's und aller fonftigen Liebhaber zu dem 
Staatsanleihbeprojeft von 250 Millionen durchaus eut- 
gegen. 

Da ereignete fich, was bei der Anleihe des vorigen 
Sahres 1846 ſchon ftattgefunden, ein unerwartetes Wie— 
Deraufleben des allgemeinen Vertrauens; die öffentliche 
Meinung mifchte fich in dad Spiel, nahm dem mächtigen 
rothſchild'ſchen Geldkoloß den Szepter der Geldmacht einſt— 
weilig aus den Händen, und zeigte ihm, daß man ſeiner 
Herrſchaft — auch damals ſchon — dann und wann 
Grenzen vorzuſchreiben vermochte. 

Um nun der öffentlichen Meinung und ihrer Einwir— 
kung Einhalt zu thun, nahm man ſeine Zuflucht zu einer 
Lieferung von 450.000 Franks dreiprozentiger Renten, 


Das Haus Rothſchild in Paris. 293 


welche Rothſchild von den drei Affefuranzfammern, ber 
Compagnie generale und royale und der Union auf ein 
Unterpfand von 500.000 Franks fünfprozentigen Renten 
geborgt hatte, und warf fie am Liquidationstage plötzlich 
auf den Geldmarkt mit dem augenfcheinlichen Zwed, durch 
diefe unerwartete Lieferung für bares Geld den Kurs 
zu drüden und ihn zu feinen alten Grenzen zurückzuführen. 
Hier hatte Rothſchild aber feine Rechnung ohne den Wirth 
gemacht; denn mittelft de3 hohen monatlichen Reports zu 
27 'f: und 30 Gent. fand fich das Geld zur Hebung diejer 
Renten ein, und Die drei Kammern, die ungefähr 12 Mil- 
lionen für ihre Nejerven und Griparniffe anzulegen hatten, 
fonnten ihrer eigenen &ffeften wieder habhaft werden; 
und fo wurde die Wirkung verfehlt. Die Maſſe der Hauf- 
fier3, die das Verſchwinden jo vieler Effekten kaum zu er- 
flären wußte, faßte Muth und hielt jeitdem den Kurs 
auf ungefähr 77 Franks. Promeſſen von der neuen Anleihe 
wurden anfänglich zu 76 Franks 50 C. ausgeboten; dann 
galten fie 75 C. bis 1 Frank über den zubeftimmenden 
Kurs. Das Haus Rothſchild übernahm die Staatsan— 
leibe im November 1847 zu 75 Prozent; e3 jiegte über 
die ganze Kategorie der älteften Glieder der haute finance: 
die Banfiers Baguenalt, Hottinger, Deleffert, Rougemont, 
Mallet hatten ihre Theilnahme gemweigert; Fould fand 
mit 300.000 Franfs Rente auf der Subffribentenlifte 
Rothſchild's. Gleich nach der Uebernahme der Anleihe 
erließ das Haus Rothſchild ein Zirkular an ihre Subffri- 
benten, mit der Aufforderung, fofort, falls fie bei derfelben 


294 Neuntes Buch. 


betheiligt bleiben wollten, 5 Franks für jede Dreifranfen- 


vente, die ihnen zugetheilt worden, einzuzahlen. Dieß war 


der verhältnifmäßige Beitrag zu den erften Zahlungster— 
minen der Anleihe, aber eine neue Mapregel, entweder 
aus Mißtrauen gegen die Zahlungsfähigfeit der Unter- 
zeichner oder gegen die Stabilität der Rente jelbft: Außer 
der Anleibe waren übrigens noch zu zahlen Durch Roth— 
ſchild 82 Millionen für Eifenbahnen, darunter allein für 
Die Nordbahn und Iyoner Bahn 60 Millioneır. 

Im Vergleich mit unſeren Tagen lag unter den 
Minifterien. der Bonrbonen die eigentliche Börfenfpefulation 
erft in den Windeln und ftammelte von ihren Fleinen Prä- 
mien: die franzöſiſche, ſpaniſche und neapolitanifche Schuld 
war ihre kleine Sfala, worin Paris fpefulirte, während 
die Provinzen nur allein an Morgen Land glaubten, und 
darin ihre Fonds anlegten. Grit 1832 fühlte fich Frank— 
reich reif für die Bewegung der Agiotage und die erſten 


großen Finanzbewegungen, und 1837 hatte fich der Geiſter 


ein allgemeiner Zug nach der Börſe bemächtigt; die Ent— 
jtehung der Eiſenbahnen gab demfelben neue Nahrung, 
und heutzutage beläuft fih die Summe der an der parifer 
Börſe fluftuirenden Kapitalien auf mehr al8 13 Milliar- 
den ; jolche Fortfehritte machte man feit Villéle: dieſe 13 


Milliarden find gleichſam Die Zivillifte der parifer 


Börfen » Agivtage. Unter den Bourbonen wurde Die 
parifer Börſe nur vom einigen großen Bankiers beherrſcht, 
Rothſchild an der Spise, weil die untergeordnete Politik 


Das Haus Rotbfhild in Barıs, 295 


feinen richtigen Mapftab für die Ereigniſſe Darbieten 
fonnte. Nach der Julirevolution Hat fich dieſer geändert. 
Unter der Regierung Louis Philippe's war eine abſo— 
lute Herrſchaft des Geldſacks über Frankreich gekommen; 
nur der Reiche war repräſentirt und herrſchte in dieſem 
Lande, das durch ſeine Volksvertretung den Namen einer 
konſtitutionellen Monarchie führte. Die Pairskammer war 
die Nepräfentantim aller ſtationären Intereſſen und Rich— 
tungen, die zweite Kammer, Die Durch einen hoben Zenjus 
gewählt wurde, der Ausdruck der reichen Bourgevifie : eine 
jolche Bertretung war in Bezug auf das Bolf eine Fit 
tion. Dazu war das Börſenſpiel die Hauptbefchäftigung 
der großen Bourgeoifie, und Louis Philippe und fein Bre- 
nierminifter Thiers waren voran in Diefem Hazardſpiel. 
Die finanzielle Stellung ward immer ärger infolge 
der maglofen Steigerung der Korruption, insbejondere des 
Stimmenfaufes; die Anforderungen derer, Die fich kaufen 
ließen, wurden ftet3 größer, und da die Beitechungsmittel 
nicht mit jenen Anforderungen wuchſen, jo nahmen Die 
Günftlinge des Königs aus den Staatsgeldern, was fie 
nehmen konnten. Furchtbare Skandale Famen an den Tag; 
die Beitechung, zum Prinzip erhoben, empörte das Gefühl 
des franzöſiſchen Volkes; immer lauter ward die Anklage: 
Korruption !, welche das Land gegen das Minifterium Gui— 
zot ſchleuderte. Allmälig wandte fich auch die Bourgepifie 
yon Louis Philippe ab troß allem dem, was er für fie ge- 
than, und ſchloß fich dem Nufe nach einer Wahlreform au. 
Die Korruption durchdrang Verwaltung und Sitten : graus- 


296 Neuntes Buch. 


enhafte Enthillungen zeigten, in welchem Sunpfe der Ver— 
derbnig man fich befand. Manche waren zu weit gegangen, 
Die Regierung mußte fie opfern, und wie die hungernde 
Beſatzung eines Schiffes die Schwächeren über Bord wirft 
zu ihrer eigenen Rettung, fo mußte die Negierumg Leute 
dem Tribunale vorwerfen, welche Minifter, Bairs, Freunde 
und Verwandte der Füniglichen Familie waren. Hier hatte 
Tejte, vormals Minifter, hier Cubieres, ein alter Günſtling 
des Hofes, die Staatsgelder angegriffen, oder fich bejtechen 
laffen; dort ermordere Praslin, ein Freund des Königs, 
jein eigenes Weib. Einige der Verbrecher rettete die Gnade 
vor dem Schaffot und der Öaleere ; der Herzog von Pras— 
lin ftarb durch das Gift (2), das man ibm guädig zu- 
fommen ließ, damit der Sproffe eines der ‚edelften Ge— 
ſchlechter Frankreichs‘ nicht am Galgen ende. — — 
Betrachtet man Frankreichs gegenwärtige Zuſtände 
genauer, ſo wird man zu der Anſicht getrieben, als wäre 
die Februarrevolution bloß ein Inzidenzfall geweſen, eine 
kurze Ableitung eines Stromes, der nach dieſer nun mit 
umſo größerer Gewalt in ſeine alte Bahn zurückſtürzt. Die 
ganze Louis Philippe'ſche Wirthſchaft der Agiotage und 
des Börſenſchwindels iſt wiederaufgelebt, und was ſie an 
Potenzirung gewonnen, das hat man ihr an Freiheit ge— 
nommen. Man iſt ſeit Louis Philippe nicht mehr daran 
gewöhnt, ebenſowenig im Privatleben wie in der Politik 
mit Mühe und Ausdauer für feine Zukunft zu arbeiten: 
man will alles gewinnen, Geld und die Freiheit, umd 


Das Haus Rothſchild in Paris. 297 


darum dreht ſich die moderne Gejchichte Frankreichs um 
die Börfe und um den Baftilleplag. — — 

Kein Staat in Europa überfchreitet jährlih auf fo 
regelmäßige Weife fein Budget als Frankreich, und Die 
Staatsſchulden find fortwährend geftiegen, neue Staats— 
papiere fortdauernd ausgegeben. Die Unruhen der eriten 
franzöfifchen Nevolution hatten anfangs alle früheren 
Stantsgläubiger um ihre Forderungen gebracht. Im Jahre 
VI. (1798) ward endlich die Geſammtſtaatsſchuld liquidirt und 
auf ein Drittel des Nominalwerthes herabgeſetzt. Dieje 
Schuld nannte man das fonfolidirte Drittel (tiers con- 
solide), welches in fünfprozentigen Annuitäten ausgegeben 
ward zum DBetrage von 46,302.000 Franfs Renten, Die 
indeß fortwährend durch Emiſſion neuer Summen ver: 
mehrt find. Es ift dieß die fünfprogentige Nente. 

Die dreiprozentige Nente ijt weit fpäteren Urfprungs. 
Unter Villele’3 Finanzverwaltung ward am 1. Mai 1825 
die Emiffion von 30 Millionen Franks Renten oder 1000 
Millionen Kapital zur Entfehädigung der Emigranten 
der Revolutionszeit ausgeführt; ebenfo wurde zur felben 
Zeit die Summe von 42,727.000 Franks fünfprozentiger 
Renten in dreiprozentige ummandelt. Um dieſer neuen 
Rente Eingang zu verfchaffen, ward das Haus Rothſchild 
ermächtigt, Zertififate über 120 Franks Nente oder 4.000 
Franf3 Kapital au porteur auszugeben, worauf vom Direk— 
teur der Schuldfaffa die Eintragung auf Rothſchild's Na— 
men atteftirt wurde. 

Die vierprozentige Rente wurde 1828 zur Vergröße— 


298 Neuntes Buch. 


sung der Kriegsmacht und Unterftügung der Griechen in 
ihrem Kampfe gegen die Türkei behufs eines Kredits von 
80 Millionen Franks Freirt, die am 12. Januar 1830 zu 
102, 71, dem Hauſe Rothſchild als dem Meiſtbietenden 
zugeſchlagen wurde. 

Das orleaniftiiche Negiment von 1830—1848 





gab mehr aus als die Megierung der Bourbonen. Die | 


Republik mußte von 1848— 1852 eine Mindereinnahme 
von 904 Millionen durch außerordentliche Mittel decken. 
Die Nente ift fortwährend mit den Bürgſchaften des Frie— 
dens geftiegen: fie hat eine eigene belehrende Gefchichte, 


und tft ein getrenes Echo der politifchen Greigniffe in Frank 


reich. Unter der erften Republik konnte die franzöſiſche 


fünfprozentige Mente fich zu 50 Prozent nicht heranarbeiz 
ten, fie Stand aber jogar jahrelang unter 10 Prozent. 
Die Grrichtung des Kaiferreichd hob im Jahre 1804 


ihren Kurs zwar bi3 60 Prozent, allein die Börſe Tiebt 
die Nube mehr als den Ruhm, und darum haben alle 
Siege des Kaiſers, ſammt deſſen zweifelhaften Friedens— 
ſchlüſſen, die fünfprozentige Rente nicht auf 94 Prozent 
bringen können. Der Friedensliebe der älteren Bourbonen 
gelang dieſes ſehr leicht; damals war der Ruheſtand ent— 
schieden in den Vordergrund getreten und die Ruhmluſt 
jehlummerte ; die fünfprogentigen aber Tebten auf und ver- 





jtiegen ficb bis zu 110,65. Dem Könige Ludwig Philippe | 


jchenfte die Börſe noch mehr Vertrauen, weil er fie fannte 
und zu behandeln verftand. Auch hatte man fi) allmälig 
Daran gewöhnt, Daß die Gewitter, welche Drohend über 


Das Haus Rothſchild in Baris. 299 


‚ Europa hinzogen, fich mit den Wetterleuchten begnügten, 
oder höchſtens durch einen Falten Schlag jchredten. Die 
Politik der damaligen frangöfifchen Negierung Hatte ſich 
als ein ſo vortrefflicher Blibableiter bewährt. Kurz, Die 
Börſe war dafür dankbar, denn unter dem Julikönigthum 
‚ging die fünfprozentige Rente bis 126,30; die dreiprozen— 
tige bis 86,40 in die Höhe. Damit war aber das be- 
hagliche Börjenleben zu Ende. Die zweite Republik hat 
mir die Zuneigung der wilden Spekulanten, nicht das 
Vertrauen der foliden Börſenmänner gewinnen fünnen; die 
‚Rente blieb unter Bari. Grit der neue Kaifer ſcheint der 
Börſe die nöthige Gewähr zu bieten, denn die fünfprogentigen 
‚Renten, welche vor dem Staatsjtreich müheſam bis 92 hin— 
auf Frochen, find gegen 4’ Prozent ausgewechſelt, die jest 
106 fteben; die dreiprogentigen aber, damals unter 57 fich 
bewegend, find jest zu 82 gejucht. Die Mentenbefiker 
haben feit 1848 um das Dreifache an Zahl zugenommen, 
das Papier iſt nicht mehr Eigenthum und Intereſſe weni— 
ger Reichen, ſondern eine große Menge mittlerer Griftenzen 
iſt daran geknüpft; Das bisher ariftofratifche Börfenfpiel 
hat einen demefratifchen Charakter angenommen Im 
Sabre 1848 gab es in Frankreich nur 243.055 Beſitzer 
don fünfprozentigen Nenten mit einem Nentenbefit von 
146 Millionen. Im Sabre 1851 maren der Beliker 
23,428 mit einem Nentenbefi von 180 Millionen. Die 
Zahl Der a dDreiprogentiger Renten ſtieg von 43.391 
uf 94.767. 

Doc sr zum pariſer Hauſe Rothſchild!? — Ar 


300 Neuntes Buch. 


jeiner Spike ſteht als Chef der dritte und noch allein le— Ä 
bende Sohn des Gründers des Haufes, Jakob oder 
James von Rothſchild — „eine merkwürdige Pers 
jönlichfeit, deren finanzielle Fähigkeit — ſagt Heine — ich 
nicht beurtheilen kann, die aber nach Reſultaten zu ſchlie— 
ßen ſehr groß ſein muß. Eine eigenthümliche Kapazität 
iſt bei ihm die Beobachtungsgabe oder der Inſtinkt, womit 
er die Kapazitäten anderer Leute in jeder Sphäre, wo 

nicht zu beurtheilen, doch herauszufinden verfteht. Man 

hat ihn wegen biefer Begabung mit Ludwig XIV. verglis 

chen, und wirflich, im Gegenſatz zu feinen Kollegen, die 

fi gern mit einem ©eneraljtab von Mittelmäßigfeit ums 

geben, jahen wir Sames von Rothſchild ftets in intimſter 

Verbindung mit den Notabilitäten jeder Disziplin: war 

ihm auch das Fach ganz unbekannt, ſo wußte er doch | ! | 
wer darin der befte Mann war.” 

Gr verfteht vielleicht Feine Note Muſik, aber eoſſni 
war beſtändig fein Hausfreund. Ary Scheffer iſt fein Hof 
maler; Gareme war fein Koch. Herr von Rothſchild weiß 
ſicher kein Wort griechiſch, aber der Helleniſt Latrone iſt 
der Gelehrte, den er am meiſten auszeichnet. Sein Leib⸗ 
arzt war ber geniale Dupuytren und es herrfchte zwoifchen 
beiden die brüderlichite Zuneigung. Den Werth eines Cre⸗ 
mieux, des großen Juriſten, bat Rothſchild ſchon frühe 
begriffen, und er fand in ihm einen treuen Anwalt. In 
gleicher Weiſe hat er die politiſchen Fähigkeiten Louis 
Philippe's gleich von Anfang gewürdigt, und er ſtand ſtets 
auf vertrautem Fuße mit dieſem Großmeiſter der Staatd- 





Das Haus Rothſchild in Paris. 301 


funft. Den Gmile Berreire, den Bontifer Marimus der 
Eiſenbahnen, bat er ganz eigentlich entdedt; er machte 
denſelben gleich zu feinem erjten Ingenieur und durch ihn 
gründete er die Eifenbahn nach Berfailles. — 

Das Geld ijt überhaupt für ihn mehr ein Unglüd 
al3 ein Glück, und Ueberreichthum iſt vielleicht fchwerer 
zu ertragen als Armuth. Wer fih in großer Geldnoth 
befindet, der gehe zu Rothſchild — meint Heine — nicht 
um bei ihm zu borgen, (denn ich zweifle, daß er etwas 
Erkleckliches bekommt) jondern um fich durch den Anblic 
jenes Geld-Elends zu tröften. Der arme Teufel, der zu 
wenig bat und fich nicht zu helfen weis, wird fich bier 
überzeugen, daß es einen Menfchen gibt, der noch weit 
‚mehr gequält ift, weil er zuviel Geld hat, weil alles Geld 
der Welt in feine kosmopolitiſche Rieſentaſche gefloſſen, 
und er dieſe Laft mit fich berumjchleppen muß, mährend 
‚rings um ihn ber der große Haufe der Hungrigen und 
Diebe die Hände nah ihm ausitredt. 
| Unjere deutjchen Freiheitsprediger — jagt Heine an 
anderer Stelle — handeln ebenfo ungerecht wie thöricht, wenn 
fie das Haus Rothſchild wegen feiner politiichen Bedeu— 
‚tung, wegen feiner Ginwirfung auf die Intereſſen der Re— 
solution, furz wegen feines öffentlichen Charakters, mit ſo— 
viel Grimm und Blutgier anfeinden. Es gibt feine jtär- 
fere Befürderer der Nevolution als eben die Rothſchilde; 
und — was noch befremdlicher Elingen mag, — Diele 
Rothſchilde, die Bankier der Könige, diefe fürſtlichen Säf- 
felmeijter, deren Eriftenz durch einen Umsturz des europäiſchen 


302 Neuntes Buch. 


Staatenſyſtems in bie ernfthafteiten Gefahren gerathen dürfte, 
fie tragen dennoch im Gemüthe das Bemwußtfein ihrer rer 


volutionären Sendung. Namentlich ift diefes der Tall bei 


dem Manne, der unter dem fcheinlofen Namen: Baron \ 


James (in Paris Chef des Haufes) befannt ift, und in 
welchem fich jet nach dem Tode feines erlauchten Bruders 
von England (Nathan von Rothſchild) die ganze politifche 
Bedeutung des Haufe Nothfchild refumirt. Diefer Nero 


der Finanz, ber fih in der Aue Lafitte feinen goldenen | 


Palaſt erbaut hat, und von dortaus als unumſchränkter 
Imperator die Börſen beberrfcht, er tft, wie weiland fein 


Vorgänger, der römifche Nero, am Ende ein gemwaltfamer 
Zerftörer des bevorrechteten Patriziertbums und Begründer 
der nennen Demokratie. Gr feste mir felbft ziemlich Ear 
auseinander, wie eben er jelber durch fein StaatSpapier 
ſyſtem für den gejellichaftlihen Fortfehritt in Europa über 


all die eriten Bedingniſſe erfüllt, gleichham Bahn gebro— 
chen habe. 


Zu jeder Begründung einer neuen Ordnung von Dinz 


gen — ſagte er mir — gebört ein Zufammenfluß von 


bedeutenden Menſchen, die ſich mit diefen. Dingen gemein ” 
jam zu befhäftigen haben. Dergleihen Menfchen Tebten | 
ehemals vom Ertrage ihrer Güter oder ihres Amtes, und 
waren deßhalb nie ganz frei, fondern immer an einen 2 
entfernten Grundbeſitz oder an irgendeine surtliche Amts 


verwaltung gefejfelt; jebt aber gewährt das Staatspapier- 
ſyſtem dieſen Menfchen die Freiheit, jeden beliebigen Auf- 
enthalt zu wählen; überall fünnen fie von den Zinfen 














| 


J 


Das Haus Rothſchild in Paris. 303 


ihrer Staatspapiere, ihres portativen Vermögens geſchäfts— 
los leben, und ſie ziehen ſich zuſammen und bilden die 
eigentliche Macht der Hauptſtädte. Von welcher Wichtigkeit 
aber eine ſolche Reſidenz der verſchiedenartigſten Kräfte, 
eine ſolche Zentraliſation der Intelligenzen und ſozialen 
Autoritäten iſt, das iſt hinlänglich bekannt. Ohne Paris 
hätte Frankreich nie ſeine Revolution gemacht; hier hatten 
ſo viele ausgezeichnete Geiſter Wege und Mittel gefunden, 
eine mehr oder minder ſorgloſe Exiſtenz zu führen, und 


miteinander zu verkehren — Jahrhunderte haben in Paris 
‚ einen ſolchen günſtigen Zuſtand allmälig herbeigeführt, 


Durch das Rentenſyſtem wäre Paris weit ſchneller Paris 
geworden, und die Deutſchen, die gern eine ähnliche Haupt— 
ſtadt hätten, ſollten nicht über das Rentenſyſtem klagen: 


es zentraliſirt, es macht vielen Leuten möglich, an einem 
ſelbſtgewählten Ort zu leben, und von dort aus der Menſch— 
heit jeden nützlichen Impuls zu geben. 


Bon diefem Standpunkte aus betrachtet Rothſchild 


| die Nejultate feines Schaffens und Treibens. Sch bin — 


u 


‚ jest Heine binzu — mit diefer Anlicht ganz einverftanden ; 
‚ja ich gehe noch meiter, und ich jehe in Nothichild einen 
der größten Revolutionäre, welche die moderne Demokratie 
begründeten. Richelieu, Nobespierre und Nothichild find für 
‚mich drei terroriftifche Namen, und fie bedeuten die gra- 
duelle Vernichtung der alten Ariftofratie Frankreichs; fie 
‚find die drei furchtbariten Nivelleurs. Nichelieu zeritörte 
die Souverainetät des Feudaladels und beugte ihn unter 
‚jene Eönigliche Willkür, die ihn entweder zum Hofdienſt 


) 


i 


304 Neuntes Bud. 


bemiüßte, oder durch Frautjunferliche Unthätigkeit in der 
Provinz vermodern ließ. Robespierre jchlug diefem unter: 
wiürfigen und faulen Adel endlich das Haupt ab. — Aber 
der Boden blieb, und der neue Herr desſelben, ber neue 
Butsbefiger, ward ganz wieder ein Ariftofrat, wie ſeine 
Vorgänger, deren Prätenfionen er unter anderem Namen 
fortfeßte. Da fam Rothſchild und zeritörte die Oberherr— 
jehaft des Bodens, indem er das Staatspapierfpftem zur 
höchiten Macht erhob, dadurch die großen Beſitzthümer und 
Einkünfte mobilifirte, und gleichfam das Geld mit den 
ehemaligen VBorrechten des Bodens belehnte. Er ftiftete 
freilich dadurch eine neue Ariftofratie, aber dieſe, beruhend 
auf dem unzuverläßigften Elemente, auf dem Gelde, kann 
nimmermehr jo nachhaltig mismirfen, wie die ehemalige 
Ariftofratie, die im Boden, in der Erde felbit, mwurzelte. 
Geld ift flüffiger als Waſſer, windiger ald Luft, und dem 
jetigen ©eldadel verzeiht man gem feine Smpertinenzen, 
wenn man feine Vergänglichkeit bedenkt: er verrinnt und 
verdunftet, ehe man fich dejfen verfieht. Indem ich Die 
Namen Nichelien, Nobespierre und Rothſchild zufammenz 
jtellte, drängte fich mir die Bemerkung auf, daß diefe drei 
größten Terroriften noch mancherlei andere Aehnlichfeiten 
bieten. Sie haben zum Beifpiel mit einander gemein eine 
gewiſſe unnatürliche Liebe zur Poeſie: Richelieu ſchrieb 


ſchlechte Tragödien, Robespierre machte erbärmliche Mar 


drigale, und James Rothſchild, wenn er luſtig wird, fängt 








an zu reimen.‘“ Es bedarf feiner Detailirung, daß in di⸗⸗ 


Das Haus Rothſchild in Paris. 305 


sen farfaftiihen Worten Heine's einige — wenn auch 
wenige — Wahrheit liegt. — — 

Neben jeinen Börfenunternehmungen im ©ebiete der 
Staatsanleihen wendet jich das parijer Geſchäftshaus Roth— 
Schild insbeſondere auch industriellen Unternehmungen zu. 
Es ift der Gründer der verfailler Eiſenbahn wie der Nord- 
eijenbahn, jowie vieler anderen Spekulationen von gleicher 
und ähnlicher Natur, wovon wir fpäter in einem bejon- 
deren Abjehnitte ausführlicher jprechen, insbeſondere weil 
e3 fich in meuefter Zeit Ddiejen Geſchäftsgenre's mehr zu— 
wendet, jeitdem die Staatsanleihen den Charakter von 
Itationalunterzeichnungen faft in allen Ländern angenom- 
men und ihre desfallfigen Proben beitanden haben, In 
Franfreich folgten in den Jahren 1854 und 1855 drei 
dergleichen NationaleAnleihen nach der Reihe, bei wel: 
chen die Theilnehmer die Wahl zwifchen 47% und drei: 
prozentiger Rente hatten. An dem neuen frangzöfiichen 
Anleihen des Jahres 1855 betheiligte fich das Haus Roth 
child gleichfalls, doch nicht, wie bei den Anleihen vor dem 
Sabre 1848 als allein oder in Vereinigung mit anderen 
großen Bankhäuſern vermittelnde ©eldmacht, fondern gleich 
jedem anderen Privaten und Nentier durch Unterzeichnung. 
Nach dem amtlichen Anleihedefret beträgt dieſe Staats- 
anleihe die Summe von 750 Millionen. Man muß ans 
erfennen, daß die franzöfiiche Regierung dabei ſehr kühn 
aufgetreten, und daß der große Erfolg, den die vorherge- 
hende Anleihe des Jahres 1854 gehabt, nicht ohne Ein- 
flug auf fie geblieben it. Dieſe lebte ward gleich der 

Das Haus Rothſcild L 20 


306 Neuntes Buch. 


neuen in 4 und dreiprogentiger Rente gemacht; der Kurs, 
zu welchem die Rente ausgegeben wird, und die tibrigen 
Bedingungen find faſt ganz diefelben. Der einzige Unter: 
ichted zmwifchen beiden liegt Darin, Daß die Dreiprozentige, 
die bei Ausſchreibung der älteren Anleihe auf 66 Franks 
60 ©. ftand, damals den Unterzeichnern auf 63 Franke 
17 C. zu Steben Fam, während bei Abſchluß der neuen 
Anleihe diefe Rente, die ander Börſe zu 65 Franfs 90 ©. 
notirt war, zu 63 Franks 27 ©. ausgegeben wurde, Die 
Boniftfation, die man den Unterzeichner bewilligt, alfo 
80 Gentimes weniger beträgt, als das letztemal. Es wur— 
den Aktien zu 50 Franks Rente zugelaffen. Das Haus 
Rothſchild zeichnete 60 Millionen, der Credit mobilier 250 
Millionen. 

Diefer Credit mobilier ift augenblicklich unter den 
vielen Rivalen des Hauſes Rothſchild der bedeutendfte, 
der ihm gefährlichite Konkurrent. Schildern wir bebufs des 
Verftändniffes der großen Bedeutung und des weitreichen- 
den Einflufjes auf Geldwerth, Induſtrie u. |. w. Diefes 
Inſtitut näber. 

Am Mittelalter, wo Geldnoth manche Fürften zu dem 


ebenjo unehrlihen als zwedlofen Mittel verleitere, die 4 
Münzen gebaltlofer prägen zu laſſen als der Münzfuß | h 
heifchte, und das DBejchneiden des Geldes an der Tagesord» 7 
nung war, mußte in Handel und Verkehr wegen der Schwie— 
rigfeit, den Werth der damals in jo großer Verſchiedenheit 
furfirenden Münzen gegenfeitig genau zu befttimmen, noth- 


wendig Verwirrung entftehn. 




















Das Haus Rothſchild in Paris. 307 


Diefe Verwirrung führte zu Anfang des 17. Jahr: 
hundert3 in Deutjchland auf den Gedanken, einen Verein zu 
ichaffen, der alles Geld, von welcher Art und Gehalte e8 
auch immer war, einmechfelte, den innern Werth nach fei- 
nem Silber berechnete, dafiir Noten ausgab, die ftatt des 
Geldes Furfirten, und gegen geringe Vergütung für Ber: 
waltungskoſten wiederum gegen ©eld einlöfete. — So ent- 
ftand eine Bank, welche dem Handel unberechenbaren Vor— 
theil und dem ©eldverfehr Sicherheit und Leichtigfeit ges 
währt. Wir führen dieſe einfache Entftehung einer De- 
pofiten-Banf an, um darzuthun, zu welchen verwicelten 
Spefulationen diefe jehlichte und befannte Idee Veranlaſ— 
jung geworden tft, und dieſes tritt wohl nirgends greller 
in der Gegenwart hervor, als bei dem ſo oft genannten 
Mobilar-Kredit in Frankreich. 

Diefe Banfgefellfchaft, welche der Kaiferr am 18. 
November 1852 Yanktionirte unter dem Namen Societe 
generale du credit mobilier, tft die erfte dieſer Art und 
wurde errichtet für Die Dauer von 99 Sahren, ihr Kapi- 
tal beläuft fihb auf 60 Millionen Franks, vertheilt in 
120,000 Aktien, jede zu 500 Fıfs., welche bei Raten ein- 
gefordert und Anfang 1854 vollitändig eingezahlt waren. 

Die Beſchlüſſe des aus 15 Mitgliedern beſtehenden 
Verwaltungs-Komités werden von einem Ausſchuß von fünf 
Perſonen vollzogen, welche letztere die eigentlichen Admint- 
ftratoren find. 

Die Operationen find dreifacher Art. Die Geſellſchaft 
iſt Kaflirer, d. 5. fie nimmt Geld oder Geldwerth in DBer- 

20* 


308 Neuntes Buche 


wahrfam und vollzieht Zahlungen für die Deponenten, dann 
ferner Leibt fie auf Pfand von Staatspapieren und Aftien, 
und endlich kauft und verkauft fie alle mögliche Aktien, 
Staatspapiere x. und Diefes tit ihr Hauptgefchäft, da fie 
durch die Konkurrenz der beitebenden großen Brivat-Bank 
bäufer, wie fie ſelbſt zugeftebt, für die zwei zuerft genann— 
ten Arbeiten ziemlich verdrängt wird. 

Diefe Iebte Operation, worauf die Gefellichaft fat ihr 
ganzes großes Kapital verwendet, betreibt fie jo im Groͤ⸗ 
ßen, daß 60 Millionen bei weitem nicht ausreichend 
erſchienen und ſie im September 1855 zu einer Anleihe 
ſchreiten und 240.000 Obligationen jede zu 500 Frks. 
Nominal ausgeben wollte. 

Die Regierung befahl jedoch diefe Anleihe auf Die 
Hälfte zu reduziren, und e3 wurden ausgegeben 120.000 
Obligationen zu 500 Frks. Nominal, wovon die Obliga- 
tion mit 280 Franken oder die ganze Anleihe mit 
33,600.000 Frks. bezahlt wurde gegen eine fire Nente 
von 5 p&t. und unter dem erfcehwerenden Vorwande, jede 
‚eingezahlte 280 Franken in 90 Sahren mit 500 Franken 
einzuldjen oder, was dasſelbe ift, die 33,600.000 Franz 
fen innerhalb diefes Zeitraumes mit 60 Millionen zurüd- 
zuzahlen. 

Ein enormer Gewinn muß in diefem langen Zeitraum 











vealifirt werden, um einen ſolchen Verluſt am SKapitale bei 
gleichzeitiger Zahlung einer Rente von 5 p&t. und der Die 


vidende, welche voriges Jahr 35 pCt. betragen bat, und 
fürftlicher Befoldung der Verwaltungsbehörden, zu decken. — 


| 


Das Haus Rothiehild in Paris. 309 


Mir glauben, daß die Induſtrie Großes zu leiſten vermag; 
wir halten dafür, daß der Mobilar-Kredit manches Unter- 
nehmen mit feinen großen Hilfsmitteln ſchützen und ſtützen 


kann, daß er nicht untergeht aus Mangel an Geld; mir 


glauben, daß er durch feine ausgedehnten Beziehungen und 
die finanziellen Talente, diein feinen Dienften ftehen, mehr 
als gewöhnlich befähigt: ift, die Haltbarfeit, Rentabilität und 
die Chancen jeder. induftriellen Unternehmung zu: berechnen 
und vorauszufehen. Wir begreifen, daß jeder Unterneb- 
mer jeine Aktien: lieber und billiger: begibt bei diejer Ge— 
ſellſchaft, welche diejelbe en bloc fauft, und daß bei einem 
jolchen Geſchäft, wenn zum Wiederverfauf im Einzelnen der 
richtige Zeitpunkt getroffen. wird, für Te&tere großer Ge— 
winn abfallen kann. — Wir wiffen endlich aus dem neuen 
Berwaltungsbericht, das der Netto-Gewinn des Mobilars 
Kredits pro 1855 Die ungeheure Summe von 24,440.000 
Sranfen betragen bat, — und troß alledem bezweifeln wir 
jebr, ob auf die Dauer jo viel Gewinn erzielt werden kann 
und wird, als die drüdenden Vorwarden der Anleihe er- 
heifchen, ohne zum Lotto des Handels, zum Börfenfpiel, 
zum Schwindel zu greifen. — 

Außer dem: Credit mobilier hat das Haus; Rothſchild 
in Paris noch einen anderen bedeutenden Konkurrenten in 
neuerer Zeit an dem Haufe Perreire in Paris: erhalten, 
das es ſelbſt Hervorgezogen und: durch Emile Perreire als 
Ingenieur die verfailler Eijenbahn gründete. Rothſchild, der 
Chef des parifer Gefchäfts, und Perreire find dazu augen- 
blicklich auch perfünliche Feinde, die fich durch Intriguen wie 


| 310 Neuntes Buch. 


auf jede fonjtige Weiſe, wie jebt 3. B. Durch den Vorkauf 
eines dem Lebteren Durch die feinem Hôtel benachbarte 
Lage durchaus nöthigen Nebengebäude, wofür Nothichild 
hinter feinem Rüden über eine Million als Kaufpreis bot 
und dasfelbe dafür zugefchlagen erhielt — neben der Konz 
furvenz in materieller Hinficht noch zu ärgern fuchen. 
Was immer an Mitteln, Konnexionen und Verbinduns 
gen aufgeboten werden kann, um fich gegenfeits zurückzu— 


drängen und Iufrative Gefchäfte aus den Händen zu |pies 


len, geſchieht in eifrigfter Konkurrenz; da Perreire's Mittel 
und Wege allein für fih nicht zu den beabfichtigten Re— 
jultaten führen fünnen gegenüber der Macht Rodthſchild, 
fo verbindet fich jener mit andern Notabilitäten der Geld— 
welt, e3 jeien parifer Käufer oder einflußreiche und potente 
Sejchäftsfreunde in anderen Großſtädten; und Derartige 
Geſchäfts- und Geld-Affoziationen "vermögen, was ein 
einzelnes dieſer Hänfer zu ermöglichen nicht vermag. Mit 
Perreire vereint laffen 3. B. die Häufer Baring in London, 
Hope &. C. in Amfterdam und Stiegli5 in Petersburg 
alle Minen fpringen, um das Haus Rothſchild aus dem 
Felde zu ſchlagen. So iſt es neuerdings (September 1856) 
dieſer Bankhaus- und Kapitaliſtengeſellſchaft in Verbindung 
mit Verreire, Hottinger und Thurneyſſer in Paris bei Er— 
langung der Konzeſſion zum Bau eines Eiſenbahnnetzes 
im ganzen Kaiſerreiche Rußland gelungen. Unter Ausſchlie— 


ßung Rothſchild's, welcher allen feinen Einfluß, aber ver— 


geblich, geltend zu machen juchte, iſt e8 jenen Häuſern 
gelungen, auf die Dauer von 85 Jahren jene Konzeſſion 











Das Haus NRothfchild in Paris. all 


zu erlangen, welche eines der einträglichiten Gejchäfte zu 
werden verjpricht, Die im Laufe diefes Jahrhunderts unters 
nommen worden find. Die näheren Bedingungen Des Der: 
trages find zur Zeit noch nicht befannt geworden, um eine 
Heberficht des muthmaßlichen Gewinnes, den dieſer rieſige 
Eiſenbahnbau abwerfen wird, zu gewinnen. 

Das Staatsanleihemonopol, welches das Haus Roth— 
ſchild im Laufe der Zeit faſt allein an ſich geriſſen hatte, 
indem es eine Geldmacht entfaltete, welcher entgegenzutre— 
ten oder mit ihr zu konkurriren anderen Häuſern gleichſam 
ein Wagniß erſchien, iſt infolge des neuen Geldanleihe— 
prinzips der Regierungen nach dem Jahre 1848 zu Ende 
gegangen, und gegenwärtig iſt infolge energiſch-kräftigen 
Zuſammenhaltens mehrerer, beſonders pariſer Bankierhäu— 
ſer in den übrigen Zweigen des Geldgeſchäfts und der Spe— 
kulation, beſonders auf induſtriellem Gebiete, eine Lähmung 
der rothſchild'ſchen bisherigen faſt alleinigen Geldall— 
macht eingetreten, welche letztere, wenn auch immer noch 
bedeutend und von nachhaltigem Effekt, dennoch nicht über— 
all mehr wie früher in erſter Reihe gleichſam courfä— 
higen Vortritt hat, ſondern auch Anderen mit ebenbürtigem 
Geldrange häufig den Platz einräumen muß, beſonders wenn 
ſie in innigerer Vereinigung ihrer Geldkräfte auftreten. 

Wie Perreire unlängſt Rothſchild von der Uebernahme 
des ruſſiſchen Eiſenbahnnetzbaues zurückgedrängt hatte, ſo re— 
vanchirte ſich Rothſchild bei Gründung der wiener Kreditbank. 
Die verſchiedenen Offerten, welche dem öſterreichiſchen Fi— 
nanzminiſterio vorlagen, konzentrirten ſich definitiv in zwei 


312 Neuntes Bud. 


©ruppen, deren Chefs das Haus Rothſchild auf der einen 
Seite, das Haus Perreire auf der anderen find. jedes 
diefer beiden: Häufer bat in feiner: Stellung zu dem euro» 
päiſchen Geldmarkte individuelle Eigenthümlichkeiten, die es 
in WVortheil gegen das andere jeben. Das Haus Rothſchild 
hat den alten biftorifchen Klang, die wette Verzweigung 
jeiner Kamilien-Mitglieder in allen Theilen der Welt für fich, 
und dabei eine Bopularität des joliden Namens, die ſchwer 
ins Gewicht fallt. Das Haus Perreire dagegen hat die 
größere Energie, da3 höhere Organiſations-Talent und die 
überwiegende Kapazität auf feiner Seite. Beide Häufer 
find tonangebend auf den europäifchen Börſen und deßhalb 
erbitterte Gegner, Feinde fogar. Für das Gedeihen: der 
neuen Kreditanftalt, für Die Sicherung der größtmöglichen 
Betheiligung anperöfterreichifcher Kapitalien war jedoch die 
Fuſion diefer beiden Konkurrenten in hohem Grade wün— 
ſchenswerth, und der Finanzminiſter wollte, wie der Aus 
genfchein zeigte, Keinem dem Borzug vor dem Andern ge: 
ben, Bevor nicht alle Mittel, eine Verſchmelzung beider 
Intereſſen herbeizufüihren, gefcheitert waren. In der That 
ſchien Die Fuſion Ausfiht auf Erfolg zw haben; aber ein 
Schreiben Perreire's aus Paris erklärte, daß er bereit fei, 
die neue Bank in Wien gemeinfam mit dem Haufe Roth— 
child zw übernehmen, wenn dieſes fortan die Oppofition 
gegen den Credit Mobilier im Paris aufgeben wolle. An— 
geſichts folcher Verfonalfragen und Spezialintereſſen mußte 
jede Vermittlung fehlichlagen. — 

Zur genaueren Charafteriftif einer hervorragenden Ber- 








Das Haus Rothichild in Baris. 313 


fönlichfeit: dienen ingbejondere Fleinere Züge und. Anekdo— 
ten aus ihrem Leben; denn Anekdoten — jagt richtig 
Birne — find die Henkel: großer Seelen, wodurd. fie: faß- 
lich, werden für den Hausverftand. Auch an ſolchen rothr 
ſchild'ſchen „Henkeln‘ fehlt es nicht. 

Die Kölnische Zeitung; brachte unlängst in einem. größer 
ren Feuilletonartikel über die ‚Künftlerfamilie der Vernets? 
eine ſolche, treffend charafterifivende Anekdote: „Der Baron 
James Rothſchild hatte fih im Jahre 1843 die Luft an— 
geben laffen, von Horaz Vernet fein Porträt zu verlans 
gen. Mit der ihm eigenthiimlichen Suffifance trat er eines 
Tages in jein Atelier und fragte, was er dafiir zu bezah- 
len Haben wiirde. „gr Sie, Herr Baron,” ward ihm 
geantwortet, „it mein Preis 4000 Franken.“ — „Ei, der 
Teufel!“ bemerkte der übermütbige ©eldfürft, „es handelt 
ſich ja nur um drei oder vier Pinielftriche, und da, fcheint 
e3, jpannen Sie Ihre Saiten etwas hoch!“ — „Aha,“ 
eriwiederte dev Maler, indem er die Achjeln zudte, „Sie 
wollen Dingen, Enickern, Herr Baron, wenn von: der Kunſt 
die Nede iſt? Jetzt fordere ich fiinftaufend Franfen und 
nehme feinen Pfennig weniger!” Der Baron jtieß ein 
Gerchrei des Erſtaunens aus: — „Wenn Sie noch ein 
Mort jagen, fo wird die Summe verdreifacht!“ rief ihn 
unjer Maler zu. „Ganz nach Belieben, Herr, nehmen Sie 
Das Bild, oder laſſen Sie es bleiben !” Der Baron beeilte 
ich, aus dem Atelier zu kommen — da er bei dem: Künft- 
ler einem Anfall von Wahnfinn zu bemerken glaubte. „Halt! 
halt!“ — rief ihm diefer nach. — „Ich werde Dein Porz 


314 Neuntes Buch. 


trät umfonft malen! Gebt kannſt Du geben!” Horaz hielt 
Wort. In dem großen Gemälde der Wegnahme der 
Smala wird jedermann den Kopf eines erjehrodenen Ju— 
den bemerken, der mit einem Käftchen Gold und Edelge- 
jteine unter dem Arme in der Klucht begriffen ift. In die— 
ſem Gefichte malt fich der Kampf der Furcht mit dem 
ſchmutzigſten Geige und finden fich auf eine nicht zu ver- 
fennende Meile die Züge des berühmten Bankiers.“ 

Als im Sabre 1855 die große Ausftellung zu Paris 
jtattfand, betrug der intrittspreis an den Sonntagen 
nur 20 Gentimes, während für die übrigen Mochentage 
ein höherer Entrée ftattfand. Am erften Sonntage nad 
der Eröffnung der Ausftellung war eine der eriten Perfo- 
nen, die den Smduftrieausftellungspalaft befuchte — der 
Baron James von Rothſchild. Nur ſo — Sekt die Köl— 
nifhe Zeitung 1855 ro. 170, welche diefen Zug mit— 
theilt, hinzu — kann man Millionär werden, wen man 
feinen Frank gibt für eine Sacde, die man um 20 Gen: 
times bekommt. 

„Die geht es Ihnen?“ frug einft ein deutſcher Poet 
den Baron Rothichild. — „Sch bin verrückt“ — ermiederte 
diefer. — „Ehe Sie nicht zum Gelde greifen und es zum 
Fenſter hinauswerfen“ — ſagte der Dichter — „glaub' ich's 
nicht.“ — Seufzend fiel ihm Rothſchild ins Wort: „Das 
iſt eben meine Verrücktheit, daß ich nicht manchmal das 
Geld zum Fenſter hinauswerfe.“ — 

Man hatte dem Baron James Rothſchild von Wien 
aus eine Stelle im Verwaltungsrathe der wiener Kredit— 














Das Haus Rothſchild in Paris. 319 


anftalt angetragen, welche der große Finanzier aber aus 
dem Grunde ausjehlug, weil er, in Paris wohnend, nicht 
im Stande jei, das Amt zu verwalten. Andererjeits be- 
zeichnete man als Grund diejer Ablehnung den Wunſch, 
bei neuen Unternehmungen der Kreditanftalt die Koopera— 
tion der großen Häuſer zu fichern, die feiner Zeit an der 
Errichtung jener feinen Antheil nahmen und die mit ihren 
frangöftichen Freunden leichter bier beitreten fünnten, wenn 
Le Perſonen, welche an einem alten bekannten Streite 
theilgenommen, ſich nicht bei neuen öſterreichiſchen Un— 
ternehmungen direkt an die Spitze ſtellten. — 

Daß Rothſchild nicht bei allen ſeinen Spekulationen 
und Geſchäften gewonnen hat trotz klügſter Berechnung und 
jchärfiter Umſicht, iſt bekannt; wie bedeutend auch ſein 
Gewinn häufig mit ‚einem Schlage‘ wie auch ſonſt geweſen 
it, jo find auch Verluſte aller Art nicht ausgeblieben. 

Einen der größten erlitt er in neueſter Zeit durch den 
Diebitabl eines, Schurken nebjt feinen Spiepgefellen, des 
Kaflirers der Nordbahn, Garpentier, im September 1856. 
Ein ausführlicher Zeitungsartifel jtellt Diejes in der Ge— 

ſchichte der Verbrechen und DVerbrecherwelt wahrhaft groß- 
artige Ereigniß erjihöpfend alſo dar: 

„Das Geheimniß, das den zum Nachtbeil der Nord— 
bahn begangenen Diebitahl dedt, fängt an, nach und nad 
enthüllt zu werden. Die Direktoren dieſer Gejellichaft ſuchen 
diefem Vorfalle, der ihrer Fürſorge und Vorficht gerade 
feine große Ehre macht, jo Eleine Verhältniſſe zu geben, 
als nur immer möglich. Diejelben wollten die ganze Suche 


316 Neunts Bud. 


zuerſt gar nicht in die Deffentlichkeit fommen lajjen. Die 
pariter Preſſe war auch fchon gewonnen worden; Doch da 
die fremden Journale diefen Vorfall nicht mit Stillfchwei- 
gen übergingen, jo. wurde die Nordbahn genöthigt, mit 
ihrer Erklärung heroorzutreten, in welcher der. gehabte Ver— 
luft auf ungefähr 6 Millionen Franken: angegeben wurde. 
Dieſe Angabe iſt aber feineswegs genau. Es iſt darin nur 
die. Nede von einem Verluſte an Aktien, während die Kajjen 
von. den Dieben ebenfall3 fait ganz geleert wurden. In 
der feinem Kaffe befanden fich allein 1,800.000 Kranken. 
Was den Derluft, den die Nordbahn ſelbſt gehabt bat, 
betrifft, fo ift dertelbe noch nicht genau ermittelt worden; 
ja,. e3 wird fogar fchwer fallen, denfelben ficher Eonftatiren 
zu. fünnen, weil faſt alle Belege von den Dieben vernich- 
tet worden find. Die Summe, welche die Diebe entmwen- 
bet haben, ſchätzt man auf 30 bis 32 Millionen. Die 
Nordbahn-Geſellſchaft fol diefelbe jedoch nicht allein tragen, 
ſondern die Herren Rotbfihild, Andre und de Morny mit 
10 Millionen perfönlich dabei betheiligt. ſein. arpentier, 
Grellet und Konforten müſſen jedoch: fehon feit längerer 
Zeit an der Ausführung ihres Projektes gearbeitet haben, 
denn fie hatten ſchon vor ihrer Flucht große Summen rea— 
liſirt und fchon vor sechs Monaten ein Dampfboot in 


England für die Summe von 1,800.000 Franfen ange⸗ 
fauft. Aus den. Papieren, die man nach ihrer Flucht auf- 


fand, gebt auch bervor, daß fie ein Haus: in New-NYork 
fauflich an fich gebracht haben. Lebteres ift der Grund, 
warum man glaubt, daß fie fih von England aus nach 














| 


Das Haus Rothihild in Paris. 817 


Amerika begeben haben. Wie lange Carpentier und Orellet 
ihre Unterfchleife trieben, Fonnte big jetzt nicht genau be- 
ftimmt, fondern nur herausgebracht werden, daß fie ſchon 
längere Zeit Aktien an der hiefigen Börſe verfauften. Um 
bei der Nevifion der Aktien, die ihnen anvertraut waren, 
die da fein follende Anzahl vorweijen zu können, Hatten fie 
auf ganz ſchlaue Weiſe gehandelt. Die bei der Admini— 
ftration deponirten Aktien find nämlih in Paketen von 
1000 Stüd, welche zujammengebeftet find, aufgehoben. 
Mit Hilfe der ihnen ergebenen und von ihnen erfauften 
Unterbeamten entnabmen fie jedem der verjchiedenen Pakete 
200 bis 300 Aktien und befteten die übrigen wieder zu— 
jammen. Bei der Revifion, die gerade nicht jehr gemwillen- 
haft vorgenommen worden zu fein feheint, waren aljo im: 
mer alle Aftien vorhanden, und die Diebe fonnten daher 
ſchon eine bedeutende Summe realifiven, ehe fie ihren leb- 
ten SHauptichlag ausführten. arpentier verlieg zuerſt 
Paris. Er hatte fih von Rothſchild einen viertägigen Ur— 
laub ausgebeten und ihn auch erhalten. Bei diejer Ge— 
legenheit hatte Garpentier noch eine längere Unterredung 
mit Rothſchild, der ihm bekanntlich ſehr wohlwollte. Herr 
von Rothſchild Hatte gerade ein glänzendes Geſchäft gemacht, 
und erzählte Carpentier, dag er 5 Millionen dabei gewon— 
nen habe. „Wenn,“ jo fügte der reiche Bankier Hinzu, 
ih meine algerifche Eifenbahnen-Affaire zuftande bringe, 
ſo hoffe ich eine Drei zu meiner Fünf hinzufügen zu kön— 
nen.“ — „Werden Sie diefelbe vor oder hinter die Fünf 
jeben?“ antwortete Carpentier; „wird es 35 oder 53 


318 Neuntes Buch. 


Millionen abgeben? Setzen Sie ſie immer vorn hin und 
geben Sie mir ihre Fünf; es bleibt Ihnen dann doch im— 
mer eine hübſche Summe übrig.“ Rothſchild lächelte über 
den Spaßmacher, wollte ſich aber nicht von ſeinen Fünfen 
trennen. „Sch gebe Ihnen die fünf Millionen nicht,” ſagte 
er, „aber hier meine-Uhrkette, damit Sie ein freundliches: 
Andenken ar dieren Tag haben, der mir felbft viel Vergnü— 
gen bereitet hat.” Die Kette, die Rothſchild Carpentier'n 
darauf einhändigte, war von großem Werth. arpentier, 
der jedoch weit größeren Neichthum für fich bereit hatte, 
achtete derjelben natürlich nicht und ſchenkte fie vor feiner 
Abreiie von Paris feinem Bruder, in deſſen Beliße fie noch 
ift. Wie man aus obiger Unterredung, die Rothichild fei- 
nen näheren Freunden jelbit mittheilte, erjehen kann, ſtand 
der reihe Baron auf böchit vertraulichen Fuße mit Car— 
pentier. Derjelbe liebte ihn wie feinen Sohn und hatte 
ihm die Stelle eines Hauptkaſſirers bei der Nordbahn ver- 
ſchafft. Es ift daher leicht erflärlich, daß Rothſchild aufs 
böchite über das Betragen feines Schüslings entrüftet ift 
und alles aufbietet, um fich desjelben zu bemächtigen. Als 
er dem Beamten der Kordbahn, Seren IT... ... ‚ ber mit 
Polizeiagenten zur Verfolgung Garpentier’3 abgejandt wurde, 
feine Inſtruktionen gab, eröffnete er demfelben einen un- 
beichränften Kredit. Er jagte ihm, er folle vor feinen Koften 
und vor feinen Mitteln zurücichreden; er wolle gern zehn 
Millionen ausgeben, um Garpentier in feine Gewalt zu be 
fommen, ımd wenn man irgendwie feine Auslieferung ver⸗ 
weigere, ſo möge er ihn mit Gewalt wegführen [2]. Bon 

















“Das Haus Rothichild in Paris. 319 


Paris begab fih Garpentier am 31. Auguft direft nad 
London, und von dort nach Liverpool, wo das von ihm ger 
faufte Dampfichiff lag. Er lieg Dasjelbe jofort reifefertig 
machen und gewann bie hohe See, wo er feine Genoſſen 
erwartete, Während der Abweſenheit Carpentier's war Grel— 
let mit der Führung der Kaffen beauftragt worden. Am 
Tage, wo die Beamten und Arbeiter der Nordbahn bezahlt 
werden follten, erjchien derjelbe nicht. Der Chef des Be— 
amtenperſonals benachrichtigte Rothſchild, daß Grellet nicht 
gefommen jei. Rothſchild, der von allen Kaffen einen zwei— 
ten Schlüffel hat und der nichts arges abnte, begab fi 
nach der Adminiftration, um die zur Bezahlung der Be: 
amten nöthigen elder herauszugeben. Er öffnete die kleine 
Kaffe, fand diejelbe aber faft leer und gab nun dem Chef 
Befehl, das ftrengfte Schweigen darüber zu bewahren, da 
er dafür gutjage. Hierauf öffnete er die große Kaffe; 
dDiejelbe war gleichfallS leer. Erſt ſpäter ftellte fich der 
Verluſt an Aktien heraus. Man traf natürlich fofort alle 
Mafregeln, aber die Diebe hatten einen großen Vorſprung 
gewonnen, denn, wie man in Liverpool erfuhr, hatte ©rellet 
ih auf einer Barfe nach dem Dampffchiffe begeben, 
wo Garpentier auf ihn wartete. Mit Garpentier und Grel— 
let verichwanden zugleich vier Unterbeamte der Nordbahn. 
Garpentier nahm auch feine Maitreffe, eine Mademoifelle 
Georgette, mit fich, die er in Paris auf fehr glänzende 
Weiſe unterhalten hatte. Carpentier und Grellet ſind beide 
noch ſehr junge Leute. Erſterer iſt blond, ſieht ſehr ſchwäch— 
lich und bleich aus, und hat ganz das Ausſehen eines Men— 


320 Neuntes Buch. 


ſchen, der an der Auszehrung leidet. Grellet gehört einer 
ſehr guten Familie an. Derſelbe beſaß ſelbſt ein bedeutendes 
Vermögen. Man ſchätzt dasſelbe auf 500:000 Franken. 
Seine Mutter lebt noch. Dieſelbe wurde wahnſinnig, als ſie 
die That ihres Sohnes erfuhr. Sein Oheim von mütter— 
licher Seite, ein Herr Planchet, iſt ein ſehr geachteter Mann. 
Ein anderer Oheim bekleidet eine hohe Stelle in der franzö— 
ſiſchen Magiftratur. Die VBermuthung, daß die beiden 
jungen Leute zu ihrem Verbrechen durch Lorettenwirthichaft 
und Börfenverlufte hingetrieben worden ſeien, iſt falſch. 
Diefelben führten im Gegentheil ein fehr vegelmäßiges Les 
ben, und wenn fie in der legten Zeit viel Geld ausgaben, 
jo war dieß nur die Folge ihres Verbrechens; fie wurden 
aber feineswegs zum Verbrechen hingetrieben, weil fte ſich 
in tolle Schulden geftürzt hatten. 

Eine größere Summe tft vielleicht noch nie gefto b- 
len worden; doch auch diefen Verluſt wird das Haus 
Rothſchild zu überwinden und zu verfchmerzen wifjen, wenn 
das WMWiederhabhaftwerden desjelben nicht gelingen follte, 


Durch ‚Soldregen‘ hat man vieles vermocht: uns ſoll's | 


wundern, ob auch die Verhaftung eines beifpiellog großen 


Spigbuben im freien Amerika erfolgt, damit auch dort 
einmal das Sprichwort fih jelbit Lügen ftraft: Die 


fleinen Diebe hängt man, die großen laßt man laufen. *) 

















*) Der ferncre Berlauf der Suche, nachdem obige Zeilen gefihrie- 2 


ben waren, ift befannt. 


Das 


Haus Rothſchild. 


Seine Geſchichte und feine Geſchäfte. 


Be, und Enthüllungen zur Geſchichte des Jahrhunderts 
insbejondere des Staatsfinanz- und Borjenwejens. 


3um erſtenmale dargeftellt. 


| „Ber nicht feine Zeit erfaßt, wird von 
| ihr erfaßt.“ Sean Paul. 


Zweiter Theil. 





Prag & Leipzig. 
Derlag von 3. L. Kober. 
1857. 











Das Recht der Meberfegung in fremde Sprachen behalten fich 
Berfaffer und Verleger vor. | 








Prag 1857. Drud von Kath. Gerzabek. 














Zehntes Bud), 
Das Etabliffement Rothſchild's in Heapel. 


Die Staaten Staliens, ihr Finanzs und Schuldenwefen. 
Das Iombardifc - venetianifche Königreih. — Der 
Kirchenitaat. — Parma; Toskana; Modena. — Sar: 
dinien. — Das Königreich beider Sizilien. — Das Haus 
Rothſchild, der Helfer in der Finanznoth der italie- 
nifchen Fürjten und Kabinette. Karl von Rothſchild. 


Stalten gleicht feinem Veſuv; es gleicht Deutfchland, 
indem e3 gleich diefem in eine Menge einzelner Staaten 
zerfällt, ohne jedoch wie Deutfchland auf irgendeine Weiſe 
in politifcher Hinficht in einem Bundesftaate verbunden zu 
jein: nur die Sprache ift das gemeinfame einzige Band 
der Völker Staliens, welches für Rothſchild's Geld und 
Spefulationsgeift ein goldener Boden if. Deßhalb war 
die Errichtung eines Gefchäftsetabliffements in der größten 
Stadt des Landes, in Neapel, ein wohlüberlegtes Unter- 
nehmen; ift auch der Gefchäftsumfang nicht groß, und die 
Kundſchaft des italienifchen Geſchäftshauſes Hein an Zahl, 
jo find dennoch feine Geſchäfte immer noch verhältnigmäßig 
von fehr großer Bedeutung und lukrativ; denn bei der 
fortdauernden Geldnoth der dortigen Negierungen und der 
ſchlechten Finanzverwaltung der Mehrzahl jener Staaten, 
wie ihrer verhältnißmäßig enormen Geldbedürfniffe und 
Schulden find Staatsanleihen dort an der Tagesordnung. 


6 Zehntes Bud. 


Nebenbei werfen Handel und Verkehr, begünftigt infolge 
der rings vom Meere umgebenen Lage des Landes, durch 
Mechfelgefehäfte nicht unerbebliches fir den Bankier ab. 
Und Rothſchild beberrfcht Fraft feiner eigenthiimlichen Der: 
hältniffe in Stalien Börſe und Staatsfaffe von den Alpen 
bi3 zur fizilifchen Meerenge und nach der Inſel Sizilien 
hinüber von Neapel aus. 

Bier Kunſtſtraßen, vielleicht die fehönften und koſtſpie— 
ligften Europa’s, führen den deutſchen Neifenden über Die 
gewaltige Alpenjcheidewand in den ‚Öarten Europa’s.‘ Hat 
er die Höhen des Simplon: ochs, des Gotthard, des 
Splügen oder des Wormſer-Jochs erreicht, fo feheint ihm 
fhon die Sonne Staltens, und feine milde Luft weht ihm 
entgegen. Sin der Tiefe fieht er eine lebensvollere Vege— 
tation, und zahlloſe Denkmäler des menjchlichen Geiftes 
und der Arbeitöfraft treten ihm aus der Ferne entgegen. 
Die Straße über den Simplon, in den Jahren 1801 bis 
1806 gebaut, führt in einer Höhe von 6174 Fuß 14 
Stunden weit nah Mailand ; der kürzeſte Weg aus der 
Schweiz und vom Rhein führt über den Gotthard in einer 
Höhe von 6600 Fuß; die Splügenftraße in einer Höhe 
von 6500 Fuß murde während der Regierung Kaiſers 
Franz I. vom Jahre 1818 bis 1825 beendet, und, die Straße 
über den Gipfel des 8610 Fuß bochgelegenen Wormſer— 
Joches ift die großartigfte, welche Menfchenhand je ge: 
baut hat. 

In Bezug -auf die politischen Zuftände hat von Jahr 
zu Jahr mehr eine große Umgeftaltung ftattgefun den. 








Das EStabliffement Rothſchild's in Neapel. 7 


Zrüher ftanden die durch manchfache Fehden und Partei— 
intereffen von einander getrennten Völkerſchaften, ſtatt 
ihre innere Einheit zu fühlen, eher feindlich jich gegenüber. 
Jetzt erkennen alle Staliener, daß fie einem DBaterlande 
angehören; die Anerfennung geiftiger Einheit iſt die Frucht 
diefer Annäherung; die Vaterlandgliebe und der Sinn für 
geiftige Ausbildung haben fih auf eigenthümliche Weife 
ausgeprägt. 

Die Ständeverhältniffe Italiens bieten manches er— 
freulibe Bild dar, wie man es in andern Ländern ver- 
geblih ſucht. Insbeſondere tft die Scheidewand zwijchen 
dem Adel und den übrigen Ständen in der Mehrzahl der 
italienifchen- Staaten nicht jo jehroff wie in manchen an— 
dern Ländern Europa's. Schon die Gefchichte der Aus: 
bildung der Mehrzahl italienifcher adeliger Gefchlechter aus 
den reichen, ftädtifchen, durch Handel und Gewerbe blüs 
henden Familien, fowie die ariftofratifche Bedeutung des 
reichen Bürgerftandes in den Handelsſtädten und die früh 
in Stalien feftgewurzelte Anficht, daß Handel und Theil- 
nahme an Induſtrie den Adel nicht ſchänden, erklären es, 
weßhalb hier der Adel minder fcharf dem Bürgeritande 
gegenüberfieht. Dazu zählt Staliens Adel eine große 
Zahl der geiftvolliten Schriftiteller und Dichter, Die nicht 
die Weihe der Wiſſenſchaft verſchmähen und fich dadurch 
den übrigen gleichitellen, die mit ihnen in wilfenfchaftlichen 
und Fünftlerifchen Leiftungen wetteifern. Der Adel Italiens 
fennt zudem feinen Stolz, und felbit die Verhältniffe zwi— 
ichen Gutsherren und Bauern find derartig geitaltet, daß 


8 Zehntes Buch. 


keine Bedrückung ſo leicht ſtattfindet. Unter ſolchen Um— 
ſtänden iſt der Adel nicht gleichgiltig in Hinſicht auf die 
öffentlichen Angelegenheiten; vielmehr ſympathiſirt er mit 
dem Bürgerſtande, zumal ihre Verhältniſſe in Bezug auf 
die Landesregierungen dieſelben ſind, und jeder Druck von 
beiden Ständen gleich ſtark gefühlt wird. Der Bauern- 
ftand fchließt fich infolge feiner Verhältniffe zu den beiden 
genannten Ständen auch ihnen mehr an; es eriftirt fomit 
zwifchen allen drei Ständen Uebereinftimmung in jeder 
Hinfiht. Was über den geiftigen Verkehr bier von Ita— 
lien im allgemeinen gejagt ift, gilt auch von der Bevölke— 
rung der Lombardei und Venedigs. 

Hier tritt uns zuerft daS lombardiſch-venetia— 
niſche Königreich unter dem Szepter Defterreich3 ent— 
gegen. Zur Zeit der Hohenitaufen entwicelte die Lom— 
bardei bewundernswerthe Kräfte und großartigen Widerftand. 
Die Periode der fpanifchen Statthalter war die fchlechtejte 
für das Land und feine Bewohner; Eigennutz und Uns 
verftändigfeit herrſchten; das Land verarmte, die Bevöl— 
ferung ſchmolz zufammen, und viele Lombarden wanderten 
aus. Die öſterreichiſche Herrjchaft — fagt Naumer — 
war ein augenfcheinlicher, unleugbarer Uebergang zum Beſſe— 
ven, und was Diele als das preiswürdige Ergebniß der 
frangöfifchen Nevolution bezeichnen, hatte Maria Therefia 
lange zuvor ſchon in ihren italienischen Beſitzungen mit 
ftarfer und zugleich milder Hand eingeführt, fo 3. B. Auf 
hebung der meiften Lehnsverhältniffe, Gleichheit des Gerichts— 
ſtandes und der Beſteuerung, eine freiſinnige Gemeindeordnung, 





Das Stabliffement Rothſchild's in Neapel. 9 


% 


Beſchränkung übertriebener Nechte des Klerus und der 
Mönche, Aufbebung der Zünfte u. |. w. Später gehörte 
Dberitalien zur eiSalpinifchen Nepublif und wurde darauf 
dem frangöfifchen Kaiferreiche zumtheil einverleibt, bis es 
mit Denedig nach dem Ende der franzöfiichen Herrſchaft 
über Europa wieder an Defterreich fiel. Es gehört zu den 
ſchönſten Beſitzungen der öfterreichifchen Kaiſermacht infolge 
feiner Lage und der reichen Hilfsquellen des Landes, geeignet 
für Seehandel, Aderbau und Landwirtbichaft im umfafjend- 
sten Sinne des Wortes. 

Das Tombardifchevenetianifche Königreich unter Defter- 
reichs Herrjehaft mit mehr als jehs Millionen Sinwohnern 
ift in zwei Gouvernements getheilt, Mailand und Venedig. 
Vielleicht die Hälfte dieſes Beſitzthums war fehon vor 
100 Jahren dem habsburg'ſchen Regentenſtamme unterthan ; 
die wiener Schlußafte vom 9. Juni 1815 garantirte ihm 
nicht allein dieſen Beſitz, ſondern fügte auch neben mehre— 
ren kleineren Territorien die vormalige Republik Venedig 
hinzu, und am 7. April des genannten Jahres errichtete 
Kaiſer Franz aus dieſen italieniſchen Landestheilen zuſammt 
das lombardiſch-venetianiſche Königreich, welches, durch den 
Mincio in zwei Gouvernements getheilt, bis 1848 von 
einem Vizekönig regiert wurde. 
| Als ſich Stalien nah der großen Kataſtrophe von 
Paris in größter Gährung befand, und die alten revolu— 
ı tionären Ideen durch die Karbonari aufs neue zur Aus— 
‚ führung kamen, wurden DVerfuche gemacht, Deiterreichs 
Herrichaft in der Lombardei zu ftürzen; der Verlauf diefer 


10 Zehntes Bud. 


Verſuche ift bekannt, ebenjo wie die Umkehr zu der Ein— 
ficht, daß gerade das öſterreichiſche Regiment das Wohl des 
Landes in jeder Beziehung wefentlich fördert und dasjelbe 
zum friedlichiten und beftverwaltetiten Theile Italiens ges 
ſchaffen bat. 

Die Staatsfinanzverhältniffe im lombardiſch-venetia— 
nijchen Königreich find jelbitverftändlich im Geſammtfinanzetat 
Defterreihs enthalten, wobei das italienische Kronland nur 
gewinnen dürfte. — 

Die Finanzendes Kirchenſtaats *) waren ‚von 
jeber eine der dunkelſten Schattenfeiten Diefed Landes. Wir 
gehen nicht weiter als bis zur erjten franzöſiſchen Revolution 
hinauf. 

Im Sahre 1790 zug ein geringes franzöfifches Trup— 
pencorps gegen das ganze wehrlofe Nom: die Revolution 
wurde den Römern aufgedrmigen, die Nepublif auf dem 
Forum proflamirt und Die franzöfiiche Konftitution eingeführt. 
Dem jedesmaligen franzöſiſchen ©eneral en Chef ward die 
Gewalt des Diktators übertragen: auf die veichjten Römer 
3. DB. Borgheje wurden enorme Wechjel ausgeftellt, für die: 
ſelben durch den frangöfifchen General afzeptirt und das Geld 
nach Wechjelrecht unter Androhung der Fufillade eingetrieben. 

Die Finanzen Roms waren unter der verfchwenderifchen 
Negierung Pins VI in Eläglichiten Zuftand gerathen, und 
Das Papiergeld war außerordentlich gefallen. Die franzöfijche 
Statthalterichaft kontrahirte mit dem Bankier Torlonia, 


*) Nach Niebuhr's Darftellung in feiner „Seichichte des Zeitalters 
der franzdfifchen Revolution.“ 1. $. 358. | 





Das Stabliffement Rothſchild's in Neapel. ı1 


daß er einige Millionen Papiergeld für einen beſtimmten 
Preis dem General abfaufte und auf fein Riſiko emittirte. 
Das Papier ftand nur 10 Prozent, oft nur 5; man 
erhielt es bei Torlonia, und mußte fich bei ihm ungefähr 
für das Doppelte des Kurswerthes in Silber verjchreiben, 
wodurch jener ungeheuer gewann und den Franzofen feine 
Zettel bezahlen konnte. 

Das römiſche Finanziyftem bafirt auf einem Geſetze 
som 19. März 1801, und da neben den von Frankreich 
erborgten Grundſätzen die Ausführung noch viel jehlechter 
ift, jo darf man behaupten, daß die Finanzverwaltung durch— 
aus nicht feblechter fein kann. Die Erhebungskoften find 
ungeheuer, die Evaſionen, wo fie nur möglich find, une 
menfchlich. Die Staatsfaffen müßten im Ueberfluß ſchwim— 
men und find leer; der Staat müßte Geld zu den niedrige 
ften Zinfen erhalten fünnen, und erhält es kaum zu den 
wucherijchitenn Bedingungen: es wird weder ein Budget ent- 
worfen, noch Die Rechnungen revidirt; niemand kümmert 
fich um die Bilance der Finanzen. 

Unter Sixtus V. betrugen die Einfünfte der päpftli- 
ben Kammer unendlich weniger als die der römifchen geift- 
lichen Tribunale aus der Fatholifchen Welt. Als dieſe all- 
mälig abnahmen, wurden die Abgaben erhöht, die direkten 
Steuern indeß nicht. Der Preis des Salzes ward gefteigert 
und die Lotterie eingeführt; man Half fih mit Anleihen, 
deren Zinfen nach und nah von 6 auf 3 Prozent berab- 
gejebt wurden, und mit Bapiergeld, deſſen höchſt leichtſinniger 
Gebrauch unter Pins VI. die Regierung desjelben jo un— 


12 Zchntes Bud). 


felig gemacht hat. Man bejchloß 1777 eine allgemeine Ka— 
taftrirung. Unter dem letztgenannten Papft war der Ertrag 
der Staatseinnahmen 2 Millionen Piaſter, wovon zuletzt 
die Hälfte die Zinſen der Staatsſchuld verſchlang. 

Als Pius VII. den Stuhl Petri beſtieg, war das Volk 
bis auf den letzten Blutstropfen ausgefogen und durch den 
Banferott des Papiergeldes und der Staatsfchuld jeder Ge— 
danfe an Kredit vernichtet. In Diefer verzweiflungsvollen 
Lage erſchien die obenerwähnte Finanzgefeßgebung des Karz 
dinals Late vom 19. März 1801. Dadurch ward die Grund: 
fteuer nach dem SKatafter von 1777 eingeführt und alle 
andern Steuern abgefchafft; eine Hausſteuer ward ausge— 
jehrieben, auf die Zinfen aller angeliehenen Kapitalien fünf- 
prozentige Steuer gelegt, Abwefende und Fremde mit !|, 
ihrer Einkünfte beftenert und eine Erbſchaftsſteuer eingeführt; 
daneben bejtand Salze und Mahlſteuer und in der Reſi— 
denz noch eine Konſumtionsſteuer. Dasfelbe Geſetz ver: 
fügte die Herabfeßung der Zinfen der freiwilligen wie ger 
zwungenen Anleihen auf 3 Prozent und alle Gemeindelän— 
Dereien wurden eingezogen. 

Nach der Vernichtung des eönıifehen Staates im Jahre 
1809 wurde in den Provinzen jenfeit3 der Apenninen das 
italtenifche ud diesſeits das franzöſiſche Steuerfyitem mit 
wejentlichen Modiftfationen eingeführt: man behielt nämlich 
die Mahlſteuer anftatt der droits reunis, erhöhte die 
Grundſteuer und führte das Enregiftrement ein. 

Bei Wiederbeſitznahme ihres Landes im Jahre 1814 | 
fehrte die päpſtliche Negierung zu der früheren Beitenerung 


Das Etabliffement Rothſchild's in Neapel, 13 


zurück. Das Motuproprio vom 6. Juli 1816 feßte die Orumd- 
ftener um 400.000 Seudi herab, und nach mehreren nad 
und nach vorgenommenen Modiftfationen ift zum größeren 
Theil der alte Steuerzuftand wieder eingetreten. Das Ge— 
fammtftaatseinfommen gibt man zu 9 Millionen Scudi an, 
wahrfcheinlicher erreicht es noch nicht 7 Millionen. 

Bor der erften franzöfifhen Revolution floßen fait 
2'/, Millionen römifche Thaler oder 6 Millionen Gulden 
an Ffirchlichen Abgaben aus Der europäiſchen Chriften- 
heit nah Rom; nämlid aus Spanien 640.000, aus 
Deutfehland und den Niederlanden 488.800, aus Franf- 
reich 357.000, aus Portugal 260.000, aus Polen 180.700, 
von beiden Gizilien 136.170, von den übrigen italieni— 
ſchen Staaten 170.000, aus der Schweiz 87.000 und 
aus dem Norden Europa's ebenſoviel Scudi. Diefe Ab: 
gaben haben von da an im Laufe der Zeit eine bedeu— 
tende Grmäßigung erlitten, und Dadurch find die Finanz: 
zuftände im Lande bedeutend verichlechtert worden. 

Das Staat3defizit beträgt gegenwärtig über eine Mil- 
lion Scudi; die bewaffnete Macht verfchlingt ein Sechstel 
der Staatseinnahme, das Gefammtausgabebudger beträgt 
14 Millionen, die Staatsfchuld 120 Millionen und der 
Papier und Banknoten-Umlauf 25 Millionen. Für öffent: 
lihe Bauten, Handel, Landmwirthichaft, Gewerbe, Künfte 
u. |. wm. wird mir ein Smangzigftel der Staatseinnahme 
vorausgabt. 

Nücdfichtlih der Steuern und Abgaben verdient das 
Sportelwejen bejonderer Erwähnung; es ij befonders drüf- 


14 Zehntes Bud. 


fend und hat einen faum glaublichen Umfang erreicht. Wo 
und wie auch immer der Nömer mit den Behörden in Ver— 
bindung fommt, muß er bezahlen, und grade in dieſem 
Punkte ift das geiftliche Negiment um nichts nachfichtiger 
als das weltliche. So betragen — um nur beiläufig bie 
Höhe der Sporteln im Kirchenftaate darzuthun — z. 2. 
die Gebühren für einen Trauungsſchein an die Kanzlei für 
den AUnbemittelten 5 Scudi. — | 

Mir find außer Stande, ber das Staatsfinanzwe- 
jen der übrigen italienischen Staaten fo ausführliche Mit- 
theilungen zu geben wie über das des Kirchenftantes nach 
Anleitung Niebuhr’s, der durch feinen Tangjährigen Aufent- 
halt in Rom infolge feiner Stellung vollauf Gelegenheit hatte, 
fih durch eigene Anſchauung genaue Kenntniß desfelben 
zu erwerben. Wir laſſen die anderen Staaten hier folgen 
mit kurzen Andeutungen über ihre finanziellen Verhältniſſe, 
ſoweit es uns möglich gewejen, darüber etwas zuſammen— 
zuftellen. 

Das Staatdausgabebudget des Herzogthums 
Parma wurde im Jahre 1854 zu 2; Millionen und feine 
Staatsfchuld auf 14 Millionen angegeben. Lebtere Hatte 
fih im Sahre 1827 durch eine Anleihe von 12 Millionen 
Lire nuove .gefteigert, welche die Herzogin zur Verwen— 
dung im Innern bei den Häufern Mirabaud & Co. in 
Mailand und bei Rothichild eröffnete; ihre Papiere Tauten au 
porteur auf Höhe von 2000 Lire Kapital mit fünfprogentigen 
Zinfen, und führen den Namen: Rentenzertififate. — Au— 
Ber der gleichfalls fünfprozentigen Zwangsanleibe vom 


Das Etabliffement Rothichild’s in Neapel. 15 


Sahre 1849 im DBetrage von 2,700.000 Lire machte 
Parma am 5. April 1854 noch ein Öprozentiges frei« 
williges Anlehen von 2,470.000 Lire in Obligationen zu 
500 und 1000 Lire; diefe legte Anleihe iſt auf bie Staats— 
güter und fogar auf die Privatbefisungen des regierenden 
Haufes verfichert. 

Die Staatsausgabe des Großherzogthums Tos— 
fana mit Lucca wurde auf 5 Millionen, die Einnahme 
auf etwa diefelbe Summe, der Papier- und Banknotenum— 
lauf auf 2 Millionen Thaler geſchätzt; die vereinigte, 
jebt zum größten Theile abgetragene, Staatsfchuld Das 
tirt zumächit von einer im Dezember 1849 gemachten An— 
leihe im Betrage von 30 Millionen Lire Tosfani, welche in 
Sprozentigen Obligationen zu 1000 Lire furfirt. Werner 
wurden in Obligationen zu gleichem Zinsfug und in glei- 
cher Höhe wie die vorerwähnten im Laufe des Sahres 1851 
bei M. A. Bastogi e Figlio in Livorno noch 12 Mil- 
lionen Live aufgenommen und auf die dem Staate ges 
hörigen Eifenminen und Gießereien verfichert. Die Eleine 
Sprozentige Anleihe von 3 Millionen, abgejchlojfen ge- 
gen Ende 1852 in Schuldverfchreibungen zu 2000 Lire, 
darf der gefammten Staatsfchuld füglich nicht beigezählt 
werden, da diejelbe mehr einem Zwangsanleihen glich und 
zu augenblidlihem Bedarfe verwendet wurde. Mir ers 
wähnen bderjelben nur, weil dabei das Haus Rothſchild 
betheiligt war; ebenfo wie bei den beiden Anleihen, die 
das Herzogthum Lucca in den Jahren 1836 (875.000 fl. 
KM.) und 1843 (1,120.000 fl. K. M) aufnahm, und 


16 Zehntes Bud. 


welche durch die am 7. Oftober 1847 gefchehene Vereini— 
gung Lucca's mit Toskana zur Staatsſchuld des letzteren 
Staates gehören. 

Des Herzogthums Modena Ausgabebudget 
beträgt 21/: Millionen, die Einnahme etwa 2'/, Millionen 
Thaler; über feine Staatsfchuld fehlt e8 und ganz an 
Daten. Die kaum eine Duadratmeile enthaltende Re— 
publif ©. Marino gebraucht jährlich zu ihrem Staats 
bedarf 24.000 Thaler und bat feine Schulden. 

Das Königreib Sardinien mit mehr ala 5 Mil- 
lionen Einwohnern, hat an älteren Staatsfchulden 5,336.393 
Franks Nente, wozu in den Sahren 1848 und 1849 noch 
13,771.680 Franks Rente Hinzufamen, fo daß Anfangs 
1850 die Geſammtſchuld 19,108.073 Frank Rente zu fünf | 
Prozent, das Kapital aljo 382 Millionen Franfs betrug. 1850 
famen 140 und eine Brämienanleibe von 18 Millionen und 
im Sabre 1851 3,600.000 Franks Hinzu, welche duch 
Die Iheilnahme an dem Krieg der Weſtmächte gegen Ruß— 
land noch bedeutend gefteigert wurden. Das Staat3aus- 
gabebudget betrug 1847 90 Millionen, das für 1856 da- 
gegen 139 Millionen 157.335 Franks. Die von 1848 bis 
1855 gemachten neuen 13 Anleihen zum Geſammtbetrage 
von 553 Millionen verfehlingen an Zinfen jährlich) 30 Millio— 
nen; das Anleihen vom 12. Zuli 1850 von 80 Millionen 
brachte dem Staate nur 64'/, Millionen. Ein neues Anz 
leihen von 30 Millionen mußte 1855 wegen der Koften des 
Feldzuges gemacht werden, fo daß Die gegenwärtige Staats— 
ſchuld Sardiniens auf 800 Millionen gefchäßt wird. Das 


Das Etablifjement Rothſchild's in Neapel. 17 


Bolt Sardiniens kann fich des vormaligen preußifchen Finanz— 
minifters Hanfemann befannte Worte zum Motto nehmen: 
‚Die Freiheit Eojtet Geld; denn jene Summe tjt fir eine 
Bevölkerung von etwas mehr al3 5 Millionen bedeutend. 
Und doch hat gerade das Volk Sardiniens bei freiwilligen 
und Zwangs-Anletben fich außerordentlich zuthunlich erwiefen ; 
denn in den Sahren 1849 und 1850 wurden über 13 Millio- 
ten Rente, und 20 Millionen Nominalfapital nebit einer Brä- 
mienanleihe von 18 Millionen bloß von jardinifchen Untertha— 
nen, ohne irgendwelche Berheiligung ausländifcher Bankiers 
gedeckt; ja als im Jahre 1851 eine neuerliche freiwillige 
Prämienanleihe von abermals 18 Millionen Lire ausgejchrie- 
ben wurde, war in kurzer Friſt beinabe das Doppelte dei 
ausgeschriebenen Summe durchaus son einheimiſchen Bri- 
vaten und Kapitaliften gezeichnet. Mit dem Haufe Roth— 
ſchild wurden von al den oben genannten Anleihen nur 
jene vom Jahre 1850, im Betrage von SO Millionen, 
und 1853 im Betrage von etwas über 67 Millionen 
Nominalwerth abgeſchloſſen. Was Sardinien jonit noch 
mit Banfiers verhandelte, geichahb abmwechtelnd mit den 
Häufern Barbarsur & Tron, dann Migone in Turin, 
©. J. Hambro & Sohn in London und Gebr. Bethmann 
in Frankfurt am Main. — 

Das Königreich Neapel oder beider Sizilien 
Dat lange Zeit hindurch an der fchlimmiten Landesplage, 
an einer chlechten Finanzverwaltung, gelitten. Sie son den 
älteften Zeiten zu fchildern liegt außerhalb unſerer Abficht. 
Allerlei Maßnahmen — von Ginführung neuer Steuern 
Das Haus Rothihild. II 2 


18 Zehntes Bud. 


- bis zum DBerfaufe von Staatsdomänen, von Steuererhö— 
Hungen bis zu gezmungenen Anleihen — wurden Horge- 
nommen zur Linderung der Staatsfinanznoth, ſeitdem das 
eich des Neitergenerald und Schwagerd Napoleons, Joa— 
chim Murat, 1815 zu Grabe getragen war und Ferdinand I. 
als König wieder den Thron beitieg. Um die Zinfen der 
Staatsfchuld zu berichtigen, mußten fortwährend Anleihen 
aufgenommen werden. Am 1. Januar 1821 betrugen 
die jährlich zu zahlenden Renten 3 Millionen 882.000 
neapolitaniſche Dufaten; die Staatsausgaben wurden 
für das Jahr 1854 auf 36 Millionen und die Höhe des 
Papier- und Banfnotenumlaufes auf 15 Millionen ange— 
geben. Im Jahre 1822 kontrahirte die Negierung bei 
Rothſchild ein Anleihen von 16 Millionen Dufaten ; drei 
andere Anleihen folgten nacheinander unter der Bedingung, 
den Freund des Chefs des rotbichild’fchen Haufes in Nea— 
pel, den Gavaliere Medici, der in der Verbannung zu 
Florenz Tebte, in Gnaden wieder anzunehmen und ihm 
die Derwaltung des Finanzminifteriums zu übertragen, 
indem nur Dadurch und auf feine andere Weife das vor— 
jchiegende Haus von der Treue der Finanzverwaltung des 
Königreichs Meberzeugung haben fünne. Medici ward — 
Finanzminiſter des Königreichs und Die Drei wa 
wurden gejchloffen. 

Diefe unter Theilnahme des Haufes Rothſchild ger | 
ſchloſſenen ſogenannten englifchen Anleihen von 1821, 1822 
und 1824 betragen und zwar die erfte 800.000 Dur 
faten Renten oder 16 Millionen Dufaten Kapital, Die 


Das Gtabliffement Rothſchild's in Neapel. 19 


zweite 1 Million Dufaten fünfprogentige Renten oder 20 
Millionen Dukaten Kapital; die dritte ift diejenige, deren 
GSffekten auf mehreren Börſen unter dem Namen: „Obli: 
gationen bei von Rothſchild,“ kurſiren; auch fie wurde zum 
Betrage von 2,500.000 Pfund Sterling bei NRothichild 
eröffnet. 

Zufolge Dekrets vom 26. Mai 1821 trennte Der 
König die Finanzen Siziliens von den des Königreichs 
Neapel, und machte für Nechnung des erfteren eine Anz 
leihe von 1,500.000 Unzen gegen 3750 Obligationen au 
portene zu 400 Unzen oder 1200 Dufaten, wovon das 
Haus Rothſchild zu Paris die Zinfen zahlt. — 

Im Sahre 1834 ging die päpftliche Regierung 
Damit um, die päapftlihe 5 Progentfchuld in eine 3prozentige 
umzuwandeln, wozu der hohe Kurs der 5 Progent-Staats- 
effeften, 102 bis 104 Franken, die günftigjte ©elegenheit 
Darzubieten ſchien. Der päpftlihe Schatzkämmerer Kardinal 
Toſti hatte ſich zu einer Reiſe von Rom nach Paris ent— 
ſchloſſen, um eine gemeinſchaftliche Operation mit einigen 


Bankiers in letzter Stadt kombiniren zu können. Die pa— 


riſer Bankierwelt befand ſich damals in Betreff des roth— 
ſchild'ſchen Hauſes in fonderbaren Verhältniſſen. Die noto— 


| riſche Allmacht, die dasſelbe in allen Negierungsanleihen, 
‚ nicht allein bei der franzöfifchen Regierung, jondern auch 


bet den anderen ausübte, war den fogenannten Notabilites 


de la finance, den übrigen Banfiers, eine Bürde, und 
ſechs der erſten Häufer unter denfelben, namentlich Son. 


Hagermann, Andre und Cottier, B. A. Fould und Oppen- 


2* 


20 Zehntes Duch. 


heim, J. A. Blanc, Colin und Comp., Gabr. Odier und 
Comp. und Wells und Komp. Hatten fich vereinigt, um 
dem Haufe Rothſchild die Spike zu bieten und eine ge: 
fährlibe Konkurrenz zu machen. 

In der erften Anleihe, welche die ſardiniſche Negie- 
rung nach den Plane der pariſer Stabdtlotterie verfuchte, 
batte die Konföderation diefer Banfters einigen Erfolg ge- 
habt und diefes Geichäft dem Haufe Rothſchild aus den 
Händen geriffen. Hagermann Hatte perjünlich viel zu Die: 
ſem Erfolge beigetragen, weil er, früher in Genua etablitt, 
dort das größte Haus gebildet hatte, in enger Verbindung 
mit dem fardiniichen Miniſter Caccia geftanden, und durch 
dDiefen auch mit dem parifer Bankier Caccia liirt geblieben 
war. Der Lestere hatte weder Mittel noch Einfluß genug, 
um das ihm von feinem Bruder übertragene Gefchäft durch— 
zuführen, und fo war es in Hagermann's Hände gerathen. 

Rothſchilds, Die ganz verlernt hatten, fich von irgend- 
einer Konkurrenz überbieten zu laſſen, empfanden dieſen 
erften Schlag tief genug, um Den konföderirten Häufern 
ihre Rache fühlbar, und das unter andern Umſtänden gute 
Geſchäft verderben und zu einem E£oftfpieligen zu macheit. 

Der von dem Haufe Rothſchild eingeleitete Tall ver 
parifer Staatspapiere wirkte auf die gleichartigen ſardini— 
ſchen Staatseffeften, und dieſe fielen niedriger als der 
Preis, wozu man fontrahirt hatte. Dieß war genug, um 
die KRonföderation der Sechs etwas zaghaft zu machen: je 
doch jahen Andre und Cottier in dem Kurfe der gegen 
die römiſchen 5 Prozent einzutaufchenden 3 Prozent-Effekten 


Das Etabliffement Rothſchild's in Neapel. 21 


einen fo Zaren DBortheil, daß fie nach einiger Rüdiprache 
mit ihrer Ligue fich endlich bereitwillig erklärten, einen 
Agenten in dem DVerjuch einer Negotiation mit der päpit- 
lihen Schatzkammer zu unterftüben und den Abfchluß der 
Konvention zu 70 gutzuhbeißen. Bei der Zuſammenkunft 
de3 Agenten mit dem Sekretär des Mionjignore Tofti 
fam alsbald Die wichtige Frage zur Sprache, welche Oarantie 
der päpftliche Stuhl für die Erfüllung des abzufchliegenden 
Kontrakts Haben würde, deren Beantwortung ſich auf die 
Morte: „Die Namen der vereinten pariſer Bankiers,“ be— 
ſchränkte mit dem Beiſatze: fie zu nennen jei dem Agenten 
unterfagt, das Geheimniß werde aber nach Kontraftsab- 
ſchluß gelöit werden, und falls fie ſich nicht als genü— 
gend erweiſen follten, fo ſei der Kontrakt für nicht geſchloſſen 
zu achten. 

Nachdem der Agent mehrere Unterredungen mit dem 
Monſignore Tofti gehabt, ſchien die Negotiarion ſich dem 
Abſchluſſe zu nahen. Unverbrüchlicheg ©ebeimnig war 
gegenfeitig verjprochen, aber Diskretion unter den päpitli- 
chen Beamten ift felten. Bon dem Zwecke der Anweſenheit 
des Agenten war bie und da verlautet, und von den ein— 
Nupßreichen Freunden des rothſchild'ſchen Haufes unter den 
Beamten der meiften Negierungen hatte man jehon immer 
gehört. Somit war es Fein Wunder, daß auch das roth- 
ſchild'ſche Gefchäftsetabliffement in Neapel Wind von der 
‚ beabfichtigten Finanzoperation erhielt und einen feiner jünge— 
ven Ajfoeies nach Rom ſchickte. Kaum hatte diefer fi nä— 
‚ ber über den Stand des Gefchäftes informirt, jo trat er 


22 Zehntes Buch. 


mit dem Originalvertrag tiber die frühere, von dem Haufe 
Rothſchild in Gemeinschaft mit dem Haufe Torlonia übers 
nommene 5 Prozent Anleihe hervor, welcher die bis dahin 
geheim gehaltene Klaufel der Berpflichtung des 
römischen Stuhles enthielt, fich auf feinen definitiven 
Abſchluß eines folgenden Anleihegefchäftes einzulaffen, 
ohne zuvor Das rothſchild'ſche Haus davon zu 
benadricdhtigen und ihm dann bei gleichen 
Bedingungen den Vorzug zu laſſen. 

Diefe frühere Anleihe war zu einer Zeit aefchloffen, 
wo Tofti das Finangdepartement noch nicht in Händen 
hatte, und er war feineswegs von jener Bedingung unter 
richtet. Zwifchen ihm und dem Agenten ward daher be— 
fohloffen, die Bedingungen der beabfichtigten Konverfion 
einftweilig feftzuftellen, und dann dem Haufe Rothſchild 
und den fonföderirten Banfiers zu Paris das Weitere zu 
überlaffen; vorauszuſehen war, daß, wenn das eingeleitete 
Geſchäft ein gutes wäre, die Herren Notbfchild dieß ebenſo— 
wohl wie der Gegentheil zu berechnen im Stande fein 
mußten, und daß fie fich folglich dasſelbe nicht wieder aus 
den Händen reißen laſſen, oder daß der Gegentheil es nur 





unter erhöhten Bedingungen würde Haben können, wenn 


jene fich in den Weg zu legen geneigt fein follten. 


Die Konföderation der parijer Bankiers marbte dem 


Haufe Nothichild gegenüber den Vortheil geltend, daß ihre | 
Konkurrenz demfelben jedes künftige Gefchäft würde er 


fchweren können, wenn fich’S ergab, daß man beiderfeit3 am 


beiten fich in Betreff aller fünftigen in Paris ftattfindenden 


Das Stabliffement Rothſchild's in Neapel. 23 


Anleihegejchäfte freumdfchaftlich verftändige und dieſelben 
theile. Die Folge war ein gemeinichaftliches Einverftändniß 
mit dem päpftlichen Finanzminiſter rückſichtlich des vorlie— 
genden Geſchäftes. — 

Für die Dienfte, welche das Haus Nothihild ſämmt— 
lichen italienischen Fürften und Staaten, theils durch Staats— 
anleihen, theil3 durch Geldvorſchüſſe jeder Art auf kürzere 
geit geleiftet, wurden die Chef3 der Käufer, namentlich des 
Hanfes zu Neapel, Karl von Rothſchild, durch mancherlei 
Ehrenbezeigungen und DOrdensverleihungen ausgezeichnet; 
jelbit der heilige Vater verlieh ihm charafteriftifch den — 
Erlöferorden. 

















N Nadine su —* 
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aan u 


Eilites Bud). 


Das rothfihild’fche Haus in Wien. 





Aphorismen über Deiterreichs Staatsfinanz-, Staats- 
budget- und Staatsfchuldenivefen bis zur Gegenwart. 
Gejchichte der öfterreichifnen Anleihen. Die Finanz 
minijter Defterreichs im 19. Jahrhundert und ihre 
Verwaltung. Die Judenſchaft in ihren Bezügen zu 
den Staatsgeldbedürfnijien, insbefondere das Haus 
Rothſchild in Wien. Sein Chef, feine Gefchäftsma: 
nipulationen und Machinationen auf der wiener Börfe. 
Seine Gefchäftsalliangen. 


Nur Aphorismen find’s, die wir hier über Defterreichs 
Stantsfinanzwefen und des Haufes Rothſchild Bezüge zu 
demſelben geben fünnen, doch das Wenige, was wir bar- 
tiber bringen, ift guten Quellen entfloffen und wahr, 
feine Phantasmen, Feine Seifenblafen. Defterreich und fein 
Staat3finanzwefen find feitlange fortdanernder Gegenſtand 
der Tagespreffe in zahllofen Flugfchriften, Broſchüren, 
Journal- und Zeitungsartifeht gemwejen, fie gehören zu 
den vielbefprochenften Gegenjtänden in der perivdifchen 
Literatur. Aber auch die Staatsfinangwiffenichaft Hat 
fie in Büchern und Schriften vor ihr Forum gezogen. 
Kaum möchte indeß irgendein Thema der öffentlichen 
Beiprechung je eriftirt haben, melches ſoviele Unberufene, 
Unmterrichtete und Borurtheilsvolle in den Bereich der 


28 Eilfres Bud. 


Federthätigkeit gezogen hat, als die öſterreichiſchen Staats— 
finanzzuftäinde und ihre ©eftaltungen von den älteiten 
Zeiten bis zur Gegenwart, befonders feit der Dyna— 
ftie Habsburg, welche faft anderthalb Sahrhunderte früher 
wie die Dynaftie Hohenzollern zu Thron und Szepter 
gelangte. Als der Graf Rudolf von Sabsburg 1273 zum 
römischen Kaifer gewählt worden, beftellte er Friedrich aus 
dem hohenzollern'ſchen Gefchlechte zu feinem Burggrafen 
in Nürnberg, und zu Anfang des 15. Jahrbunderts erhob 
Kaifer Sigismund einen Nachkommen jenes erjten Burg- 
grafen zum Kurfürften von Brandenburg. Beide Burg: 
grafen entfalteten eine beiondere Thätigfeit bei der jedes— 
maligen Kaiferwahl im Intereſſe der Habsburger. 
Gleichſam im Kindesalter der Finanzverwaltung wa- 
ven wie tiberall in Deutichland die Finanzmaßnahmen 
in Defterreich Höchft einfach: reichten die Einfünfte nicht 
aus, fehlte Geld, fo wurde der „Hoffaktor“ gerufen, 
dejjen Hilfe in einer Periode mehr, in der anderen weni— 
ger in Anfpruch genommen ward, um des Fürſten oder 
de3 Landes Bedürfiriffe zu befrtedigen. Später wendete 
man fich am chriftliche oder jüdische Banfierhäufer, oder 
an Beamte amd. reiche Privatleute, wie 3. B. Kaifer 
Sigismund an jeinen nürnberger Burggrafen, wie Kaijer 
Karl V. an die großen Bank- und Kaufbäujer der 
Fugger und Welfer und Anderer. Sp verfuhr man in den 
finanziellen „Lehrjahren;” denen die „Meifterjahre” der 
Staatsfinanzkunft mit allen ihren Manipulationen fpäter 
nachfolgten. Geben wir zunächft kurz zufammengedrängt 


Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 29 


ein Bild des Staats, Steuer, Finanz- und Schulden- 
weſens Defterreihs von der älteften Zeit bis heute umd 
geben dann hierauf zu erläuternden Details über. 

Seit dem Beitehen der Monarchie find auch Abgas 
ben für den ausgedrüdten Zweck befannt, und noch unter 
den eingeſetzten Landesverwaltern der Karolinger wur— 
den Geſchenke, Auriliengelder, Heerftexern, Manfionarifa, 
Zebend und Tranfturen oder Stragenftenern bezahlt und 
zum Theil in Lebensmitteln entrichtet. Schon die eriten 
Herzoge bezogen neben dem meiiten Diefer Abgaben noch 
das Mearffuder, das in Böhmen der Hergogen- und ſpä— 
ter der Königszins genannt wurde. — Herrendienfte und 
Srohndienite gehören ebenfalls zu dein älteſten DBerpflich- 
tungen des Unterthans, und Das Todfallsrecht oder Mor— 
marium kennt man menigitens feit 1015 in Niederöſter— 
veih. — Auch die Gewährslehen oder Laudemien rühren 
noch von der eriten Dynajtie ber. — Eine Exxraſteuer 
unter dent Namen des Ungelds ift ſchon jeit dem Anfange 
des dreizehnten Jahrhunderts in Dejterreich, Steiermark, 
Kärnten, Krain und Salzburg befannt; aber erft fett 1359 
ift es vom Herzog Rudolf dem IV. für beftändig einge: 
führt worden. — Die gewöhnliche Steuer bis dahin war 
hier wie in Böhmen der Grundzins, die Bärengabe ge— 
nannt, eine regelmäßige Grundſteuer, Die in Defterreich ſchon 
1336 von jedem Maierhof jechszig Pfennige, von einem 
Hausplatz zwölf Pfennige, von einem Bauernhof dreißig 
Pfennige und ebenjoviel von einem Mühlrad betragen 
hat. — Die Ueberzinje, die eben dieſer Landesherr aus— 


30 Gilftes Bud. 


jehrieb, wurden zugleich zu einer ablöslichen Steuer ge— 


macht, und die Stadt Wien konnte 1360 die ihr aufere 


legten acht Prund mit einem Pfund bar abfaufen. — 
Menn man die heutige Silberwährung zum Maßftabe 
annimmt, fo haben die Einkünfte der öſterreichiſchen Län— 
der in diefem Sahre 1,280.000 fl. betragen, ohne Dazu— 
rechnung der weit größeren Natural-Leiſtungen. — Im 
Sabre 1237 beliefen fie fih noch nicht über die Hälfte. 
— Der Prägefhab der Münze wurde von dem nämlichen 
Erzherzoge von der Mark zu vier Schilling feitgefeßt. — 
Unter dem erften Ferdinand hatten die Staatseinfünfte 
bereit3 fich auf beinahe fieben Millionen erhoben, unter 
dem zweiten Ferdinand tiber zehn Millionen, aber unter 
Kaifer Leopold dem Erſten nach beendigtem Türkenkriege 
19,877.000 fl. betragen. — Kaifer Karl der Sechste 
brachte fie auf fünfundvierzig Millionen, unter Maria 
Thereita beliefen ſie ftch im Sabre 1760 auf 90,408.075 
fl., und bis zum Tode Kailer Joſeph des Zweiten wurden 


fie auf 105 Miflignen (in Silbermünze berechnet) erhöht. 


Da die vielen von Defterreich im achtzehnten Jahrhun— 
dert geführten Kriege Unkoſten verurfachten, welche nicht 
duch Steuern aufzubringen waren, jo wurde unter Der 
Kaiſerin Maria Therefia zuerit im Sabre 1762 die Sum: 
me von zwölf Millionen Banknoten ausgegeben. — Kaifer 
Ssofeph vermehrte fie 1785 bis zum Betrag von zwanzig 
Millionen. Aber es fällt ohne zu große Ausdehnung 
jhwer, Die fernere Erweiterung Diejes Finanzmittels anzu— 
geben. Bis 1808 war die Summe diejes Papiergeldes 














Das rothfchild’fche Haus in Wien. sl 


bis auf 706,654.143 fl. geftiegen, wovon zwei hundert Mil- 
lionen vorräthig in den Staatskaffen gelegen; und zugleich 
belief fih die Summe des Kupfergeldes bi3 nahe bei acht- 
zig Millionen. — Daß jenes noch während de3 Krieges 
vom Jahre 1809 über den Betrag einer Milliarde ver- 
mehrt wurde, tft aus dem Patente vom 20. Hornung ber 
fannt, welches den 15. März 1811 erſchien, und die Bank— 
noten auf den Werth eines Fünftels der neuen Einlöſungs— 
jeheine, und im ähnlichen Berhältnijfe auch die Kupfer— 
ſcheidemünze herabſetzte. — Der höchſte bare Staatser- 
trag fallt in das Jahr 1808; er hatte ohne außerordent- 
liche Abgaben und ohne den faft ebenfo großen Natural— 
leiftungen 128,981.514 fl. betragen. Im Sahre 1812 er— 
reichte der Ertrag nicht die Summe von 125 Millionen, 
und die Dedung der Ausgaben für das nächitfolgende 
Kriegsjahr mußte Durch ei neues Papiergeld, das eine 
SteuersAntizipation von fünfundvierzig Millionen Gul— 
den vorftellte und aus ihrem Ertrage wieder getilgt wer- 
den jollte, jowie Durch eine neue Vermehrung der Scheide- 
münze gefcheben, die zufammen über achtundfünfzig Mil- 
lionen betragen haben. — 

Die fpäteren Steuern kommen unter fehr verjchiede- 
nen Benenmungen vor. Man hat Grundfteuern, Konfum- 
tionsftenern, Erwerb und Gewerbsfteuern, Vermögensſteu⸗ 
ern und Perſonal- oder Kopfftenern zugleich, und bat fie 
in verjchiedenen Ländern unter jehr ungleichen Benennun— 
gen, und auch in verfchieden bemeſſenen Beträgen. — 
Die wenigfte Gleichheit konnte bisher hei der Grundftener 


32 Eilftes Bud), 


ftattfinden, und jelbjt die Ausführung der Steuerreftififa- 
tion unter Sofepb IL. würde folche nicht bewirkt haben. 
ach der Altern Steuerrektififation, die in der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts beinahe in allen öfterreichifche deut- 
fchen Ländern zugleich ſtattfand, nämlich in Defterreich 
zwijchen 1755 und 1756, in Snneröfterreich aber im letz— 
tern Sabre, jedoch nach jehr unzuverläffigen Faſſionen ge- 
ſchah, entfielen zwifchen 25—30°/, an Steuern für dag 
Dominifale, und ungefähr im Durchſchnitt zwifchen 45—48 
fir das Ruſtikale. Mlein da die Schäßung meiftens dem 
Sewiffen überlaffen wurde und überhaupt nach Den nie— 
drigften Preiſen geſchah, jo würde ſie ungleich weniger 
betragen haben, wenn nicht Durch allerlei Steuer-Erhö— 
hungen nachgeholfen worden wäre, welche inzwifchen Die 
ungleiche Belegung nur vermehrten, nicht aber aufhoben. 
Indeſſen macht diefe Grundſteuer nicht einmal ein Viertel 
des ganzen Staatseinfommend aus, und hat 1808 niet 
mebr als 29,240.000 fl. im Ganzen betragen ... . Faſt 
ebenfo groß war der Ertrag der Negalien, nämlich des 
Bergmwefens, Salz, Münz- und Poſtregals, des Papier- 
jtempel3 (welcher über 4,800.000 fl. allein eintragen fol), 
dann die Siegelgefälle, das Tabaksgefäll und die Zölle 
unter verſchiedenen Benennungen . . . Auch die Konſum— 
tionsitenern oder Akziſe find eine wichtige Finanzquelle, 
und noch mehr würden es unter zweckmäßigerer Vewal— 
tung Die ungeheuren Staatsdomänen fein, Die fich der 
Zahl nach im Jahre 1800 auf 1001 belaufen und einen 
Ertrag von mehreren Millionen abgeworfen baben. 








Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 33 


Mit der Vermehrung der Staatserforderniffe durch 
die großen Greigniffe in Europa, welche den Zentralitaat 
desfelben immer in ihr Intereſſe gezogen, und Die nicht 
aus dem gewöhnlichen Staatseinfommen zu bejtreiten mög— 
lih waren, wurden Staatsjchulden ebenſo unvermeidlich, 
als e3 die Verwicklung des Staatsintereffes mit den kol— 
lidirenden Sntereffen anderer Staaten war. — Schon 
Kudolf IV. ſoll duch feine neuen Finanzeinrichtungen 
die Mittel zu einer Schuldtilgung herbeigejchafft haben, die 
fich über drittehalb Milionen heutiger Silberwährung be- 
tief. — Unter DMearimilian dem I. war die Staatsfchuld 
wieder über eilf Millionen geftiegen, die fich bis zu Ende 
der Negierung Kerdinand des I. auf achtzehn Millionen 
vermehrt hatte. — Unter Karl des VI. Regierung batte 
die Staatsjchuld bereit3 mehr als jiebenzig Millionen be- 
tragen, aber am Ende des fiebenjährigen PBreußenfrieges 
hatte der Staat eine Schuld zu verzinfen, welche die Ka— 
pitalsfumme von 367 Millionen erreicht hatte. In den 
darauf gefolgten rubigeren Zeiten hatte die vermehrte In— 
duftrie auch das Nationalvermögen unglaublich jchnell ver- 
mehrt, und aus dem Stammfond floffen den Finanzen des 
Staats fo ergiebige Hilfsmittel zu, daß bereit3 im Sabre 
1777 der Staat feine Schuld bis auf 170 Millionen 
vermindert hatte, Die aber Durch den außerordentlichen 
Kriegsaufwand in den Sahren 1778 und 1788 und die 
Darauf gefolgten Sabre zur Zeit des Todes Kaifer Joſef 
des II. fih wieder auf zweihundert Millionen belief. — 
Die nämlichen fortwirkenden Urjachen haben Die ins und 

Das Haus Rorhfegilb. IL 3 


34 Eilftes Buch. 


ausländiſche Schuld in den nächit darauf gefolgten zwan— 
zig Jahren bedeutend gefteigert. Inzwiſchen find auch die 
Staatsfonds zur Deckung einer obgleich großen Staats— 
Schuld nicht unangemeſſen, und das wohlbegründete Ver— 
trauen, fomohl in die ungeheuren Hilfsmittel des Staats, 
als in dem immer gleichen Willen der Regierung fiir Die 
Sicherheit und den Vortheil der Staatsgläubiger, hat fich 
bei den neueſten Finanzoperationen in der MWerthhaltung 
der öffentlichen Fondspapiere zu deutlich ausgejprochen, um 
nicht darin die volle Heberzeugung zu erbliden, die man 
von den Wirkungen der wiederauflebenden Induſtrie und 
ihren wohlthätigen Folgen auf alle Verwaltungszweige in 
rubigeren Zeiten hat. 

Das Steigen der materiellen Staatskraft Oeſterreichs 
begann unter der Negierung der Kaiferin Maria The 
refia (1740—80) und gibt fih aus den Ziffern des Bud— 
gets zu erkennen: von Jahr zu Jahr ftieg das öffentliche 
Ginfommen, ungeachtet infolge der großen Kriege, Der ger 
fteigerten Berwaltungsfoften und ftaatlicher Unternehmungen 
manche Lücke im Staatsſchatze entſtand. Oeſterreich trug 
unter Karl VI. kaum 30, unter Maria Therefia 1748 be— 
reit3 36, 1754 39—40, 1773 fait 56 Millionen ein, und 
unter Joſef I. ftieg das Einfommen auf 90 Millionen. 

Provinziell vertheilt gab Böhmen 1773 faft 12, Mäh⸗ 
ven 4, Niederöfterreich 12, Oberöfterreich 2'/,, Steiermark 
3, Kärnthen 1°/,, Krain ebenjoviel, Tirol über 2'/,, Une 
garı 12, Siebenbürgen 2, Banat 1'/,, Lombardei 3'],, 
die Niederlande 4 Millionen, Schlefien 600.000, das Kit- 


Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 39 


itenland 550.000, die Borlande 700.000 und Görz 150.000 
Gulden Steuern und Abgaben, zufammen 63,800.000 
Gulden. Der Ausgabe-Etat betrug für das Kriegsweſen 
17, Befoldungen 8, Benfionen 1, „Berlagsnothmwendigfeiten 
bei verjchiedenen Aemtern“ 9, „auf Intereſſen und Kapi— 
talien“ 15, Extraordinaria 2 Millionen, Hofitaat 3,300.000, 
„getitliche Werke” 350.000, zufammen 55,650,000 Gulden. 
Es ift ein giltiges Zeugniß für die innere Staatskraft 
de3 Landes, daß mit der alten Finanzverwaltung jolche 
Mittel aufgeboten werden konnten. Der Umſchwung im 
Finanzweſen erfolgte Durch die drei Staatsmänner von 
Haugwis, von Chotef und von Hatzfeld. 

In der Kriegszeit von 1740—48 wurden nad altem 
Mapitabe befondere Bermögensg-und Kopfſteuern aus— 
gejchrieben. Die Vermögensſteuer von 1743 traf den zehn 
ten Theil des Einfommens nach dem Durchichnitt jechsjäh- 
rigen Ertrages, jene von 1745 und 1747 den hundertften 
Theil des Einkommens. Im Jahre 1746 wurde eine Kopf- 
fteuer erhoben, wovon nur das Militär ausgenommen 
war; fie unterſchied den Hofitaat, Die ©eiftlichkeit, den Adel 
und die Bevölkerung der Städte und auf dem Lande. 

Das nene VBerwaltungsiyitem von 1748 brachte auch 
in der Beſteuerung andere Grundſätze: „Kein Ort und 
feine Gemeinde im Lande, fo privilegirt fie fein möge, 
war frei von der Kontribution;“ befreit blieben nur Kir- 
hen und Friedhöfe, Iandesfürftliche Nefidenzen und land— 
ſchaftliche Gebäude. 

Die Kameraleinfünfte waren die bedeutendfte 

3% 


35 Eilftes Buch. 


Einfommensquelle; man verftand darunter alles, was au— 
Berbalb der Kontribution lag und in die Landkammer floß; 
wie das Einkommen von den Domänen, die Judenſteuer, 
der Ertrag der Örenzzollämter, das fogenannte Ungeld, Die 
Mauthgefälle. Als die indirekten Steuern in befondere Ver— 
waltung famen, ſchmolz die Kameralquote zufammen. Ebenſo 
floffen aus den Negalien, welche aus dem Bergmerfsz, 
Salz-, Poſt-, Münzregale und der Lotterie beftanden, bes 
deutende Einnahmen. 

Oeſterreichs Staatseinnahme um die Mitte des vori- 
gen Sahrhunderts ward von Dem preußifchen Großkanzler 
von Fürft, der 1754 in Wien war, auf mehr als 40 Mil: 
lionen berechnet. 

Bis auf Maria Therefia war das Staatsbudget nicht 
gehörig geordnet; feit ihrem Negierungsantritt ftieg es um 
das Doppelte, nach Schlözer's Berechnung zu feiner Zeit 
nach den Kriegen auf 82, und nach Büſching (1770) auf 
90 Millionen SKaifergulden, alles in Mebereinftimmung 
mit unjerer obigen Angabe. 

Der Hofftaat unter der Kaiferin Marta Iherefia ko— 
ftete 3 Millionen 300.000 Gulden: 12.000 Klafter Holz 
verbrannte man jährlich am Hofe und 2.200 Pferde ftanden 
in den faijerlihen Marftällen; alles zufammen gerechnet 
brauchte fie jährlih für ihr Hofbudget ſechs Millionen 
Gulden, Friedrich I. nur 220.000 Thaler; ſie theilte 
Dufaten aus, er — Groſchen; fie fand 87.000 Reichs— 
thaler im Staatsſchatz, er viele Millionen, und von dem 
nach dem Kriegsetat auf 135.000 Mann feitgeftellten Heere 





— nn — V üüü 


Das rothichildfche Haus in Wien, 87 


Dejterreichs waren mur 68.000 wirklich unter dem Gewehr; 
Preugens Armee dagegen etatsmäßig vollzählig kriegsbereit 
unter Waffen. 

Mährend man in Preußen damals die Souverainetät 
des Landesheren Durch Domänen zu ſtützen ſuchte, bildeten 
fie in Defterreich den geringften Theil der Staatseinnahme, 
indem Adel und Klerus den großen Grundbeſitz repräfen- 
tirten, und die Negierung fich, wenn ſie Geld bedurfte, an 
Lestere wendete. Unter Maria Thereſia follte dieſem Uebel— 
ftande durch Einführung eines neuen Abgabeſyſtems, der joge- 
nannten Konttibution, abgeholfen werden. Sm Jahre 1747 
unterhandelte ſie dieferhalb mit den Ständen, denen das 
Steuerbewilligungsredht zuftand; man ſchlug alle Natu— 
ralleiftungen zu Geld an, trieb nach und nach die Summen 
in die Höhe, firirte fie und trieb fie jelbit bei, während dieß 
früher von den Ständen geiehah. Sp wurden in den ein- 
zelnen Landestheilen die Steuern verdoppelt und verdrei- 
facht, und jelbit Ungarn, fonft fait ganz fteuerfrei, zahlte 
im Todesjahre der Kaiferin 41, Millionen. 

Dabei waren die Steuern nicht gleichmäßig vertheilt; 
der Adel zahlte zur Kontribution den 100ften, der Bauer 
den 50ſten Gulden des abgeſchätzten Gutsertrags: Laie und 
©eiftlicher, Outsherr und Bauer waren bejtenert. Neben 
den ftehenden Steuern ward das ftehende Heer unter M. 
Therefia im Sahre 1772 mitteljt militärifeher Kontributton 
in allen Erblanden eingeführt. 

Mas Haugwis für die direften Steuern gethan, that 
Chotek für die indirekten; er führte das Mautbfyitem 


38 Eilftes Buch. 


ein; von 1753—55 ward e3 in den einzelnen Landes— 
theilen nach einander allgemein eingeführt mit geringen 
Ausnahmen einiger privilegirten Beamten und Familien. 
Der Eingangszoll betrug 1'/% bis 30 Prozent, je nach dem 
für jedes einzelne Erbland bejtimmten Tarif, und brachte 
1754 gegen 9 Millionen ein. 

In den lebten Jahren feines Lebens gelang Kaunik, 
dem Nachfolger Chotek's, eine noch größere Ordnung der 
Finanzen; er zahlte Staatsfchulden ab und ftellte den Staats— 
fredit wieder ber. Zn den Jahren 1769-—70 ftand der 
Zinsfug Schon 1 Prozent unter Bart: die Gtaatspapier- 
zinfen wurden 1764—65 von 6 auf 5 Prozent herabge- 
jest, 1777 betrug der Staatspapierzinsfuß 3’, Prozent. 

Als Mittel zur Steigerung der Steuereinnahme ward Die 
fogenaunte wiener Lotterie benußt, die alle drei Wo— 
chen, alfo 17mal im Sabre, gezogen wurde, und in 10 Jah— 
ren, von 1759—69, die Summe von 21 Millionen ein- 
brachte 3 Millionen 460.000 erhielt davon der Hof, und 
der otteriepächter, der Italiener Gataldi, bezug an Ge— 
winn 8 Millionen 540.000 Gulden. 

Unter Maria Therefia entſtand das erſte öfterreichifche 
Papiergeld, während es bereits unter Sofef I. und 
Karl VI Banfoobligationen und SKreditpapiere gab. Der 
Kredit der wiener Bank wurde zu Anleihen benußt: ihre 
Paſſiva ftanden im Jahre 1748 auf 49 Millionen Oulden ; 
1751 waren alle Rüditände und 5 Millionen Schulden 
getilgt. Indeß ſchlug die Lage der Finanzen gar bald um. 

Die finanziellen Bedrängniffe des fiebenjährigen Krieges 


Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 39 


führten zu einer neuen Operation; indem die Regierung 
der Bank vorichlug, gegen ordentlihe Dedung Bapiergeld 
auszugeben, worüber 1762 zwifchen der Hofkammer und wiener 
Standtbanf ein Rezeß zuftande Fam, infolge deſſen für 12 
Millionen Gulden 4,375.000 Bankozettel zu 5, 10, 25, 
100 und 1000 Gulden ausgefertigt wurden. 

Indeß genügte die Summe dieſer Geldmittel dem öf— 
fentliben Verkehre gar nicht. Bereit3 unter Joſef 1. 
wurden neue Bapiere in Umlauf geſetzt, fie wurden mit Ver— 
trauen genommen, und die wiener Stadtbanf erfreute fich 
guten Kredits. Die Zoll- und Mautherträgnijje übers 
ftiegen faum 3 Millionen und hoben fich erſt infolge der 
Zollordnung vom 15. Suli 1775. Das Zabafmonopol 
brachte 1748 nur 460.000 und von 1774—83 die Summe 
von 1,800.000 Gulden ein. 

Kaiſer Sofef U. (1780—90) Tritt zu feinem 
finanziellen Lieblingsprojeft, der gleichen Beitenerung, im 
Sabre 1784, indem er bejchloß, Die bisherigen Steuerver- 
hältniffe in den Erblanden Defterreich, Böhmen und Ga— 
lizien durch eine Durchgreifenve Reform umzuändern; Uns 
garı, Tirol, die Lombardei und Niederlande jollten auf 
dem alten Steuerfuß erhalten werden. Das Steuerpas 
tent datirt vom 10. Februar 17895 e3 ordnete Die Vers 
mejjung des rundes und Bodens und die Grmittlung ſei— 
ne3 Ertrages an, da nur der „rund und Boden die ein- 
zige Quelle ift, aus der alles kommt, und wohin alles zu— 
rückfließt, und fie daher allein die Bedürfniffe des Staates 
ertragen und nach der Billigfeit fein Unterfchied gemacht 


40 Eilftes Buch. 


werden könne.“ Die Ausmeffung geſchah auf Koften der 
Örundbefiger, Die man auf 120 Millionen Gulden berech- 
nete; indep fehlte es an qualifizirten Feldmeffern, und es 
entitanden viele Ungleichheiten und Unrichtigfeiten. Vom 
1. November trat das Patent fir die deutfchen Provinzen 
in Kraft. Don 100 Gulden Bruttvertrag follten 70 freis 
gelaffen werden; die Tandesherrliche Grundſteuer betrug 
12 Gulden 13/3 Kreuzer, die herrſchaftliche Grundabgabe 
17 Gulden 46°, Kreuzer im Durchfehnitt: alle Frohn— 
diente und Naturalabgaben follten fomit in Geld verwan— 
delt werden. 

Nach Kaifer Joſef's Tode erließ Leopold LM. 
(1790— 92) das Manifeit vom 6. April 1790, wodurd 
das ganze Grundſteuerſyſtem wieder aufgehoben ward, „weil 
dadurch die Hauptabficht der Beförderung der Wohlfahrt 
der Unterthanen nicht erreicht ſei und die erforderliche Be— 
amtenvermehrung die Steuer allein um mehr als ein 
Zwölftel erhöhe.“ 

Kaiſer Franz I (1792—1835) folgte feinem 
frühabberufenen Vater. Das Finanzweſen ftand unter 
Leitung der HSoffammer Finanz und Kommer— 
ztenhofitelle, an ihrer Spike der Graf franz von 
Saurau. Sm die Zeit ſeines Minifteriums fiel die ge— 
zwungene Arrofirung der Obligationen und der Anfang 
zur unverhältnigmäßigen Emiſſion des Bapiergeldes. In— 
dep führte er die Leitung des Staatsfinanzweſens in Des 
jterreich nicht lange, indem er beim Austritte des Minis 
ſters Baron von Thugut fein Portefeuille gleichfall3 nie— 








Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 41 


derlegte Sein Nachfolger im Finanzminifteramte ward 
1802 Graf Karl Zihy, nad ihm folgten die Grafen 
O' Donnell bis 1810 und Wallis, welcher Lebtere 
im April 1813 austrat. 

Faſt 17 Sabre hindurch blieb die Stelle des Finanz: 
minifters erledigt. Bon 1814—24 folgte der Graf 
Philipp Stadion, darauf Graf Michael Nadasd; 
nach ihm Graf Franz von Klebelsberg, dann der 
frühere Marinelieutenant Baron Eichhof, zulekt der 
Barın Karl Friedrihb von Kübed, alle unter der 
Negierung des Kaifers Franz II, während welcher für 
Defterreich die Jahre des größten Unglüdfs wie des größ— 
ten Glückes fielen und das Staatsfinangweien bis auf das 
Tiefite erfehüttert wurde. 

Die riefigen Anftrengungen, welche Deiterreich für 
jene Erhaltung im Kampfe gegen die franzöfiiche Repu— 
blik und das Kaiferreich Franfreich feit 1792 bis 1801 
und darauf 1805 und 1809 zu machen gedrungen war, 
hatten die Kräfte des Landes in hohem Grade erjchöpft ; 
die Kriegsfoften waren fo groß, daß fie weder durch Ab: 
gabenerhöhung, noch durch die Subjidiengelder Englands 
gedeckt werden konnten; man hatte fich vorläufig Durch 
wirffame Heranziebung des Vermögens aller Klaſſen mit— 
telſt eines Papiergeldes und Vorauserhebung künftiger 
Einnahmen mittelſt Vergrößerung der Staatsſchuld gehol— 
fen, die durch den ſiebenjährigen Krieg von 118 Millio— 
nen Gulden auf 272, unter Sofef II. bis 1792 auf 350 
Millionen geftiegen, mit jährlich 14 Millionen verzinft 


42 Gilftes Buch. 


werden mußten. Gewährsmänner aller Diefer und 
der folgenden Zahlen find der Hofrath von Gentz*) 
im Staatsfanzleramte unter dem Fürften Metternich und 
der Bigepräfident Ritter von Hauer bei der Ef. 
allgemeinen Hoffammer.**) Nah Cinführung des Papier— 
geldes und dem Frieden von Campo Kormio betrug die 
Schuld 466, nach dem von Luneville (1801) 592 Milli- 
onen mit 23% Millionen Zinfenz nach dem wiener Frie— 
den (1810) war fie bis zu 658 Millionen mit fait 40 
Millionen jährlicher Zinjen angewachien. An geringhalti- 
gen Silbermünze ward in den 11 Jahren von 1795 big 
1805 fir 177% Millionen Gulden mit einem Münzge— 
winn von 70 Millionen in Umlauf gebracht, an Kupfer: 
münze war von 1800 — 1810 gegen 100 Millionen ge: 
prägt, an Bankfzetteln Tiefen im Frühjahr 1810 an 900 
Millionen, welhe wie 1 zu 4 gegen Bargeld ftanden, 
alio einem Werthe von 225 Millionen Gulden Silber 
entſprachen. 

Des Finanzminiſters Saurau Zwangs-Arroſement 
hatte nichts in der Finanzlage geändert, noch ſchlimmer 
ward es durch Zihy’s Maßnahmen: Miünzverjchlechterung, 
Zinſenherabſetzung und Papiergeldausgabe. Graf O' Do— 


*) Bol. ſ. „Pxposé des mesures adoptées en Autriche depuis 1816“ 
und fein Auflaß: „Papier-Monnaie Autrichien de 1811—16° in 
feinen Schriften, herausgegeben von G. Schlefier. Manheim 
1840. Thl. III. S. 300-366. Thl. V. ©. 52 —73, 

**) Beiträge zur Gefchichte der öfterreichifchen Finanzen. Wien 
1848. 





Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 43 


nel wollte das Papiergeld einziehen und vernichten. Nach 
feinem plößlichen Tode ſah fich fein Nachfolger, Graf 
Wallis, veranlaßt, am 15. März 1811 die Summe von 
1060 Millionen Banfzettelauf das Fünftel 
von 212 Millionen fogenannter Einlöſungs— 
Guldenſcheine, ſowie die Zinjen aller Staats— 
fhulden aufdie Hälfte des neuen Papier 
geldes berabzufegen Nach einem Briefe von 
Gens an Göthe vom 4. April 1811 hatte Wallis dieſe 
Mapregel mit den Worten verlangt: „Das find meine 
Vorſchläge! Bis zu diefem Tage müffen fie angenommen 
werden; wo nicht — jo fünnt Ihr am folgenden die Bou— 
tique hinter mir jchließen.“ Freilich war die Finanzlage des 
Landes bei Uebernahme des Finanzıninijteriums durch Wal- 
lis beifpiellos, aber jein Rettungscoup ebenjo beifpiellos ; 
fein Finanzſyſtem hielt nur 2 Sabre bis zu den Kriegs— 
rüftungen gegen Napoleon im April und Mai 1813. Gent 
bezeichnet dieß Syftem als „das Werk eines Mannes von 
Energie und Entichloffenheit, dem es aber in hohem ©rade 
an Ginfiht und Meberlegung fehle, eines Fremdlings 
in dem Rache, welches er regieren follte, aber zu ehrgei— 
zig, um ein Geſchäft, das ihm übertragen war, fahren zu 
laffen, und zu ftolz, um irgendjemand zu konſultiren.“ 
Mit dem Eintritt und unter der Finanzverwaltung 
des Grafen Stadion (1814—24) begann eine neue Beri- 
‚ode, in ihre zwar die ſchwerſte Kataftrophe, am Ende aber 
doch, von Defterreichs ungemeinen Mitteln und veiferer 
Erfahrung gezeitigt, Rettung und Hebung des öffentlichen 


44 Eilftes Buch. 


Kredits. An den denfelben aufbeilernden Mapregeln nahın 
auch Gentz einen wichtigen Theil, theils durch Rath, theils 
Durch That, das heißt Durch feine gewandte publiziftifche Feder, 
indem er das Publikum beruhigte und den neuen nöthi- 
gen Finanzmaßnahmen von vornherein geneigt machte. — 
Ohne Staatsanleihen ging es aber nicht, und fo wurden 
während Stadion’s Leitung der öſterreichiſchen Finanzen in 
den Sahren 1816—1824 fünf Anleihen gemacht. 

Bon befonders durchgreifendem Erfolge war Die 
am 29. Oftober 1816 ins Leben gerufene Finanzmaß— 
nahme, wodurch die jogenannten Metalliques (Obligations 
metalliques) gejchaffen wurden, fünfprozentige Staatsſchuld— 
verſchreibungen über ein Freiwilliges Anleihen von nahe an 
129 Millionen Gulden behuf3 Abftogung älterer Staats— 
ſchulden. Man gab gegen Annahme diefer neuen Papiere 
ältere Staat3papiere oder „Wiener Währung” ab, welche ge— 
tilgt wurden. Die Schuldfcheine Tauteten auf Metallgeld, 
ſo dag fich der Staat verbindlich machte, Kapital und Zin- 
jen in £lingendem Courant des Zwanzigguldenfußes zurück— 
zuzahlen. Durch die Einführung dieſer Metalliques hat 
Deiterreich feinen Kredit in bedeutendem Maße gehoben, 
jo daß ein folches Bapier von 100 ©ulden, das 1817 
für 48 Gulden zu haben war, 1829 fchon mit 96 ©ul- 
dei bezahlt wurde. Die Summe der ausgegebenen Metal: 
fiques betrug im Sabre 1823 209 Millionen, indem jene 
erite Anleihe von 129 Millionen im Sabre 1818 um 50 
und- im Sabre 1823 um 30 Millionen erweitert wurde. 

Auch die alte, 1811 veduzirte Staatsfchuld ward in 


Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 43 


Serien, jede von 1 Million Kapital getbeilt; 5 dieſer 
Serien jollten jährlib nach dem Loſe zum Bollgenuß 
ihrer Zinfen zurüdfehren und Dafür ebenfoviel andere 
durch den Tilgungsfond zuriücdgefauft und vernichtet wer- 
den. Dadurch hatte fich bis 1825 die Zahl der Einlö- 
fungs- und Antizipationgsjcheine big auf circa 150 Milli: 
onen vermindert, und am 30. Juni 1828 waren nur noch 
78; Millionen im Umlauf. 

Es liegt außer der Abſicht diefer Schrift, rückſichtlich 
aller diefer, den Staatsfredit Oeſterreichs hebenden Fi— 
nanzmaßnahmen in ein genaues und ausführliches Zah— 
lendetail einzugehen. Gründlich werden dieſelben in den 
obenangeführten Schriften von Gens und Hauer ge 
jehildert. 

Eine fernere Maßnahme zur Körderung der Finanz— 
zuftände des Staates war die Eröffnung mehrerer Staats— 
anleihben bei Bankiers vom Jahre 1820 an, die größten 
theils als Prämienanleihen abgefchloffen wurden. 

In die Zeit der Finanzoerwaltung Stadion's fällt 
auch die Gründung der Nationalbank, (1816) behuf3 Er— 
ſtärkung des Staatskredits und Einlöſung des im Umlauf 
befindlichen Papiergeldes. — Sie erhielt das ausſchließliche 
Recht der Papiergeld-Ausgabe, deſſen der Staat ſich be— 
gab. Es bewährte ſich für die Intereſſen des Staates wie 
der Aktionäre gleich günſtig; die Noten ſtanden ſogar weit 
über Pari und waren ſehr geſucht bis zum Jahre 1848. 
Den Finanzanforderungen desſelben wie der folgenden Jahre 


46 Eilftes Buch. 


1849 und 1850 war indep das Inſtitut nicht gewachfen, 
vielmehr voffenbarten fichb da die Mängel, die einem mono— 
poltfirten Bankſyſtem ſtets und überall anfleben werden. — 
Der Staat mußte das Monopol der Bank faktifch aufbe- 
ben amd neben den Banknoten eine Summe bis zu 170 
Millionen Staatspyapiergeld ausgeben. Zudem fanden 
die Banknoten zu den Barvorräthen in ſehr fehlechtem 
Verhältniſſe; jeder Inhaber ſuchte fie zu realifiven, und da 
feine vollftändige Befriedigung erfolgte, war die Erhaltung 
der Bank nur durch Anordnung eines Zwangskurſes 
möglich. 

Indeß läßt gegenwärtig die Regierung kein Opfer un— 
verſucht behufs Aufrechthaltung eines richtigen Verhältniſ— 
ſes der Valuten; die Bank vermehrte 1853 durch Emiſſion 
der Reſerve-Aktien ihre Kräfte um 40 Millionen, und er— 
Sangte dadurch Die Möglichkeit, den Notenumlauf zu min— 
dern und den Barvorrath zu mehren. 

Wir übergehen die drei nächften Nachfolger Stndions 
im Finanzminiſterium bis auf den Freiherrn von 
Kübeck, bürgerlichen Urfprungs. Als er das Portefeuille 
übernahm, ward die Staatseinnahme Defterreihs auf 150 
Millionen angefchlagen, wovon die Zinfen der Staatsſchuld, 
den Tilgungsfonds eingeichloffen, ein Drittel, faft 43 Mil- 
onen verzehrten. Unter feiner Leitung wurden in den beiden 
Sabren 1841—42 bar abbezahlt *): 


— — 00000 


*) Allgemeine Augsburger Zeitung vom 31. Dezember. 1842. 
Nro. 365. — 








Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 47 


an vierprogentigen Zentralfaffenanmweifungen 12 Millionen 
Ben nteonalbanen ‘. 0. 6 , 

aus den Jahren 1821, 1834 ni 1839 

aufgenommenen und fälligen Lotto: 


Aletnene et, „2. 11,380.000 
„verloſten SKapitalien " ätteren Schuld 12,879.000 
»seingeloiten >, % s 3 7,800.000 
„ Sntfhädigungsfapttalien . . . . 2,000.000 

52,059.000 fl. 


Außerdem wurden aus den vom Tilgungsfonds einges 
löſten Kapitalien (alle zu fünf Brogent berechnet) 20 Millio— 
nen getilgt, Da der Staat im Jahre 1841 eine Anleihe 


a a 0Millionen 
fontrabirtte und im Juni 1841 Die 
eunmessen. .. 5 n 


an dreiprozentigen Zenkiatkärfenniineifin: 

gen binausgab, jo hatte er feinen Schul- 

Bertanm um... . EEE Millionen 
vermehrt, dagegen um 72 Millionen vermindert, und alle 
Verbindlichkeiten als Schuldner wurden in der Verwaltung 
‚genau erfüllt; diejes find fprechende Belege zur Würdigung 
der Verwaltung Kübeck's, welche der Kaifer durch Verleih— 
| ung der Kanzlerwürde des Leopoldordens damals anerfannte, 
Verhängnißvoll war das Jahr 1848; jede Woche ver- 
ſchlang der Unterhalt des auf großem Fuße ftehenden 
' Heeres allein eine Million; die Kurfe der fünfprogentigen 
‚ Metalliques, geraume Zeit über Bari big zu 110 ftehend, 
| ſanken infolge der politiſchen Stürme im Innern auf 57, 


—— 


AS Eilftes Buch. 


die Banfaktien von 1800 auf 710. Man bradte 120 
Millionen mehr Papiergeld al3 1811 mit Zwangskurs 
in Umlauf; das Defizit betrug, obwohl die Staatsein— 
nabme um 50 Millionen mehr als früher binaufgeridt 
war, 1848 die Summe von 64, im Sabre 1849 faft 140 
Millionen; die Zinfen der Staatsfchuld ftellten fich im letz— 
tern Jahre auf 70 Millionen, 27 Millionen mehr als 


oor der Märzrevolution. Auf Oeſterreichs Anfuchen Fam 
Rußland gegen bloße Handjchrift des Kaifers mit einer 


Anleihe von 30 Millionen Nubel zu Hilfe, da die Bethei- 
ligung an einer anderen Anleihe im damals üblichen Wege 
durch Banfiervermittlung im Auslande jchwerlih Anklang 


für ein Land gefunden haben würde, wo Silber und fogar 
Kupfer augenblidlih aus der Zirkulation verjchwunden 
waren und man nur Papiergeld ſah. Die Staatsfhuld 


des Jahres 1849 berechnete damals die Times zu 465, 
die ſchwebende Schuld zn 210, das Papiergeld zu 320 Millionen 


mit einer Dedung an Geld von 28 Millionen Gulden in | 


der Banf. Die Finanzminijter ſeit 1848, der Baron 


Krauß und von Baumgartner, fuchten durch neue 
Anleihen nach mwiederhergeftellter Nuhe im Lande den drinz | 
gendften Bedürfniffen möglichft abzuhelfen und den Staats: 


gläubigern gerecht zu werden. Die feit 1851 big Ende 


1853 kontrahirten Staatsanleihen betrugen zufammen 195 | 


Millionen. 


Don dem erften Anleihen von SO Millionen follten | 
zwei Drittel der in Silber oder Papiergeld einlaufenden 
Zahlungen, von dem zweiten Anleihen, von 80 Millionen | 


ze ne 


Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 49 


der Betrag von 15 Millionen und vom dritten Anleihen 
die ganze Summe von 35 Millionen zur Verminderung 
des Papierumlaufes verwendet werden; ferner waren von 
der zweiten SO MillionensAnleibe 15 Millionen zur 
Rückzahlung auf die durch Vertrag vom 3. Februar 1852 
auf 71% Millionen zufammengezogenen neueren Schulden- 
reſte an die Bank bejtimmt. Hierdurch wurde es möglich, 
die Staatsfchuld vom Anfang 1852 bis Ende 1853 von 
144,028.784 auf 121,455.059 ©ulden, den Banknoten 
umlauf von 215,827.656 auf 188,309.217 ©ulden 
und den Staatspapiergeldumlauf von 167,112.271 auf 
148,334.658 ©ulden zu vermindern. Sr gleicher Zeit 
wehrte fin der Barbejtand der Banf von 42,827.656 auf 
44,790.040 ®ulden oder um 1,962.384 ©ulden. 

Ein weiterer Schritt geſchah duch das Abkommen 
som 23. Februar 1854, wodurch die Regelung der Geld— 
verhältniffe von der laufenden Verwaltung der Staats— 
finanzen völlig getrennt amd Der Bank allein übertragen 
ward, indem ſich die Negierung verpflichtete, ferner Fein 
Stantspapier mit Zwangskurs auszugeben, und den Be- 
trag des mit Zwangskurs umlaufenden Staatspapier- 
geldes von etwa 140 Millionen an Die Bank zum Um- 
tauſch gegen Noten und zur allmäligen Tilgung zu überlaffen. 
Der Staat zahlt dafür jährlich mindeitens 10 Milli: 
onen bis zur Abjtogung jeiner Schuld. Außerdem kontra— 
hirte Defterreich gleich Breußen 1854 eine Prämienanleihe 
son 50 Millionen Gulden aus 200,000 Prämienjcheinen 


Das Haus Rothſchild. I. 4 


© 


50 Eilftes Buch. 


zu 250 Gulden beſtehend, deren Rückzahlung durch 100 
halbjährliche Ziehungen erfolgt. — 

Vorausſichtlich hatten indeß alle dieſe Finanzmaßnah— 
men, zu welchen die verſchiedenen Finanzminiſter Defter- 
reichs ihre Zuflucht nabmen, Feine Ausficht auf Radikalre— 
reform der Finanzzuftande, und Einer trat nach dem Ande— 
ren ab. Da übernahm am 3. März 1855 das fehmwierige 
Amt eines Chefs des StaatSfinangverwaltungsmweiens der 
Freiherr von DBrud, bürgerlicher Herkunft, aus 
Rheinpreußen ftammend, der bereits als Handelsminifter 
Defterreich3 dageftanden. Bei feinem Amtsantritte zur Zeit 
der Rekonſtruirung Defterreichs unter Kaifer Franz Joſef 
fand der Handelsminifter von Bruck zunächſt nur Trümmer, 
von einer Bewegung zujammengemworfen, Die, ihrem Weſen 
nach aus den unbefrtedigten Bedürfniffen und der bishert- 
gen Niederhaltung des dritten Standes heroorgegangen, 
Durch ihren Anſtoß zugleich alle inneren nationalen wie 


auswärtigen Gegenſätze des Kaiſerreichs wachgerufen hatte, | 
einen Wirrwarr, der bei der drohenden finanziellen Lage | 
des Staates nur einen gewaltigen oder gar feinen Reor— 


gantfationsplan mehr zuliep. Bruch, der damalige Han— 


delsminiiter des Kaiſers Kranz Sofef, ſtammt aus einem 
elberfelder Handlungstontor mie Colbert, der Chef de 
Handelsminiſteriums Ludwig XIV. aus einem Kaufladen | 
zu Rheims. Früh nach Trieft gefommen und dort den 
gefammten raſchen Auffhwung der neuen Beherrjcherin 


des adriatiichen Meeres durchmacbend, fand ihn die Revo— 


Iution de3 Jahres 1848 als Direktor des üfterreichifchen 











Das rothfchild’fche Haus in Wien. 51 


Lloyd im umfaſſendſten Faufmännifchen Wirfungskreife, der 
otelleicht in gang Mitteleuropa vorhanden ift. In ihm war 
der Raufmann zum Staatsmanne geworden; in die- 
fer Ihatjache drückt fich das Zeichen unterer Zeit bedeu- 
tend ab. Weder das heutige Beamten- noch Lehrerthum 
find im Stande, dem Auge den TtaatSmännifchen Blick 
mitzutheilen, der fich in dem Kontor eines großen Kauf- 
manne3 mit jeder neuen Geſchäftsverbindung von jelbft er= 
weitert; jene kennen nicht Die Schäden der Zeit und ver- 
teben nieht, Die Hebel zu ihrer Beleitigung in Bewegung 
zu ſetzen. Mit dem zum Staatsmanne gewordenen Kauf: 
mann ift das Bürgerthum auf die politifche Bühne getre- 
ten, Der Schöpfer des Lloyd und der alte Höfterreichifche 
Staat find Gegenfäte Um für fein Brinzip zu wirken, 
mußte der Handelsminiſter für ein Eifenbahnnes, fir ein 
neues Poſtſyſtem in Defterreich ſorgen; er fehuf beides und 
geftattete zudem auf liberale Weile dem Publikum den Ge— 
brauch der Telegraphenlinten. Die Mauthverbindung von 
Deutſchland und Defterreich ift nicht minder fein Werk; 
mit ihm die Beleitigung des alten diterreichifchen Prohibi— 
tivſyſtems und der neue Zolltarif Oeſterreichs; die würdige 


Vertretung der öfterreichiichen Induſtrie auf der londoner 


Ausjtelung, diefer improsifirten Meile an der Themfe, 


' durch ihn Hatte vielfache Beitellungen zur Folge; follte von 


außen Kapital wieder nach Defterreich einziehn, und an 
‚ der Iondoner Börfe der wiener Wechſel — der dort nicht 
‚ mehr notiıt ward — wiederum Kurs haben, jo hing Die 


1 Zukunft der öfterreichifchen Snduftrie von dem Eindrud der 


4* 


32 Gilftes Bud. 


Sendung Defterreihs auf dem großen Völkermarkte ab. 
Nie der Handelsminifter diefes Ziel glänzend erreichte, ift 
weltbefannt. Dazu kam ein über die ganze Erde ausge: 
breitetes wohlorganifirtes Konfulatfyftem, die Errichtung 
von Handels- und Gewerbekammern; fie alle waren noth- 
wendige Beltandtheile, um den großen handelspolitifihen 
und politifhen Bau zu feitigen, deſſen Gründung das 
Streben des Handelsminifters von Brud war, und wofür 
er auch jetzt als Finanzminiſter thätig ſchafft und raſtlos 
wirft. *) 

Das von vielen Seiten ftet3 erneute Gefchrei über die 
Finanzzuſtände Defterreich8 und die Bedenklichkeit rückſicht— 
lich des unverhältnigmäßig im Umlauf befindlichen Papier— 
geldes ift fo Leer und inhaltslos, daß es für den Kundi- 
gen kaum einer Gegenrede bedarf. Defterreich, das an in- 
neren Hilfsquellen veichite Land Europa's, mit einer in 
Mohlitand lebenden Bevölkerung, Die durch feine unverhält- 


nigmäßigen Steuern und Abgaben zu den Staat3bedürfniffen 


herangezogen wird; mit einem an Grundbeſitz und Kapital 
vermögen mit Englands Ariftofratie wetteifernden Adel; 
mit einem begüterten Bauernftande, mit großer Manufak- 


tur und Induſtrie, mit dem ausgebreitetiten Handel: fan 
mit jeden anderen Staate fühn in die Schranfen treten. 
An der Spite feiner Finananzverwaltung ift augenblidih 
ein Mann geftellt, der Zeit, Hilfsquellen und Zuftände ° 


*) Dgl. die Verwaltungsperiode des Handelsminifters von Brud | 


inder deutjchen Vierteljahrsfchrift 1851. Heft 3 S. 144. 











Das rorhfchild’fhe Haus in Wien. 35 


im Intereſſe der Volkswohlfahrt und des Landeswohls auf 
eine Weiſe zu benußen veriteht, die nur zum Beiten zu 
führen und alle Differenzen durch die gejchiefteiten Finanz— 
maßnahmen auszugleichen vermag, indem er zugleich mit 
Einficht die Gejtaltungen der Gegenwart benugt und mit 
Umſicht die Zukunft dabei ins Auge faßt. Die Heilmittel, 
welche dieſer Finanzier anwendet, unterfcheiden fich von de— 
nen vieler feiner Vorgänger dadurch, daß fie, vom prakti— 
ſchen ©efichtspunfte aus gewählt, gleich einer zweckgemä— 
Ben Arznei wirklich anſchlagen, und nicht vom. leidenden 
Theile jelbit abjorbirt und neutralifirt werden, wie fo 
manche nach theoretiſch Eonftruirten Maßregeln verfuchte 
Finanzkur. Die Bank gedeiht durch feine Mapnahmen 
fihtlih ; die Finanzen gewinnen durch die völlige Trennung 
des Bankintereſſes von dem der Finanzverwaltung, durch 
Miederherjtelung der Barzahlung der Bank und Annahme 
des 24/2 Ouldenfußes. Die neueſten Finanzverordnungen 
find die Gewähr dafür, daß der rechte Mann am Steuer- 
ruder des Staatsfinanzjchiffes fteht und e3 nach Sturm 
und Wetter in den Hafen führen wird. Mit dem Firanz- 
minifter von Bruck hat für Defterreichs Staats- und Finanz— 
leben eine neue Aera thatfächlich begommen: es gilt nur 
Gebrauch der rechten VBerwaltungsmittel und richtige Ver— 
wendung der jo reichen Staats- und Hilfgmittel im Lande. 

Die Staatseinnahmen betrugen im Sabre 1853 die 
Summe von 215 Millionen ; 1854 jtiegen fie auf 218 und 1855 
auf 221 Millionen Gulden. Behufs Herftellung der Valuta 
hat der Finanzminifter eine Rinanzoperation getroffen, 


54 Eilftes Bud. 


welche wenigſtens gegenwärtig von dem beften Erfolge ift. | 


Der Staat ſchuldet nämlich an die Nationalbank mehrere 
Poſten: 

1) Die älteſte (fundirte) Staatsſchuld für die Einlöſung des 
W. W. Papiergeldes, und zwar gegenwärtig noch a. zu 4 
Prozent verzinslich 29,248.581 Gulden, b. unverzinslich 
31,735.976 Gulden, zufammen 60,984.557 Gulden. 2) 
Haftungsfhuld der Staatsverwaltung für das bisher ein- 
gelöste Staatspapiergeld 146,669.400 Gulden. Davon find 
jehon abgetragen: mittelft Zoll-Erträgniffe 10,000.000 Gul— 
den, aus dem fünfprogentigen National-Anlehen 92,417.553 
Gulden, zufammen 102,417.553 Gulden, bleiben 44,251.847 
Gulden. Diefe beiden Boften werden von der neuen Finanz: 
maßregel unmittelbar gar nicht berührt. Denn bezüglich des 
Poſtens 1 (älteſte Staatsſchuld an die Bank) bleibt es 
bei den bisherigen normativen Tilgungen zu ungefähr 3 
Millionen des Jahres. Und was die 441, Millionen des 
Poſtens 2 Cals Reit der Haftungsſchuld fir Staats-Pa— 
piergefd) betrifft, jo find. dDieje Durch Heberweifungen von 
National-Anlehen-Subſtriptionen beglichen und werden da— 
durch binnen vier Jahren vollftändig getilgt. 3) Die laut 
Bertrag vom 23. Februar 1852 zufammengezogene, zu 2'% 
Prozent verzinslide Staatsſchuld, deren Net 55,000.000 
&ulden beträgt. 4) Interimal-Vorſchuß zu Ende Des 
Sahres 1854 auf das National-Anlehen 80,000.000 
Gulden. 5) Ein bisher aus den Kundmachungen über den 
Stand der National-Bank nicht befonders zu  erfehender 
Poſten, nämlich Vorſchüſſe gegen Staatspapiere, bei der 


J 








Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 95 


Darlebens-Kaffe der Banf erhoben und unter dem Aus— 
weife-Poften : „Vorſchüſſe gegen ſtatutenmäßig Deponirte in— 
ländiſche Staatspapiere, rückzahlbar in neunzig Tagen“, 
mitbagriffen 20,000.000 Gulden. In Summa 155,000.000 
Gulden. — Zur Defung und Abtragung diejer drei lebten 
Schuldpoften, im Belaufe von 155 Millionen, welche bis— 
ber in feiner Weiſe beglichen waren, übergab nun der 
Staat der Bank einen Kompler von Stantsgütern in einem 
nach amtliher Schätzung ungefähr gleichen Werthe, nicht 
blog etwa als Pfand fir die Erfüllung feiner Verpflichtun— 
gen gegen die Bank, jondern als Erfüllung ſelbſt. Vom 
Momente des Dertragsabichluffes ging die DVerwaltung 
Diefer Güter, welche aus dem allgemeinen Domänenfomz 
pler ausicheiden, in die Hände und unter den zur vollen 
Erreichung der Zwecke der Maßregel notbwendigen Kon— 
trolbedingungen in das Eigenthum der Bank über, mit 
dem Rechte, von dieſen Gütern ſoviel unter Zuſtimmung 
der Staatsverwaltung zu verkaufen, als die Höhe der er— 
wähnten Banfforderungen beträgt. Die jo zu veräußern 
den Domänengüter find mit Umficht aus einem Beſitzthum 
auserlejen, welches der Staat nach allen bisherigen Erfah— 
rungen duch eigene Verwaltung nicht in genügendem Maße 
für das öffentliche Wohl fruchttragend zu machen vermochte, 
welches an ſich lediglich einen privatwirthichaftlichen und 
feinen volks- oder Itaatswirtbichaftlichen Charakter hat, das 
ohne Zweifel von der Privatthätigfeit mit größerem Nutzen 
fowohl für den Eigenthümer als für die Gefammtheit be— 
‚wirthichaftet werden wird, und welches auch fonft in kei— 


96 Eilftes Bud. 


nerlei Beziehung zu Salinen, Bergwerken, zur Schonung 
des . Maldes x. fteht. Der Staat bat das Recht, eine 
oder die andere dieſer Hypotheken durch eine ihrem Werth 
entfprechende Barzahlung einzuldfen oder durch eine andere 
von gleihem Werthe zu erſetzen. Die Bank bat das Necht, 
diefe Hypotheken fo fehnell als möglich zu verfaufen. Es 
wurde zu dieſem Behufe unter dem Präſidium des Bank— 
Gouverneurs eine von der Banfdireftion gewählte Kom— 
miſſion organifirt, für welche eine befondere Inſtruktion er— 
laffen ward und deren Thätigfeit der in den Bankſtatu— 
ten feitgeitellten Meberwachung unterliegt. Sollte der Er— 
158 fämmtlicher Güter die Schuld des Staates nicht zu 
tilgen im Stande fein, fo wird der Staat den Ausfall 
bar nachzahlen; follte jene Schuld jedoch früher getilgt 
fein, als ſämmtliche Güter losgeſchlagen find, 10 ehren 
die noch unverkauften in den Befib des Staates zurüd. 
Die Staatsgüter, von welchen ein Theil im Werthe von 
150 Millionen Gulden zur Konfolidirung der Banfvaluta 
verwendet wird, wurden im Sabre 1802 infolge eines 
Hoffammer-DefretS gerichtlich abgefchätt zu 238 Millionen 
Gulden. Sie beitanden damals aus 442 Quadratmeilen 
mit 111 Städten, 51 Schlöffern, 5471 Märkten und Dör—⸗ 
fern, 736 Höfen, und waren von 1,855.065 Menichen be- 
wohnt. Die gegenwärtige Ausdehnung der Staatsgüter bat 
fich durch die feitdem vorgefommenen Verkäufe im Geſammt— 
betrage von 38 Millionen Gulden vermindert. Darunter 
befinden fich in Böhmen fünf Domänen (die fehönen Herr- 
haften Pardubik, Brandeis, Joachimsthal und Schlafen- 








Das rothichild’fhe Haus in Wien. 97 


wald, Zbirow u. f. w.), zwei Herrfchaften in Dejterreich 
(Waidhofen und Ober-Stofftall ıc.), jeh3 in Kärnthen und 
Krain (St. Andrae, Adelsberg u. |. w.), vier in Ungarn 
(Arad, Dios-Györ und Tofay, Altofen und Bilfegrad, Groß- 
wardein), fünf in der Bacsfa und eilf im Banat (die größ- 
ten Komplexe in der fruchtbarjten Gegend!), zwei in Kroa— 
tien, drei in Oalizien (Jaworzno Lipowice Pradnik und 
Gzernifow, Niepolomice und Sander, Janow Jawo— 
row Lemberg und Zolfiem) und eine in Siebenbürgen 
(Decs-Dewa und Krafo). 

Ganz unabhängig von den Beitimmungen über Defung 
der genannten Schuldpoften an die Banf durch Domänen 
it die Gründung und Erweiterung der Nationalbank zu 
einer Hypothekenbank. Sie foll nämlich mit ihrer bisheri- 
gen Gejhäftsführung auch Darlehen auf Realitäten ver- 
binden. Der Erlaß bezüglich der Erweiterung der Natio- 
nalbanfzu einer Hypothekenbank entbält folgende wegentliche 
Punkte: Der Fonds der neuen Banfabtheilung wird aus 
35 Millionen Gulden Elingender Minze gebildet. Sie hat das 
Recht: Pfandbriefe im fünffachen Betrag diefer Summe 
auszugeben, deren Verfallszeit jedoch ohne bejondere Mi: 
nifterialerlaubnig nicht unter einem Jahre ausgeftellt werden 
darf. Doch Hat die Bank das Recht, fie vor der Verfalls— 
zeit einzulöjen. Für die pünktliche Einzahlung und Ver— 
zinfung dieſer Pfandbriefe hat die Nationalbank mit ihrem 
Geſammt-Vermögen zu baften, jo daß Diejelben gewiſſer— 
maßen den Charakter von Priorität3-Obligationen haben. 
Angefichts diefer Garantie ſind auch alle öffentlichen Kör— 


38 Gilftes Bud. 


periehaften, Bupillen-Berwaltungen, Stiftungen und jo 
weiter berechtigt, ihre Gelder in ſolchen Pfandbriefen an— 
zulegen. Dieſen Pfandbriefen wird ferner Die Begünftigung 
zutbeil, daß die Zeſſion derjelben von einem Befißer an 
den anderen gebührenfrei ift; fie können von der Natio— 
nalbanf zu jeder Zeit esfomptirt vder als Pfand fir Vor— 
Ihüffe angenommen werden, Doch nur bis zu einer gewiſſen 
Summe, die zu dieſem Behufe feitgeftelt worden iſt. Es 
verſteht fich, daß die Pfandbriefe an der Börſe veräußert 
und im Kursblatt notirt werden dürfen. - Die wichtigfte 
und auch folgenreichite Beitimmung des in Rede ftehenden 
Minifterialerlaffes it der erſte Baragraph, Der nicht bloß 
für die neue Hypothefenbanf, fondern auch für andere ju— 


riſtiſche und nationalsöfonomifhe Fragen von hohem ne 


tereffe it. Diefer Baragraph beitimmt nämlich, daß Die 
neue Hypothekenbank in allen ihren Geſchäften von allen 
die Höhe des Zinsfußes befchränfenden gefeglichen Beſtim— 
mungen „für jebt jo wie fir die Zukunft“ losgezählt if. 
Hiermit find nicht nur die Erträgniffe und Vortheile Diefer 
Bank auf eine unbeſtimmte Summe erhöht, ſondern es ift 
auch der erite Schritt gethan zu einer allgemeinen Erhö— 
hung des Zinsfußes. Vor Allem aber ift in die beftebenden 
Wuchergeſetze vollitändig Breſche gefchuffen, und die Auf- 


hebung dieſer Geſetze kann wohl nicht lange mehr auf fic 


warten lajjen. 

Offenbar verdient Die erite Maßregel, die Ueberwei— 
fung der Domänen, ebenſo jebr finanziell wie volfswirth- 
Ichaftlich die vollfte Anerkennung, da Aderbaudomänen ber 


Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 39 


Staat viel weniger genügend rentbar machen kann als 
Bergwerfe und Forften; wer Grund und Boden von 155 
Millionen an Werth befitt, hat Kredit, deſſen die Bank ſchwer— 
lic) lange bedürfen wird, wenn fie zum Verkaufe der Domä- 
sen jihreitet, die ein Gegenſtand europäiſcher Spekulation 
werden, jo daß fie alsbald volljtändig über das dem Staate 
geliehbene Kapital verfügt, ihre Banknoten wieder einzu— 
ziehen vermag, und die Valuta wiederhergeitellt if. — — 

Die öjterreichifchen Finanzzuftände und die große Be— 
deutung Wiens als Reſidenz und Hauptſtadt des großen 
Kaiſerſtaats veranlapten Rothſchild zur Etablirung eines 
Geſchäfts daſelbſt. 

Das Judenthum hat in Oeſterreich, beſonders in Wien, 
und ſelbſt in den höheren und höchſten Kreiſen und 
Schichten der Geſellſchaft, Jahrhunderte hindurch eine be— 
deutende Rolle geſpielt, wenn dieſelbe auch auf keiner an— 
dern Baſis als dem Gelde beruhte; denn trotz des Reich— 
thums des Adels waren mit demſelben immer Geſchäfte zu 
machen, und die Finanzen des Staates und Hofes waren 
im Laufe der Jahrhunderte häufig brouillirt, daher das Geld 
der Juden nöthig, geſucht und verlangt. Schon zu Ferdi— 
dinand II. Zeit waren ſie mit dem Kaiſerhofe liirt, obwohl 
ſie Leibzoll zahlen, zur Auszeichnung ſpitze Hüte und als 
Abzeichen einen gelben Fleck am linken Arme tragen mußten, 
auch nur in der heutigen Leopoldsvorſtadt wohnen durften. 
Nichts deſtoweniger duldete man fie gern, ‚weil fie dem 
Hofe jehr nüslich find und aus anderen Gründen; fie er- 
freuen ſich auch der größten Privilegien und find Durch Die 


60 Gilftes Bud. 


größten Proteftorien gefchükt. Site machten für fich gute 
Geſchäfte auf gutem wie böſem Wege, wie man denn in 
den franffurter Nelationen vom Jahre 1667 lieſt, daß 
„Hirſchel Mayer gefangen gejebt, der dem Kaifer binnen 
23 Jahren nicht weniger als zwei Millionen 200.000 Gulden 
Kontributionen feiner Glaubensgenoſſen entzogen‘ Man 
beftrafte ihn mit ewiger Verbannung aus Wien und bes 
gnügte fich, indem man fein Vermögen Fonfiszirte, mit einer 
Geldabfindung von 70.000 Gulden, obwohl er ‚jieben noch 
uneröffnete KRaufgewölbe‘ befaß. 

Sm Sabre 1670 wurden indeß die Juden aus der 
Nefidenz ‚ausgefchafft‘ nach einem blutigen Erzep zwiſchen 
Juden und Studenten; fie mußten die „udenſtadt,‘ die 
jebige Leopoldftadt, verlaffen, und ihre Synagoge ward zur 
fatholifchen Kirche geweiht. Indeß währte e3 nicht Tange, 
dag der Kammerpräfident von Sinzendorf fie wieder heimlich 
fich anftedeln ließ. Alle Geldgefchäfte mit dem Hofe wurden 
dem ‚„Hoffaftor‘ Samuel Oppenbeimer überlafjen, der von 
der KRaufmannfchaft tödtlich gebaßt ward, und um welchen 
1700 und 1706 ein furchtbarer Tumult entftand, worin fein 
Haus demolirt und geplündert, Geld und Koftbarfeiten 
geraubt, Schriften und Handelsbücher zerriffen wurden, jo daß 
der reiche Iſraelit mit den Seinigen nur das nadte Leben 
rettete: er blieb indeg nach wie vor in feinen für ihn vor— 
theilhaften Beziigen zum Hofe, obgleich da3 Haus Oppen— 
heimer in der Zwifchenzeit zwifchen jenen beiden Tumul- 
ten 1703 fallirte. Auf Allerhöchſten Befehl wurden feine 
Slänbiger ‚Oppenheimer'3 Manquements halber‘ unterm 








Das rothfchild'fche Haus in Wien. 6i 


14. April 1704 zur Liquidirung ihrer Forderungen an ihn 
unter Präklufionspräjudiz vorgeladen von einem bejonders 
delegirten Gericht unter Borfit des Oberhofmarfchalls, und — 
1706 hatte er bereit wieder das Lieferungsgefchäft fiir Die 
Armee in Stalien im fpanifchen Erbfolgekrieg uud die Re— 
montirung der Kavallerie. 

Joſef IM. machte fogar zum Erſtaunen der Welt im 
Sabre 1783 den erften jüdiſchen Baron‘, indem er 
den Bankier Joſef Michael Arnftein, deſſen Gemalin, 
Fanny Sig aus Berlin, in großer Gunft beim Kaifer ftand, 
als Edlen von Arnitein in den Neichsritterftand erhob; 
jpäter mwurde er vom Nachfolger Joſef's 1793 in den 
Neichsfreih erınjtand erhoben. Die Familien der wiener 
Börſenſouver aine Arnftein und Eskeles machten fih wäh— 
vend des wiener Kongrefies durch die alle überftrahlenden 
Seite bemerflich. In beiden Hänfern ‚war e3 berliner Gei— 
jtesatmofphäre, die anzog ;* Fanni Arnſtein und Gäcilie 
Eskeles waren Berlinerinnen, Töchter des reichen jüdijchen 
Bankiers Itzig unter Friedrich dem Großen. Mit beiden 
Hänfern machte Die dfterreichifche Finanzverwaltung vor 
dem Kongreſſe häufig Geſchäfte; ebenjo auch nach demfel- 
ben , wie auch mit mehreren wiener Gejchäftshäufern. 

Alle überitrahlte aber das Haus Nothichild, nachdem 
dasjelbe fein Gefchäftsetabliffement in Wien neben den 
bereits in Frankfurt und London beftehenden Etabliſſements 
gegründet hatte. Mit ihm beginnt ein neuer Abfehnitt im 
Staatsfinanz-⸗, Börfen- und Geldmarktsweſen der öſter— 


62 Silftes Buch. 


reichifchen Monarchie auf Grund der Gefchäftsmarimen 
Diefes Hauſes. 

Oeſterreichs Kaiferreich, mit feinen manchfaltigen, 
in ein großes Ganze vereinigten Königreichen und Pro— 
vinzen, ift einer der größten Völker- und Ländervereine. 


Unter der Negierung feiner ausgezeichneten Herrſcher, 


Marta Thereſia und Sofef II, ftieg es in allen Bezügen; 
der Länder Einnahme und Steuerkraft mehrten fih und 
jeine Finanzen blühten: in Bezug auf Geldanleihen ftand 
e3 in genauen Bezügen zu den holländifchen Bankier 
Hope und Goll und zu dem Haufe ©ebrüder Bethmann 
in Rranffurt am Main. Die dfterreichifchen Staatspapiere 
waren allgemein beliebt, und hatten al part reißenden Abfab. 
Nur erſt als Defterreich3 politifcher Himmel fich trübte, 
als feine Fünftlichen Finanzoperationen fich erfchöpften, zo— 
gen fich die auswärtigen Bankhäuſer zurüd, und Die wie: 
ner Mechjelhäufer Fries et Co., Arnftein und Eskeles, Gey— 
miüller et Co., Steiner et Co., traten an deren Stelle. 
Mittelft diefer vier Häufer kontrahirte es während der 
Fortdaner des frangöfifchen Revolutionskrieges und des 
Krieges mit dem franzgöfifchen Kaifer eine Menge Staat3- 
anleihen unter minder günftigen Bedingungen als früher, 
jo daß fie da3 im Jahre 1809 mit ihren abgefchlofjene 
fünfprozentige Anleihen nur mit 40 Prozent Verluſt über- 
nahmen und zu ihrer größeren Sicherheit nebenbei Staats— 
domänen als Unterpfand erhielten. Das Haus Steiner etCo., 
durch jeinen Antheil beiden Anleihegerchäften und durch lukra— 
tive Wechfelgefchäfte auf Augsburg für Rechnung der Negie- 











Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 63 


rung al3bald zum Millionär angewachfen, zog fich freimil- 
fig aus der Kompagniejchaft der vier Käufer zurück. Stei- 
ner, der Chef, der alte bejcheidene Mann, ahnte damals 
gewiß nicht, daß nur wenige Jahre nach feinem Hinfcheiden 
feine Erben die ihnen hinterlajfenen Millionen verfpielt 
haben würden. 

Statt des ausgetretenen fteiner’fihen Bankhauſes trat 
nunmehr das Haus Rothſchild zu den drei bleibenden 
Firmen mit ganz neuen Anleiheplanen in Form von Lotte- 
rien ein, welche das Publikum ſehr guutirte, und die, Durch 
jährliche Ziehungen in kurzer Zeit erfchöpft, wiederum er— 
neuert werden mußten und die Agiotage befürderten. 

Nach dem Sturze Napoleon’ nahm das Haus Noth- 
ſchild ftatt feiner bisher beobachteten Marimen ganz ent- 
gegengejeste Prinzipien an; es vperirte gleicham im 
umgefehrten Sinne, und trieb die Staatspapiere nach feiner 
aungenblidlichen jedesmaligen Konvenienz mehr oder weniger 
in die Höhe, ſo daß der Tilgungsfonds die zu 60 Prozent 
(nämlich mit 40 Prozent Verluſt) verkauften fünfprozentt- 
gen Papiere fpäter mit 106 bis 109 Prozent einlögte ; 
welch ein bedeutender Gewinn war die unausbleibliche 
Folge diefer rotbichild’schen Operationen! 

Nicht fo glücklich war das mit ihm fir Die dfter- 
reichiihen Anleihegejchäfte verbundene Bankierhaus Fries 
et Co. in Wien. Ungeachtet der einzige Sohn, Graf Fries, 
von feinem Vater 6—8 Millionen ererbte und durch die 
Geſchäfte jeines Mechfelhaufes jährlich Hunderttauſende ge- 
warn, mußte er dennoch im Jahre 1824 Haus und Hof 


64 Gilftes Buch. 


verlaffen, und flüchtete nach Paris, mwofelbft er bald dar— 
auf jein Leben endete. | 

Diefe Kataſtrophe führte den drei für die öſterreichi— 
ſchen Anleihegefchäfte verbunden gebliebenen drei Häufern 
Geymüller, Arnftein und Eskeles, und Nothfchild den wiener 
Millionär und Bankier Baron Simon Georg Sina zu, und diefe 
vier Häufer festen nun die Unterhandlungen der fortdauern- 
den öſterreichiſchen Anleihegeichäfte mit der Negierung fort. 

Die Zwei der Gebrüder Geymüller, welche die Handlung 
gegründet, hatten bereit3 den Geſchäften entiagt und lebten 
von ihren beträchtlichen Kapitalien. Ihr bei ihnen erzoge- 
ner und als Sohn angenommener Neffe Falkner, ſpäter 
von Geymüller, blieb allein an der Spike des Haufes mit 
einem Fonds von 1 Million, der bald aufgezehrt war, 
worauf der Chef bei Nacht und Nebel davonging. Am 12. 
Februar 1843, 19 Monate nach ausgebrochenem Banferott, 
eriebien unerwartet ein Steckbrief de3 wiener Kriminal- 
gericht hinter dem Entwichenen, der ihn ‚des Verbrechens 
der Veruntreuung rechtlich bezichtigte.‘ Auch die Gebrüder 
Schickh, Erben des Wechfelhaufes Steiner et Co., wurden 
gleichfalls ftecibrieflich verfolgt, zur Haft gebracht, und 
zur Kriminalunterfuhung gezogen. 

Zu jener Zeit wurden fait alle Sandelskäufer in ihren 
Grundfeſten erſchüttert; nur die Häufer Rothſchild blieben 
unerfchütterlich und in Geldgefchäften allmächtig. 

Außer Diefen Staatsgeldgefchäften benützte das Haus 
Rothſchild zu Wien, an deſſen Spitze Salomon Rothichild, 
der zweite Sohn des alten Mayer Amfchel Nothichild, 


Das rothſchild'ſche Haus in Wien, 65 


dis zu seinem Tode ftand, jede Gelegenheit zu anders 
weitigen gewinnreichen Unternehmungen; jo vermittelte eg 
bedeutende Anleihen für den Fürſten Eſterhäzy und für 
andere große Häuſer der öfterreichifchen hohen Ariftofratie, 
wovon wir jehon früher gejprochen; ferner gründete es 
u. a. eine Feiterverjicherungsanftalt, deren Aktien es mit 
bedeutendem DBortheil verkaufte, die laufenden Wechſelge— 
Ihäfte umgerechnet, die e3 in einem Gaſthauſe trieb, das 
es 30 Jahre hindurch bewohnte, um in Dejterreich nicht 
beimifch zu fein. 

Im Sabre 1836 übernahm das Haus Rothſchild von 
der öfterreichifchen Negierung den Bau einer Eifenbahn von 
Wien nah Bochnia, verfaufte die 12 Millionen Aftien 
derjelben, noch ehe eine Schaufel in Bewegung geſetzt war, 
mit 15 Prozent Agio und theilte dein Nußen mit feinen 
©ejchäftsverbündeten. Schon 1841 waren die Aktien von 
115 auf 62 gefallen, und die Regierung ſchoß der Bauge— 
ſellſchaft 5 Millionen vor zur Aushilfe, übernahm indeß 
Ende Dezember desfelben Jahres den Weiterbau der Bahn 
für ihre alleinige Rechnung. 

Mie in den übrigen Städten, wo Rothſchild's Ge— 
Thäftsetabliffements ihr Domizil haben, jo beherrſcht es 
auch bier in Wien die Börſe; es läßt alle Aktien und 
Papiere fteigen und fallen; und Damit hatte es bier fol- 
gende Bewandiniß unter dem Chef Salomon von Noth- 
ſchild. Während der Anmwefenheit desjelben in Wien be- 
ſuchten ihn täglich Die Koryphäen der Börfe, die um 12 
Uhr geöffnet und um 4 Uhr geſchloſſen wurde. Vor und 

Das Haus Rothſchild. I. 5 


66 Eilftes Buch. 


nad) dieſer Zeit verfammelten fich die Agioteure in dem 
von ihnen gepachteten und doch auch dem Publikum offen- 
geitandenen ‚Iinzer Kaffeehaus‘ in der Grünangergaſſe, wo 
der Papierhandel ununterbrochen bis in die fpäte Nacht 
fortgetrieben, das heißt wirkliche Gefchäfte abgeichloffen, 
der Kurs der verfchiedenen Staatspapiere und Mftien fo 
wie an der Börſe bejtimmt, und die Spekulation ins 
Meite, ja bis ind Große getrieben wurde. Rothſchild Hatte 
einen Großhändler zu firem jährlichen Salär von 12.000 
Gulden außer bedeutenden Nebenſporteln in jeinen Dienſten. 
Dieſer erichien täglich früh Morgens bei Rothſchild, und 
beide verabredeten den Operationsplan des Tages. Der 
Großhändler Hatte auf der Börſe und im ‚PBanduren- 
lager‘ feine Bertrauten, mit denen er Scheinfäufe und 
Verkäufe abſchloß; nebenbei hatte er auch einige Gallo— 
pins im Dienit, die während der Börſenzeit zwiichen ihm 
und Rothſchild hin» und herliefen, Verhaltungsbefehle nad 
Umftänden einholten und brachten, um nach Konvenienz den 
Kurs jteigen oder finfen zu Jajfen, wie e8 der für den 
Augenblick fombinirte Plan erforderte. _ Die in diefe Pläne 
nicht eingemweihten Spekulanten und Börfenfpieler machten 
natürlich gar ſchlechte Geſchäfte. Die Familie dieſes Groß— 
händlers war zudem groß und ſtand bei Rothſchild in 
großer Gunſt; ein Glied derſelben war bei Rothſchild's 
Abweſenheit von Wien Prokuraführer des Hauſes und ſein 
Faktotum bei der Eiſenbahn; er war ein armer Mann, 
als er zu Rothſchild kam, und gehörte ſpäter zu den 
Millionären. Alſo geregelt waren die Geſchäftsſpekulatio⸗ 

















Das rothſchild'ſche Haus in Wien. 67 


nen des wiener Haufes Rothſchild unter — Chef, dem 
weiſen Salomon. 
Die von Jahr zu Jahr im Publikum ee ‚Suct, 
Schnell veish zu werden,“ bat wie in anderen großen Re— 
ſidenz- und Börfenjtädten, jo auch in Wien zu Zetten merf- 
wirdige Erſcheinungen dargeboten. Sp un. a. im Sahre 
1838, wo zu der großen Wien-Trieſter Gijenbahn der 
Anfang gemacht wurde. Das Haus Sina in Wien gab 
im Frühjahr des genannten Jahres 5500 Stück Aktien, 
die fogenannten Wien-Raaber aus, und es ift zu bezwei— 
feln, ob je zu Law's Aktienfchwindelgeit zu Paris die die— 
ferbalb berüchtigte Strafe Quincampoix ein lebhafteres Bild 
der Aktienwuth dargeboten hat, als die Umgebung des 
fürſtlich ſchwarzenberg'ſchen Palais am Rennwege zu Wien. 
Dort fand nämlich die Unterzeichnung auf jene 5500 Stüd 
Aktien ftatt. Nicht nur war der Menfchenzufluß jo enorm, 
dag neben Bolizetwachen zu Fuß und zu Pferde reguläre 
Infanterie und Kavallerie im geichloffenen Reihen den 
‚ Stumm des Volkes kaum abzuhalten vermochte, jondern es 
batte jich ein großer Theil der Menge ſchon Tages zuvor 
in der Nähe des Palais aufgehalten und die Nacht dort 
zugebracht, um des Zutrittes gewiß zu fein. In jüngiter 
Zeit erlebte man Dasjelde bei den öſterreichiſchen Nati- 
| onalanleihen und der wiener Kreditanftalt für Handel und 
) Gewerbe, deren Theilhaber das wiener Haus Nothichild 
gleichfalls iſt. 
In fait allen öſterreichiſchen Rinangoperationen hat 
dasſelbe eine hervorſtechende Rolle gefpielt; fait alle Anlei— 
5* 





68 Gilftes Buch 


ben find zuerft durch feine Hand gegangen, und es iſt auch 
nicht felten mit den Privatvermögensverhältniſſen der kaiſer— 
lihen Kamilie betraut geweſen. Herr von Rothſchild hat Ein- 
tritt in das Kabinet der Minifter. Der Hofrath im Finanz- 
Departement Brentano aus Frankfurt am Main war in feiner 
früheren Stellung als Kaufmann zu Trieſt Geſchäftsträger 
des frankfurter Haufes für die ©eldangelegenheiten im 
Drient. Sn Trieft beeinflußt jest Rothſchild Durch Das 
dortige Haus Morpurgo den Geldmarkt wie überall, findet 
aber in dem dortigen Kandelsftande würdige Nivalen. 


Ebenſo übt es feinen Einfluß auf das Berge und Hütten 


wejen. Bekanntlich hat Spanien an das Haus Nothichild 
die Queckſilberwerke von Almadea verpachtet, mit welchen 
in Europa allein die Hfterreichifchen Gruben von Sdria fon: 
furriren, welche jährlich eine Ausbente von 3000 Zentnern 
gewähren. Infolge eines im gegenjeitigen Intereſſe gez 
Ichloffenen Uebereinfommens find die Preiſe jowohl von 
Duedfilber wie von Zinnober auf eine gleiche Höhe ge- 
jtellt worden, woraus die vielfach verflochtenen Bezüge Roth— 
ſchild's zur Genüge fi) ergeben. — Auch zur Stadt Wien 
jteht das Haus in mehrfachen Beziehungen, und der Ma— 
giftrat der Reſidenz überreichte Den: Chef des Hauſes im 
Sabre 1843 neben den öſterreichiſchen Staatsminiftern 
Grafen von Kolowrat und Hardegg als Neujahrsgeſchenk 
das Diplom als Ehrenbürger der Stadt, deffen Bürger er 
infolge feiner jüdifchen Konfeſſion nicht werden konnte, ‚in 
Anbetracht feiner Verdienſte um die Monarchie im allge- 
meinen wie in Anerkennung feiner lobenswerthen Beſtre— 











Das rothfchild’fche Haus in Wien. 


bungen um das ftädtiiche Gemeinweſen insbeſondere, na— 
mentlich auch wegen im Stillen wirfender Wohlthätigkeit 
allgemein geliebt und geachtet.‘ 

Mie bereits früher erwähnt worden, fchloß das Haus 
Rothſchild theils allein, theil3 in Kompagnie, feit dem 
Sabre 1820 mehrere Staatsanleihen mit Oefterreich ab. 

Die erfte diefer Anleihen, abgefohloffen im Jahre 1820 
mit David Parifh und Rothſchild zu Wien im Betrage 
von 20,800.000 Gulden in Brämienfcheinen von 100 Gul⸗ 
den, von welchen te 260 eine Serie bilden, hatte einen 
regelmäßigen Verlauf; die Ziehungen folgten von Jahr 
zu Jahr, und das ganze Geſchäft erhielt feine Erledigung 
im Sabre 1840. Es hatte feinen großen Abſatz wegen 
der großen damit verbundenen Gewinne gefunden. 

Die zweite Anleihe erfolgte bei denſelben Häufern im 
Sabre 1821 auf Höhe von 37% Millionen in Bartialen 
zu 250 Gulden, deren Nüdzahlung bis 1841 durch 14 
Ziehungen erfolgte. 

Ende 1823 eröffnete Defterreich eine Anleihe von 25 
Millionen bei Rothſchild, Gebr. Baring und Irwing & ©. 
in London, um die an England fchuldigen Suftdiengelder 
zu erftatten, welche es zum Betrage von 2’; Millionen 
Pfund Sterling zur Vertheidigung Belgiens erhalten hatte. 

Ferner wurde laut Zirfulare vom 1. Dezember 1829 
zur Einziehung der Zentralfaffen-Anmweifungen eine Anleihe 
von 25 Millionen bei Nothiehild, Geymüller & Eo., Arn⸗ 
ftein & Esfeles und Sina abgefchloffen. 

Eine fernere Prämienanleibe ward im Sabre 1834 


70 Eilftes Buch. 


mit denſelben Häuſern und auf gleich hohe Kapitalſumme 
abgeſchloſſen; ihr folgte 1839 mit denſelben Bankiers noch 
ein Anleihen von 30 Millionen. Bei beiden waren die 
Bedingungen für den Staat günſtiger, als es bei den frü— 
heren der Fall geweſen, das erſte gegen fünf-, das zweite 
gegen vierprozentige Zinſen. 

Das letzte Anleihen, welches Rothſchild für Oeſter— 
reich vermittelte, erfolgte um die Mitte des Jahres 1842 
zur Summe von 40 Millionen; es geſchah in Gemein— 
ſchaft mit den mehrerwähnten Häuſern und warf für ſie 
4 Millionen Gewinn ab. 


Zwölftes Bud. 


Rothfehild’s Betheiligung an Eifenbahnen, induftriellen 
Unternehmungen, Greditanfalten, Aktiengefellfchaften 
n. ſ. w. 





Der Dampf und feine Einwirfungen auf die Geital: 

tungender Gegenwart. — Eijenbahnen und indujtrielle 

Unternehmungen. — Banken. — Kreditanſtalten und 

Aktiengeſellſchaften. — Antheil und Gewinn Noth- 
ſchild's daran. 


Die Steinkohle ift die größte Nebellin wider die bis- 
herigen Weltzuftände, der Dampf ihr Nevolutionsgenpife 
und durch fie die Mafchine, die Seele aller Bewegung, 
die Beherrfeberin der Welt geworden. Die lebloje Gewalt 
des Dampfes, das Erzeugniß der Steinkohle und des 
Waſſers, jebt die Mafchine in Bewegung, fie berrjcht von 
Vol zu Bol, jelbit der entferntefte Punkt der Erde bleibt 
von ihren Einwirfungen nicht verfchont; Die Anwendung 
der Dampffraft zu praftifchen Zweden ift die größte Er— 
findung der Neuzeit; denn fie ift die Quelle der großartig: 
ften Umwandlungen und Neugeſtaltungen im ©ebiete ſo— 
wohl des materiellen Verkehrs wie der geiſtigen Annähe— 
rung; denn auf den Eiſenbahnlinien nähern ſich gleich— 
falls die Geiſter, die Entfernungen zwiſchen den Ländern 
ſchwinden, die Völker treten nahe zu einander heran, und 
durch die elektriſchen Telegraphen bewegt ſich der Gedanke 


7A Zmölftes Bud). 


auf Taufende von Meilen weit von einem Orte zum an— 
deren mit der Schnelle des Blikes. 

‚Groß ift unfere Zeit und kräftig, 

Und von edlem Drang gefchwellt. 

Der Gedanke zieht gejchäftig 

Als Gefandter Durch Die Welt.‘ 
alfo fang Viktor Hugo, Frankreich! großer Dichter. 

Die Größe Diefer Erfindung wird von der Gegen: 
wart augenblidiih nur nach ihren Erfolgen in Förderung 
der materiellen Intereſſen gewürdigt, und aus dieſem 
Grunde wendet die geldbejitende Macht, die mit dem 
Pfunde wuchert, ihr ihre befondere Aufmerkfamfeit und 
Mittel in noch nie vorgefommener Weiſe und in beifpiel- 
Iofen Summen zu um materiellen Gewinn und Vortheil. 
ur zu wenig erfennt man augenblicklich, daß die Dampf: 
fraft und der eleftrifche Zunfe ebenjogut Lofomotiven 
der Jntelligenz in Bewegung jeben, als Waggons 
zum Güter- und Perſonentransporte. Die Buchöruder: 
kunſt, der Kompaß und das Schießpulver, drei Erfindun— 
gen, Faft zu ſchwer für ein Jahrhundert, haben die Mittel 
zu allen den mächtigen, fich drängenden Bewegungen, Um— 
geftaltungen und KFortjchritten der foigenden drei Jahr— 
hunderte gegeben, die feine einzige Erfindung aufzumeifen 
haben, welche jenen an Großartigkeit und Einfluß in ihren 
Wirkungen an die Seite gefebt zu werden verdiente. Die 
Dampfmafchinne ift die vierte Erfindung von welthiftorifcher 
Bedeutung, die Tochter unſeres Jahrhunderts, die Be— 
gründerin der Majchinenmacht, die äußere Iriebfeder einer 


Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. f. w. 75 


erſt im Beginn begriffenen Ummälzung, die von Gewerben 
und Erzeugung fih auf das ganze gejelljihaftliche Leben 
ausdehnen wird. Neben ihr geht die Erfindung des elef- 
triichen Telegraphen, welche den Gedanken und Gedanken— 
verfehr beflügelnd wie jene, Zeit und Kraft erfparend, den 
materiellen Verkehr bejchleunigt und die Entfernungen 
ichwinden macht. Wie die Buchdruderfunft und die Tele- 
graphie die geiftigen Errungenschaften in ihrer Verbreitung 
von Land zu Land fördern, jo die Dampffraft die mas 
teriellen; und Wort und Waare, Gedanke und That gehen 
mit Blißesjchnelle von Bol zu Bol. 

Menn auch die Dampffraft bereits im vorigen Jahr⸗ 
Hundert entdeckt wurde, jo blieb fie dennoch während desjelben 
ohne Einwirkung auf die Welt und die Weltgejtaltungen. 
Das Jahr 1769 gilt als dasjenige, wo James Watt die 
erſte Dampfmaſchine aufftelte;s die erſte Lokomotive 
baute im Jahre 1778 der franzöfiiche Ingenieur Cugnot; 
die erjten wahren Dampfwagen aber bauten 1802 Tre: 
vithif, 1811 Blenkinſop, beide nach der unrichtigen Anficht, 
dag ein glattes Rad auf glatter Schiene fich nicht fort: 
bewege, weghalb man Die Erfindung bald zu den Fehl: 
geburten zählte. Nach einigen fruchtlojen Beſſerungsver— 
ſuchen löste Bladfet 1814 das große Problem, wodurd 
Nobert Stephenjon zum Bau der Lokomotive in ihrer 
heutigen Geftalt gefiihrt wurde. 

Diefe Erfindung rief Eifenbahnen und Dampfichiffe 
ins Leben, und der daraus entipringende allgemeine Itußen 
beſteht darin, dag Perſonenverkehr und Oütertransport 


76 Zmwölftes Bud). 


auf das Schnellite befürdert und beſchleunigt, die DVerbin- 
dung zwifchen entfernten Ländern und der Austaufch ihrer 
Produkte überhaupt erleichtert wird, indem man durch dieſe 
jehnellen Bewegungsmittel nicht unbedeutende Erſparniſſe 
an Zeit und Geld macht. Sie find mithin im Intereſſe 
der Geſammtheit, und was im Intereſſe derſelben iſt, 
das iſt auch im Intereſſe de Mehrheit; nur muß man 
nicht verlangen, daß der Vortheil ſich augenblicklich an 
jedem Orte in gleicher Weiſe offenbaren ſoll. Die Nach— 
theile, welche neue Erfindungen für Einzelne oder einzelne 
Klaſſen der Geſellſchaft jedesmal unausbleiblich im Ge— 
folge haben, geben ſich bei Anwendung der Dampfkraft 
als Bewegungsmittel in der gegenwärtigen Generation 
gleichfalls fühlbar zu erkennen, und erſt in den folgenden 
Generationen werden ſich alle dadurch entſtandenen nach— 
theiligen Ungleichheiten und Konflikte allmälig ausgleichen. 

Durch die Verbreitung und Vervollkommnung aller 
Transportmittel infolge der Dampfſchifffahrt und Eiſen— 
bahnen und der Ausdehnung des Eiſenbahnſyſtems ver— 
zinſt ſich der Zeitgewinn; denn wo Zeit und Arbeit er— 
ſpart wird, da tritt auch Erſparung des zum Handelsver— 
kehr erforderlichen Kapitals ein. Ueber die Vortheile, 
welche dieſe Steigerung der Transportmittel hervorbringt, 
herrſchen die verkehrteſten, widerſinnigſten Anſichten. Viele 
behaupten, daß durch Eiſenbahnen das Wohl der Völker 
durch Mehrung der fogenannten Bolf3wohlfahrt ge 
fördert wiirde; bier ift aber vor allem zu bedenfen, daß 
die fich ergebenden VBortheile unter der großen Zahl der 





Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. ſ. w. 77 


Bevölkerung fait ausſchließlich nur Einzelnen aus einzelnen 
Klaſſen zugute kommen, z. B. dem größeren Kaufmann 
und Handeltreibenden, dem mit Produkten Handelnden, 
während dem Produzenten kaum irgend ein kleiner Vor— 
theil, dem Konſumenten aber nur Schaden erwächſt. Was 
dadurch möglicherweiſe bei anderer und fernerer Geſtal— 
tung der dadurch ſich bildenden Verhältniſſe und Bezüge 
zwiſchen jenen genannten drei verſchiedenen Klaſſen Gutes 
erwachſen könnte, wird im Augenblicke durch den Mis— 
brauch, der Platz gegriffen und ſich zu einer wahren Ei— 
ſenbahnbaumanie geſteigert hat, beinahe vollſtändig 
paralyſirt. 

Alles Gute kann misbraucht werden, wenn man in 
ſeiner Anwendung mit unvollkommenen Begriffen zu Werke 
geht, und eben dieſer Misbrauch iſt die Quelle des Uebels 
geworden, an dem unſere Generation leidet, woran ſie 
noch lange Zeit leiden wird, auch wenn man nicht fort— 
fährt, das richtige Maß aus den Augen zu verlieren, ſon— 
dern es bei dem bewenden läßt, was bisher geſchehen iſt. 

Man hat hinſichtlich der Eiſenbahnen in vielen Län— 
dern mehr unternommen, als man leiſten kann, namentlich 
in England, Frankreich und vor allem in Deutſchland. 
Unter dem unmittelbaren Einfluße dieſes Misbrauches in 
der Ausdehnung der Eiſenbahnnetze in allen drei Ländern 
zieht die unaufhaltſame Tendenz des ſchwebenden Kapitals 
eine theilweife Ummandlung desfelben in ein fires nach 
ih, jo daß folglih die disponible Quantität desfelben, 
jo lange nämlich als die Vollendung der unternonmenen 


78 Zwölftes Buch. 


Eiſenbahnen nicht anfängt, reichhaltigen Erfaß zu geben, 
fich vermindern muß und feiner gewöhnlichen Anwendung 
entfremdet wird. 

Betrachten wir zunächſt England. Hier gaben 1853 
die Dajelbft vorhandenen Gifenbahnen nur einen Reiner— 
trag von 3%), Prozent, ein wahrhaft erbärmlicder 
Gewinn fir das dem Eifenbahnbau zugemwandte enorme 
Kapital. Wir find trob aller ftatiftifchen Schriften und 
Nachweifen, womit der Buchhändlermarkt aller Länder in 
neuerer Zeit überflutet wird, außer Stande, Gewiſſes 
iiber die Roftenverhältuiffe der Eifenbahnnete der Gegen- 
wart mitzutheilen, und müſſen Daher — was unſerem 
Zwecke feinen Abbruch thut — mehr als ein Jahrzehend 
zurückgehen, wo wir fichere ftatiitifche Anhaltspunkte treffen 
Geben wir daher bis zum Jahre 1844 zurück! 

In diefem Jahre waren in England 69 Eifenbahnen 
vollendet, deren Geſammtlänge aus 2069 englifchen Mei- 
len beitand, und welche 64,238,600 Pfund Sterling fofteten. 
Diefe Ausgabe ift von dem Lande in einem Zeitraume von 
12 Jahren (vom 1. Januar 1833 bi3 Ende Dezember 1844) 
folglich mit einer Durchſchnittsſumme von 5,353,216 Pfund 
jährlich beftritten worden. Die in der Parlamentsfikung 
von 1844 genehmigten, aber erſt 1845 begonnenen Gifen- 
bahnen iind auf 14,793,994 Pfund Sterling und die 1845 
gutgeheißenen auf 59,613,526 Pfund Sterling angejchla- 
gen; die Geſammtſumme beläuft fich alſo auf 74,407.520 
Pfund, für 130 nene Bahnen, deren Gejammtmeilenzahl 
fih auf 3543 erhebt. Zu obiger Summe von 74,407.520 








Rothfchild’s Berheiligung an Giferbahnen u. |, w 79 


fhlagen wir 29,763.008 als möglide Misrechnung 
bei den Roftenanjchlägen von nur 40 Prozent, (da in 
England Fälle vorgefommen, daß die wirklichen Koften 
die Voranſchläge um 138, 159, ja wie bei der Bahn von 
London nach Briftol um 166 Prozent überftiegen,) Hinzu, 
was für die jeit 1845 im Bau begriffenen Bahıen eine 
Summe von 104,170.528 Pfund gibt. Diefe auf die 4 
Sabre 1846—49 vertheilt, fo ergibt fich im Durchichnitt 
eine jährlihe Summe von 26,042,632 Pfund, alfo weit 
über ein Drittel der Staatseinnahme Englands, deſſen Ei— 
jenbahnen — aneinandergelegt — einen Gifengürtel um 
den Erdball bilden. 

Es gehört zu einer der gewöhnlichiten und gröbften 
Irrthümer der Gegenwart, wenn man vorausfekt, daß ſo— 
lange das für die Eifenbahnen ausgegebene Geld im Lande 
bleibt, es durchaus feinen Unterſchied mache, in weſſen 
Händen es fich befinde; Daß der Drud, den die große Aus— 


lage irgendwo erzeuge, durch den anderswo daraus entfte 
henden Weberfluß das allgemeine Gleichgewicht wieder her— 
‚ ftellen müffe und feine Abnahme in dem Betrage des fo 
‚ zirfulirenden Kapitals beroorbringen könne. Diefer Strs 
thum beruht auf dem unvollfommenen Begriff, den man 
Bit: gemeinhin von dem Worte: Kapital macht, jobald man 


den Unterſchied zwiſchen firem und ſchwebendem Ka- 


pital überfieht. Alles was einen gewiffen Ertrag, gewiſſe 


Zinſen gibt, 3.38. Grund und Boden, Gebäude, Landitrapen, 
Kanäle, Eiſenbahnen, gehört zu erfterem; der Ertrag, Die 


Zinſen bilden Das zweite, welches, manchfach angewandt, 


80 Zwölftes Buch 


ſeinen Eigenthümern mit dem gewonnenen Vortheile immer 
wieder zufließt, ſo lange es in Bewegung bleibt oder ſchwebt. 
Jenachdem nun ein Theil desſelben aus dieſem ewigen 
Kreislaufe heraustritt, ſich in neue Anlagen z. B. Eiſen— 
bahnen ſteckt, verringert ſich das Maß ſeiner disponiblen 
Quantität. Die beim Eiſenbahnbau beſchäftigten Arbeiter 
konſumiren große Quantitäten heimiſcher Lebensmittel, ſie 
werden mit barem Gelde bezahlt; fie find Dazu der 
Landesinduftrie während der Zeit ihrer Eiſenbahnarbeit 
entzogen, arbeiten und gewinnen, ohne irgendein unmit— 
telbares, zum Handelsmarkte geeignete Produkt zu liefern; 
der Betrag Des Arbeitslohnes fiir fie muß aus dem ſchwe— 
benden Kapital beftritten werden, und Diejer abgefonderte 
Theil desjelben nimmt dann den Charakter eines firen an. 
Steht der Bau der Eiſenbahnen im Verhältniß mit ben 
natürlichen Kräften und Mitteln eines Landes, wie 3. B. 
in Belgien, jo ift feine ©eldflemme, Fein Druck zu fürchten. 
St man aber darüber Hinausgegangen; fo iſt Alles zu 
fürchten. Und in diefem Falle befinden fich ſowohl England 
wie Tranfreich und Deutjchland. 

Sn Frankreich, wo 1851 bereit3 500 Meilen Eifen- 
bahnen mit 107 Millionen Einnahme fertig waren, bat 
die Spefulationswuth auf den fchlüpfrigen Boden großer, 
aber meift fehlechtberechneter Eifenbahnbauten geführt. Das 
Kapital zur Vollendung der von den Kammern genehmig- 
ten Eifenbahnen fehäßte man am 1. Januar 1847 auf 
1.648,500.000 Franks; die wirklichen Koften überjliegen 
auch bier die Voranichläge um ein Vedeutendes, fo daß Die 





Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. |. m. si 


Sejammifumme 1.908,500.000 Franks beträgt. Dieſe 
auf fünf Sabre vertheilt, jo fommt eine jährliche Durch— 
ſchnittsausgabe son 381,700.000 Franfs.”) 

In Deutichland waren 1846 fertig 1763 Meilen 
Sifenbahnen, deren Anlagefapital 616 Millionen Thaler 
beitrug, mit einer Sahreseinnahme von 45 Millionen — 
nach Abzug von 23 Millionen Betriebsausgaben — 22 Mil- 
lionen und einem Zinsbetrag von 3—13 Prozent, wäh- 
rend — nach Reden — in England dasfelbe nur 3%), 
Prozent mar. 

In Breugen waren am 1. Januar 1854 im Betriebe 
443 Meilen mit einem Baufapital soon 198 Millionen, 
im Bau oder mit Konzeſſion verjehben 143 Meilen mit 50 
Millionen; und projektirte Eifenbahnen von 195 Meilen 
mit 68 Millionen Baufapital, zufammen 781 Meilen mit 
316 Millionen, alfo der dreifachen Einnahme eines einjäh- 
rigen Staatsbudgets. Bis zum 1. Januar 1855 waren 
bereits 270 Millionen für Eiſenbahnen verwandt. Am 
Schluſſe des Sahres 1854 waren im Betrieb 491 Meilen. 
| In Defterreih waren 1853 247 Meilen Staats- 

bahnen und 117 Meilen Brivatbahnen theil3 im Bau, 
theils im Betriebe, mit einem Baufapital von etwa 150 
Millionen; der Umfang des Eifenbahnbaues hat fich jeit- 
dem daſelbſt jo bedeutend vergrößert, dag man im Beginn 
des Jahres 1856 den Ausbruch einer Eifenbahnbaufrifis 


) Nach einer zweiten Berechnung betrug das bis 1855 veraus- 
gabte Baufapital in Frankreich 2 Milliarden 177 Millionen, 
wovon der Staat 1 Milliarde 83 Millionen gezahlt Hatte. 

Das Haus Rothſchild. I. 6 


82 Zwölftes Buch. 


— wenn auch noch zu ooreilig — befürchtete. In Eng— 
land gab man die Geldkrifis und ihre diohenden Gefah— 
ven im Jahre 1847 hauptfächlich den jo maßlos gefteiger- 
ten baren Bedirfniffen des Eiſenbahnbaues Schuld, und 
der Schabfanzler motivirte dieſe Anficht auch in einem 
ausführlichen DBortrage in einer Unterhausſitzung am 
Schluſſe des Jahres. Er wies nach, daß die Ausga- 
ben für Eifenbahnen, die in der erften Hälfte des vorherge- 
gangenen Jahres 1846 9,815.000 Pfund Sterling, in 
der zweiten Hälfte Dagegen 26,670.000 Pfund betragen 
hätten, in der eriten Hälfte von 1847 auf 25 Millionen 
geitiegen, und wenn die profeftisten Bahnen ausgeführt 
worden, in der zweiten Hälfte weitere 38 Millionen, aljo 
in einem Sahre SO—I0 Millionen wegnehmen würden. — 

Rußland's erfte große Eifenbahn, welche unter Niko— 
laus I. von einem amerifanifchen Ingenieur gebaut wurde, 
fommt erft unter Dem jesigen Kaiſer dem Publikum nach 


und nach zu Nuke. Bei ihrer Anlage Dachte die Regie— J 


rung nur an ſich. As der Car Nikolaus — fo erzählt 
der Monitene — um die Richtung der Bahn befragt 
wurde, nahm er ein Lineal und zug auf der Karte eine 
gerade Linie von Betersburg nach Moskau. Sp geſchah 
e3, daß Stationen und Brücken oft mitten in ftillen Ein- 
öden liegen und dem Publikum wenig nüsen, Da dasſelbe 
von den Ortfchaften oft weite Streden bis zu den Stati— 
onen zu machen bat, ebe es die Bahn erreicht. Eine Klei- 
nere Eifenbabnftrede wurde im Sahre 1837 am 20. Dfto- 
ber eröffnet, zwiſchen Petersburg und Zarfinje-Selo 


























Rothſchild's Betheiligung an Eiſenbahnen u. ſ. w. 83 


und Pawlowsk, 3%, Meilen lang, von Brivaten auf Ak— 
tien erbaut. | 

Die zweite Eifenbahn ift die zwiſchen Warfchau und 
Krakau, 1839 als Brivataftienunternehmen begonnen, 1842 
als Staatsbahn vollendet, 44 Meilen lang. Ihre Ein- 
nahme betrug 1851 546.721 Silber-Rubel, die Ausgabe 
392.783, aljo der Neinertrag 183.938 ©. R. fie befür- 
derte mit 24 Dampfwagen 393.448 Berfonen und 3,141.426 
Pfund Waren. 

Die eigentliche erſte ruſſiſche Staatsbahn ijt die zu— 
erit erwähnte große Eiſenbahnſtraße von Petersburg nach 
Moskau, am 1. November 1851 eröffnet, 88 Meilen lang, 
in 20 Stunden zurüdlegbar; fie gebt von Betersburg über 
Nowgorod, Waldai, Torjof und Twer. Das Anlagefapi- 
tal ward auf 43,026.700 ©. R. angefchlagen, Die geogra— 
phifhe Meile Eoftet jomit 520.000 Thaler ; der Rohertrag 
war 5,751.000, die Ausgabe 3,150.000 ©. R. oder 45 
Prozent der Roheinnahme, wornach der Neinertrag Das 
Anlagefapital mit 6 Prozent verzinjen würde. 

Die Eifenbahn von Petersburg nach Warſchau hat 
eine Länge von 144 Meilen und berührt Die Städte Luga, 
Pskow, Dünaburg, Wilna, Grodno und Bialiptod. Das 
Anlagefapital war auf 12 Millionen ©. R. berechnet. — 

Die außerordentliche Kapitalauslage, welche die Aus— 
führung der Eiſenbahnbauten erheifcht, erhebt fie zum 
großen Drebpunfte der Geldverhältnifje unſerer Zeit, denen 
dadurh Eine Richtung gegeben wird, Die alle Kapiialien 
in Anjpruch nimmt. Dadurch Teiden alle Erwerbszweige 

ß* 


84 Zwölftes Bud. 


ohne Ausnahme, die nicht mit diefer ausfchlieglichen Nich- 
tung in Zufammenhang fliehen. Der Eiſenbahnſchwindel 
hat bereitS in vielen Orten Krifen hervorgerufen ; den 
Ausweg zu entdeden, der aus dem Labyrinth der heutigen 
Seldverhältniffe führt, iſt zur Zeit unmöglich 5; der geſun— 
den Vernunft bietet fich indeg ein Mittel dar: rückwärts 
zugehen, wo man zu weit gegangen oder fich zu tief ver- 
jtiegen hat. In England war bereit3 im Jahr 1847 das 
Parlament ernftlich Damit bejchäftigt, mit der Ertheilung 
neuer Eiſenbahnkonzeſſionen einzuhalten, die Ausführung 
mehrerer Gifenbahnbauten auf längere Zeit zu vertheilen 
und ſomit die Erfüllung der eingegangenen Verpflichtun— 
gen zu erleichtern; auch in Frankreich machte man wenig⸗ 
jtens Miene zu ähnlichen Vorkehrungen, gleichwie Defter- 
veih in der jüngften Zeit mit großer Befonnenheit und 
gerechter Würdigung des jeweiligen Bedürfniſſes bei Er- 
tbeilung von Konzefjionen zu neuen Eijenbahnlinien vers 
fährt. Nur in Deutſchland allein geht der finnlofe Eijen- 
bahnbauſchwindel feinen Weg nach wie vor fort; eine neue 
Eiſenbahn wird nach der anderen angelegt, manche von 
Krähwinkel nach Schöppenftädt und wiederum von Schöp- 
penjtädt nach Krähwinkel, oft nebeneinander her, fo dag 
eine die andere — jobald fie fertig — brachlegen wird. 
Daher kommt denn auch Die jo Außerft geringe NRentabilis 
tät jo mancher deutſcher Gijenbahn, deren viele kaum 
die geringiten Zinfen, weit unter dem landesühlichen Zins: 
fuß, einbringen, die Aktionäre aljo auf immer in ihrem 
Einkommen benachtheiligen, da das bedeutende, zum Ban 

















| 


Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. f. w. 85 


einer Eiſenbahn angelegte Kapital nie wieder flüſſig zu 
machen und anderen Unternehmungen zuzuwenden iſt, in— 
dem es in den Schwellen und Schienen ſteckt. — 
„Rothſchild iſt der Chef der Eiſenbah— 
nen den Regierungen gegenüber — Eine Er— 
findung, wie fie nur alle Baar Jahrhunderte in der Ge— 
jehichte erjcheint, taucht auf einmal auf in Europa. Dieſe 
Erfindung der Dampfkraft droht Europa wieder in den 
Individualismus zurückzuwerfen und den Staat in lauter 
iſolirte Geſellſchaften aufzulöfen. Da wo font nur eine 
ftarfe Fauſt herrſchte, herrſcht jetzt eine Gefellichaft, eine 
Korporation, und diefe Geſellſchaften alle ſtehen unmill- 
firlich unter einem Chef, weil dieſes Haupt, wenn es will, 
die anderen alle zeritören fan. Und diefer Chef iſt Roth— 
child!” Das fagte A. Weil in feiner Flugſchrift über Noth- 
fchild im Sahre 1844; und heute im Jahre 1857 ift es 
ungefähr noch diejelbe Wahrheit, bejonders folange als die 
Eifenbahnen in den Händen von Gejellichaften find. Solche 
Aktiengefellichaften find Handels und Gefchäftsinnungen, 
die nicht aus Patriotismus, fondern aus Egoismus, aus 
Geldgier verfahren. In guten bevölierten Gegenden, wo 
viel Verkehr und viel zu gewinmen ift, legen dieſe Geſell— 
Ichaften Bahnen an; bei weiten Streden, durch unbejuchte, 
ſchwach bevölkerte Gegenden, wo fie gerade am nöthigiten 
wären, hüten fie ſich, fie mit Eiſenbahnen zu verfehen. 
Denn der Hauptzweck der Gejellichaften und Aktionäre 
iſt perſönliches Intereſſe und Gewinn. Worauf eritrek- 
fen ſich alfo ihre Förderungen? Sie wollen Brivilegien 


86 Zwölftes Bud. 


und Monopole haben. Was bieten ſie aber dem Staate 
dafür? Sie wollen ſichere Prozente haben, garantirte Ak— 
tien auf der Börſe ausſchreien, die Sicherheit, daß ſie nie 
unter 4 Prozent kommen, wird fie über alle Erwartung 
Durch die Agiotage heben, und fo gewinnen fie Millionen 
bei fiheren Gifenbahnen, die der Staat zur Hälfte für fie 
gemacht hat. 

Was fih in Franfreih — wie Lamartine im Sabre 
1842 in der franzöſiſchen Deputirtenfammer gethban — 
jagen läßt und in die eben angeführten Worte zufammen- 
gedrängt ift, das paßt fich alles noch mehr in Deutjch- 
land in Bezug auf Rothſchild. Selten haben fich Geſell— 
fchaften gebildet ohne feine Gönnerſchaft, und bilden fie fic) 
doch und er läßt fie allein walten, fo tft ficher nicht viel 
Daran zu verdienen. Durch Gefelliibaften befommen wir 
Gijenbahnjtreden, nie Eiſenbahnen; denn fie beißen 
nur da an, wo ein fetter Broden ift. *) 

Sharakteriftifch find bei den Eifenbahnen auch die ver— 
ſchiedenen Klaffen und Breife und die offenen Wagen: 
alle dieſe Einrichtungen find einzig und allein aus der Geld— 
gier der Eifenbahngefellfebaften hervorgegangen: Staats- 
posten kennen folche Unterfchiede nicht. England, wo Frei— 
heit hersfcht, wo aber das Volk elend, arm und roh tft, 
ging mit dem Beifpiele voran; der ganze Kontinent folgte 
ihm. Gigentlich hätte man adelige, bürgerliche und bäue— 
riiche Abtheilungen machen follen; aber die Eifenbahn 


*) A. Weil's Rothſchild und die europäifchen Staaten. un 
Franckh. 1844. 











3ä 


Rothſchild's Betheiligung an Eiſenbahnen u. f. w. 87 


iſt nicht fo ariſtokratiſch, wie fie ausſieht; es war ihr nicht 
um die Sache, fondern um das Geld zu thun: wer viel 
bezahlt, wird wie ein König empfangen, mer wenig, wird 
mie ein Kalb, das zur Schlachtbank geht, auf den Wagen 
geworfen. Der elegante Müßiggänger glaubt fich über den 
fleißigen Bauer und unbehandſchuhten Arbeiter erhaben, 
und würde um feinen Preis in der Welt neben ihm 
fahren. Wir haben in allen unferen öffentlichen Gebäu— 
den Abtheilungen der Plätze. Aber wenn eine Privatge- 
jellfchaft ein Theater baute und die Pläbe fo einrichtete, 
daß e3 hinein regne oder ſchneie, Damit die Leute den 
zweiten ftatt den Dritten vor Regen und Schiee geſchütz⸗ 
ten Platz einnähmen, das würde die Polizei kaum bei 
einer Meßbude dulden; wohl aber duldete fie es bei der 
Eiſenbahn. Die Eijenbahnfpefulanten machten die Beob- 
achtung, daß viele Leute ohne Vorurtheile lieber den wohl- 
Teilen al8 den theueren Platz wählen würden troß der ge- 
mifchten Geſellſchaft; da dachten fie: dieſe Humanität 
wollen wir euch fehon vertreiben und den Platz jo einrich- 
ten, daß fein Hund e3 drei Stunden darauf aushält. 
Bei ſchönem Wetter wird man vom Staub und Kohlen- 
abjall gefreflen, bei regnerifchem, Schnee- oder Hagel- 
Metter iſt's gar nicht zum Aushalten: übrigens müſſen 
Die Aerzte auch Ieben. Es gibt ja Menfihen genug, und 
die Aktien ftehen 7 Prozent. Sp dachten fie und — 
thaten, denn eine Aftiengejellichaft hat weiter nichts im 
Auge als Prozente: die ganze Welt darf untergehen, wenn 
fie nur ihre Prozente erhält; die ganze Vergangenheit und 


ss Zmwölftes Bud). 


Zukunft der Gefchichte tft ihr für ein Achtel Prozent feil. 
Daher die menfchenfeindlihen Eiſenbahnwa— 
genklaſſen! — | 

Schildern wir des Haufes Rothſchild Betheiligung 
an den Eifenbahnen näher! — 

„Als in den Testen Jahren — fagt der mehrerwähnte 
Artikel in der augsburger allgemeinen Zeitung vom Jahre 
1843 — der Spefulationggeift fich den indruftriellen Un— 
ternehmungen zumendete, und die Eifenbahnen ein Bedürf— 
niß des Kontinents wurden, ergriffen die Nothichilde aber- 
mals die Initiative und ftellten fich an die Spike der Be— 
wegung. Die verfailler Bahn am rechten Ufer der Seine 
ift ihre Schöpfung, und in Defterreich gaben fie durch den 
Bau der großartigen Nordbahn den eriten Anftoß zu Un— 
ternehmungen dieſer Art.” 

Die Bahn von Paris nach Verſailles it des parifer 
Hauſes Rothſchild ‚Schöpfung‘ Es war der Stifter der 
Sompagnie und Aftiengefelliehaft, eine folche ift ein Kol 
Veftioungehener, ein Drache mit taufend Schweifen, wie ſie 
die Babel. fehildert. In den fonftitutionellen Staaten, in 
Diefen Eldorado's der Banfiers, haben Die Deputirten, 
bejonder3 die viel Geld befiten, bedeutenden Einfluß auf 
die Miniſter. Es geſchah nun, daß, nachdem Rothſchild 
die Bahn von Paris nach Verſailles anlegte, Herr Fould 
eiferfüchtig darauf gleichfalls eine Bahn Haben wollte. 
Mar er doch Deputirter und im Beſitze von Millionen. 
Mitten in dem Unternehmen ftodte die Arbeit, die Regie— 
rung gab alsdanı Geld dazu her, und die Bahn wurde 














a nz — 





Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. |. w. 89 


vollendet. Mit ihr ward das Unglück vieler Familien eins 
geweiht. 

Wer erinnert fich nicht der furchtbaren Kataftrophe 
des 5. Mai 1842, verderblich und gräßlich ohnegleichen, 
wo mehrere hundert PBaffagiere auf diefer Bahn lebendig 
gefotten und gebraten wurden. Nicht ein Zufall rief 
Dasfelbe ins Leben; denn die Unglüdlichen, Die verftüm- 
melte Opfer des Unglüds geworden, — nur eine Stimme 
— gaben allein der Konkurrenz und der unverzeihlichiten 
Nachläſſigkeit der Geſellſchaft die Schuld. „Der Name 
Fould war in dem Munde der Sterbenden — erzählt 
ein Augenzeuge des namenlojen Unglüds — und nicht 
Derzeihbung war ihr lettes Wort. Aber, wird man jagen 
— fährt er fort — die Gerechtigkeit wies ja die Klagen- 
den ab. Sch erwiebere hierauf, daß außerhalb der 
Fury Frankreich die am wenigften Lob verdienende Ma— 
giftratur hat, ebenjo wie die Verwaltung. Zahlreiche Prozeſſe 
gegen Beide beweiſen das. Sch wage es zu behaupten, und 
ich weiß es aus Erfahrung, dag die franzöfifche Juſtiz Die 
beftechlichfte in ganz Europa war mit wenigen Ausnahmen. 
Und wißt ihr denn, ob nicht jene Nichter zufällig jelbit 
Aktionäre der Bahn waren? ch fage nicht, daß fie es 
find, glaube e3 auch nicht; aber es ift doch möglich, und jo 
kann e3 kommen, daß der ehrlichite Richter in feiner eigenen 
Sache richten fol. Einen Konflift mit dem eigenen Gewiſ—⸗ 
jen halt ein ziviliſirter Menſch fchon aus, aber etwas An“ 
dere3 ift e8, wenn er mit dem eigenen Intereſſe in Streit 
kommt: es ift dieß wenigſtens ein fißliches Ding." — 


90 Zwölftes Buch. 


Das Haus Rothichild bildet gegenüber den Eiſenbah— 
nen feine Sozietät; jubmiffionirt es die Konzeflion einer 
Bahn, jo ift jede Betheiligung, die jenes Haus einzelnen 
Perjonen gewährt, eine Vergünftigung, ja — ein ©eldge: 
ſchenk, welches es feinen Freunden angedeihen läßt. Die 
eventuellen Aktien, die fogenannten Bromefjen Des Haufes 
Rothſchild, ſtehen nämlich ſchon mehrere hundert Franka 
über pari, und wer daher folche Aktien al pari von Noth- 
ichild begehrt, bettelt im wahren Sinne des Wortes. 
Daraus erhellt die Meberlegenheit und Gewalt Rotbichtld’s 
in allen feinen Unternehmungen, deren glüdliche Reſultate 
— mit nur geringen Ausnahmen — allein in ſeinen 
Händen ruhen. 

Die Uebernahme der Eifenbahn nach Belgien war 
eins der Iufrativften ©efchäfte für Rothſchild; man erzählte 
— wie ein gewiffenhafter Gewährsmann Depping berichtete 
— in Baris unerbörte Dinge, fabelhafte Zahlen von dem 
unermeßlihen Gewinn, den dasſelbe abgeworfen. — Die 
Millionen laufen in die Hunderte hinein. 

Im Sahre 1854 wurde zwifchen der franzöftichen Re— 
gierung eimerjeits, und Nothichild und der Société gene- 
rale pour favoriser l’ industrie de Belgique andererfeit3 am 
19. Auguft ein Vertrag über den Bau einer Eifenbahn 
von der belgifchen Grenze bis Hautmont abgefehloffen, mit 
der Verpflichtung, fie in 2 Jahren zu vollenden; fie ſchließt 
fich an der Orenze an die von Mons fommende Bahn an, vers 
folgt das Flamennetbal, mündet in die Eifenbahn von ©. 
Quentin nach Erquelino und an die Sambre in der Gegend 





Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. |. mw. 91 


von Hautmont, und bildet fo einen Theil der von den Unter: 
nehmern berzuftellenden DBerbindungsbahn zwijchen Mons 
und dem frangöfifchen Eifenbahnnege. — Wie in Frank 
reich, 19 hat auch in Deiterreih das Haus Rothſchild meh— 
vere Gijenbahnen theils allein, theils unter Theilnahme 
öfterreichifeher Bankierhäuſer übernommen, die Nordbahn 
war die erfte, und über die lebte berichteten die Zeitungen 
im verflojfenen Jahre, dag zwijchen der k. k. Finanzverwal—⸗ 
tung und der Geſellſchaft Rothſchild, Tarabot und Lainz 
wegen Ueberlaſſung der italieniſchen Eiſenbahnen abgeſchloſſen, 
und der Vertrag die Sanktion des Kaiſers erhalten habe. 
Alle jene Eiſenbahnunternehmungen des Hauſes Roth— 
ſchild waren vom glücklichſten Erfolge. Namentlich war es 
wie geſagt die franzöſiſche Eiſenbahn insbeſondere; von den 
400.000 Aktien derſelben, welche ihm und ſeinen Geſell— 
ſchaftern Lafitte-Blount und Hottinger gehörten, behielt er 
102.000, der zweite 78.000 und der letztgenannte 22.485. 
Die Aktien waren zu 500 Franks berechnet; das Geſchäft 
geitaltete fich aber jo gut und genoß eines jo plößlichen 
Kredits, daß die bloßen Promeſſen auf 900 Franks ftiegen. 
Hat Rothſchild — wie zu erwarten ſteht — zur rechten Zeit 
Insgefchlagen, fo hat er mit einem Schlage vierzig 
Millionen verdient; veräußerte er fie nur zum Kurfe 
von 700, jo waren es immer noch 20 Millionen. — 
Anderweitige bedeutende Gewinne ermwachfen dem Haufe 
Rothſchild nicht minder durch feine Betheiligung an fon- 
figen Unternehmungen, namentlich bei Gründung von Kre- 
ditanftalten, Aftiengejellichaften, induſtriellen Unternehmun— 


92 Zwölftes Bud. 


gen, u. |. w. Hier arbeitet ihm Die Zeit und ihre Beftrebungen 
und Richtungen in die Hände: Die Gegenwart mit ihren ab- 
jonderlichen Spekulationen und tollen Schwindeleien geht mit 
ibm Hand in Hand dabei, und häuft ſchnell und Leicht den klin— 
genden Gewinn in Eoloffalen Summen in feinen Beſitz Die Er— 
folge, welche das Hans Rothſchild Surch feine Theilnahme an 
Gijenbahnen und jonftigen Öeldgefchäften gegenwärtig erzielt, 
übertreffen die früheren, durch die Vermittlung von Staatsanlei- 
hen gewonnenen Reſultate bei weitem, und man jagt nicht 
zu viel, wenn man behauptet, daß ein Zeitraum, innerhalb 
dejfen das Haus eine halbe Milliarde gewann, gegenmär- 
tig einen doppelten Millionenertrag ihm gewiß zuführt. 

Die Naferei der Spekulation unferer Zeit, welche den 
Vereinigten Staaten Nordamerifa’3 für ihr Eifenbahnnek 
allein aus Europa über 500 Millionen Dollars wegen 
des Hohen Zinsfußes zugeführt hat, wofür die Stod3 in 
europäischen Händen kurſiren, welche eine doppelte Zahl 
von Millionen bei Zettelbanfen, Aftiengefellfchaften für 
Bergwerks- und Hüttenbetrieb u. dergl. gezeichnet hat, ver- 
fteigt fich zu den bodenlofeften Schwindeleien. Wo irgend 
nur Dabei ſich eine Ausficht auf Gewinn öffnet, da ift 
auch Rothſchild's Feder zum Zeichnen mit jeinen Milli 
onenfummen in Bewegung oder zur Unterjchrift, die Den 
Kontrakt zur Errichtung eines folchen Unternehmens voll 
zieht. Alle dieſe Gejellichaften und Banfen und Kreditanz 
ftalten emittiren Wertbpapiere: ſchon am 1. Jänner 1856 
waren zur Ausgabe autorifirt rejp. in Zirkulation: 














! 


/ 


| 


Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. ſ. w. 95 


Ba Rrankkeih Da, 2165,096.454° Thaler, 
ae Stopbrkamen .. . 0: 249, 9A4927# 37, 

3. in den DVereinigten Staaten 

Rusnneimms 888886210003 
ne Deniichland 22.720396, 9 I 3H E74, 
INES 050413626 


wovon fait 400 Millionen auf Deutſchland kommen 
— eine Erſcheinung, die nur zum — Verderben Deutjch- 
lands führen fann. 

Schon ſeit beinahe zwei Jahren wird dieſer Zuftand 
ſtets fühlbarer, ſtets drückender; im Augenblik Elopft der 
Geldmangel bereit3 mit gefpenitifcher Hand überall an. 
Man klagte ſchon lange über die Vorgänge auf dem 
Geldmarkt ; in allen größeren Städten bildet die Börſe den 
Gegenſtand des Haupttagesgefprächs. Was man jchon 
vor Sahresfrift von Paris aus fehrieb, wiederholen ſeitdem 
alle anderen Städte rücdfichtlich der Kreditanftalten und 
ihrer Papiere. Schon jest werden allüberall die Bor- 
wehen gejpürtz in Deutjchland werden bereits die Staats— 
regierungen um Unterftüsungen und Vorſchüße in dieſer Geld- 
noth — aber vergeblich und das mit Recht — angerufen. 
Wehe aber allen frivolen und Teichtfinnig übertriebenen 
Spekulationen, wenn die eigentlichen Wehen eintre- 
ten und ihnen die Nachwehen folgen, die jchmerzhafte- 
ften notorifch jelbft bei naturgemäßen Geburten, um wie 
viel mehr bei Fehl- und Todtgeburten. — 

Man kann annehmen — fihrieb man furz vor Grüne 
dung der wiener Kreditanftalt aus Paris — daß der 


94 Zwölftes Buch. 


größte Theil des baren Bermögens von Frankreich in 
Seldpapieren verfteckt ift. Die Induſtrie, der Handel und 
der Grundbeſitz haben einen bedeutenden Theil ihres Ka: 
pitals in folche verwandelt; fie täufchten fich in der Hoff: 
nung, fie jeden Augenblif verwerthen und Gewinn daraus 
zieben zu fünnen. Der Credit mobilter, der gegenwärtige 
Hauptfaktor Der parifer Börſe, wird bereit3 vom Publikum 
angeklagt, die Fonds hoch hinauf getrieben zu haben und 
die Anfäufer jest fißen zu laffen. Ueberall dazu Schwin- 
del, draußen und drinnen, oben und unten in ganz Paris 
Der Geldmangel daſelbſt hatte Rückwirkungen auf alle 
Börfen, befonders in Wien, wo man eben mit Gründung 
einer ähnlichen Kreditanftalt umging, Die fpäter befanntz 
lich zur Unterftügung des Handels und der Gewerbe da— 
ſelbſt wirklich ins Leben getreten iſt. — 

Auch induftielle und Fabrikunternehmungen nahm in 
leßter Zeit das Haus Rothſchild felbit in die Hand, indem 
es u. a. im Jahre 1856 das bekannte Etabliffement St. 
Leonard bei Lüttich Fäuflich erftanden bat, um daſelbſt eine 
Maschinenfabrik en gros wie Die zu Seraing zu etabliren. 

Selbit nach Spanien hinüber erſtreckt ſich der Unter— 
nehmungsgeiſt Rothſchild's; den unter der Firma: Banco 
Eſpauol de San Fernando vereinigten Banken war es im 
Sahre 1847 unmöglich geworden, Die mit der Regierung 
geichlofjene Pachtung der Quedfilberbergwerfe von Alma— 
den länger zu behalten. Die Agenten des Haufes Roth— 
ſchild in Madrid übernahmen nun die Quedfilberberg- 
werke zur Ausbeutung derjelben für dad Haus; augenblid- 

















Rothſchild's Betheiligung an Eifenbahnen u. ſ. w. 95 


fich flieg dort der Preis des Queckſilbers und in ganz 
Europa ftellte fich jofort ein höherer Preis auf den Märk- 
ten fell. 

Ob das Haus Rothſchild gegenwärtig noch den An— 
tifen- und Raritätenhandel, fowie den An- und Berfauf 
alter Münzen feines Gründers Amſchel fortießt, darüber 
fehlt e3 uns an zuverläfliger Nachricht. Von Zeit zu Zeit 
lieſt man indeß in öffentlichen Blättern von der Acquifi- 
tion eines feltenen Stüds durch Rothſchild. So theilten 
vor kaum Jahresfrift Die Zeitungen mit, daß er Durch feinen 
Geſchäftskommiſſionär in Königsberg einen koſtbaren alten 
Schrank, 30.000 Thaler an Werth, von einer Witwe für 
2500 Thaler habe auflaufen laffen, was die Blätter der 


Tagespreſſe bejonders betonten. 


„Bo ein wahrhaft nationales Werk begonnen werden 


mag“ — fagt der oft zitirte Artikel der augsburger all— 


| 


( 





gemeinen Zeitung — „Darf man auf die Mitwirkung der 
Kapitalien Nothichild’3 vechnen.” Mit diefen Worten fihlie- 
Ben wir dieſes zwölfte Buch, ohne einen Kommentar zu 


dieſer Stelle zu Tiefern. 








Dreizehntes Bud). 


Preußen, fein Staatsfinangmwefen und feine Bezüge zum 


Haufe Rothſchild. 


Das Haus Rotbfhilo. I. \ 7 








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Anfänge Preußens, feines Staatsfinang- u, Steuer: 
wejens. Gründung durch ein Banfiergefhäft und Fi— 
nanzjpefulation. Riedel's verfuchte. Widerlegung diefer 
allgemeinen hiftorifshen Annahme Wachsſthum Breu- 
Bens durch fait fünfthbalb Jahrhunderte. Staats: und 
Kronvermögen, Staatsbudget , Staatsfchulden und 
Staatsjteuerwejen von den älteften Zeiten bis zur Ge- 
genwart. Wolfsgefchichte der preußifchen Finanzen 
und ihrer Steigerung bis zur Höhe des legten Staats: 
budgetS von 118 Millionen. Erjte und fernere Staats: 
anleihen. Bezüge zu Rothſchild. Freiwillige Anleihen. 


„Preußen — jagt Droyjen in ſeiner ©ejchichte der 
preußischen Politif”) — umfaßt nur Bruchtheile deutjchen 
Volkes und Landes; aber zum Weſen und Beſtand diejes 
Staates gehört jener Beruf für das Ganze, deſſen er fort 
und fort weitere Theile fih angegliedert hat: in die— 
jem Berufe hat er feine Nechtfertigung und feine Stärke. 
Er begann, al3 den Hohenzollern das Negiment der Mar- 
fen übergeben ward, eine Verbindung, Die weder durch Erb- 
rechte de3 Haufes, noch nach Wahl des Landes, meder 


*) Erfter Theil: die Gründung. Berlin 1855. 
7. 


106 Dreizehntes Buch. 


durch Eroberung und nach dem ftolzen Rechte der Waffen, 
noch Durch innere Ummälzung und Selbithilfe herbeige- 
führt, fondern in Ausführung eines politiichen Gedankens 
vollzogen ward.” 

„Die ein Nom hat fich Preußen gebildet !” hans Franz 
von Sonnenberg, und in der That — die Gefchichte der 
preußifchen Monarchie ift die eines Neiches, welches — nach 
Lord H. Brougham *) — durch Derleihbung, Kauf, Ver— 
pfändung, Betriebfamkeit, Tauſch, Eroberung, Erbſchaft und 
Diplomatie von den Nachbarftaaten unter eine Dynaſtie 
zufammengebracht tft. 

Preußens Anfänge datiren von "einer Sinanzipe- 
fulation; ein Nachfomme jenes Friedrich aus dem Ge— 
ſchlechte der Zullern oder Hohenzollern in Schwaben, den 
Graf Nudolf von Habsburg, als er römifcher Kaifer ge: 
worden, zu feinem Burggrafen in Nürnberg erhob, war 
der Spefulant, der den glüdlihen Wurf gethban. Das 
Burggrafenamt ward erblich in der Familie, und die Burg- 
grafen von Nürnberg erftarften durch kluge Wirthichaft, 
Heirat und Güterfauf bald zu einem anfehnlichen Ge— 
fchlechte im Frankenlande. Ein Sproffe diefes Geſchlech— 
tes, gleichfalls Friedrich mit Namen, fihwang fih im Ber: 
laufe von 7 Jahren, von 1411—1418, zum Marfgrafen 
von Brandenburg, Kurfürften, Statthalter und Verweſer 
des deutfchen Neiches empor. Gin glüdlihes Bankier 
gefhäft gab dazu die Veranlaſſung. 

*) Die Staatsmänner während der Regierungsepoche Georg's III 

Deutfche Ausgabe. Pforzheim 1839, I. ©. 331. 








Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w. 101 


Nach der übereinftimmenden Darftellung aller preußi— 
chen Geſchichtſchreiber von der älteſten Zeit bis auf unfere 
Tage ift der Kurhut von dem eriten Hohenzoller für ein 
Kapital, welches er dem römischen Könige Sigismund nach 
und nach Ddargeliehen, erworben. König Sigismund — 
alfo lautet die überall aufgezeichnete übereinftimmende Er— 
zählung — war dem Burggrafen Friedrich von Nürnberg 
jchon im Jahre 1411 die Summe von 100.000 Gulden 
(nah Anderen Mark) ſchuldig. Ohne Mittel, die Schuld 
zu verzinfen, geſchweige denn abzutragen, verfeßte er dem 
Gläubiger für Diejelbe die Hauptmannfchaft der Mark 
Brandenburg. Da König Sigismund auch nach diefer Zeit 
fortwährend in Geldverlegenheit war, fo ſtreckte der Burg- 
graf, der ftet3 Geld in Fülle befaß, dem Könige bald dar— 
auf noch 50.000 Gulden, und zu Anfang des Jahres 
1415 abermals 250.000 ©ulden vor, um dem Könige 
jeinen auf dem Konzil zu Konftanz befchloffenen Zug nach 
Spanien möglich zu machen. 

Bei diefem lebten Darlehen jtellte Burggraf Friedrich 
indeß jeinem Eöniglichen Schuldner die Bedingung, für den 
Gejammtbetrag der alfo auf 400.000 Gulden angewach- 
jenen Schuldforderungen des Burggrafen ihm und jeinen 
Erben die Mark Brandenburg mit allen Rechten, Cinkünf- 
ten, Ehren und Würden als Unterpfand zu verjchreiben. 
Bei fortdauernden Geldnöthen des Königs, die der Burg- 
graf ftet3 dazu bemubte, ihn mehr und mehr in feine Schuld 
zu bringen, mußte Sigismund im Jahre 1417 endlich ſo— 
gar auf das ihm bis dahin vorbehaltene Auslöſungsrecht 


102 Dreizehntes Bud). 


hinfichtlich Brandenburgs verzichten. Um der zu einer für 
ihn untilgbaren Höhe angewachjenen Schuld an den Burg- 
grafen fich zu entledigen, verlieh er diefem daher das Kur— 
fürftenthum Brandenburg nunmehr ohne weiteren Vorbe— 
halt, wogegen der Burggraf feine gefammten Schuldforde- 
rungen an den König fehwinden Tief. 

An diefer ganzen Darftellung ift nach der neueften 
Forfhung und Schrift des geheimen Archivrathes Riedel 
in Berlin fein wahres Wort. Diejer Geichichtforfcher hat 
außer den Archiven des preußifchen Staates auch die öſter— 
reichischen, böhmischen, mährifchen, fächfifchen, hannoverſchen, 
braunfchweigifchen wie die anderer Nachbarftaaten forgjam 
durchfucht, ohne die geringfte Spur von irgendeinem Dar- 
lehen oder Kaufgeld zu entdeden, welches der Burggraf 
dem Könige für die Mark gegeben hätte. Dagegen jeien 
noch eine Menge von Urkunden vorhanden zum fattfamen 
Beweiſe, daß der Eritere nie in der Lage geweſen wäre, 
Summen der fraglichen Art auszuthun. 

Vielmehr ſei er vom Haufe aus fo wenig begütert 
geweſen, daß feine Feinde — man leſe wohl: Feinde — 
ihm vorgeworfen, er fei an den Hof des Königs von Un— 
garn gezogen, um fich von diefem ernähren zu laſſen. Ja, 
er wußte nicht, wie er Die Kleinodien feines Haufe, welche 
den mürnberger Juden verpfändet waren, wieder einlöfen 
follte. Was er zu feinem unbedeutenden Erbbeſitz hiezu 
erworben, verdanfe er eben jenem König Sigismund, der 
ihm ein SJahrgehalt von 4000 Gulden ausgemworfen und 
„die Hand feiner Freigebigfeit,” wie es in der Urkunde 











— Ba er en — — — 


Breußen, fein Staatsfinanzweien u. |. w. 105 


heiße, „ihm ein wenig öffnete.” Aus vielen Thatjachen 
erhelle, daß Friedrich völlig außer Stande geweſen, Sum: 
men herzugeben, die fich ſchon im Jahre 1415 auf 400.000 
Goldgulden beliefen, nach heutigem Gelde die in jenen 
Zeiten ungeheuere Summe von 1,125.865 Thaler Gold. 

Nach dem wefentlichen Inhalte des Buches beruht 
die eingemwurzelte irrige, in allen Büchern über Preußens 
Geſchichte aufgetifchte Erzählung von dem Bankiergefchäft, 
Ans und Derfauf auf einem Mipverftändniffe. Allerdings 
— lautet die Deduftion im Buche Riedel's — bat e3 feine 
Nichtigkeit, daß dem Burggrafen die befannten Summen 
auf die Mark angewiejen wurden, in der Art, daß die Lu— 
xemburger ihr Erbland nicht anders, al3 gegen deren Aus— 
zahlung, wieder an fich nehmen konnten. Aber daraus 
folgt keineswegs, daß Friedrich jene Summen dem geldbe- 
dürftigen Kaijer bar vorgeftredt habe. Die nämlichen 
Urkunden, welche jene Geldverfehreibung enthalten, geben 
uns auch ar, wofür und unter welchem Titel fie dem 
Burggrafen ausgemacht wurden. Die Abficht war . eine 
doppelte: erftlich, Demfelben eine Entſchädigung zu fichern 
für die Müh' und Sorge und die Auslagen, welche ihm 
die MWiederherftellung von Ruhe und Ordnung in der ganz 
verwilderten Mark Brandenburg verurfachen mußte, dann 
aber auch und ganz bejonders, um den Burggrafen für die 
vielen und großen Dienfte zu belohnen, welche er dem Kö— 
nige geleiftet habe und noch künftig leiſten folle. 

Der umfichtige, im Felde wie in der Unterhandlung 


‚ gleich ausgezeichnete Hohenzoller war es nämlich geweſen, 


104 Dreizehntes Buch. 


welcher jeinem Verwandten Sigismund die römiſche Kö— 
nigswürde verfchafft hatte und, als der perſönlich ausge: 
zeichnetjte der damaligen Neichsfürften, ihn bei allen welt- 
lichen und geiftlichen Angelegenheiten mit Rath und That 
unterftüste und feine rechte Hand war. Friedrich ftand 
deßhalb in der Tebhafteften Gunft Sigismund's, der bei 
manchen Schwächen fich doch Durch Erfenntlichkeit und frei- 
gebige Dankbarkeit für geleiftete Dienfte auszeichnete. Die 
Befigungen, welche unter Sigismund's Szepter vereinigt 
wurden, waren fo weitläufig, daß der Gedanke nahe lag, 
die von feinen übrigen Ländern entlegene Mark Branden- 
burg, wo das fürftliche Eigenthum größtentheild verpfän— 
det oder gar veräußert war, und von dem er feinen ande- 
ven Ertrag hatte, al3 Klagen und Befchwerden ohne Ende 
über den Straßenraub des Adel und Die verheerenden 
Einfälle der Nachbarn, diefe unglüdliche Mark einem that- 
träftigen Manne anzuvertrauen, an dem er zugleich eine 
Stütze im Reich hätte. Sp groß war feine Vorliebe für 
Friedrich oder deſſen Unentbehrlichkeit , daß Sigismund 
1418, als er nach Ungarn ging, diefen zum Reichsverweſer 
ernannte und, ebe er fpäter mit ihm zerfiel, fich lange mit 
dem Gedanken trug, Friedrich die forgenvolle römiſche Kö— 
nigswürde zu verfchaffen, während er ſelbſt fich mit dem 
Slanz der Kaiferwürde begnügte. Wie anders würde das 
Schickſal des deutfchen Reiches gemwefen fein, wenn ein 
fräftiges Herrſchergeſchlecht es vor der Zerfplitterung be— 
wahrt hätte ! 

Die Kölnische Zeitung beſprach feinerzeit die riedel’- 








Preußen, fein Staatsfinanzweſen u. f. w. 105 
ö 


ihe Schrift in einem ausführlichen Leitartikel und ſchloß 
mit folgenden Worten: „Wir müſſen es der hiftorifchen 
Kritik überlafjen, die Ergebniffe diejer offenbar mühevollen 
und jorgfältigen Unterfuchungen zu prüfen. Wenn fie fih 
bewähren jollten, jo hat der Verfaſſer fich offenbar fein 
geringes Verdienſt um den Glanz des zollerw’schen Hauſes 
erworben, indem er die über dag Aufiteigen desjelben ein— 
gemurzelten irrigen Meinungen widerlegte und die Ermer- 
bung der Kurwürde zurückführte auf die perjünlichen Ver— 
dienſte des Gründers des brandenburgijchen Herrſcherge— 
ſchlechtes. Preußen iſt ungleich weniger als Oeſterreich 
und andere Staaten (2) durch Erbgang und andere Gunſt 
der Umitände emporgefommen. &3 verdankt feine beden- 
tenditen Fortjchritte der raftlojen Thätigfeit und dem Un- 
ternehmungsgeifte ausgezeichneter Herrſcher Ohne Glück 
— ſo jagt felbit Cäſar — vermag der Sterbliche nichts 
angzurichten. Aber durch entjchlojfene und kühne Benutzung 
der günftigen Umftände find die Hohenzollern emporgejtie- 
gen, und, wie der alte Römer fchreibt: Eine Herrſchaft 
wird Durch Diefelben Mittel erhalten, durch welche fie er- 
worben ward.” 

Bei dem Intereſſe des zur Sprache gebrachten Ge— 
genſtandes und der Wichtigkeit desjelben, wie der in der 
Schrift niedergelegten, neuen, der bisher als Hiftorifch gel- 
tenden Anficht entgegengefegten Behauptung, ift es an der 
Zeit, bier noch näher darauf einzugehen und dem ange 
der riedel'ſchen Unterſuchung zu folgen. Wir find dazu 
um jo mehr verpflichtet, als es von vornherein unfere 


106 Dreizehntes Buch. 


Abficht ift, „Aufſchlüſſe und Enthüllungen zur Geſchichte 
des Staatsfinanzweſens“ zu geben. 

Die riedel'ſche Beweisführung *) ift nun folgende: 
Durch bündige DVerjehreibung vom 22. Mai 1388 (im 
Archiv der mährifchen Landſtände) war die Mark Bran— 
denburg von Sigmund, dem damaligen Kurfürſten von 
Brandenburg, für die Summe von 565.263 Gulden an 
die Markgrafen Jobſt und Prokop von Mähren bereit3 mit 
Stipulation des Auslöfungsrechtes nach 5 Jahren verpfän- 
det, widrigenfalls das Pfandſtück den Pfandbefisern und 
ihren Erben als Eigenthum zufiel. Die Auslöfung erfolgte 
nicht, und Markgraf Jobſt ward am 3. April 1397 zu 
Prag mit der Mark Brandenburg belehnt. Jobſt ftarb zu 
Brünn am 17. Jänner 1411 und die Mark Brandenburg 
fiel wieder an Sigmund, der mittlerweile zum Kaifer — 
befonders durch die Theilnahme und Bemühungen des Burg- 
grafen Friedrich — gewählt war, als vechtmäßigen Erbheren 
zurück, der Friedrich zum oberften Hauptmann und Ders 
weſer der Mark beftellte mitteljt Urkunde vom 8. Juli 1411 
„wegen feines manchfaltigen Verdienftes um den König und 
das Reich.“ Zugleich mit diefer Landesverwefung verfchrieb 
Sigmund ihm und feinen Erben 100.000 rothe ungarische 
©ulden, wofür die Mark dergeftalt pfandweife haftete, daß 


*) Zehn Zahre aus der Gefchichte der Ahnherren des Preuß. 
Königshaufes. Das Auffteigen des Burggrafen Briedrich VI. 
von Nürnberg zur Eurfürftlichen Würde und zur Reichsſtatt— 
halterfchaft in Deutfchland. Von A. 3. Riedel. Berlin : Gro— 
pius’fche Buch» und Kunfthandlung 1851. 





Preußen, jein Staatsfinanzwejen u. |. w. 107 


fie nur dann dem burggräflichben Haufe wieder entzogen 
werden dürfe, wenn diefem jene Summe bar ausgezahlt 
worden. Sriedrich erhielt nach dem Patente diefe Summe 
als „Hilfe und Zufteuer, ſowie auch wegen jeiner nützlichen 
und getreuen Dienfte, die er uns manchfaltig getrenlich und 
föftlich geleiftet bat, täglich TYeiftet und auch ferner zu lei— 
ften treulich und ernſt entjchlojfen ift.” Einen Monat dar- 
auf erhöhte man die Summe um 50.000 unter dem Bors 
wande einer Mitgift für den damals noch nicht 7 Sabre 
alten Sohn des Burggrafen im Falle feiner Heirat. Die 
Hauptabficht dieſer Verſchreibungen war aber jedenfalls, 
für den Fall des Ueberlebens König Wenzel’s, des Brus 
ders Sigmund’s , den Befis der Mark dem burggräflichen 
Haufe zu fihern. Die wirkliche Belehnung mit der Mark 
Brandenburg jeitens Sigmund’3 an Friedrich erfolgte zu 
Konftanz am 18. April 1417, und am 2. Oftober 1418 
ernannte der König ihn zum Neichsitatthalter. 

In einer Gegenerflärung auf die Verſchreibung vom 
30. April 1415, worin die Summe von 100.000 Gulden 
auf 400.000 im Falle der Auslöfung erhöht wurde, ge= 
lobte der Burggraf, dafür zu jeder Zeit die Mark wieder 
abzutreten; würde er aber SKaifer werden, jo wolle er fie 
unentgeldlich veftituiren. 100 ungarifche Gulden kommen 
281 Thalern 14 Gr. in Friedrichsd'or gleich, mithin belief fich 
die Summe von 400.000 ungarijchen Gulden, für welche das 
Kurfürftenthbum Brandenburg zur Wiedererwerbung feilftand, 
etwa auf 225.173 Stud Friedrichsd’or. Hinwiederum über- 
nahm der Burggraf die Mark mit einer großen Zahl von 


108 Dreizehntes Buch. 


Verpfändungen einzelner Städte und Vogteien, mußte Sahr- 
gelder und Renten an Einzelne zahlen; er fam allen diefen 
Verpflichtungen, die eine Summe von beiläufig 240.000 
ungarijchen Gulden betragen haben mögen, getreulich nad, 
weßhalb die Erhöhung der urfprünglihen Summe von 
100.000 auf 400.000 ſpäter ftipulirt wurde. 

Der Zeitgenoffe und Biograph Sigmund's, Win- 
ded, fpricht ausdrücdlich für die Verpfändung der Mark, 
indem er jagt Kap. XXII (in Mienden’3 Scriptores I, 1089): 
„So fait König Sigmund vor burggraff FZridrid 
von Nurnberg Hundert taufent guldein auff 
der mard zu Brandenburg zu geben und (ihm) 
machet zu Furmunder des landes: und er es auch bleip, 
alfo du es hernach gefchriben findeſt.“ Menden überfebt 
die Stelle: „jo ſait er vor“ mit lait das heißt leiht, borgt. 
Riedel bemüht fich einer anderen Snterpretation Eingang 
zu verfchaffen, um die ihm mißliebige Verpfändung auf die 
Seite zu fohieben, indem er jagt: „vor“ werde häufig von 
Windeck ftatt „vorher“ gebraucht; „fait“ jei nichts als 
eine in der damaligen Ausdrudsweife übliche Konſtruktion 
des Wortes „ſagt“, wie gefait fir gefagt. Daß das Wort 
fagen — fährt er fort — aber für zufagen gebraucht wird, 
iit eine zu häufig in den alten Schriften vorfommende Re— 
defreiheit (?!), als Daß es hier einer ausführlichen Beweis— 
führung bedürfe. Demnach heißen obige Worte Windeck's 
in heutiger Mundart nichts anderes als: „Ingleichen fagte 
er auch vorher dem Burggrafen Friedrich 100.000 Gulden 
auf die Marf Brandenburg zu geben zu.” 








Preußen, fein Staatsfinanzweien u. |. w. 109 


Der Geſchichtſchreiber Pommerns, Kanzow, in der er- 
iten Hälfte des 16. Jahrhunderts, und Der berliner Chro— 
niit M. Petrus Hafflitius (Hafflit) zu Ende desjelben Jahr— 
hunderts berichten die Erwerbung der Mark übereinſtim— 
mend als einen Kauf, indem der Eritere jagt: „Im Jar 
hiernach 1416 avergaf od de Keifer Sigismund Fridrich 
Burggrafen von Norenberg die Marcke zu Brandenburg, 
wie man jagt, vor zweihundert taufend Gulden“, und Haff- 
liß berichtet in feiner Chronif beim Jahr 1415: „Auf dem— 
jelbigen Concilio zu Eojtnit hat Keyſer Sigismundus mit 
feinem Bruder Wenceslaw, Könige in Behmen, hochgedach— 
tem 5. Fridrichen Burggraffen die Brandenburger Marde 
erblichen verfaufft mit folder Condition” u. f. w. 

Mie immer auch der duch Riedel's Forſchungen nicht 
zur Genüge aufgeflärte Sachverhalt jein mag, die Folge 
desjelben ift und bleibt ein wunderfames Greigniß 
in der Weltgefchichte, das die Nachkommenſchaft eines ſchwä— 
biichen Adelsgejchlechtes zum preußifchen Königsthrone ge> 
führt bat! 

Pommerns Erwerb war die zweite Vergrößerung des 
Ländergebietes der Nachkommenſchaft des nürnberger Burg- 
grafen: als neuer Kurfürft griff — jagt Friedrich der Große 
— er die Herzoge von Pommern au, fchlug fie bei Anger: 
münde und vereinigte mit der Mark eine Provinz, welche 
jeit undenklichen Zeiten dazu gehört hatte. Friedrich's des 
Kurfüriten Sohn und Erbe erwarb die Niederlaufis, Kurz 
fürft Joachim I. durch Die Reformation — nach des kö— 
niglichen Gefchichtichreibers Worten — „durch die Kommu— 


110 Dreizehntes Bud. 


nion unter beiderlei Geſtalten die Bisthiimer Brandenburg, 
Havelberg und Lebus, welche er der Mark inforporirte.“ 
Dadurch, daß Breußen, jenes Befisthum einer ritterbitrti- 
gen, Ipezififchen Adelsmacht an den Küften der Oftfee, nach- 
dem fich die Tiefländifchen Schwertbrüder mit den deutſchen 
Drdensrittern fufionirt hatten, zu einer Macht geftiegen 
war, bie bis an die Oder und bis zu der Stelle reichte, 
wo heute Petersburg fteht, mit dem für jene Zeit bedeuz- 
tenden Ginnahmebudget von jährlih 800.000 Mark und 
dieſes Der geiftlichen Obherrfchaft unterworfene Land 1.3.1525 
in ein weltliche8 Herzogthum verwandelt und dem damali- 
gen Hochmeifter Albrecht von Brandenburg vom Könige 
Sigismund von Polen zu Lehen gegeben ward, erweiterte 
fich die junge preußifche Macht bedeutend. Der weftfäli- 
jche Friedensfehluß brachte 1648 Hinterpommern, Magde- 
burg, Halberftadt, Minden und Kamin hinzu. Die Erwer- 
dungen des „großen Kurfürften“, Königs Friedrich 1. in 
Preußen und feiner fünf Nachfolger auf dem Königsthrone 
beſchloſſen durch Eroberungen, Erbfchaften, Käufe, Ab- 
tretungen und Friedensſchlüſſe Die Erweiterung und Bil- 
dung des Ländergebietes, welches, gegenwärtig unter dem 
preußifchen Königsſzepter vereinigt, die zweite Großmacht 
Deutfchlands bildet. — 

Nach diefer kurzen Skizze über Gründung und Forts 
gang des preußijchen Staates bis zur ©egenwart gehen 
wir zu den finanziellen Subfiftengmitteln, zum Staatd= und 
Kronvermögen, zum Staatöbudget , zum Staatsfinanz⸗, 














— — ——— ẽ 
Preußen, ſein Staatsfinanzweſen u. |.w. -, E11 


Staatsjchulden- und Steuerweſen in Preußen duch alle 
jeine verjehiedenen Zeitabſchnitte über. — 

Das Staats- und Kronvermögen und das Verhältniß 
beider zu einander ergibt ſich deutlich aus der nachfolgen— 
den überſichtlichen Darſtellung. Es beſtehen J. Thron— 
lehen. Zu dieſen Thronlehen gehören die von der Krone 
Böhmens früher reſſortirenden ſchleſiſchen Fürſtenthümer 
Sagan, Oels, Troppau und Jägerndorf (vom letzteren ge— 
hört die Hälfte zu Oeſterreich), ferner das Fürſtenthum 
Croſchyn im Großherzogthum Bofen, mit welbem im Jahre 
1815 der Fürft von Thurn und Taris wegen des an Preu— 
Ben abgetretenen Poſtregals belieben worden. Endlich ge— 
hören bierzu die Lehen der mediatifirten Fürften und Gra— 
fen: Stolberg, Wittgenftein, Hohenſolms, Solmsbrauns— 
feld und Wied. — Die Bortheile der Krone beftehben hier- 
bei lediglich in dem eventuellen Heimfallgrechte, und in 
den son dem Lehensträger bei Lehenserneuerungen zu ent— 
richtenden Nefognitionsgefällen. Eine Ausjicht auf baldi- 
gen Heimfall it wohl nur beim Fürftentbum Dels vor- 
handen. — 

Es beitehen ferner I. Staatslehenz dieſe zerfal- 
len in zwei Kategorien, nämlich in folche, welche von dem 
Staate al3 ſolchem urfprünglich verliehen worden, und in 

ſolche, welche derjelbe als Nachfolger aufgehobener Korpo— 
rationen erworben. Solcher Lehen beftehen noch viele in 
den verfchiedenen Provinzen, und zwar fowohl Kitter- als 
Bauernlehen. Die dem Staate hieraus zufliegenden Vor— 


\ 


theile find außer dem eventuellen Heimfallsrechte : die Kon— 





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M2 Bf Dreizehntes Buch. 
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jensgebühren, die jogenannten Lehensvorne und die Allos 
dikationszinſen. 

Es beſteht HL der Kronfideifommißfond; dieſer 
bildet die aus den Geſammteinkünften der Staatsdomänen 
vorab zu entnehmende jährliche Rente von 2'/, Mill. Thle., 
aus welcher jämmtliche Bedürfniffe des königlichen Haufes, 
die Apanagen, der Unterhalt der königl. Schlöffer und Gär—⸗ 
ten beftritten werden (auch feither jene Der königl. Theater). 
Eine Sonderung des eigentlichen Krongutes von den Staats— 
domänen bat bis jest noch nicht ftattgefunden, es tft aber 
unzweifelhaft, daß ein bedeutendes Krongut wirklich vor— 
handen fei; die Marf Brandenburg felbit ift von dem 
Haufe Hohenzollern Eäuflich erworben worden. — Die 
ſämmtlichen Staatsdpomänen mit Einſchluß Der Darunter 
begriffenen oder damit vermifchten Krongüter find den 
Staatsgläubigern verpfändet , es ift aber bei diefer Ver— 
pfändung dem fogenannten Kronfideifommißfond der unge: 
ſchmälerte Genuß jener Nente von 2'), Millionen aus— 
drückich vorbehalten worden. (Geſetz vom 17. Januar 
1820). — Bis zum Jahre 1819 entnahm das Fünigliche 
Haus feine gefammten Bedürfniffe aus den Revenüen der 
Staatsdomänen und nur der Ueberſchuß wurde in Die 
Staatskaffe verfirt. Durch die Beſtimmung einer firen 
Summe hat Diefe gewiffermaßen die Form einer Zivtllifte. 

&3 beiteht IV. der Krontreſor; Diefer ift gebildet 
aus den Eriparniffen Triedrih Wilhelm III, durch de— 
ven Rapitalifirung und Ausleihbung an Bankiers, entftan- 
den, und war im Sabre 1840 zu einer- Höhe von bei— 





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Preußen, fein Staatsfinanzwefen u.f.wm. _ 118 


läufig 5 Millionen Thlr. angewachſen. Der König hatte 
nämlich während der Kriegsjahre 1806 und folgenden Die 
Ausgabe der jogenannten PBrivat-Chatouille ſehr beſchränkt, 
und demnach aus den Revenüen der Staatsdomänen eine 
bedeutende Summe weniger, als unter diefem Titel her- 
tömmlih, entnommen. Als nun aber infolge des pa- 
sifer Friedens die Staatsfaffe aus der den Franzoſen auf- 
erlegten Kontribution einen namhaften Zuwachs erhielt, 
und den Beamten infolge deffen die fogenannten Bons 
ausbezahlt werden Eonnten, hielt man auch deu König be- 
fugt, fich aus derfelben Quelle dasjenige, was er während 
der Kriegsdrangfale freiwillig entbehrt Hatte, erfeßen zu 
laſſen. — Derfjelbe Tieß aber die ihm jolchergeftalt eritat- 
teten Summen, welchen fpäterhin der Ueberſchuß der feit 
dem Sabre 1819 auf eine fire Summe von 2", Mil. 
Thlr. gejesten fogenannten Kronfideifommißrente Hinzutrat, 
abgefondert verwalten, und machte Den dadurch gebildeten 
Fond zum Gegenftand einer teftamentarifchen Verfiigung, 
wonach: 

a. der Nachfolger in der Regierung über eine Summe 
von 3 Millionen frei zu verfügen befugt, dagegen 

b. eine fernere Summe von 3 Millionen einen ſo— 
genannten eijernen, und nur in Fällen der Noth angreife 
baren Beſtand bilden joll. 

Der Mehrbetrag des Krontrefors, aus den ferneren Erz 
fparniffen der auf 2'/, Millionen firirten jährlichen Rente 
entitanden, ift durch das Teſtament Friedrih Wilhelm LI. 


Das Haus Rothichild. IL. 8 


114 Dreizehntes Buch. 


zu einem Fideikommißfond für nachgeborne königliche Prin— 
zen mit eventuellem Rückfall an die Krone beſtimmt worden. 

Endlich V. beſteht noch das königliche Haus— 
fideikommiß; es beruht auf einer teſtamentariſchen 
Verfügung Friedrich Wilhelm J. vom Jahre 1733, und 
umfaßt mehrere Güter, von welchen der Stifter verſicherte, 
daß er folde mit vielem ſauren Schweiß Fäuflich er- 
worben habe! Diejes Fideikommiß beftehbt zunächſt zum 
Bortheil des Nachfolgers in der Regierung, dann aber auch 
zum DBortheil der nachgebornen Bringen mit eventuellen 
Heimfall am erjteren. Der Heimfall hat im Jahre 1843 
Durch den Tod des Bringen August ftattgefunden. Es find 
aber die beireffenden Güter nicht zu den Staatsdomänen 
gezogen, jondern als Brivateigenthum des königlichen Hau— 
ſes betrachtet worden. Ä 

Die aus dem Staatsvermidgen, den Staatsdomänen 
und Stantslehen berrührenden Einkünfte bilden in VBerbin- 
dung mit den von den Staatsbürgern zu zahlenden Steuern 
und Abgaben die Staatseinnahme; die zu den Staats— 
bedürfniſſen erforderlichen Ausgaben bilden die Staat3- 
ausgabe; beide zufammen machen in ihrer Zufammenftel- 
lung das Staatsbudger aus. 1 

Ueber das Staatsbudget Preußens oder vielmehr der 
einzelnen Länder und Landestheile, welche im Laufe von faft | 
440 Jahren, feit der Burggraf von Nürnberg aus Hohen— 
zollern mit der Markt Brandenburg belehnt ward, zu den 
gegenwärtigen Königthum Preußen gleihfam zufammen- 
wuchſen, in den verfchiedenen Jahrhunderten zuverläflige 




















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Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. |. w. 115 


Nachrichten zu erhalten und fichere Mittheilungen zu ma— 
ben, würde zu den jehmwierigften Aufgaben gehören, zu deren 
vollftändiger Löſung nich: einmal Die Geſtattung der Ein- 
fit der Staats- und Provinzialarchive führen wiirde, in— 
dem die darin befindlichen Akten und Urkunden fir meh— 
vere Perioden, bejonder3 für die Älteren, feine vollitändige 
Ausfunft geben. Was darüber annähernd aufzufinden ge- 
wefen, wird bier nicht sorenthalten werden. | 
Mir trennen zunächſt in unferer gefchichtlichen kurzen 


Zulammenftellung der Staatsfinanzverhältniffe und ihrer 


Geſtaltungen zwei Hauptperioden: die vorföniglide 
und königliche Zeit. 

Als Friedrich von Hohenzollern das Negiment in der 
Mark Brandenburg übernahm, waren die fozialen und po— 
Titifchen Zuftände in dieſem, 463 Duadratmeilen umfaſſen— 
den Lande ein chavtifcher Wirrwarr. Die Städte waren 
zu Heinen Republiken erwachjen, und während fich zwifchen 
Bauer und Landesherr Die gutsherrlihe Gewalt einge— 
jehoben, war dem letzteren das ftädtiiche Weichbild gefperrt. 
Dieje Selbitherrlichfeit der einzelnen Individuen und Kör— 
perichaften ging durch alle Schichten und überwucherte der- 
artig die öffentlichen Zuftände, daß die landesherrliche Ge— 
walt in die tieffte Ohnmacht verfunfen war, und Recht: 
Iofigfeit, Vergewaltigung und Berwilderung herrfchten. Die 
Mark Hatte ihre Nebenlande eingebüßt, und einzelne Theile 
derjelben waren die Beute benachbarter Fürften geworden: 
die märfifchen Biſchöfe, einige Stlöfter, Die mächtigeren 
Städte und ein Theil des Adels Hatten die Reichsun— 


8 


\ 


116 Dreizehntes Buch. 


mittelbarfeit erlangt. Ein Erzbifchof von Magdeburg, ein 


Herzog von Medlenburg übten ungeftraft Gewaltthaten ges 
gen fie. Einige Familien mächtiger Junfer waren im Beſitz 
von mehr als zwanzig feiten Schlöffern und übten, au 
der Spibe reifiger Gefolge , die von Schutz- und Löſegel— 
dern ernährt wurden, eine das fürftliche Anſehen ufurpi- 
rende Gewalt. Heute Jah man einen Quitzow, Kökeritz oder 
Sbenblik vor einer Stadt, die fich feinem Schutze anver— 
traut, mit Saitenjpiel und Peftlichfeiten empfangen und 
heim zu feinem Schloffe geleitet ; morgen aber glaubte fich 
derſelbe, weil ihm das Schubgeld nicht bezahlt worden, 
berechtigt, das ftädtifche Vieh von der Gemeindeweide zu 
treiben; die ihm nachjeßenden Bürger ſprengte er ausein— 
ander und warf Die Angefehenften in feine Kerferthürnte. 
Raub und Krieg waren Die Regel, Friede und Vertrag die 
Ausnahme. Daher war der Hohenzoller ſehr unwillfom- 
men: die Nachbarfürften wie die Stände der Mark felbft 
waren entjehloffen, ihre Ufurpation gegen die wiederherge- 
ſtellte kurfürſtliche Autorität mit Gewalt zu behaupten. 
Gelang e8, „den Tand von Nürnberg“ fernzuhal- 
ten, oder ihm die Luft zu Heldenthaten in der Marf zu 
verleiden, jo gingen die Dinge ihren „naturwüchſigen“ 
Gang weiter, und jeder nahm, was er falfen Eonnte. 
Aber Friedrich von Hohenzollern, ein kluger und kräf— 
tiger Mann, fiegte alsbald nach allen Seiten hin, insbe— 
jondere Aber die uſurpirten Gewalthaber im Lande, indem 
er die Mauern ihrer Schlöffer, Burgen und Beften mit 
ſchwerem, aus SKirchengloden gegofjenem Geſchütz nieder- 








Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w, 117 


ſchmetterte; war der Feind im Innern befiegt, jo gab fich 
das Mebrige, und wirklich fonnte er nach einigen Jahren 
den Landfrieden verfündigen. Er, wie feine beiden, ibm 
auf dem Kurfüritenftuhle folgenden Söhne Friedrich IL 
und Albrecht Achilles gemahnen an die fagenhaften Heroen 
des Alterthums. 

Ihre Nachfolger ein Jahrhundert nach ihnen fanden 
den Stiftern der neuen Macht an perfünlicher Befähigung 
wie an großen Erfolgen nah; ihnen gebrach es an jener 
Energie, wodurch ihre Vorgänger reuſſirten, bis zu jenem 
ihwachen Fürften, Georg Wilhelm, (1619—1640) hinun⸗ 
ter, der unter dem Cinfluffe eines Minifters und feiner 
Kreaturen, einer Kamarilla, lebte und dadurch das Land 
an den Rand des DVBerderbensabgrundes brachte. Aus den 
Händen feines Vaters empfing er vergrößerte Länder, weile 
Staat3diener und tüchtige Unterthanen, er hinterließ da— 
gegen feinem Nachfolger öde Müfteneien. 

Der Genius feines großen Sohnes, des „großen 
Kurfürften“ (1640—1688) hob das Land aus Jam— 
mer und Noth empor; er gründete auf dem Schutte, auf 
Trümmern und Ruinen, die morjchen Säulen des alten 
Gebäudes niederreißend, einen neuen Staat. Der Tag 
bei Fahrbellin (18. Juni 1675) war der ſtrahlende Juwel 
im Diademe ſeines Feldherrnruhmes; unter ſeiner Regie— 
zung wehte die ſchwarz-weiße Flagge auf preußiſcher Kriegs— 
flotte an Afrika's Küſte und auf der dort erbauten Veſte 
Friedrichsburg. Ein vergrößertes Reich, in allem: geför—⸗ 
dert, ein barer Staatsſchatz von 60M000 Thalern trotz 


118 Dreizehntes Buch. 


ſchwerer Kriegsbedrangniffe und bedeutenden Ausgabe-Etats 
zur Förderung des VBolfswohles, und ein geübtes Heer von 
28.000 Mann waren die Erbfchaft, die er jeinem Sohne 
hinterließ. Mit dem großen Kurfürften fchließt die erſte 
Periode des Regiments des hohenzollern'ſchen Geſchlechtes, 


die kur fürſtliche, die vorkönigliche Herrfcherzeit, fie 


währte vom Sabre 1417 bis 1688, 271 Sabre. 


Mit feinem Sohne und Nachfolger beginnt Der zweite 


geitabjehnitt, die Eönigliche Zeit. Er war der Gründer 
des preußifchen Königthums, welches nunmehr über andert— 
halb Jahrhunderte Beftand gehabt hat. Sechs Regen 
ten aus hohenzollern'ſchem Geſchlecht führten big heute das 
preußiſche Königsſzepter. 


Mir gehen nunmehr zur Charakteriſtik und geſchicht— 


lihen Darftellung des Staatsfinanz⸗, Staatsiteuer- und 


Staatsſchuldenweſens von den älteſten Zeiten bis zur Gegen— 


wart über, welches, ſoweit es die frühere Zeit betrifft, nur 
ſkizzenhaft, fragmentariſch und in Hauptumriſſen zur Anſchau⸗ 
ung gebracht werden kann. Erſt im Fortgange des Staates 
fließen die Quellen, welche insbeſondere während der vor— 
königlichen Periode unergiebig ſind, reicher, und liefern von 
Jahrzehend zu Jahrzehend mehr ein Material, welches ſelbſt 


den Anforderungen eines Schriftſtellers genügt, der für 


den Sach- und Fachverſtändigen eine umfaſſende Finanzge— 
ſchichte Preußens zu liefern beabſichtigt, um wie viel mehr 
nur bei unſerer nicht ſo weit greifenden Abſicht. 

Seit mehr denn 130 Jahren hat in Preußen bereits 
ein regelmäßiges und wohl zuſammenhängendes Steuer— 





Preußen, fein Staatsfinanzmweien u. | mw. 119 


foftem beftanden. Die ältefte und Hauptabgabe war die 
Akziſe, die bereit3 im Mittelalter in Frankreich zuerit 
oorfam und auf dem Verbrauche von Lebensmitteln be— 
ruhte; denn da der Hinterſaſſe den Boden nicht ver— 
fteuern konnte, weil er ihm nicht gehörte, jo zahlte er Ak— 
ztfe ftatt der Grundſteuer. Was nun Die Gefchichte der 
Akziſe in den preußiſchen Staaten betrifft, jo legte zuerft 
Kurfürft Albrecht 1472 auf jede Tonne Bier einen 
Groſchen Akzife, und Dies ift Der erite Beginn des Akzis— 
wejens in der Mark Brandenburg. — Sm Jahre 1478 
wurden auf einem Landtage für die Dauer von 7 Jahren 
12 Pfennige auf die Tonne bewilligt, und zwar 8 für Die 
Kurfüriten als Staatsſteuer und 4 Pfennige für die Städte 
als jtädtifche Steuer. Im Sahre 1513 wurde fie unter 
Joachim I wiederum erneuert, und: zwar auf die ganze 
Regierungszeit des Kurfüriten. 1521 wurde ein Hu fen— 
ſchoß (Örumndfteuer) ausgejchrieben, wonach jede Hufe 
Landes 8 gute Groſchen zahlte; 1550 ward diefe Grund— 
abgabe aufs neue von den Landitänden auf 14 Jahre und 
jo bewilligt, daß jeder Hufener 1 Gulden, jeder Koßate 
r Gulden betragen follte. Zu gleicher Zeit wurde der 
Giebelſchoß d. h. die Hausfteuer eingeführt, und die Rit— 
terichaft verpflichtete fich, von jedem Lebupferde 20 Gul—⸗ 
den zu geben. Im Jahre 1549 bemwilligte die Stadt Berlin 
dem Kurfürften eine neue Bierakziſe auf 8 Jahre zu 8 
Srojchen für die Tonne, Brandenburg ebenſo auf 14 Jahre. 
1592 ward beitimmt, daß von jedem Scheffel Roggen zu 


120 Dreizehntes Buch. 


Brot und von jedem Scheffel Gerſte zu Schrot (Mtehl- 
und Brauftener) 1 Groſchen gezahlt werden follte. 
Mährend des dreißigjährigen Krieges unter der unſe— 
ligen Regierung des Kurfürften Georg Wilhelm ftieg 
die DBierabgabe bis auf 4 Thaler zum Brauen, und als 
König Guſtav Adolf von Schweden im Jahre 1631 mo— 
statlich 30.000 Thaler zur Unterhaltung feines Heeres for- 


derte, wurde außer der auf dem Getreide liegenden Akzife 


noch von jedem Scheffel 1 GSrofchen, von jedem Pfund 
Fleiſch 1 Pfennig und von jedem Eimer Wein 6 Groſchen 
erhoben. Im Jahre 1636 wurde die erfte Kriegsitener 
unter dem Namen Kriegsmeben eingeführt, die darin be- 
ftand, daß von jedem Scheffel Brotkorn außer dem Mahl: 
meben noch ein Metzen abgegeben ward, fowie von jedem 
Gebräu ein Scheffel Malz. 

Al3 1640 der große Kurfürft zur Regierung ge- 
langte, war es feine erfte Sorge, dem zerrütteten Zuftand 
des Landes und der Finanzen wieder aufzuhelfen und durch 
eine wohlgeübte, Achtung gebietende Armee fein Land ge- 
gen Einfälle und DBerwüftungen feindlicher Mächte zu 
fchüßen. 


Die Lage Brandenburgs, gleichfam eingefeilt zwiichen 


Polen und dem ſchwediſchen Befisthum, zwang den großen 
Kurfürften zur Stellung eines ftehenden Heeres behufs Be— 
bauptung feiner Macht. Die Staatseinnahme mußte Dep- 
halb erhöht und auch der Adel dazu herangezogen werden; 
nach Vorgang Englands und Hollands ward eine ftehende 
indirekte Berzehrftener, die Afzife, wiederum einiges 








Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w. 121 


führt und ſchon 1641, definitiv aber von 1684 an, erhoben, 
an die Stelle der fehr drüdenden, auf die Häufer ge— 
legten Kriegsfteuer, der fogenannten Kontribution. Sie 
ward auf alle bedeutenderen DVBerbrauchsgegenftände ges 
legt. Vor dem Frieden zu ©. Germain 1678 hatten Die 
gefammten Steuern in Brandenburg nur 653.000 Thaler 
betragen; beim Tode des Kurfürften, 10 Sabre fpäter, 
waren fie bis über 1,700.000, nad Anderen bis zu 2'/z 
Millionen Thaler hinaufgetrieben. Die Verwaltung der Afzife 
führte der geheime Rath General von Grumbkow, gegen 
den das Volk fehr erbittert war, und ihn und den Kommiſſär 
Milmann, der den Tarif gemacht hatte, in Berlin infule 
tirte; in mehreren Kleinen Städten entftanden Tumulte: 
die ſtehenden Truppen erzwangen die neue Ordnung. Im 
Sahre 1688 betrug das Staatseinnahmebudget 2% Milli: 
onen Thaler: die Domänen brachten Das Hebrige außer 
den Steuern ein. Das Hofbudget, einfchlieglich der Zivil-, 
Juſtiz- und einiger Militärbeamten betrug im Jahre 1674 
150.000, ftieg aber am Ende der Regierung des Kurfüriten 
auf 226.000 Thaler; die Armee Eoftete Schon Damals über 
41 Million von einer Sefammteinnahme von 2’; Millionen, 
E und war zuleßt 24— 28.000 Mann ftark. 

Der „neuen Afzife- und Steuerordnung“ vom Jahre 
1641, die auf dem vorjährigen Landtage genehmigt wor— 
den und unter andern Abgaben auch ein neueingeführtes 
Kopfgeld oder eine Klafjenftener, zu ber jeder Tag- 
löhner monatlih 3 Groſchen zahlte, einführte, folgte 1684 
die „revidirte Generalfteuer- und Konſumtions⸗Ordnung für 


122 Dreizehntes Buch. 


die Kurmark.“ Sie ift als die eigentliche Baſis des ganzen 
Steuerweſens in Preußen zu betrachten, und bejteuerte be= 
reits die erften Lebensbedürfniffe, Getreide, Bier, Vieh und 
Holz. 

Schon der große Kurfürft führte mittelft Edikts vom 
15. Suli 1682 eine Stempelfteuer ein, wonach der 
Szepterſtempel 4, der Adlerſtempel 18 Pfennige und 3 Gro— 
ſchen nach Verhältniß und der Kurhutftempel 12 Groſchen 
betrug. Der erftere ward zu Geſuchen, Duittungen, Wech- 
ſeln, Päſſen u. f. w. erforderlich, der Adlerftempel zu allen 
Reſkripten, gerichtlichen Verhandlungen, Lehnbriefen, Teftas 
menten, der dritte Stempel aber zu allen Beftallungen, 
Begnadigungen, Privilegien. Das Stempelwejen ward „zur 
Erleichterung der Kontributionslaft“ eingeführt. Unter 
Friedrich, dem Erften Könige in Preußen (1688— 1713) 
fanden fortwährend Steuererhböhungen aller Art ftatt. Die 
neue Königswürde feit Erhebung des Staates zum König 
reiche und Die Hinneigung der neuen Eüniglichen Herren zu 
Pracht und Vomp, fowie der große Aufwand, den der neue 
Königshof veranlaßte, mußten durch neue Steuern gedeckt wer- 
den. Um die Zuftimmung der Landftände zu umgehen, bediente 
man fich der indireften Steuern, namentlich der Afzife, dazu, 
die in den 15 Sahren von 1690—1705 von ungefähr 
60.000 auf 170.000 Thaler flieg. Man führte eine 
Kleiderfteuer ein; wer Gold und Silber an feinen Klei- 
dern tragen wollte, zahlte jährlich einen Thaler. Ihr folgte die 
Perüdenfteuer im Jahre 1698. Kine fremde franzd- 
ſiſche Perücke entrichtete eine Steuer von 25 Prozent, 





Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w. 123 


eine einheimifche nur von 6 Prozent ihres Werthes; fie 
ward 1701 einem franzöſiſchen „Perückeninſpektor,“ Elite 
Papus de Laverdage in Pacht gegeben: fämmtliche Pe— 
rücken mußten mit ſpaniſchem Lad der Kontrole halber ge— 
ftempelt werden; indeß Hinderte dieſe Maßregel die 
vielen Unterfchleife und Intriguen nicht, obwohl man die 
Perückenträger ſehr chikanirte, fie auf den Straßen nach ihren 
Erlaubnißſcheinen fragte, und Perſonen, die fie nicht aufs 
weifen Eonnten, die Perücke vom Kopfe ftieß. Deßhalb ward, 
„da die dazu erforderten allzu genauen Bifitationen 
nicht geringen Verdruß nach fich zogen,” die Perückenpacht 
wieder aufgehoben und 1702 andermweit verordnet: Hof- 
und Staatsdiener bis zum ©eneralmajor follten von jeder 
Perücke jährlich 2, Thaler, die übrigen bis zum Major 
2 Thaler, bis zum Sefretarius hinab 1 Thaler, die nie: 
deren Beamten, Rammerdiener, Kaufleute und Bürger 16 
Groſchen, Handwerfsgefellen, Lafeien und alle Uebrigen ‘| 
Thaler entrichten. Frei waren Prediger und Schullehrer, 
Schüler und Kinder unter 12 Jahren. Eine fernere Steuer, 
Die eingeführt wurde, war die Karoſſenſteuer; jener 
Berüdeninfpeftor war zugleich auch Karofjeninfpektor. „Wer 
eine Karoſſe, zellen’ichen Wagen oder Chaiſe gebrauchte, 
durch welche das koſtbare Pflaſter der Nefidenz verdorben 
werde,‘ zahlte 12 Orojchen bis 1 Thaler, fpäter 3 Thaler 
jährlich. Ferner ward eine Fontangenſteuer eingeführt, 
welche die Damen für ihren Kopfpuß zahlten, jährlich 1 Thaler; 
eine Strumpf-, Schuh-, Stiefel», Pantoffel- und 
Hutſteuer, für jedes Stück dieſer Fuß- und Kopf-Beklei— 


124 Dreizehntes Buch. 


dungsgegenftände einen Groſchen. Wer Kafe, Thee oder 
Chofolade trinken wollte, zahlte für das Jahr 2 Thaler. 

Am Täftigften war die Kopfftener, niemand davon 
ausgeſchloſſen, felbit der Hof nicht, wie noch heutzutage 
in England. Der König entrichtete für feinen Kopf 4000, 
die Königin 2000, der Kronpring 1000, die Füniglichen 
Brüder 600, 400 und 300 Thaler. Das Heer, vom Ges 
neralfeldmarſchall bis zum Stabsoffizier, zahlte einen Mo— 
natsſold. Das Meiſte brachten aber die unteren Stände 
ein, jeder Geſelle 12 Groſchen, jeder Bauer 8—12, ſelbſt 
jede Taglöhnerin 4 Örofchen. 

Eine Sungfernftener ward von jeder Unverehlichten, 
die 20 Jahre alt geworden, gefordert; fie mußte bis zum 


40. Jahre einen Ihaler zahlen. Sogar ein Schweinbor 


ftenbandelSmonopol für den Staat ward eingeführt, 
und allen Unterthanen bet Feſtungsſtrafe befohlen, alle Borften 
unentgeldlich abzuliefern. Auch die Salzſte uer mußte 
als Mittel zum Zweck: Geld zu erhalten, dienen. 
Bedeutend waren die Ausgaben für den fehr vermehrten 
Hof, Staats- und diplomatiſchen tat Königs Friedrich 
I; unter feinem Vorgänger auf dem Thron betrugen fie 
22/5, unter ihm 4 Millionen Thaler. Die Ausgaben fir 
den Hofſtaat ftellten fih anf 820.000 Thaler, darımter 
für die Chatouille des Königs 55.000, für den Kronpringen 
38.000, für den Hofftaat und die Hofrentei 453.000; 
die Ausgaben für den Staatsetat betrugen 830.000 
Thaler, die Geſandtſchaftskoſten im Jahre 1712 bereits 
gegen 215.000, der Militäretat im Jahre 1706 ſchon 











Breußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w. 125 


2,100.000 Thaler. Trotz der guten Staatsmwirthichaft des 
Finangminifters von Kraut deckte die Einnahme nicht die Aus— 
gabe; Schulden mußten fontrahirt werden und der Kredit 
des Königs ſank; zuweilen trat Oeldmangel ein, wo dann 
der „Hofjude,“ Joel Liebmann aushelfen mußte; Da es mit 
der Goldmacherkunſt, wozu der König feine Zuflucht nahm, 
nicht vorwärts wollte und er den Adepten Don Domes 
nico Manuel Caetano Eonte de Nuggiero aus Neapel 
am 23. Auguft 1709 in einem Kleide von KFlittergold an 
einem vergoldeten Galgen in Berlin hängen ließ. Bein 
Tode des Königs betrug das Heer 30.000 Mann, unter 
feinem Nachfolger gleich 45.000, im Jahre 1725 fchon 
64.000 und bei dejfen Tode faft 90.000 Mann. 
Friedrich Wilhelm IL, der zweite König in 
Preußen, (1713—1740) der hauspäterliche, haushäl- 
terifche Negent, in deffen „arbeitfamem Leben — wie ihn 
jein Sohn, Friedrich der Große, charafterifirt — und weijen 
Anordnungen man die Duelle des Glücks fuchen muß, 
Dejjen das Königshaus fich erfreut”, unähnlich feinem ver- 
ſchwenderiſchen prunfliebenden Bater, fparfam und überjtreng, 
ein genaurechnender Finanzier mit Ausnahme der großen 
Ausgaben für fein einziges Stedenpferd, die Liebhaberei 
für große Soldaten, führte fchon in feinem achten Lebens— 
jahre ein Ausgabebuch mit der Auffchrift: „Rechnung über 
meine Dufaten.“ Die Abweichung feines Syſtems von dem 
jeine3 Regierungsvorgängers war radikal, echt foldatiich 
und bürgerlich zugleich. Wie unter feiner Negterung der 
alte Deſſauer den eifernen Ladftod und den Gleichſchritt 


126 Dreizehntes Bud. 


der Kolonnen im Heere einführte, jo führte der König 
auch ein eifernes, gleichichrittmäßiges Regiment in allen 
Zweigen der Staatsverwaltung ein. Er ftellte au Die 
Spibe feiner neuen Hofrangordnung nicht wie früher einen 
Höfling, fondern den eriten Soldaten, den ©eneralfeldmar- 
ſchall; ex verkaufte die taufend Pferde aus den Haushalte 
feines Daters, wie er den ganzen Höflingstroß desjelben 
„zum Teufel jagte,” und bezahlte ehrlich Die väterlichen 
Schulden. 

An die Spike des Finanzdepartements ftellte ev 1723 
das neugeftiftete General» Finanz- Kriegs: und Domänen- 
Departement; e8 war gewiffermagen das Meiniftertum der 
Finanzen, des Innern und Krieges in eins verbunden ; es 
war der Herr des Staates; Durch dasjelbe kam Ordnung 
und Klarheit in die ganze Staatswirthfchaft, während in 
den übrigen Staaten Dentfchlands noch ein vollfommen 


egyptifches, geheimnißsolles Dunkel darüber berichte. Der 
König war felbft Präſident diefes vereinigten Departements. 
Sm Sitzungsſaale fand die Göttin Zuftitia, auf der einen | 
Wagichale das Wort: Kriegskaſſe, auf der anderen das 
Wort: Domänenfafje. Unter dem Generaldireftorium ftanden | 
Die Ober-Kriegs- und Domänen-Nechenfammer, bei der alle 
und jede Stanisrechnung abgelegt wurde, und die Kriegs- | 
und Domänenfammern in den Provinzen. Man gewinitt | 
eine richtige Anficht von Ddiefem Könige, wenn man Zim- | 
mermann’3 Aufzeichnung in feinen „Sragmenten über Fried- 


vich den Großen“ berüclichtigt, wo er erzählt, daß ihm der 
Seheimrath von Scählieben in Braunfchweig, bei der Er- 

















Preußen, fein Staatsfinanzweien u. f, w. 127 


Öffnung des Teftaments Friedrich Wilhelms I. als Kom- 
miffarius feines Hofes gegenwärtig, mitgetheilt habe, Daß 
fich in deſſen letztem Willen folgende Stelle gefunden habe: 

„Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich genöthigt, 
um dem Neide des Hfterreichifchen Hofes zu entgehen, zwei 
Leidenjhbaften zur Shau zu tragen Die 
ih nicht hatte: Die einewar ungereimter Geiz 
und Die andere ausfehweifende Neigung für große 
Soldaten. Nur wegen dieſer jo ſehr in die Augen 
fallenden Schwächen vergönnte man mir das Sammeln 
eines großen Schaßes und die Errichtung eines ftarfen 
Heeres. Beide find da und nun bedarf mein 
Nachfolger weiter feiner Maske“ 

Zumeilen waren 800—1000 Werber für den König 
auf dem Fang; er bezahlte für „jeden nadenden langen 
Kerl” 30 Thaler an den Marfgrafen von Anſpach; jonft 
war der gewöhnliche Preis des Handgelds eines „lan— 
gen Kerl3“ von 5 Fuß 10 Zoll rheiniſch 700, für einen 
von 6 Fuß 1000 Thaler. Der irische Rekrut Kirkland 
foftete ihm fat 9000 Thaler, alles mit eingerechnet ; ja 
er legte gleihfam ein Geſtüt zur Erlangung großer Sol- 
daten an, indem er vecht lange potsdamer Leibgardiften 
mit hochgewachſenen Frauenzimmern zujfammengab. Das 
große Königsregiment, 3000 Mann ftark, Eoftete an Uns 
terhalt jährlich 300.000 Thaler. Herrſchte in dieſer koſt— 
baren Liebhaberei die Verſchwendung des Königs, jo galt 
in allem Uebrigen die Außerfte Sparfamfeit, von dev Ta- 
baksſtube und den abendlichen Zufammenfünften darin bei 


128 Dreizehntes Bud. 


Bier und Tabak bis zu den größten Hofluſtbarkeiten. Er 
war es, der zuerft den Adel beftenerte und ihn zwang, 
fih der mittelalterlichen Taxenfreiheit zu begeben; er ſetzte 
die Beſteuerung der „Junkers“ durch mittelft Verſilberung 
der Nitterpferde gegen AMllodififation der Lehngüter, und 
„tabilitirte die Souverainität wie einen Rocher (Zelfen) von 
Bronce.“ 

Sein Erſtes und Letztes war — Geld; nächſt der 
ſouverainen Macht waren die Finanzen fein Hauptab— 
jehen. Er brachte die Landeseinnahme von 4 bis auf 7’), 
Millionen Thaler, wovon er jährlih 1,300.000 Thaler in 
den Schatz Tegte, und daß der jährliche Zufluß aus der 
ſogenannten Rekrutenkaſſe in den Schatz noch weit größer 
gemefen fei, behauptete ein preußifcher, eingeweihter Mini- 
fer — nah Zimmermann. Der Schab enthielt nach 
feinem Tode faft 9 Millionen. Außer barem ©elde ver— 
Ichaffte fich der König auch Domänen, und Faufte für 5 
Millionen neue Krondomänen und für 2 Milionen Grund: 
beji& für die nachgeborenen Bringen. 

Eine Hauptquelle der Staatseinnahme war unter 
jeiner Regierung die Afzife: in dem neuen Tarif für 
die Stadt Berlin wurden die früheren Sätze auf das Dop- 
pelte bis Zmölffache erhöht, dem Adel ward ſehr geſchickt 
nach und nach Die Afzifefreibeit, wie die Steuerfreiheit ab- 
mandprirt, die Lehne feit 1717 in den Marken allodifizirt 
gegen eine Abgabe von mehr als 300 Thalern jährlich. 
Auch Nemterverfauf trieb der König, wofür die Gelder in 
die Rekrutenkaſſe flofjen, ebenjo warfen Die Titelverleihungen 








Breußen, fein Staatsfinanzmwefen u. ſ. m. 129 


Sporteln ab und mehrten die Staatseinnahme. Durch 
ein genaues Afzifereglement vom 24. November 1733 be— 
ftimmte er den Wirfungskreis eines jeden Steuerbeamten 
und brachte alfo fejte Ordnung in den Geſchäftsgang. 

Seines Nachfolgers Finanzmaßnahmen haben fi, 
wie ſehr fie fih auch in der Praris bewährten und bie 
außerordentlichen Nefultate Hauptfächlich mit herbeiführten, 
wodurch dieſes Königs Regierung ausgezeichnet war, des 
Beifall unferer Finanztheoretifer, befonders der Gegenwart, 
nicht zu erfreuen gehabt; fie erheifchen daher umſo mehr einer 
ausführlichen Schilderung, da e3 ihm, geftüßt auf fein 
Staatsfinangpringtp, allein möglich wurde, jene Stellung 
zu erreichen, die er feinem Staat unter den Mächten Eu— 
ropa's ſchuf. 

Friedrich der Große (1740—1786) veröffent— 
lichte in ſeinem Erlaſſe vom 2. Juni 1740 feine Regierungs— 
grundſätze, die er auch ſeinen Staatsminiſtern in den Wor- 
ten einſchärfte: „Unfere Meinung iſt nicht, daß 
ihr Uns ins Fünftige bereichern und Unfere 
‚armen Unterthbanen unterdrüden folltet, ja 
de3 Landes Bortheil muß den Vorzug vor 
 Unferem eignen befonderen haben, wenn fid 
beide nicht mit einander vertragen“ Das 
war jein, fein ganzes Leben, feine ganze Abjährige Regie— 
rungszeit hindurch feftgehaltenes Prinzip, wie Geiſtes-, Glau—⸗ 
bens⸗ und Gewiffensfreiheit andererfeits fein Schiboleth war 
neben der von ihm fanfktionirten, faſt uneingeſchränkten 
Rede-⸗, Gedanfen- und Preßfreiheit. „Sch und alle Preußen 
Das Haus Rothſchild. II. 9 


130 Dreizehntes Buch. 


denfen ganz laut," und „Oazetten müſſen nicht genirt wer— 
den,“ waren feine Ausfprüche, obwohl er Boltaire’s 
Schmähfchrift auf den Präfidenten der berliner Akademie im 
Sabre 1752 auf den Hauptpläßen der Reſidenz öffentlich 
durch den Henfer verbrennen ließ. 

Das Berdienft der Finanzverwaltung Friedrich's war 
hauptfächlich Die genauere Verbindung im Ganzen derfel- 
ben; er vollendete hier, was fein Vater begonnen. Die 
Staatseinnahme bob er von 7',, zu 24 Millionen Thaler 
und hinterließ 72 Millionen bar im Staatsſchatze; jähr- 
lich nach dem Kriege erfparte er 8 Millionen, gab aber 
5—6 Millionen zu DVerbefferungen und Abhilfe von Un— 
glüdsfällen ab, und fürderte feined Landes und Volkes | 
Wohl, obwohl er, der neuern Nationalökonomie fern, nicht | 
die Anficht theilte, daß ein großer Schab, unchätig in den | 
Kaſſen rubend, das Königreich arm mache, der Handel 
ohne wechjeljeitigen Gewinn nicht beftehen könne, Privile⸗ 
gien und ausschließliche Berechtigungen die Induftrie hem⸗ 
men, mit einem Worte, der Neichthum eines Souverains 
in dem Wohlſtande feines Volks bejtände; nur die Iebz 
tere Anficht war auch die Friedrich IL 

Mährend der fchlefifchen Kriege hatte England jähr- | 
ih an Preußen 670.000 Pfund Sterling, etwa 4-5 
Millionen gutes Geld gezahlt. Daraus ließ der König 10 
Millionen fchlechtes Geld mit dem Bildniß des Königs 
von Polen und Fürften von Bernburg fehlagen. Zuletzt 
galt, was fonft fünf Thaler galt, fünfzehn. Das Geihaft 
ging durch den Juden Ephraim, dem er die Münze in 




















Preußen, fein Staafgfinanzwefen net. m. 131 


Sachſen mit 8 Progent Gewinn verpachtete. Man exe 
frirte den König und ließ Spottmünzen auf ihn prägen, 
wo er Ephraim ftreichelnd ausruft: „Seht hier den gelieb- 
ten Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“ 

Es wurden Drittelftüde geprägt, Die jehr ſchön weiß 
gefotten waren. Der Volksreim darauf; 

Bon außen fehön, von innen fchlimm, 

Bon außen Friedrich, von innen Ephraim! 
furfirte durch gang Deutfchland, und man nannte Diefe 
fächfifchen Achtgrofchenftüde : Ephraimiten, Schinderlinge, 
Blechlappen. An manchen Orten galt ein Dufaten 9 Tha: 
Ver ; die Noth zwang den König zu dieſer „Induſtrie“, wie 
er es nannte, da er neue Steuern feinen Unterthanen nicht 
zumuthete und fie während des ganzen Krieges nicht erhöhte ; 
ja in den 23 Jahren feit dem Frieden bis zu feinem Tode 
bat er nach genauer Berechnung des Miniſters Herzberg 
über 24 Millionen von den Privaterfparniffen aus der 
Chatouille unter ſämmtliche Provinzen vertheilt. 

Bon den jährlichen Zivillifte, die König Friedrich IL 
für fich auf Die Höhe von 1,200.000 Thaler feftgefett hatte, 
verwendete er für feine Privatbedürfniſſe nie mehr ala 
220.000 Thaler, wie er jelbit in feinem Teſtamente ver- 
fichert; die Königin hatte 41.000 Thaler. 

Des Königs Heer beitand feit Erwerbung Weftpreu- 
ßens aus 200.000 Mann; ihr Unterhalt. Eoftete 13 Mil- 
lionen, über Die Hälfte der ganzen Staatseinnahme ; je— 
der Kopf der 5 Millionen Zivilbevölferung brachte durch— 
ſchnittlich 4 Thaler Steuer ein; der 27te Einwohner 


95 


132 Dreizehntes Buch. 


Preußens war Soldat; frei waren nur vonder Wehrpflicht Adel 
und Standesperionen, die Beliger eines Kapitals von 6000 
Thaler, die königlichen Diener, einzelne Gewerbe als: 
Bergleute und Tuchweber, die Erben einer bäuerlichen Be— 
isung, die Neubauer, Juden und Menoniten und gewiſſe 
Provinzen und Städte, wie Eleve und Oftfriesland, Ber— 
lin, Potsdam, Breslau u. |. w. In dem Steuer: und 
Abgabenſyſtem feines Vaters änderte fein Nachfolger wäh— 
vend der eriten 25 Jahre feiner Regierung nichts; in 
Schleſien hingegen ordnete er das Steuerwejen ein durch 
Einführung einer Grundſteuer, die auf gleiche Weife die 
Güter des Klerus, des Adels und des Bauern umfapte, 
der eritere zahlte 50, der zweite 28 und der Bauernftand 
33 Prozent vom Neinertrage. Nah dem 7Tjährigen Kriege 
bejchlog der König eine Aenderung in der Akziſe behufs Anz 
jammlung eines neuen Staatsfchaßes, zu welchem Zwecke 
da3 Land 2 Millionen aufbringen follte. 

Das ganze Finanziyftem Friedrich's des Großen beruhte 
darauf, daß ſchon im Frieden alle Kräfte zuſam— 
mengenommenmwurden undjeder fonvielleiftete, 
algervermohte,damitausdenangefammelten 
Ueberſchüſſen alle außerordentlidben Bedürf— 
niſſe, namentlich Die Koften für etwaige Kriegs— 
führung, bejtritten werden konnten. Dieje Ueber— 
ſchüſſe wurden in den „großen“ und „Kleinen Schatz“ gelegt. 

Im Beginn feiner Negierung trug die Domänenfaffe 
3,300.000, die Generalkriegskaſſe 4 Millionen, nach dem 
Etat von 1741 die Summe von 5,226.437, 1742 von 








Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w. 133 


6,034.641, 1743 von 5,727.825, 1744 von 5,804.023, 
1745 von 6,133.192, 1746 von 5,927.488, 1747 von 
5,862.722, 1748 von 5,833.468, alſo nahe an 6 Milliv- 
nen. Schlefien hatte einen bejonders verrechneten Ginnahmes 
ertrag von 3, Millionen, und mit der Einnahme von 
Dftfriesland und dem Einfommen der Banken belief fich 
im Sabre 1752 die Gefammteinnahme über i2 Millionen. 
Die Meberjchiiffe betrugen 1744 die Summe von 300.000 
und 1750 von 700.000 Thalern. Das ernenerte und be- 
ſtimmte Stempel: und Karten-Edift vom 13. Mai 1766 
erhöhte das Stempeljteuer-Einfommen bis auf 600.000 
Thaler. 

Dagegen war Friedrich für jeine Perfon ſparſam im 
Ausgeben und ſammelte auch aus der für fich beftimmten 
Zivillifte Feine Summen für das Hausvermögen an, er 
nahm vielmehr nur 220.000 Thaler zu feinem jährlichen 
Bedarf: den Reſt feiner Zivillifte verwendete er zum Beiten 
der Provinzen. 

Die Staatseinnahme betrug an rundfteuer gegen 
fieben Millionen, die Regie ſammt den Zöllen gegen ſechs, 
und die Domänen und Forfte trugen zehn Millionen ein. 
Ebenſoviel etwa gibt der König felbit gelegentlich im gans 
zen an, indem er in jeinen nachgelaffenen Werken jagt, 
daß bei feines Vaters Tode die Staatseinkünfte 7,400.000 
Thaler betrugen, Schlefien die Einnahme um 3,600.000 
vermehrt und die Einkünfte (Schlefien und OftfriesIand 
nicht gerechnet) im Sahre 1756, ohne irgendeine Erhö⸗ 
hung der Auflage fih um 1,200.000 vergrößert hätten, 


154 Dreizehntes Buch. 


daß Weitpreußen 2, die Bank, Akzife und Tabakmonopol 
über 3, das Salzmonopol 1,540.000 und Dftfriesland et- 
was über 300.000 Thaler eingetragen habe, was a 
etwas über 19 Millionen macht. 
Der Ertrag der einzelnen Provinzen war ee 

1. Oſt⸗ und Weftpreußen . 4,000.000 Thaler. 
2. Schlefien, außer den etat3mäßigen 

3,600.000 Thalern noch 1,3—400.000 

unter verſchiedenen Nubrifen, alfo übers 

haupt 5.000.000 „ 


3. Brandenburg 3,300.000 „ 
4. Halberitadt . 418.000 „ 
5. Gelder . »»415.000" 7 „ 
6. Tedlenburg und eigen. BUT, 
7. Minden und Navensberg 182.178 „ 


Der Ertrag der Kontributionsrevenuen war nach dem 
Etat von 1775—1776 folgender: 


“ 


Dftpreußen und Lithauen . .. 900.141 Th. 13 Gr. 5Pf. 
Meitpreußen . . 714.240 „17,8% 
Pommern .. 18396. 211 22 vv 
"Kenmtasdis 06 ON SIN2ODIO2ZITEHRUN  n 
Kurmarf ‚#4 181.005 U 0 
Magdeburg und Mansfeld 526.314 „ By —r 
Halberftadt und Wernigerode. . 201.208 „ I, 8 u 
Hohnitein IND DE LT 70 
Minden und Rabensben 210466 188 
Tecklenburg und Lingen . AAN AR, 2 
Diftfriesland . 47.891 „ 19 u, —r 





Preußen, fein Staatsfinanzmwefen u. f. w. 


TEEN 
Cleve 12307 —— 
Meurs BL ee ke 
Geldern . En, 226.107 
Snleften 2 ee, 299.209 70077974.058.% # 


Lehen⸗ und Ritter-Pferdegelder . . 


65.000 „ 


135 
Br. 


Zufammen 6,897.064 Thl. 13 ©r. 


6 Pf. 


Das Einnahme-Budget für 1778 auf 1779 betrug: 
5,000.000 Thaler. 


. Direkte Abgaben, Grundſteuer uf. . 


1 

2. Domänenkaſſen 
3. Akzifefaffen 
4. 


General-Afzife und Zollgelderuber⸗ 
ſchuß an die Dispoſitionskaſſe 


5. Ueberſchuß von der Regie 
6. Oberſalzkaſſe 

7. Forſtkaſſe 
8. Nughokadminiftration 
9. Chargenkaſſe 

10. Poſtkaſſe 

11. Berg- und Süttentaffe . 
12. Münzfaffe . 
13. Tabaksadminiſtration 
14. Banfofaffe . 

15. Seehandlungsfaffe 

16. Porzellankaſſe 

17, Zranfitofaffe 

18. Fabrifenftenerfaffe 


. 9,068.812 
.4,833.999 


375.422 


. 1,000.000 
. 1,338.966 


629.156 
100.000 
. 117.37 
885.134 
279.611 
200.000 


1,200.000 


137.000 
200.000 
50.000 

. 128.743 
. 109:355 


136 Dreizehntes Buch. 


19. Ueberſchuß aus allen General, Do: 
mänen,“ Kriegs- und Bergwerks— 


fallen)... ner. 
20. Stempellaffercnnt. . - ... .900302% 5 
21. Afzife, Kajfen-, Plombage- und Zet- 

telgelder . nanzn. tn Een 2a Ada 


Zufammen 26,256.965 Thaler. 

Nachdem Friedrich der Große eine lange Reihe von 
Sahren das Staatäfinanzweien, wie es ihm von feinem 
Borfißer auf dem Thron überfommen war, hatte ungeän- 
dert beſtehen Iaffen, hielt er es an der Zeit, zu bebeuten- 
den Reformen zu fehreiten. In einem Miniftereonfeil, welches 
er im Sabre 1766 in Charlottenburg bielt, fragte er, wie 
eine Erhöhung der Staatseinnahme, die nothgedrungen er- 
forderlich, zu bewirken fei. Der Minifter von Maſſow, 
damals der ältejte unter den Miniftern, verficherte, daß das 
Land durch den fiebenjährigen Krieg und durch die Herabjez- 
zung des während des Krieges geprägten, wminderhaltigen 
Geldes fo erfchöpft fei, daß man an eine Abgabenerhöhung 
nicht denken könne. Der König, unwillig hierüber, fragte, 
wieviel Kafe im Lande verbraucht werde, und da das 
Minifterfollegium die Frage nicht fogleich zu beantworten 
wußte, erflärte er, ein neues für fich beftehendes Akziſedepar— 
tement errichten zu wollen. 

Helvetius, der bekannte Philofoph und General— 
pachter in Frankreich, welches er wegen einer Schrift ge: 
gen den Klerus verlaffen mußte, bejuchte den König zu 
Potsdam, und erzählte ihm von dem dortigen Akziſeweſen. 


Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w. 137 


Da er als Generalpachter feine Stelle niedergelegt und den 
Ruf eines ehrlichen Mannes bewahrt hatte, febte der Kö— 
nig großes Vertrauen in alles, was er fagte. Gr bejchlog 
die Ginführung einer Negie wie in Frankreich; der Mar- 
quis d' Argens, an den er fich wandte, empfahl ihm ſechs 
Männer als Negiffeurs, die dort in der Negie angeftellt 
gewejen; der König nahm fie in feine Dienfte und ließ 
durch fie 500 franzöſiſche Negie-Unterbeamte engagiven. In 
der Kabinetsordre vom 9. April 1766 jagte er, daß er in 
Nücdficht, daß bei der Afzifeverwaltung foviel Unordnung 
vorgefommen, veranlapt fei, die Regie einzuführen, weßhalb 
er, den bisherigen Zollunterfchleifen zu fteuern, Beamte aus 
Frankreich babe kommen laſſen, welche die Adminiftration 
vom Suni an übernehmen follten. Da diefe Beamten der 
deutichen Sprache nicht mächtig waren, fo ernannte er eine 
Kommiffion aus preußifchen Beamten, welche jene unter- 
ftüßen und alle einleitenden Maßregeln treffen mußte. 
Nichtsdeſtoweniger Hatten fie mit Schwierigkeiten 
aller Art zu kämpfen, denn Volk wie Behörden waren 
ihnen im höchften Grade abgeneigt. Wo nur irgendeiner 
einem Franzoſen Verdruß machen konnte, geſchah's, und der 
Unterftügung feiner Landsleute war er gewiß: man nannte 
fie nur die franzöfifhen Blutegel. Nur ein König, 
im Beſitze folcher Geiſtesüberlegenheit mie er, konnte es 
wagen, eine ſolche Einrichtung durch Fremde, die der Na— 
tion in fo hohem Grade verhaßt waren, in feinem Staate 
zu gründen. Diefer Haß murzelte mit den Jahren tiefer: 
alle Hebel, was gefchah, ward den Franzoſen aufgebürdet, 


138 ' Dreizehntes Bud). 


jelbft die Einführung der verhaßten neuen Tutherifchen Ge— 
fangbücher in den Kirchen. Diefer Haß mehrte die Luft zu 
Defraudationen und zugleich die Sicherheit, da man fie 
als ein gottgefälliges Werk anfah, und niemand einen 
Schmuggler den franzöſiſchen Beamten verrieth. 

Der König hatte mit ihnen einen Vertrag auf ſechs 
Sabre bis zum 1. Juni 1772 gefchloffen, in welchem er 
ihnen zufammen 60.000 Thaler jährlich bemilligte, alſo 
jedem der fech3 Oberbeamten 10.000 Thaler, während ein 
Miniftergehalt nur die Hälfte betrug. Der Bräfident von 
der Horft wurde zum Mintfter und Chef des neuen Akziſe⸗ 
Departements und fünf Regiffeure zu Geheimräthen ernannt; 
Ve Haye de Lannay war der erite unter ihnen, der zulekt 
15.000 Thaler Gehalt und oft noch 6—8.000 Thaler 
Nemifen bezog, da ihnen 5 Prozent von allem bewilligt 
ward, was die Einnahme gegen früher mehr betrug. In 
den eriten fechs Jahren hatte die Negie gegen früher 
882.350 Thaler Mehreinnahme, die Remiſen betrugen davon 
44.000 Thaler. 

Sm Suli 1766 wurde ein nener Vertrag geſchloſſen 
auf abermals ſechs Jahre, wornach ihnen die Verwaltung 
aller Akziſe, Zölle, Schleuſen, Agio, Tranſito und Lizent 
übergeben ward, ferner alle Gewalt über alle Akziſe⸗ und 
Zollbeamte gegen ein Oefammtgehalt von 60.000 Thalern 
und 5 Prozent von der a über den Etat 
von 1765 —66. 

Diefe neue Steuereinrichtung erregte in ganz Europa 
die größte Senfation: die europäifche Handelswelt wollte 











Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. w 139 


in Breußen feine Gefchäfte mehr machen, und die einhei- 
miſche Kaufmannfchaft verlor den Muth, fo daß aller Hans 
delöverfehr faft ganz Darniederlag. Die Klagen der Unter- 
thanen über Bedrüdung und Eigenmacht der fremden Zoll- 
bedienten nahmen fein Ende. Mit dem 1. Juni 1772 wurde 
de Lannay alleiniger Generalregijfeur mit 15.000 Thaler 
Gehalt ohne Nemifen, die in den lebten Sahren fait eben 
foviel betragen hatten; außer ihm wurden zwei Franzofen, 
jeder mit A000, und zwei Deutfche, jeder mit 3000 Tha- 
lern al3 Regiſſeure angeftellt. Für die Prozeffe in Steuer- 
jachen ward ein Oberregiegericht gebildet, deffen Chef der 
Suftizminifter jelbjt war: vier Näthe bearbeiteten in der 
Appellationsinftanzg die ihnen aus den unteren Inſtanzen 
zugebenden Prozeſſe; das Verfahren war das allgemeine des 
preußijchen Prozefjes. Auf dieſem Fuße blieb die Regie von 
1772 bis 1786 zum Tode des Königs. 

Das Fleifh war mit 1 Pfenning vom Pfunde außer 
dem alten Afzifefake belegt, die Steuer vom Wein mit 5 
bi3 20 Groſchen — je nach der Qualität — erhöht; ftatt 
der Mahliteuer eine Abgabe von 18 Groſchen auf die Tonne 
eingeführt und auf jedes Quart inländischen Branntweins 
1 Groſchen gelegt. Außerdem mußten die Weinhändler von 
jedem Eimer Wein nah dem Verhältniffe von I Prozent 
des Merthes desfelben und die Branntweinbrenner von jedem 
"Eimer Branntwein 10 Groſchen entrichten. 

Die Negieeinnahme ftieg von Jahr zu Jahr, bis fie 
in den Achtziger Jahren faft die Summe von 6 Millionen 
nach Abzug aller Ausgaben jeder Art erreichte, und das 


140 Dreizcehntes Bud. 


Sefammtrefultat derfelben war während ihrer 241jährigen 
Dauer eine Mehreinnahbme von 27,670.989 Thaler, 
alfo in jedem Sabre mehr 1,317.666 Thaler, der Erfolg 
eines Steuerſyſtems, welches fünfhundert Frangofen ins 
Land rief, Die, zum DBerdruße der Eingeborenen von 
oben bis unten angeftellt, ihren ganzen Gefchäftsgang 
in einem deutſchen Lande franzöfiich führten, einen 
Staat im Staate bildeten, der feine eigenen Sitten und 
©ebräuche, feine eigenen Geſetze und Sprache hatte und 
dabei überall der befehblende Theil war. 

Das Sewerbe der Untertbanen war durch die engen 
Feſſeln des Negiefyftems fehr gefunfen und der Handel 
ungemein durch die Operationen der Zol- und Tranfito- 
Partei heruntergebracht. De Lannay fandte 500.000 Thaler 
als feinen rechtmäßigen Erwerb nach Frankreich. 

Bon der Negie völlig unabhängig war die Kafe- 
fteuer, die der König nach dem Vorbilde der britifchen 
einführte, wo fie bedeutende Summen einbrachte. Während 
des fiebenjährigen Krieges war der Kafe ein Liehlings- 
getränf des Volkes geworden. 

Allein in den öftlichen Provinzen (Brandenburg, Pom⸗ 
mern, Preußen, Schlefien, Magdeburg und Halberftadt) 
wurden jährlich 1,200.000 Thaler dafür nach den See— 
pläßen gejandt. Der König wollte das Volk von Dies 
jem Genuße entwöhnen. Das Pfund Kafe Eoftete 6 Gro⸗ 
ichen, wozu 2 Grofchen Ihorakzife famen; dieſe ward auf 
4 Groſchen erhöht, und, um zugleich das flache Land zu 
beftenern, an der Landesgrenze beim Gingang noch zwei 











Breußen, fein Staatsfinanzmefen n. |. mw. 141 


Groſchen von jedem Pfunde erhoben. Durch dieſe hohe Beiteue- 
rung wurde der Schmuggel allgemein, und weil er ſehr loh— 
nend war, geſchah er fogar mit gemwaffteter Hand. Der 
König, verdrüßlich über die infolge des Schmuggel3 ftatt- 
findenden Beeinträchtigungen der Staatseinnahme, ſetzte 
auf den Rath des Generalregiffeurs die Prämie herab, und 
ſiehe — die Einnahme des nächſten Sabres betrug 60.000 
Thaler mehr. Indeß wurde noch immer fortgejchmuggelt, 
da die Kafeſteuer doch noch drei Groſchen aufs Pfund be- 
trug, Mit dem Gedanken befchäftigt zur Auffindung eines 
Mittels gegen Verminderung der Unterfchleife wurde dem 
Könige von einem Kupferichmied in Potsdam ein Plan 
überreicht, der, geprüft und zweckmäßig befunden, alsbald 
zur Ausführung gelangte. In jeder Provinz ward eine 
Hauptniederlage von Kafe und mehrere Nebendepot3 an— 
gelegt, in den vftlihen Provinzen zufammen 21 an der 
Zahl. In Berlin war ein Hauptmagazin von rohem Kafl 
und eine große Hauptbrennerei, ebenjo in den Provinzen. 
Der Kafe ward auf Koften des Staates gebrannt und ges 
mahlen, in blecherne Büchfen zum Gewichte von 24 Loth 
ftatt eines Pfundes gepackt und diefe verſchloſſen; man 
mußte für jedes Stück außer dem Kafepreife von 10 Gro— 
jhen noch A Groſchen für die Büchſe zahlen. Den Kafe 
lieferte die Seehandlung für 6 Groſchen. Alle Unkoſten mußten 
von der Kafeadminiftration gezahlt werden, deren Beamten 
e3 im ganzen Staate 504 Berfonen gab. Alle Beamten, 
jowie Honoratioren in den Städten genogen die Vergün— 
ftigung, ihren Kafebedarf felbjt zu brennen, gegen eine Ab- 


142 Dreizehntes Buch. 


gabe son 4 ©rofchen für je 10 Pfund; alle Mebrigen 
durften nur den Negiefafe gebrauchen, wovon jährlich für 
1’; Millionen Thaler verkauft wurden, was einen Nein- 
ertrag von 150—160.000 Thaler gab. Auch gegen dieje 
Kafeſteuer war man fehr erbittert, und befannt ift die 
Anekdote, wornach eine Karifatur—der König auf einem Fleinen 
Stuhle fisend, mit einer Kafemühle zwilchen den Beinen 
und mablend, abgebildet — an einer Straßenede in der Nähe 
des Schlofjes angeflebt war, vor welcher fich eine große 
Volksmaſſe verfammtelt hatte. Der vorbeireitende König er- 


fundigte fich nach Der Urfache; man zeigte nach dem Basquill; - 


er ritt näher, betrachtete e8 und fprach im Wegreiten: „Hängt's 
niedriger, Damit fich Die Neugierigen Die Hälfe nicht ausrecken!“ 

Neben diefem Kafeverfaufsmonopol führte der König 
im Sabre 1767 auch das Tabaksmonopol ein, indem 
er dem Staliener Calfabigi die Tabafspacht für 1,100.000 


Thaler überließ; Diefer verband fich mit dem Baron Knypz _ 


haufen, man errichtete eine Afttengefellfchaft, deren Theil— 
nehmer an der Pacht partizipirten. Indeß kam die Sache 
in Derwirrung, und der König verband die Tabaföver- 
waltung mit feiner Regie. Nach vorhandenen Notizen brachte 
das Tabaksmonopol im Jahre vor des Königs Tode Die 
Summe von 1,286.289 Thaler ein, die in den Staats— 
ſchatz floßen; nach anderen Nachrichten ſoll dasſelbe gar 
2,800.000 Thaler ergeben haben. — Meber den Staats 
ſchatz König Friedrich’S IL. find verſchiedene Berechnungen 
vorhanden. Nach Einigen betrug er unter anderen im Jahre 
1744 6,200.000 Thaler, im Jahre 1752 7 Millionen, 








Preußen, fein Staatsfinanzmefen u. |. w. 148 


und die Staat3verwaltung war fo eingerichtet, daß jährlich 
2 Millionen binzufamen, fo daß der Schat 1754 gegen 
11, 1756 gegen 15, 1758 gegen 19 Millionen hätte be 
tragen müffen. Beim Tode des Königs follen ſich nad den 
yariivenden Angaben 50—70 Millionen bar darin vorge 
funden haben, während andererfeitö diejes aus dem Grunde 
beftritten wird, weil der König nur 20 Sahre Zeit zu feiner 
Anfammlung gehabt habe, nämlich von 1766—1786. Da 
alle Einnahmen etatsmäßig wieder in Ausgabe gefommen, 
jo fet für den Schatz nichts übrig geblieben als die Mehr- 
einnahme, welche die Negie gegen die ältere Akziſe einge- 
bracht und die bi zur erſten Theilung Bolens jährlich nur 
800.000 Thaler betragen babe. Nach diefen Zahlenangaben 
habe der vorgefundene Schab Friedrich’3 des Großen nur 
. 40 bis 45 Millionen fein können. Mebrigens beitand der 
Staatsichab aus dem großen, der in Berlin lag, und dem 
fleinen in den einzelnen PBrovinzialhauptftädten, in Mag- 
deburg 900.000, in Breslau 4,200.000 Thaler u. |. w., wie der 
König ſelbſt angegeben. Beide zufanmengerechnet ergab fich 
die obige Summe. Seit Heinrich’s IV. von Frankreich Tode 
im Jahre 1610 war Friedrich der letzte Sammler eines 
beträchtlichen Schabes! — — 

Theilen wir zum Schluße hier noch das Reſultat der Aus 
übung des Müngzregals durch diefen König mit. Dom Sabre 
1764 bis 1786 ließ Friedrich II. in Gold, Eourant und Schei- 
demünze überhaupt nur 97%), Millionen prägen und zwar *): 


*) Vgl. des Staatsraths Hoffmann Mittheilungen in der Staatg- 


144 Dreizehntes Bud). 


an Sriedrichsd’ors für . . 29,599.482:,, Thaler 
an ganzen, halben und Vier: 
telsThalerftüden . . . 15,875.874, u 
an '/, Thalerftüden . . 9,114.554 * 
andy Ne ———— 
a UN 8 203 s 
3 Da le Re re a 677.873 R 
de) m — 491.076 in 
an Dar Yan. 12,900.569 „186.9 Pf. 
an Provinzial Scheide- 
mung . . . ..008»519.096 „10, 
an seupfergeld'  . u... 200.898 — 37 


Ueberdieß '/, Milton Bankopfunde a '/, Friedrichs⸗ 
d'or d. h. 15/,, Thaler, den Friedrichsd’or zu 5i/, Ihaler 
Silbergeld gerechnet. — — 

Von der Zirkulation derjenigen 4 bi3 5 Millionen, 
welche er aus englifchen Subfidiengeldern weit unter dem 
Nennwerthe während der fehlefifchen Kriege prägen Tieß, 
erhob er gleichfam ein Anleihen, indem er jene Münzen 
ſpäter wieberrief und fie nicht mehr zu dem Kurfe ans 
nahm, zu welchem fie ausgeprägt worden. Troß der be- 
deutenden Staatsausgaben und Kriegsbedürfniffe war 
Preußen unter Friedrich II. ſchul denfrei, freilich durch 
nothgedrungene Finanzmaßnahmen des Königs, bejonders 
durch Prägung geringhaltiger Münze, ein — wie er felbit 


zeitung 1830 No. 205 — 210, auch befonders abgedrudt in 
Raumer's hiftorifchem Tafchenbuch 1830 ©. 420. 





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Preußen, fein Staatsfinanzmefen u. f. w. 145 


fagt — ebenſo gewaltfames wie jchädliches Mittel, aber 
das einzige zur Erhaltung des Staates unter jenen jchwie- 
rigen politifchen Konjunkturen, ſowie durch Eröffnung der 
mannigfaltigjten finanziellen Hilfs- und Einnahmequellen. 
Da ſaß der alte Meifter in feinem Sansſouci voll Sorgen 
und Gedanken, und vechneie von früh bis ſpät, und ſah 
nach, daß die Zähne des Fünftlichen, vielfach abgeftuften 
Räderwerks vollfommen in einander griffen, daß die Rei— 
bung nicht zu ſtark würde, oder wohl gar die Zapfen aus 
den Löchern wichen. Immer half er Stodungen nach, än— 
derte aber im Weſentlichen nichts; denn er würde das 
Ganze vernichtet haben, was noch Dauer verfprach, jondern 
juchte nur noch die Bewegung zu erleichtern und zu be— 
jchleunigen, ohne Doch die Federkraft zu erhöhen, denn 
dDieje war auf3 Neußerite gejpannt. 

Friedrich II. Hatte alle Staat3organe in feinem Reiche 
geftört und die Kabinetsregierung begründet: er war Al- 
lein- und Selbjtherrfcher : feine Minifter führten nur jeinen 
Willen aus in allen Staatsgeſchäften. In dieſer ein- 
jeitigen Behandlung der Staatsgejchäfte und in jeinen Fi— 
nanzeinrichtungen lag für feinen Nachfolger — ald nach jei= 
nem Tode jein Geiſt und Scharfblid fehlten — der dem 
Ausbruche nahe Keim eines Krebsfchadend, der das Le— 
bensprinzip des Staates vernichten mußte. Durch ihn 
hatte Preußen ein Anfehen und eine Stellung errungen, 
die jeine Kräfte weit übertrafen und feiner Lage wie feinen 
Verhältniffen unangemefjen waren; es war ihm ergangen, 

Das Haus Rothſchild. I. 10 


8 


146 Dreizehntes Buch. 


wie es allen Staaten ergehen muß, welche große Geifter 
zu Regenten haben. 

Bei jeinem Hinfcheiden hatte fich Preußens Umfang 
von 2300 Duadratmeilen mir 2 Millionen Einwohnern 
zu 3600 Duadratmeilen mit 6 Millionen Einwohnern er- 
hoben; der Staatsfcha betrug zwifchen 4070 Millionen ; 
das Heer war von 76.000 Mann auf 200.000 geitiegen, 
und ſtatt 12 Millionen wies das Staatseinnahmebudget 
faft 27 Millionen nad. 

Das waren die Reſultate feiner ſechsundoierzigjähri— 
gen Regierung: er, der ganz Europa in Bewegung gefekt, 
farb einfam in feinem Lehnſeſſel. — — 

Des Nachfolger Friedrich’8 IL, des neuen Königs 
Friedrich Wilhelms IL, (1786—1797) Wille war 
anfänglich auf Verbeſſerungen des Finanzweſens im Sinne 
Mirabeau's gerichtet. Die unter dem Namen Negie ein- 
geführte franzöfifche Verwaltung der indirekten Zölle ward 
aufgehoben; an ihre Stelle trat ein befonderes Departe- 
ment zur Direktion des Akzife,- Zoll, Fabriken und Hand« 
lungsweſens mit deutfchen Beamten unter Leitung des 
Miniſters von Werder, nachdem der Chef der Regie de 
Launay und die frangöfifchen Beamten entlaffen morden. 
Darauf folgte mitteld Patents vom 6. Januar 1787 die 
Aufhebung der beiden Monopole des Staats, der ©eneralz 
Tabaksadminiftration und der Kafehrennerei-Anftalt. Zur 
Deckung des duch Aufhebung beider Monopole entitehen- 
den Ausfalls in den Staatseinfünften ward mittelft desſel— 
ben Patents eine neue „Mahl-Akziſe“, eine Tabaks-Akziſe, 
































Preußen, fein Staatsfinanzmefen u. f. w. 147 


eine Zuders und Syrup-Afzife, eine Nachſchuß-Akziſe von 


4 Groſchen fiir jeden Thaler, eine Erhöhung der Waizen— 


Akziſe und eine erhöhte Stempeliteuer eingeführt und außer— 
dem noch eine vom flachen Lande aufzubringende Abgabe 
in Ausficht geftelt. Außer dieſen Maßnahmen bejehränfte 
fich Die Reform des Finanzweſens auf Die Freigebung des 
bis dahin von einer berliner Handlung ausfchließend be— 
triebenen Zuderjiedens, auf- Verminderung der Durchfuhr— 
zölle und einige Erleichterungen des Meßverkehrs für Franke 
furt a. d. Oder. Zur Förderung des Kredit3 und Geld— 
umlauf3 erhielt Weftpreußen, wie früher ſchon Schlefien, 
die Mark und Bommern, ein Iandichaftliches Kreditſyſtem. 
In den letzten Monaten der Negierung Fiedrih Wilhelm’s IL 
wurde der Tabafshandel als Monopol wieder eingeführt, 

Das find kurz aufammengeftellt die Finanzmaßnahmen 
in Preußen während der Regierung Friedrich Wilhelm's IL. 
rückſichtlich der indirekten Beitenerung des Landes. Vol der 
beiten Borfäße für das Wohl feines Volkes hatte er den 
Thron beftiegen: der Haß des Volkes gegen das Ausfauge- 
ſyſtem der franzöfiichen Beamten hatte ihm nicht entgehen 
können; deßhalb führte er fofort ein neues Afzifeftener- 
ſyſtem ein, und am 4. Juni 1787 erfchienen Die neuen At - 
zife- und Zolltarife fir jede Provinz, Darauf die Afzijere- 
glements, welche die Verwaltungsporfihriften für Die Ak— 
ztfebeamten enthielten, ein ©ejeb wegen Beltrafung Der 
Akzifevergeben und endlich ein Reglement rückſichtlich der 
Mahl Schlacht,/ Brau: und Brennakziſe. Diefe neue 


Einrichtung blieb von da an bis zum Sabre 1818, wo 


10* 


148 Dreizehntes Bud. 


unter der Regierung feines Nachfolger Friedrich Wil— 
helm's III. das allgemeine Berbrauchsiteuerfyftem eingeführt 
wurde, welches Die Erhebung der Zölle und der Konſum— 
tionsftenern an die Grenzen des Landes verlegte und dem 
ganzen inneren Verkehr freigab. Auch die Tabafsadmini- 
ftration und das Kafemonopol wurden aufgehoben ; indeß 
wurde ſchon Ende 1788 die Tabafsfteuer erhöht, 1797 das 
alte Monopol wiederum ins Leben gerufen, wobei noch 
alle bei der Aufhebung desſelben erforderlichen Konſum— 
tionsfteuern beſtehen blieben aller vielfachen Proteſte, 
die von allen Brovinzen dagegen ‚laut wurden, ungeachtet. 
Der Beginn des Megierungsantrittes dieſes Königs war 
günftig, die materiellen Zuftände des Landes gut, der Schatz 
gefüllt, das Staatsbudget angemefjen und Preußen in feis 
nen Kampf mit einem äußeren Seinde verwidelt. Gar bald 
aber im Laufe weniger Jahre trat eine gewaltige Umgeftaltung 
der Dinge zum Schlechten ftatt, troßden dag nach einem Der- 
trage mit der britifchen Krone Preußen zur Mobilmahung 
einer Armee von 60.000 Mann für England und Holland 
gegen einen Subfidiengelderbetrag von 300.000 Pfund 
Sterling nebſt einem monatlichen Zufchuße von je 50.000 
Pfund und am Schluße des Feldzugs eine Entſchädigung von 
100.000 Pfund erhielt. Wie der König die ihm verwandte 
Familie des Prinzen von Oranien zu retten und die Würde 
des Erbftatthalters und Oeneralfapitäns der holländiichen 
Republik zu feftigen wähnte, fo wollte er auch an den 
Ufern der Seine einen morfchen Königschron mit den Waffen in 
der Hand und an der Spike eines Heeres von kaum 























Breußen, fein Staatsfinanzwefen u, ſ. w. 149 


50.000 Mann befeftigen. Das Kriegsglück lächelte ihm 
nicht; Schab und Staatshilfgmittel waren erjchöpft, das 
Heer konnte nicht nach dem Kriegsfuße bejoldet werden ; 
Da ſchloß er am 5. April 1795 mit Frankreich‘ den baſe— 
ler Frieden. Im nämlichen Sabre half er, unbeforgt um 
Rußlands Fortfihritte, an den Ufern der Weichſel einen 
Königsthron zertrümmern, der Die Scheidewand zwiichen 
jenem Reiche und dem übrigen europäiſchen Kontinente 
war. Dusch jenen Friedensfhluß und feine Folgen ward 
Sranfreihs Grenze bis zum Rhein, Durch Polens Thei- 
lung die ruſſiſche Grenze 613 zur Weichſel vorgerückt. 
Alſo ward Preußen zwijchen beide mächtige Nachbarn ein= 
geflemmt, und Dadurch bereitete fich Die unglüdliche Kata— 
iteopbe des Jahres 1806 vor. Am 16. November 1797 
ftarb, 54 Jahre alt, der König mit Hinterlaffung von 48 
Millionen Thaler Schulden, der volle Schaß feines Vor— 
fahren geleert bis auf den lebten Seller, bet feinen Günſt— 
Iingen in dankbarer Erinnerung für die großen Wohltha— 
ten, Befdrderungen und Schenkungen der polnifchen Staas— 
Domänen, während die Nation im DBertrauen auf feinen 
Nachfolger, mit welchem es nach des Schickſals Fügung 
Leid und Freud zu theilen berufen ward, bejierer Tage 
entgegenharrte, — 

Der fiebenundzwanzigjäbrige Frie drich Wilhelm 
II. (1797 — 1840) beitieg den preußifchen Königsthron ; 
unter dem merfwürdigiten Wechſel des Glücks und Uns 
glücks erlebte er die tiefite Erniedrigung Preußens und 
ſah es auf dem höchſten Gipfel jeiner Macht; während 


150 Dreizehntes Buch. 


eines Zeitraums von noch nicht einem halben Jahrhundert 
liegt die Gefchichte feiner Negierung zwifchen den Grenzen 
der äußerſten Extreme, der größten Macht und dem tief- 
ften Falle des politifchen Lebens, und Der feltfamften, 
wechjelnpdften - Geſtaltungen, wie fie die Annalen Feines 
Staates der Welt aufzuweiſen haben. Ihm war von feis 
nem Dater ein geleerter Schab und ein verfihuldeter Staat 
überfommen. Man griff zum erftenmale in Preußen 


nach dem Aushilfsmittel der Finanznoth, dem Papiers 
geld, das am 1. Juni 1806 kurz vor dem Ausbruche des 


Krieges gegen Tranfreih im Betrage von fünf Millionen 
ausgegeben ward, welche jpäter auf zehn erhöht wurden. 
Dieje Treforicheine waren des Staatsminifters vom Stein 
finanzielle Erfindung. 

„Habt Shr andere Mittel bei Krebs und Brand als 
Schnitt, Schierling und Höllenftein, fo nennt fie! Wollt 
Ihr ſie mit Srofehlaichpflafter heilen 2” waren feine Worte. 
Eine Karrifatur Tieß nicht auf fih warten: ein franfer 
Adler, vom Minifter von Schulenburg mit Papier genu- 
delt, welches ihm als Papiergeld, wieder abging und vom 
Minifter vom Stein forgfältig gefammelt ward. Es war 
ein Mittel zur Selbiterhaltung in der furchtbars 
ſten Geld- und Finanzklenıme, dem Hauptfchlüffel zu dem 
Gange der Politif Preußens vom bafeler Frieden bis zu 
allem fpäteren Zögern und Schwanfen des preußifchen 
Kabinets. Prinz Louis nannte den König, als er feine 
Büſte im Muſeum in der Nähe der Bülte des Kriegsgot— 
te8 Mars antraf, den „Gott Halt“; man mähnte bie 














Preußen, fein Staatsfinangmwefen u. ſ. w. 151 


und da: Hochoerrath ſei im Kabinette thätig. Engliſche 
Subfidtengelder hätten zumtheil aushelfen können; aber 
Napoleon's Arglift Hatte 1806 Preußen mit England in 
Krieg verwicelt; die Ebbe in den Gewölben des Schatzes 
und den Staat3faffen war der Hemmfchuh aller Triegeri- 
ſchen Bewegungen. 

Die Feldzüge am Rhein von 1792 bis 1795 Hatten 
nicht nur fchnell die Staatserfparniffe aufgezehrt und zu 
Anleihen gendthigt, fondern auch Die neuen Gebietserwer— 
bungen in Polen veranlaßten, ftatt eine Beihilfe zum 
allgemeinen Staatsbedürfniffe zu gewähren, noch) die DVer- 
wendung der Ueberſchüſſe aus den alten Provinzen dort— 
hin, wo nach langer Anarchie faft alles neuzufchaffen war, 
was der Kulturitand des Zeitalters erforderte. Dadurch 
waren alle Geldvorräthe gänzlich erfchöpft. Die Staats- 
einnahme Preußens vor dem Iuneoiller Frieden war: 

I. Aus den alten Provinzen: 


2 Damen an es 6.000.000 Thaler 
ZENERONIEDUEIONEN N > 8000000... 
DE ae a. une u 1A,000:000:, 1; 
ae enlareyeniien. „un. u un, 000000... 
DES BOln, anna, nt 2.000.000, 
6. Berg und Dreieich 89 1.:49.,017200.000. 1, 
0 Stemyelkeonien, u. ,0..1,800.000...;,, 
8: Chargenfiwa., .... =. 5 300.000 , 
I. Konzeſſionsjura und Strafgelber 100.000 , 
EOEROEOEEHEITIIENM.. ren: 500.000 ® 
le So ale 8 a 909.000  „ 


152 Dreizehntes Bud. 


12. Seehandlungsgewin 650.000 Thaler 
13. Fe EN SL BUN RER, 300.000 „ 
ESEL NIS" IN AM, 2 112/000.000m 5 
II. Aus den neuen Proben nach dem Rrieden: 
1. Bamrenth N. 0 0000000 
2. Baberbosn 0 IR 500.000 „ 
3. Eichsfeld, Erfurt u. E IDEEN N 400.000 ,„ 
A. Deuinitenst 2.2 SULDIOUEIn TER 70.000 
9. Dlldeshetngrn mn Sue 500.000 „ 
 39,020.000 „ 
Die Staatsausgabe betrug 
1. SKöntglihes Hausetat 2... 2,000.0009 
22; Milttäretat 0... en 220:000,000% \W 
3. iotletar mn. 0, s/000L000 
4. Mebrige Ausgaben;  n..h, "1 7,000.000 797 
35,000.00 „ 
Meberihuß zum Schaß Wr’ 100 20201000° 


39,020.000 „ 
bei einer Bevölkerung von zehn Millionen auf 5610 Qua— 
dratmetlen. Nach dem tilfiter Frieden betrug das Staats— 
budget in Einnahme nur 22 Millionen. 

Infolge des luneviller Triedensfchlußes vom 9. Februar 
1801 erhielt Preußen für die jenfeits des Rheins abge- 
tretenen Zandestheile im Umfange von 42 Quadratmeilen 
mit 172.147 Einwohnern und fait 600.000 Thalern Ein: 
nahme eine Entſchädigung Diepjeits Des Rheins von 241 














Duadratmeilen mit 600.000 Einwohnern und 1,430.000 


Thaler Einnahme. 











— — — 


Preußen, fein Staatsfinanzweſen u. f. w. 153 


Infolge des Friedens zu Tilfit vom 7. Suli 1807 
ward Preußen die Entrichtung einer Kriegskontributiogn 
an Franfreich von 146 Millionen Franks auferlegt, und 
jeine Macht von 5610 Quadratmeilen mit mehr als zehn 
Millionen Einwohnern auf einen Flächenraum von 2618 
Dundratmeilen mit fünf Millionen Einwohnern reduzirt; 
bis Die Kriegsitener gezahlt worden, blieb Preußen von 
einer franzöfifhen Heeresabtheilung beſetzt. Mittelft Konz 
vention vom 8. September 1808 ward die Landesräumung 
big zum 15. November zugejagt, wenn die Kontribution 
zur Hälfte in 20 Tagen nach erfolgter Natififation theils 
bar, theils durch angenommene Wechſel zu fehs Milli 
onen Franks, jeder einen Monat nach Sicht, erfolgt fein 
würde; Die zweite Hälfte jollte auf die Staatsdomänen 
eingetragen werden, big zur Abtragung der ganzen Summe 
jedoh die Feitungen Stettin, Küftrin und Glogau mit 
10.000 Mann beſetzt bleiben. Kurz darauf wurden zwan— 
zig Millionen Franks erlaffen und für den Reſt von 126 
Millionen 36 von Monat zu Monat laufende Kriften bes 
ſtimmt, ſo daß monatlich 3% Millionen zu entrichten waren; 
Die Hälfte diefer Summe übernahm der Staat aus den 
Domänen zu tilgen, die andere Hälfte mußte das Volk 
aufbringen. Im Mai 1812 war die ganze Kriegsiteuer be- 
reits berichtigt, und Preußen Hatte gegenſeits ſchon eine 
Forderung son 94 Millionen an Frankreich für geleiftete 
Mehrlieferungen. 

Daru's, des franzöfifchen Gouverneurs blutfaugende 
Beamte blieben bis 1809 Verwalter der preußiſchen Fi— 


154 Dreizehntes Buch. 


nanzeinkünfte. Er jelbft fagt, er habe 513,744.000 Franks 
zu fordern gehabt, wovon bis Ende 1808 474,352.650 
Franks bezahlt feien. Dazu ſchlägt er noch 90 Millionen 
hinzu: für Naturalverpflegung 55 Millionen, für die Ho— 
jpitäler 18 Milltonen, für Ginquatirung 7 Millionen, 
für Pferde 6 Millionen, für Artilferiebedirfniffe eine Mil- 
lion u. ſ. w. 

Abgeſehen von dieſer enormen an Frankreich zu entrichten 
den Kriegskontribution betrugen die fonftigen Anforderungen 
an den preußifchen Staat 54,419.149 Thaler. Befchwert mit 
diejer Schuldenlaft trat die Negierung in den düfteren Zeit- 
raum vom Anfange des Sahres 1807 bis zu Ende des 
Sahres 1812. Während diefer ſechs Jahre entftanden neue 
und ſchwere Schulden und Rückſtände, deren Betrag auf 
77,346.187 Thaler ermittelt worden. Zur Tilgung der 
Staatsbedürfniffe eröffnete Preußen bi3 1806 zwölf vers 
ſchiedene Staatsanleihen, von welchen nur drei gefüllt wurden. 
Sein erites Anlehen machte es in Holland im Sahre 
1793 auf 5 Millionen Gulden; es ward als Kuriofität 
allgemein begehrt und war an" einem Tage vergriffen. 
Sodann folgten zwei Eleine zu 1, und Million Gulden 
Reichswährung, die ohne Benutzung des gewöhnlichen Geld» 
marftes von einem einzelnen Darleiber übernommen wurden; 
oon den Übrigen ward noch nicht ein Sechstel ſubſkribirt, 
von einem nur etwa "ıs. Schon 1795 Hatte man 6 Prozent 
Zinfen zahlen müſſen. Ende 1805 wollte man in Amfterdam 
nur auf folche Bedingungen eingehen, daß die Anleihe dem 
Staate auf mehr als 7 Brozent zu ftehen gekommen fein 


® 

















Breußen, fein Staatsfinanzmwefen u. ſ. w. 153 


wirde: Anleihen zu billigen Bedingungen wurden zwar 
von neuem immer verjucht, fanden aber feine Berheiligung. 
Segen das Ende de3 Jahres 1807 erhielt Niebuhr 

zu Memel den Auftrag, behufs Zahlung der frangöfifchen Kriegs— 
fontributionen im Auslande ein Geldanlehen zu negoziiren. 
Daß Napoleon nicht bezahlt fein wollte, war befanntz er 
wollte nur einen Vorwand zur DBerlängerung der Offupa- 
tion Preußens durch franzöfiihe Truppen. Vom Staats— 
fredit fonnte mit Bezug auf Preußen augenblidlich Feine 
Rede fein. Ende März 1808 eröffnete Niebuhr dem Haufe 
Hope et ©. in Amfterdam das Projekt eines Anlebens von 
25 Millionen bolländifcher Gulden. Der Antrag ward abgelehnt. 
Darauf schloß er mit Jan DBaldenaar eine Punktation, wor— 
nach der Nominalbetrag der Anleihe auf 32 Millionen 
Gulden zu 5 Prozent beitimmt ward, worauf 62, Prozent 
oder 20 Millionen bar eingezahlt und 12’% Prozent in 
ſchleſiſchen Obligationen, aus einem früheren mit Holland 
bon Defterreich gejchloffenen Anlehen herrührend, eingelie- 
fert werden follten. Seitens Preußens erfolgte die Natifi- 
fation des Projekts, am 1. März 1810 ward das Anle— 
ben wirklich eröffnet, und das Gefchäft dem Haufe W. Überfeld 
und Serrmier übergeben. Es wurden darauf bis Anfang 
1812 etwa 37, Millionen Gulden Realwerth, (5,300.000 

| Itominalfapital) gezeichnet. 
| Ein Zwangsanleben von 1", Millionen, welches auf 
| ſämmtliche VBrovinzen Preußens durch das Edikt vom 12. 
' Februar 1810 ausgefchrieben ward, wurde nur allmälig 
und mit Hilfe von freimilligen patrigtifchen Beiträgen ge— 
4 


i 


136 Dreizehnies Bud. 


füllt. Zudem wurde in aller nur erdenklicher Weife zu Er— 
jparungen gefehritten, Oper, Ballet und Onadengehalte 
befchränft, ver Hiſtoriograph Johannes Müller auf halben 
Gehalt geſetzt, zuläffige Abzüge bei der Kavallerie gemacht, 
alle Gehalte vermindert, die höheren bis auf die Hälfte 
reduzirt. Der König ging mit dem Beifpiele perfünlicher 
Opfer voran; er entjfagte den Chatouillegeldern, beſchränkte 
den Hofbalt, lieg aus dem goldenen Tafelfervice Friedrichs— 
d’pre prägen u. |. w., die Prinzen verzichteten auf ein Drittel 
ihrer Apanagen — kurz Beſchränkungen aller Art fanden ftatt. 

Aber nicht die Staatsanleihen und übrigen Mittel 
genügten; es mußte auch das Volk felbit herangezogen 
und die Staatsfinanzverhältniffe des Landes geordnet, neue 
Steuern und Auflagen eingeführt werden. Das geſchah 
durch das Edikt vom 27. Oktober 1810 über vie Finanzen 
und die neuen Einrichtungen wegen dev Abgaben, ferner Durch 
das Edikt vom 28. Oftober 1810, wodurch eine Konſum— 
tion» und Lurusftener eingeführt wurde, endlich Durch das 
Stempelgejeb vom 20. November 1810, durch Einführung 
einer Einfommenftener u. ſ. w. | 

Indeß bat die Noth ihre eigene Kraft wie ihr eiges 
nes echt, und nur Dadurch wird es begreiflich, wie 
Preußen bei diefen Zuftänden vom Anfang 1813 Die 
Mittel auffinden fonnte, ein Heer von mehr als einer 
Biertelmillion aufzuftellen, in erfter Neihe mit den größ- 
ten Mächten Europa's einen verzweifelten Kampf fait 
vor den Thoren feiner Hauptftadt und im Herzen Schlefiens 


























Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. ſ. w. 137 


zu beſtehen, und den Sieg von Leipzig bis in das Herz 
Frankreichs zu verfolgen. 

Endlih am Schluße des Jahres 1815 im vertragg- 
mäßigen Beſitze feines gegenwärtigen Gebietes war es des 
Königs Friedrich Wilhelm IM. Aufgabe, alles neu zu ordnen 
und vor allem die Finanzzuſtände auf einen leidlichen Stand 
zu bringen. Zuvörderſt galt das Staatsjchuldweien einer 
vorzugsweiſen Bericdjichtigung. Am Ende des Jahres 1806 
Beten Da a an. AL9LHO NS haler 
Staatsichulden vorhanden ; 
vom 1. Januar 1807 bis Ende 


1812 | 
ware. hitzugelummenid. .'. 2 77,346.187.: , 
unbe I iSanuarı sis. 2 2,085,489.425 











217,248.762 

welche vom Staate am 17. Januar 1820 anerkannt wurden. 

Zuerft verwandte die Regierung die 157 Millionen 
921.786 Franks Kriegsfontribution, welche Preußen als 
jenen Antheil von Frankreich erhielt und die 42 Millionen 
Thaler betrugen, zur Bezahlung der laufenden Schulden. 
Hierauf wurde 1818 ein Anleben von 30 Millionen in 
England gegen 5 Prozent Zinfen und im Durchichnitts- 
preife zu 72 abgefchloffen, welches 22 Millionen betrug. 
Sodann eröffnete die Negierung ein Anlehen von 30 Mil- 
lionen in Staatsfchuldenfcheinen im Jahre 1820, mit einer 
Prämienlotterie verbunden, welches Rothſchild und einige an- 
dere Bankhäuſer übernahmen mit der Verpflichtung, jährlich 
zehn Millionen zu berichtigen. Diefe drei augerordentlichen 


158 Dreizehntes Buch, 


Staatseinnahmen betrugen zufammen 84 Millionen; womit 
die laufenden Schulden berichtigt wurden. Da unter den 
217 Millionen 11 Millionen Treforfcheine und 26 Millionen 
Provinzialfehulden, die unter Gewähr des Staates ftehen, 
ſtecken, ſo blieb nach Abzug derfelben die zu verzinfende 
Staatsichuld 180,248.762 Thaler, deren jährliher Zin- 
jenbetrag ſich auf 7,637.177 Ihaler und der jährlihe Til 
gungsfonds auf 2,505.850 Thaler belief. 

Gleichzeitig mit der Feftftellung diefer Schuld ward 
auch das Staatsbudget auf50,863.150 vom König Fried- 
ih Wilhelm TI. feitgeftellt. Unabläſſig bemüht, einen 
geordneten Finanzzuſtand wieder hHerzuftellen, wurde Fein, 
dem Anſcheine nach dahin einfchlägiger, Weg unverfucht 
gelaffen; Die Staatseinnahme von Jahr zu Jahr zu erhö— 
hen, war das Streben aller Finanzminifter, welche in Preußen 
dem Sturze der franzöfifchen Fremdherrſchaft nacheinander 
folgten, und deren Nefultate kurz vorzuführen, uns jebt 
obliegt, nachdem wir zuvor noch vorübergehend über den 
Stand des Staatzfihuldenwefens vom Jahre 1820 eine 
Meberficht gegeben haben. Am Schluße jenes Jahres betrug 
die gefammte Staatsſchuld 217,248.762 Thaler, die 
bis zum Jahre 1843. bereits bis auf 150,103.434 hin—⸗ 
untergegangen war. In Diefem Zeitraume von 23 Jah— 
ven find von der Hauptverwaltung der Staatsfchulden 
67,870.083 Thaler, meiſt 4prozentige Schulöpoften, ge— 
tilgt worden, in den erften 12 Sahren im Durchſchnitt 
um einen Anfkaufspreis von 917, in den lebten 10 Jah— 
ven zu 95. Es wurden hiezu 38,610.547 Thaler Ver— 














| 
| 


Preußen, fein Staatsfinanzweien u. f. w. 159 


fauf3- und Ablöfungsgelder der Domäneneinkünfte verwen 
det, deren Anlegung zur Schuldenverminderung 1,663.256 
Thaler Zinfen erfparte. Der Schuldenftand zu Anfang 
des Sahres 1851 war 182,618.000 Thaler, außerdem 
642.594 Thaler jährlicher Leiftungen, Die zumtheil ab- 
nehmen und auf 117% Millionen Kapital angefchlagen find; 
ferner ein ungedecter Ausfall von 34 Millionen und die 
zum fortdauernden Umlauf beitimmten 10 Millionen Dar- 
lehnkaſſenſcheine, aljo zufammen 238 Millionen Thaler. 
Für die Schuldentilgung waren durch Geſetz vom 11. 
März 1849 2,555.000 Thaler bejtimmt. Fortwährende 
regelmäßige DBerwendung des Tilgungsfonds und das 
ftetS von einer Etatsperiode zur anderen gefteigerte Ein— 
nahmebudget, welches fih gegen das urſprünglich feſtge— 
feßte des Jahres 1820 fait verdoppelt hat, haben die 
Fortfesung der Verminderung der Staatzfchulden bis heute 
zugelafjen, während konform mit der durch fortwährende 
Steuererhöhungen und Mehrungen, Anleihen und Pro— 
zentzufchläge gejteigerten Staat3einnahme, auch der geftei- 
gerte Staatsausgabeetat bis auf Heller und Pfennig 
ftimmend abſchließt. 

Das son dem verftorbenen König Friedrich Wilhelm 
IH. im Sabre 1820 auf 50,863.150 Thaler feftger 
ſetzte Staatsbudget hat fih im Laufe von 36 Jahren be- 
deutend erhöht, und beträgt nach der ämtlichen Veröffent— 
lichung des Staatshaushalts für 1856 die Summe von 
118,864.071 Thaler. Die öffentlichen Blätter haben die 
einzelnen Sätze der Staatseinnahme mie der Staats— 


160 Dreizehntes Bud. 


ausgabe nach dem Budget veröffentlicht; fie find allge— 
mein befannt, und mir find deßhalb einer Mittheilung 
derjelben ütberhoben. Einnahme wie Ausgabe überfteigen 
das vorjährige Budget fir 1855 um 7,036.286 Thaler. 
Eine Zuſammenſtellung des Staatsbudgets von 1821—56 
gewährt folgende Neberficht: 
1821 50,000.000 Thaler 1849 94,174.174 Thaler. 
1829 50,796.000 „ 1850 95,899.606 „ 
1832 51,287.000 „ 1851 96,367.532 „ 
1835 51,740.000 „ 1852 99.434.734 , 
1838 52,681.000 „ 1853 103,029.671° „ 
1841 55,867.000 „ 1854 107,990.069 „ 
1844 57,677.194 „. 1855 111,827.785 „ 
1847 '64,033.697 „ 1856 118,864.0711 „ 
Daß troß diefer Steigerung der Einnahme die Steu— 
ern, nach der Kopfzahl vertheilt, nicht geftiegen, 
fondern feit dem Sahre 1821 fich vermindert haben, ergibt 
die nachitehende, aus der Abhandlung des Negierungs- 
Nathes Dr. Bergius: „Ueber Preußens Finanzen” Archiv 
für Landeskunde im Königreiche Preußen. Band 1, Seite 
77) entnommene Weberficht, bei welcher der Geſammtbetrag 
der direkten und indirekten Steuern, ausschließlich Der Berg: 
werfsabgaben, Intraden aus den Salinen und Sporteln, 
berückfichtigt ift. 
Sejammtbetrag: Seelenzahl: pro Kopf: 
1821 35,857.850 11,437.000 3.13 
1829 37,067.000 12,839.000 2.10 
1832 38,164.000 13,196.000 2.88 




















Preußen, fein Staatsfinanzmwefen u. |. m. 161 
1835 38,533.000 13,706.000 278 
1841 41,305.000 14,375.000 2,68 
1844 44,944.700 15,110.000 2,73 
1847 46,102.300 16,186.000 2,83 
1849 43,628.585 16,331.000 2,67 
1850 44,648.600 16,511.000 2,70 
1851 45,508.163 16,690.000 2572 
1852 45,849.360 f6,37.0.000°° 2,71 
1853 45,690.534 17,094.000 2,67 
1854 46,705.209 17,229.000 2,71 


Die Steuern find fonach von 1821 bis 1847 von 
100 auf 90,73 und von 1847 bis 1854 von 100 auf 
95,42 gefunfen. — 

Sehen wir nunmehr zu den Finanzminiftern und deren 
Staatsfinangverwaltung in Preußen über, welche nach der 
Vernichtung der frangöfiichen Fremdherrſchaft, des mit 
Diejer verbundenen Ausſaugeſyſtems und beijpiellos ver— 
derblichen Einfluffes auf das preußifche Staatsfinanz- und 
Staatsſchuldenweſen, jowie auf die VBolfswohlfahrt und den 
Tationalreihthum des Landes im maßlofer Steigerung 
unter der Regierung der Könige Kriedrih Wilhelm 
Il. und IV. ins Staatsminifterium Breußens berufen 
worden, 

Vorausgeſchickt zu werden verdient, daß die preußifche 
Finanzverwaltung fortdauernd fich der DVBermittlung von 
Bankhäuſern bei nothmendiger Befchaffung von Oeldmitteln 
zur Beitreitung der StaatSsbedürfniffe jowenig als möglich 
bedient hat. Nur in den äußeriten dringendften und Drängen 

Das Haus Rothſchild. IL. NE 


162 Dreizehntes Buch. 


den Fällen, 3. B. nach dem tilfiter Frieden und den poltti- 
fhen Umgeftaltungen in den Jahren 1813 und folgenden, 
wandte man fi dieſem Mittel zu. Auch berrichen in 
Preußen weder die Rothſchilde, noch andere Geldgeichäfts- 
bäufer, die unmittelbaren Einfluß ausüben. 

Bei der großen politiihen Metamorphofe Europa’s 
im Sabre 1813 war der Graf Bülow zum Finanzmintfter 
in Preußen berufen, welchem Staate er früher gedient, den 
er aber im Sabre 1807 als Kammerpräfident verlaffen 
hatte, um in die Dienfte des Königs Seröme von 
Meftfalen an die Spite der Finanzverwaltung zu treten. 
Dazumal beftand eine Finanzkommiſſion mit ihrem Sitze 
zu Berlin und unter dem Vorſitze des geheimen Staatsraths 
Hägemann, untergeordnet dem ©eneraldireftorium. Bis 
zum zweiten parifer Frieden mußt fih Bülow's Wirk 
famfeit auf fortwährende Beſchaffung pefuniärer Hilfsmittel 
beichränfen, ohne bei der disponiblen Staatseinnahme ftehen 
zu bleiben, da der Krieg fortlaufende enorme Ausgaben 
nöthig machte, und es nicht Der Zeitpunkt war, einen mit 
Schulden überhäuften Staat und feinen in manchfache Ver— 
wirrung gerathenen Staatshaushalt zu ordnen. 

Neben Ddiefer ihm zunächſt obliegenden Sorge machte 
fich der neue Finanzminifter zuerjt durch die um dieſe Zeit 
erfolgte Wiederheritellung des vollen Nominalwerthes der 
urfprünglih preußifchen Provinzialfchulden bemerflich, vie 
bei Errichtung des Königreichs Weſtfalen dieſem anheim— 
gefallen, durch Dekret des weſtfäliſchen Finanzminiſters 
Malchus vom 28. Juni 1812 aber auf ein Drittel redu— 





Preußen, fein Staatsfinanzweſen u. ſ. w. 163 


zirt worden waren. Es geſchah dieſes infolge der durch 
ihn von dem Sujtizminifterio geforderten Beantwortung der 
Frage: ob Preußen rechtlich zur Wiederherftellung des vollen 
urfprünglihen Nominalwerthes feiner Obligationen ver- 
pflichtet jei, und welche bejahend ausfiel, worauf der König 
mittelit Kabinetsordre vom 22. Juni 1815 den Finanz- 
minifter mit der Vollziehung dieſes Gerechtigkeitsaktes be— 
auftragte. Er ſuchte unter den damaligen ſo ſchwierigen 
Umſtänden den Staatskredit nicht allein zu erhalten, ſondern 
es gelang ihm auch denſelben zu heben, ohne jemals zu 
den berüchtigten Maßnahmen anderer Staaten, ſowie zu 
Anleihen unter Pfandlegung von Staatsobligationen, oder 
unter den ſpäterhin bemilligten läſtigen Bedingungen feine 
Zuflucht zu nehmen. Mit dem Jahre 1816 bei eingetretenem 
dauernden Friedenszuftande begann Bülow feine Fähig— 
feit als Finanzier noch vollftändiger zu entwickeln. 

Verminderten auch die Friedensichlüffe den Militäretat 
und ficherten der Krone Preußen bedeutende Forderungen 
als Kriegsentjchädigungen von Frankreich zu, jo vermehrten 
fich dagegen die Anfprüche an den Finanzminifter, da theils 
das preußifche Kabinet fich gegen Dänemark und Schweden 
zu großen Zahlungen verpflichtete, theils alle mit dem Ein- 
tritt des Friedens fällige Zahlungen realifirt werden mußten, 
theils der Nation beim Eintritt der Kataſtrophe von 1812 — 
1813 DBerheißungen gemacht waren, die in ihrem ganzeıt 
Umfange nicht der Schab eines Kröſus hätte erfüllen 
können. 

Schulden, Rückſtände und Mißverhältniſſe der Ein— 


14* 
EN 


164 Dreizehntes Buch. 


nahme und Ausgabe drücten zugleich den Staat. Der 
Stantsrath ward 1817 zufammenberufen zur Brüfung und 
Regulirung des Staatshaushaltes und der zu ergreifenden Fi— 
nanzmaßnahmen Die von Bülow mit aller Lebendigkeit 
verfochtenen Anfichten Eonnten fih nicht Bahn brechen gegen 
die Oppofition der Mehrheit der Staatsrathmitglieder, 
welche den Mirfungskreis des Finanzminifterii beſchränkt 
wiffen wollten. Diefe Anficht fiegte: neben dem dem Titel 
nach fortbeftehenden Finanzminifterio wurde ein Schat- 
minijterium und eine Staatsfontrole errichtet, infolge deren 
das Finanzminifterium dem Wefen nach mit der Negulirung 
des Staatshaushaltes nichts zu Schaffen hatte, fondern allein 
in der Steuer- und Domänenverwaltung, wie in der Admini- 
ftration der Negalien feinen Beruf fand. An der Spike 
eines alfo zu jo beſchränkter Stellung zurücgeführten Finanz— 
minifterit erflärte Bülow nicht ſtehen zu Finnen; er erhielt 
die erbetene Entlaſſung. Nach ihm übernahm das Mini: 
jtertum der preußischen Finanzen im Jahre 1817 der Staats— 
minifter von Klewiz, darauf von Motz in Jahre 1825 
und nach Diefem der bisherige Generalſteuerdirektor Ma aßen. 
Unter Motz wurde die frühere Oeneralfontrole wieder mit 
dem Finanzminifterium vereinigt; mit beifpiellofer Thätig- 
feit, ohne neue Auflage, allein durch weile Verwaltung 
gelang es ihm, frühere Ausfälle ſchon im erften Jahre zu 
decken, und trotz des ſchwankenden Kredits aller Staats- 
papiere und des Ausfalls in der Domäneneinnahme, veranlaßt 
duch niedrige Korn- und MWollpreife, Ueberſchüſſe für den 
Staatsſchatz zu erzielen. Er gewährte freien Handel ohne 























Preußen, fein Staatsfinanziwejen u. f. w. 163 


Prohibitivſyſtem, nur mit mäßigen Schußzöllen gegen außen, 
und Verbeſſerung des indirekten Steuerſyſtems durch Herab- 
jegung der Tarife. AS fein Nachfolger wurde am 14. 
Auguſt 1830 zum Finanzminifter Maaßen ernannt, der 
Gründer des Hollvereins und der noch in Preußen feit 
1818 bejtehenden Geſetzgebung über die Verbrauchsſteuer, 
wie überhaupt Die Seele des ganzen neueren Steuerſyſtems 
Preußens. Ihm folgten Graf von Alvensleben, 
1835 — 1842; der bisherige Oberpräfident der Rheinprovinz 
von Bodelſchwingh, der jpätere VBremierminifter, 1842— 
18445 der Oberpräfident von Weſtfalen von Flottwel 
1844— 1846; ber Staatsſekretär von Duesberg 1846— 
1848; bierauf die proviſoriſche Verwaltung des Finanz⸗ 
minifterii durch den ©eneraliteuerdireftor Kühne, durch 
den Kaufmann und Präfidenten der aachener Handelsfammer 
Hanjemann, — mit dem Beamtenwartegeldgefeke, Dem 
Geſetze wegen der freiwilligen Anleihe, der Kabinetsprdre 
wegen Abſchaffung des Goldantheils bei Gehaltszahlun- 
gen und Nichtfernerzahlung des Iandesherrlichen Pathenge— 
ſchenks Can Eltern von 7 Söhnen), der Verordnung in 
Betreff Erhöhung der Steuer von inländifhem Nübenzuder 
und dem Geſetzentwurfe über die Zmangsanleihe, als Staats» 
Finanzier nicht gar glüclich debutirend nach dem von ihm 
ausgefprochenen Satze: „Die Freiheit fojtet Geld,“ 
und durch fein: „Die Gemüthlichkeit Hört in Geld— 
ſachen auf“ die Zahl der Bonmots glüdlich vermehrend, — 
bis zu dem gegenwärtigen Vorſtand der Finanzverwaltung, 
dem früheren Negierungspizepräfidenten zu Münſter, v-nır 


166 Dreizehntes Bud. 


Bodelſchwingh, unter welchen gegenwärtig die verzind- 
liche Staatsſchuld 217 Millionen beträgt, die direkten 
Steuern 27, die indirekten 40, die Domänen über 9, Die 
verjchiedenen, von dem Handelsminiſterium refjortirenden Ein- 
nahmen über 9, das Berg-, Hütten und Salinenweſen tiber 
11, die Gifenbahnen über 5'!,, die Telegraphenverwaltung 
fat I» Million Ertrag geben, einfchließlich eines auf Ein- 
fommen-, Klaffens, Mehl- und Schlachtiteuer gelegten 
Kriegskoftenzufchlages von 25 Prozent, alſo daß das preußi- 
fihe Staatsbudget für 1856 in Einnahme und Ausgabe 
mit einer Summe zwifchen 118—119 Millionen abfchließt. 

Mit der Anführung aller diefer ftaatsfinanziellen That- 
fachen jehließen wir unfere Mittheilung und geben zu dem 
Haufe Rothſchild und feinen Oejchäftsbezügen der Krone 
Preußen gegenüber, jowie zu den fonftigen Staat3anleihe- 
fontrahirungen nunmehr über. | 

Bereit8 haben wir der beiden, durch Rothſchild ver- 
mittelten Staatsanleihen der Jahre 1816 und 1818 ge— 
dacht, da e3 nach den jogenannten Befreiungskriegen für 
die preußifche Staatsfinanzverwaltung die wichtigfte Auf— 
gabe war, die bis in ihren Grund erfchütterten Finanzen 
zu ordiien und denjelben eine Grundlage zu geben, geeignet, 
das Zutrauen und infolge deſſen den Kredit auf fpätere 
Zeiten hinaus zu fichern. Diefer Zweck konnte nur durch 
ſchwere Opfer, die der Staat bringen mußte, erreicht wer— 
den. Bei der erften Anleihe durch das Haus Rothſchild 
über fünf Millionen Pfund Sterling mußten die Täftigften 


Bedingungen eingegangen werden, indem außer der Berzine 








Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. f. mw. 167 


fung mit fünf Prozent der Staat nur 71 Prozent des 
Nominalbetrages erhielt, und fich überdieß den nachtheiligen 
Einfluß des Kurſes gefallen laſſen mußte. 

Die auf diefe Weiſe bejchafften Summen Tonnten 
dem Bedürfniffe dauernd nicht abhelfen; fehon zwei Sabre 
darauf war man gezwungen, auf Die Beifchaffung von anderen 
Kapitalien im Betrage von mindeftend 20 Millionen Tha- 
lern bedacht zu fein. Die Staatsfchuldfcheine, welche vier 
Prozent Zinfen gaben, fanden unter 70, und es mar 
vorauszufehen, daß bei einer ferneren Ausgabe derjelben 
in jo großem Betrage der Kurs noch bedeutender herabs 
gedrückt werden mußte. Sp entfhloß man fich zu einer 
Pramienanleibe von 30 Millionen Thalern. Die Ein—⸗ 
richtung Derfelben bejtand darin, daß 300.000 Prämien- 
fcheine ausgegeben wurden, und mit jedem derjelben zugleich 
ein Staatsfchuldfchein von 100 Thalern, der Kaufpreis für 
beide Papiere betrug 100 Thaler; der Staat nahm von 
den eingegangenen Summen 70 Prozent ald den Preis 
der Staatsichuldfcheine, alfo im Ganzen 21 Millionen 
Thaler in Anſpruch, und die verbleibenden 9 Millionen 
Thaler wurden als Prämien in zehn Ziehungen zurückge— 
zahlt, die in Zwifchenräumen von je ſechs Monaten auf- 
einander folgten. Die erfte dieſer Ziehungen begann 
am 1. Sunt 1821 und die lebte am 2. Januar 1826. 
Die geringfte Prämie in den einzelnen Ziehungen betrug 
theils 18 und theil3 20 Thaler, und der böchite Gewinn 
in den einzelnen Ziehungen beltef fih auf 80—100.000 
Thaler. Die Befiger der Prämienfcheine, welche mit einem 


168 Dreizehntes Buch. 


der Fleinften Gewinne gezogen wurden, behielten ihren 
Staatsſchuldſchein; bei Auszahlung eines der größeren Ge- 
winne aber mußte der Staatsſchuldſchein mit abgegeben 
werden. Die zur Dedung der. Brämien vom Staate bei 
der Bank deponirten Gelder wurden zu Diäfontogeichäften 
verwendet, deren Ertrag den beim Prämiengefchäfte Be— 
theiligten zugute Fam. Es war im Plane ausgefprochen, 
daß Diefer Gewinn den 12.000 Looſen zugute fommen 
‚jollte, die in der legten Ziehung die kleinſte Prämie erhalten 
würden. Diefe Prämien erhielten dadurch einen folchen 
Zuwachs, daB Statt 20 Thaler für jede derfelben eine 
Sunme von 86 Thalern 5 Silbergr. ausgezahlt werben 
fonute. 

Die Theilnahme für diefe Anleihe war jo groß, daß 
Die ſämmtlichen Looſe in wenigen Jagen vergriffen wa— 
ven. Der Staat als Schuldner hatte Dadurch den bedeu- 
tenden DBortbeil, daß er 30 Millionen in Staatsjchuld- 
Scheinen zu dem feiten Kurfe von 70 Brozent an den 
Mann brachte, und die Gläubiger erwarben die Hoffnung 
auf eine der Hohen Prämien, ohne irgendeinen Erſatz 
dafür zu leiften ; denn es ftieg der Preis der Staat3jchuld- 
jheine mährend der Abwidelungszeit des Gefchäftes auf 
86, dazu die Eleinjte Vrämie mit 18 Thalern, gab im uns 
günftigften Falle einen Ueberſchuß von 4 Thalern, während 
das Kapital regelmäßig mit 4 Prozent verzinft wurde. 
Begreiflicherweife mußten Die Loofe unter diefen Umſtän— 
den bald fteigen: im Sommer 1824 wurden fie mit 168 
Thalern bezahlt. Diefer nach damaligen Verhältniſſen, die 














Preußen, jein Staatsfinanzwelen u. f. w. 169 


mit den gegenwärtigen nicht verglichen werden fünnen, — 
hohe Kurs hatte darin feinen Grund, daß an der amfter- 
damer Börſe Lieferungsverträge über Looſe diefer Anleihe 
gefäloffen wurden in einem Betrage, der bei weitem höher 
fich belief, als durch die Zahl der noch vorhandenen Looſe 
gedect werden Eonnte. Als bald darauf von Amfterdam 
die Nachricht eintraf, daß man dort fich verglichen und die 
Verträge aufgehoben habe, ging der Kurs auf 142 zurüd, 
und bedeutende Verluſte waren die Folge davon. 

Diefe Prämienanleihe erhält in der Geſchichte der 
Unternehmungen diefer Art noch eine beiondere Bedeutung 
Dadurch, daß durch fie der Promeſſenhandel in Deutfchland 
heroorgerufen ward, womit gegenwärtig ein jo bedeutender 
Unfug getrieben wird. Ein DBerein der bedeutendften Banz 
fierd Berlins Faufte eine große Zahl dieſer Prämienſcheine 
und deponirte fie bei einer öffentlichen Behörde. Die Num— 
mern diefer Scheine wurden für jede Ziehung gegen einen 
mäßigen Breis vermiethet; in den über dieſes Abkommen 
ausgejtelten Miethſcheinen, Promeſſen genannt, machten 
die Dermiether fich verbindlich, den Inhabern derjelben 
gegen Erlegung des Nominalbetrages die betreffenden Prä— 
mienfcheine auszuhändigen, falls in der zum voraus be— 
ftinnmten Ziehung die Reihe (Serie) gezogen werden follte, 
zu welcher die vermietheten Nummern gehörten. 

Man konnte auf diefe Weife fich gegen eine mäßige 
Summe, die in den verfchiedenen Ziehungen nach und nad 
von 3 Thaler bis auf 8 Thaler ftieg, bei der Prämien— 
ziehung bethbeiligen. Dffenbar ift diefe Art von Geſchäft 


170 Dreizehntes Buch. 


hervorgerufen Durch die ſchon früher vorkommenden Ber: 
träge, wornach die Befiger von Lotterieloofen diefe während 
der Ziehung anf einzelne Tage, ja felbft Stunden ver- 
mietheten. 

Das war dad Staatsanleihen vom Sabre 1820, wel- 
chem bereit3 1822 ein anderes, in England wieder mit 
dem Haufe Rothſchild gefchloffenes folgte, welches für 
Preußen vortheilbafter ald das vom Sabre 1818 war und 
mehr echten Finanzprinzipien entſprach. Es ward dadurch 
eigentlich Feine neue Staatsfchuld Fontrahirt, jondern die 
Abficht dabei fcheint dahin gegangen zu fein, eine Maffe 
preußifcher Staatsjchuldfcheine indireft auf den englifchen 


Markt und für einige Zeit außer Umlauf in Preußen und 


auf anderen Geldmärkten des Kontinents zu bringen, um 
bier durch ihre zu große Maſſe nicht den Kurs zu drüden. 
Diefes bewirkte man dadurch, daß gegen Deponirung von 
2 Millionen Pfund Sterling in preußifchen Staatsſchuld— 
fiheinen eine gleiche Summe in engliichen Papieren, das 


Pfund Sterling zu dem feiten Kurje von 6%, preuß. Thas 


lern gerechnet, ausgefertigt und in Zirkulation geſetzt wur- 
den, welche die Negierung nach und nach zurückaufen und 
mit den zurückgekauften Papieren ihre a Schuld» 
jcheine einlöfen wollte. 

Das Jahr 1830, durch die franzöfifche Zulirevolution, 
und das Jahr 1831, durch das erfte Auftreten der Cho- 
lera in Deutſchland erfchüttert, nahmen den Staatsſchatz 
in einem ſolchen Umfange in Anſpruch, daß Unternehmun— 
gen, welche — wie dieß mir den Chauffeebauten der Fall 








Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. . w. 171 


war — nothwendig zur Hebung des Verkehrs ausgeführt 
werden mußten, von dem Staat auf eigene Rechnung nicht 
ausgeführt werden fonnten. Dieſe Unternehmungen wurden 
deßhalb der Seehandlung übertragen, welche zu dieſem 
Zwede ein Anleihen von 12,600.000 Thaler machte und 
für deren Betrag Prämienfcheine zu 50 Thaler ausfertigte. 

Diefe zweite Prämienanleihe, die in Preußen gemacht 
ward, kann als Mufter dienen; fie entjpricht allen Anfor- 
derungen eines in jeder Hinficht foliden Unternehmens, 
Nah dem von dem fpäteren Seehandlungsdireftor Bloch 
entworfenen Plane ift, wenn man den Zinsfuß zu 5 Pros 
zent annimmt, der ‚urfprünglihe Werth eines jeden der 
Vrämienjcheine A713], Thaler, und zu diefem Preife un— 
gefähr find die Looſe von der Seehandlung auch ausges 
geben worden. Die Nüczahlung erfolgt in 25 Jahren 
durch ebenjoviele Ziehungen nach und nach, fo daß die 
in jedem Jahre auszuzahlenden Beträge nur unerheblich 
verichieden von einander find. Die PBrämienfcheinbefiter 
erhalten im ungünftigften Sale den Nennwerth Der Loofe 
jammt Zinjen bis zur Zeit der Rückzahlung, diefe zu 4 
Prozent gerechnet. Gegenwärtig ift, den Zinsfuß zu 4 Pro- 
zent angenommen, der wahre Werth eines jolchen Looſes 
141 Thaler, und wenn dasfelbe mit 175—180 Thaler 
bezahlt wird, fo ift diefer Preis bei weiten höher als der 
von 168 Thaler, den man 1824 und zwar nur furze Zeit 
hindurch für einen Prämienſchein zahlte. — Das Prämien 
geichäft der Seehandlung würde übrigend nach 3 Jahren 
vollftändig erledigt fein. 


172 Ä Dreizehntes Bud. 


Der Druck der VBerbrauchsfteuer, der auf den noth— 
wendigften Lebensmitteln — auf Brot insbeſondere — ruhte, 
wurde von Tag zu Tag inzwifchen fühlbarer und die Kla— 
gen wurden lauter. Der vereinigte Landtag, im Sabre 
1847 zur Berathung der Abftellung von mancherlei Uebel- 
ftänden im Lande zufammenberufen, follte auch jene wich- 
tige Steuerfrage erledigen, indem der König aus landes— 
väterlicher Liebe  diefelbe zur Debatte brachte. Es war 
feine finanzielle Frage im Intereſſe Der Negierung, fordern 
nur der minderen, gedrücdten und durch die Schlacht- und 
Mahlſteuer über Vermögen und Kräfte bis dahin in Alte 
fpruch genommenen Klaffen, und deßhalb ward eine Geſetz— 
vorlage wegen Cinführung einer andern Steuer gemacht, 
wodurch jene aufgehoben, und eine neue minder drücende, 
die Staatsbürger nach Verhältniß ihrer Kıäfte zu Den 
Staat3laften beranziebende Nuflage bezwedt ward — eine 
nad dem Maßftabe des Einfommens zu bejtimmende Ein— 
fommeniteuer. 

Das Nefultat der Debatte war fein erfreuliches, te 
dem gerade die unvermögendfte Klaffe ſich aus niedrigem 
Egoismus gegen den Negierungsantrag erklärte, und Die 
fogenannten Konfervativen in hellen Haufen ihre fonft ges 
wohnten Bahnen verließen, weil der im höheren Sinne 
fonfervative Gedanke der Regierung augenblidliche mates 
vielle Opfer erbeifchte. Was kümmerte fie das Prinzip 
einer gerechten Steuer, fie, jene Nitter und Freunde 
und Helden des „chriftlichen Staats,“ die gejchworenen 
Feinde der „Heiden und Türken und Feuers und Sonnens 











Preußen, fein Staatsfinanzwefen u. ſ. w, 173 


anbeter,“ die, wie früber gegen die Öleichberechtigung der 
Suden und Diffidenten, jebt für ihre eigene Börfe 
das Schwert gegen die darbenden Klaffen, gegen die Ar- 
muth ſchwangen, unbefümmert um chriftliche Nächitenliebe 
und die väterliche Abficht des Königs. Ganz treffend be— 
merkte über diefen jedermann empörenden Borgang damals 
die kölniſche Zeitung, daß „dieje Erſcheinung für die Re— 
gierung eine Belehrung fein und ihr zeigen werde, wo die 
Leute iteben, auf welde aub dann noch das 
Baterland zählen könne, wenn es Dpfer 
Verre 

Mie ganz anders verfuhren einſt 1844 und 1845 die 
Stände aller Landestheile des Nachbaritaates Defterreich ; 
alle Iegten der Regierung felbft Anträge zur „Erleichte- 
rung des Looſes der arbeitenden Klaffen,“ Abänderung der 
Verzehriteuer und Einführung einer Cinfommenfteuer vor. 
Mie groß und ehrenhaft ſtehen diefe da gegenüber jenen 
Mitgliedern des preußiichen Landtages, welche dem Grund- 
ſatze huldigten: Jeder für fich, Gott für ung Alle! 

Unter den neueren Staatsanleihen nimmt die Auf- 
merffamfeit insbejondere in Anfpruch die freiwillige Anleihe 
unter dem Finangminiftertum Hanſemann im Sabre 
1848. Hanſemann debutirte, um das Gtaatdausgabe- 
budget zu reduziven, mit einer Reihe finanzieller Maßnah— 
men und Reformen nacheinander, bis herab zu den 
beiden, das Beamtenthum und feinen Geldbeutel in Anfpruch 
nehmenden Geſetzen, in Betreff Wegfalls des fogenannten 
Goldantheils bei den ©ehalten und dem das Einfom- 


17A Dreizehntes Bud. 


men dezimirenden Wartegeldgeſetze, das ihn kurz Darauf 
felbjt unerwartet erreichte, ald man ihn von jeinem, nad 
Austritt aus dem Finanzminifterium übernommenen, Bank—⸗ 
cbefspoften urplöglich aus „Eonftitutionellen Gründen“ ents 
fernte, indem eine jelbitftändige Verwaltung der Bank unter 
einem bejonderen Borftand nach der Verfaſſung unzuläfjig 
jei und die Bank unter dem Minifterium ftehen müſſe. 


Man Eonnte fih an jenem freiwilligen Anleihen mits 


telit Bareinzahlung wie durch Abgabe von edlen Metalls 
und Silbergerätben betheiligen, die dann nach ihrem Mer 
tallwerthe abgefchäßt wurden, und auf Höhe deflen Tarats 
man Staatspapiere dieſer Anleihe erhielt. Dadurch ging 
für die Theilnehmer der Faconwerth verloren. 

Mehrere andere finanzielle Maßnahmen und Anleihen 
folgten während der Amtsdauer der nach ihm folgenden 
Borftände der Staatsfinanzverwaltung, herbeigeführt duch 
die verfehiedenen politifchen Verhältniffe und deren wech— 
ſelnde Seftaltungen. Wir erwähnen bier nur einiger Staats- 
anleihen der nenejten Zeit. 

Eine diefer Anleihen Preußens fallt in das Jahr 
1854; fie ift eine PBrämienanleihe vom 20. Mai behufs 
Herftelung einer größeren SKriegsbereitfchaft, und beträgt 
15, refpeftive 30 Millionen Thaler, beftehbend aus 150.000 
Prämienſcheinen zu 100 Thalern, von welchen 100 Stüd 
eine Serie bilden. Die Rückzahlung erfolgt durch Ziehun— 
gen binnen vierzig Jahren, fo daß das Geſchäft durch 
die am 1. April 1895 beginnende Prämienziehung voll: 











Preußen, fein Staatsfinanzweien u. ſ. mw. 173 


ftändig feine Erledigung erhält; die DVerzinfung beträgt 
31% Brozent. 

Für Eiſenbahnzwecke wurde durch das Geſetz vom 21. 
Mai 1855 eine Anleihe von 7,800.000 fontrabirt, und 
behuf3 Uebernahme der Aktien und Obligationen der vom 
Staate erworbenen Münjter- Hammer Eifenbahn die Staats- 
ihuld um 1,387.300 Thaler vermehrt, ſowie um den Be— 
trag der mehr eingezahlten als zurücdgegebenen Kautionen 
der Staatsbeamten und Zeitungsherausgeber von 126.000 
Thalern. 

Bon allen diefen Anleihen kurſiren zur Zeit noch die 
Papiere und find Gegenjtand des Marktes auf allen Börfen. 
Außer diefen Staatsjchuldpapieren gibt e3 noch neben den 
vom Sabre 1806 und den folgenden Jahren herrübren- 
den Staatsfchuldfcheinen kurmärkiſche landſchaftliche Obliga— 
tionen aus früheren Zeiten und Hypothekenſcheine auf 
Domänen, welche erſt nach dem Jahre 1806 entſtanden 
ſind. Beide Papiere tragen 4 Prozent und machen ein 
Kapital von nahe an 9 Millionen Thaler aus. Sie ſind 
ſämmtlich Staatsobligationen. 

Außer dieſen gibt es indeß noch eine Menge von 
Provinzial- und Stadtobligationen, die ſich in neueſter Zeit 
auf wahrhaft erfchredende Weiſe gemehrt haben und noch 
fortdauernd fih mehren. Die fogenannten Pfandbriefe 
bilden ein Kapital, welches von 100 Millionen nicht fern 
ſein wird, deſſen Antheile gleich den Staatsfchuldfcheinen 
gefauft und verkauft werden und fichere Nenten tragen. 
Unter Regierungsgenehmigung ftifteten nämlich die Guts- 


176 Dreizehntes Bud. 


beiißer mehrerer Brovinzen Preußens Vereine mit Dem 
Zwecke der Teihbaren Aufnahme von Kapitalien unter ge= 
meinfchaftlicher Bürgfihaft ihrer Güter; dieſe Kapitalien 
wurden dei einzelnen Gutsbeſitzern vorgeftredt. Man pflegt 
jolche Bereine Iandfchaftliche Kreditiyfteme zu nennen, Deren 
man fünf zahlt, das oſt- und mweftpreußifche, das Furmär- 
kiſche, eblefifche und pofenfche. Neben diefen Pfandbrtefen 
eriftiren noch die Bankobligationen, die gleichfalls von Hand 
zu Hand gehen. Damit erjchöpft fich die Reihe der preußi— 
ſchen Werthpapiere, welche auf den Börfen zu Marft ge: 
bracht werden. — 

Das Kommiffionsgefchäftshaus des Haufes Rothſchild 
für Preußen ift das Bankierhaus A. Meyer in Berlin, 
das einft im fehwieriger Zeit und Lage durch veelles ebren- 
haftes Benehmen die Aufmerkjamfeit Rothſchild's an ſich 
309, der es vom Banferott rettete und mit feinen Kom- 

miſſionen für Preußen und ſeinen Geſchäften an der berliner 

Börſe als Generalagent betraute. Und wahrlich das Haus 
Rothſchild konnte keinen bewährteren Agenten für ſich ge— 
winnen als dieſes berliner Bankierhaus. Wir ſind in den 
Stand geſetzt, den obigen Vorgang zwiſchen Rothſchild und 
ſeinem gegenwärtigen Generalagenten für Preußen im De- 
tail mittheilen zu können. 

Als das Haus Rothſchild Durch die ſpaniſche Anleihe 
ungebeueren Berluft von vielen Millionen erlitt, vegulirte 
e3 fich mit denjenigen Häulern, Die meift im Vertrauen zu 
dem ſprüchwörtlich gewordenen Glücksſtern und glüdlichen 
Spyekulationsgeift jenes Haufe an der Zeichnung für jene 

















— — — — 
x 


Preußen, fein Staatsfinanzwejen u. 1, mw. 177 


Anleibe theilgenommen hatten. Dazu gehörte ein damals 
noch unbedeutendes Bankiergefchäft zur Berlin. Das Haus 
Rothſchild forderte nur Prozente, die von den betreffenden 
Häufern, die ſelbſt dadurch ungeheuere Verluſte erlitten, 
angenommen wurden. Jenes Bankterhaus zeigte dagegen 
an, dag es feinen eingegangenen DVerpflichtungen gegen 
Rothſchild nicht durch Prozente, jondern durch Zahlung des 
wahren und vollen Betrages der gefallenen Papiere nach— 
fommen wolle, obwohl es dadurch ruimirt werde; „als 
Kaufmann gebt mir die Ehre über alles,” — jagte der 
Chef de3 berliner Haufes — „Geld kann ich wieder ge- 
winnen, meine verlorene Chre gibt mir feine Macht der 
Welt zurück.“ — „Sie jollen nicht ruinirt werden,“ — ent- 
gegnete der Chef des Großhauſes, „und wenn Sie's afzep- 
tiven, jo mache ich Sie hiermit zu meinem Öeneralagenten 
für Berlin; denn einen ebrenhafteren Vertreter weiß ich 
nicht zu finden * — Der Antrag ward angenommen, und 
jeitdem Hat fich jenes berliner Bankierhaus in ganz Eus 
ropa befannt und geachtet gemacht. 


Das Haus Rothſchild. I. 12 





Vierzehntes Bud). 


Rußland, die übrigen Staaten Europas und ihre Finanz- 
zuflände. 


Das Staatsfinanzivefen Rußlands. Des nordifchen 
Kaiferreiches Bedeutung von Weter 1, bis auf unfere 
Tage. Das Staatsbudget Rußlands feit einem Jahr— 
hundert. Die Staatsfchuldenlait, die fpgenannten 
Hentenfchulden, Anleihen u. ſ. w. — Die Finanzver- 
hältnifje von Spanien, Belsien und den Niederlanden. 
— HÜllgemeine Ueberſicht ver Finanzzujtände ſämmt— 
licher Staaten Europa’s im jahre 1856. 


Fruchtloſe Mühe würde es fein, in Der Gefchichte des 
Staatsfinanzwefens Rußlands bis in Die Zeiten 
der MWarägerfürften Rurik md Truwor (862—879) 
binaufzugehen, befonders da der Staatzfinanzkunft gar 
wenig Gewinn daraus erwachfen würde, wenn fich an ber 
Spitze des ruffifchen Neiches im lebten Fünftel des ſechs— 
zehnten Jahrhunderts noch ein Fürft findet, Car Johann, 
der Sehredlihe mit Zunamen, der nach Sletcher in 
feinem Werke: Of the Russe Common-Wealth, or 
manner of governement by the Russe Emperour 
u. f. w. London 1591, an die Spike feines Steuerſyſtems 
den Sat ftellte: „Das DBolf gleicht einer Schaf- 
Deeime; je mehr warn ter jdieeni nen’ mehr 
MWolle Hat fie,” und der einft von der Stadt Moskau 
einen Meben voll Flöhe verlangte, die fich, da dieſe nicht 


182 Bierzehntes Buch. 


eingefangen werden koönnten, davon mit 7000 Rubeln 
Iosfaufen mußte. 

Zu Ende des fechszehnten Sahrhunderts beftand Die 
Staatseinnahme des Garen 


1. aus den Einkünften der fürftlichen Erbgüter, wozu 


36 Städte nebſt Kirchenfprengeln und Dörfern gehörten, 
die außer einem Geldzinſe noch Getreide, Vieh, Geflügel, 
Fifche, Honig, Holz und Heu in die Schloßverwaltungs- 
fammer Tiefern mußten. Von diefen Naturalleiftungen wur— 
den nach Abzug des zum Unterhalte des Hofes erforderlichen 


Bedarfs unter Johann's verichwenderijcher Negierung für 


60.000 Rubel verkauft; in den Zeiten feines Nachfolgers, 
des Garen Theodor Johannowitſch, war infolge der durch 


den Hofmarſchall Gregor Godunow eingeführten befferen. 


Bewirtbichaftung der jährliche DBerfaufserlös dagegen 
230.000 Rubel, nach jeßigem Geldwerth gegen 1,500.000 
Silberrubel; 

2. aus einer Kopf- und Vermögensſteuer, die in 


Geld und Getreide zuſammen 400.000 Rubel einbrachte; 


3. aus Stadtgefällen, die an das Oberzollamt ent—⸗ 
vichtet wurden, fowie aus Trink und Badeſtubenſteuern, 
Handels- und Schiffszoll; fie brachten 800.000 Rubel 
ein. Moskaus Antheil daran betrug unter anderen 12.000, 
Smolenst 8000, Kafan 11.000, Nowogorod 6000, Twer 
00 u. f. w. 

Die Einnahme des Staatsbudget war demnach jähr- 
lich 1,430.000 Rubel, nach jeßiger Währung zwifchen ſechs 
bis ſieben Millionen Silberrubel. 














Rußland, u. |. m. 183 


Zur Mehrung der Staatsdomänen jebte Johann im 
Jahre 1582 auf einer Derfammlung von Popen und Bo: 
jaren die unentgeldliche Abtretung aller ehemals fürftlichen 
Erbgüter und verpfändeten Ländereien an das Staatsärar 
jeitens der Kirchen und Klöfter feit, welche diefelben in 
der unruhigen Zeit der Bojarenherrſchaft an ſich gezogen 
hatten, und ſein Nachfolger beſtätigte zwei Jahre darauf die— 
ſes Geſetz, übereinſtimmend mit der Anſicht ſeines Vorgän— 
gers, der an den Biſchof von Kaſan dieſerhalb geſchrieben: 
„Die Mönche ſollen nicht das Land, ſondern die Herzen 
bearbeiten, nicht Getreide, ſondern das Wort Gottes ſäen, 
nicht Ländereien, ſondern das Himmelreich erben.“ 

Im Vergleich zu dem gegenwärtigen Staatsbudget 
des ruſſiſchen Kaiſerthums und ſeinen Tagesbedürfniſſen der 
Jetztzeit waren jene Staatseinnahmen gleichſam nur Ur⸗ 
anfänge, indem gegenwärtig der ruſſiſche Hofetat allein die 
Summe von 3'/, Millionen Rubel erfordert. — 

Erſt vor 150 Jahren legte das Carenthum den Grund— 
ſtein ſeines Einflußes in Europa. Zwar war Rußland 
beim Regierungsantritte Peter's IL (1696—1725) fei- 
nem Umfange nach eines der größten Neiche der Welt, 
266,000 Quadratmeilen umfaſſend; nach einundzwanzig⸗ 
jähriger Dauer des Krieges gegen Schweden betrug der 
Landgewinn zuſammen 2300 Quadratmeilen; das 25 Jahre 
zuvor nur 50 Mann zählende europäiſch gebildete Heer 
hatte ſich bis zu 220.000 Mann vermehrt; aus der einen 
ſchlechten Kriegsſchaluppe war eine Kriegsflotte von 30 Li— 
nienſchiffen mit einer entſprechenden Zahl von Fregatten und 


184 DVierzehntes Buch. 


kleineren Fahrzeugen geworden, Die Staaiseinnahme bis auf 
15'/; Millionen Thaler geftiegen, und bet feinen Tode 
hinterließ Peter — feine Landerwerbungen bis zu 9000 Qua— 
dratmeilen gejteigert, Towohl im Norden wie Süden von 
Europa, von der DOftfee bis zum ſchwarzen Meere — ein 
eich von 275.800 Quadratmeilen mit einer Volkszahl 
son 15 Millionen. Den Staatshaushbalt betreffend führte 
er eitte bejfere Ordnung in Grhebung der Kopfſteuer ein, 
die 4,290.000 Rubel einbrachte, die Zölle trugen ein 
1,200.000, die Branntweinftener 980.000, und die Salz— 
jteuer 662.000 5 alle Einnahmen vermehrten fih unter jei- 
ner Regierung auf Das Fünffache; fie werden für das Jahr 


1713 auf 8,600.000 gefchäßt. Er hob die Steuerfreiheit 


überall auf und monopolirte den Salgverfauf, die Fifcherei 
und die Branntweinbrennerei für den Staat, führte Stempel- 
papiere ein, und gab alle diefe Einnahmsguelien größten- 
theils in Bacht ; er prägte Silberrubel und hielt ftreng auf 
Reinheit des Metalls. 

Katharina I (1725—27), das „Mädchen von 
Marienburg,“ Die Tochter des ſchwediſch-lettiſchen Leibeige— 
nen Samuel, ſeit 1712 mit dem Cären vermält, folgte dem 
Vorbild ihres Vorfibers auf dem Katfertbrone, wies au 
deren Nachfolger die Pläne Beter’3 des Großen nicht aus 
den Augen verloren, obgleich die Dauer ihrer Regierung 
zu kurz war; denn Peter II. regierte von 1727 bis 1730, 
Anna J. bis 1740, Swan II. bis 1741, Elifabethl. 
und Beter IH. bis 1762. Dennoch ftieg der Landes— 
umfang bis zu 825.000 Quadratmeilen mit 19 Millionen 




















Rußland, u. f. w. 185 


Einwohnern, während innerhalb diefes Zeitraums als finan- 
zile Maßnahme die Herabfekung der Kopfftener, Aufhe— 
bung der Binnenzölle und Errichtung von Banfen fällt; 
Die zweite Maßnahme ward paralyfirt Durch Erhöhung des 
Zolles auf importirte Waaren. Ebenſo ward die Kornz 
ausfuhr freigegeben. Die Staatseinnahme unter Katha- 
vista I wird zu 18,665.000 Thaler geichäßt. 

Diefem eriten Zeitabfehnitt folgen die Jahre von 
1762 bis 1801 während der Regierungen der Kaiferin 
Katharina II (1762 —1796) und Paul's I. (1796— 
1801), in welche die Theilung Polens und das Vorrücken 
der ruffifhen Südgrenze zum fehwarzen Deere fällt. Bet 
der eriten Theilung des Nachbarreiches gewann Rußland 
2000 QDuadratmeilen mit 1% Millionen Einwohnern, bei 
der zmeiten 4553 Quadratmeilen mit 3,117.00 und bei der 
dritten 2030 Quadratmeilen mit 1,200.000 Köpfen, alſo 
im ganzen annähernd 8600 Quadratmeilen und 6 Mil 
lionen Einwohner, überhaupt *3 Flächenraum, während 
Defterreich und Preußen fich mit dem übrigen /, begnüg— 
ten, und erfteres einen Zuwachs an Bevölkerung von 2°, Mil- 
lionen, Preußen von 3 Millionen gewann Durch Kurs 
lands Erwerbung (1795) gewann Rußland noch 500 
Diradratmeilen, und hatte fomit im ganzen am feiner 
Weftgienze 13.000 Quadratmeilen erworben und Dadurch 
jeine weſtlichen Borpoften um 120 Meilen in das Innere 
, Europa’3 vorgefchoben. Die Staatseinnahme ward 1770 
zu 28,080.000 Thaler angegeben, und 1782 zu 44,586.929 
Thaler. Der Krieg gegen Die Pforte (1768-74) veran— 


186 Vierzehntes Bud. 


laßte mittelft Manifeftes vom 28. Dezember 1768 die erfte 
Emiffion von Papiergeld durch die mit 4 Million 
Rubel Gold und Silber gegründete Affignatenbanf, wofür 
eine gleihe Summe in Banfzetten Affignaten von je 
25—100 Rubel) in Umlauf gefett ward. Das Volk faßte 
Dazu jo unbedingtes Vertrauen, daß die Kaiferin deren 
Betrag bis auf 100 Millionen vermehrte. Erft nad 1791 
fanfen fie, zuerſt auf 81, 1812 auf 24 und 1815 auf 
20; 1839 ftanden fie wieder auf 28, in welchem Sabre 
ein faiferliches Manifeit vom 13. Juli beftimmte, daß die 
Banknoten zu dem unmandelbaren Breife von 350 Kope- 
fen Bapier für 100 Kopefen Silber als ein Werthzei- 
hen und zur Grleichterung des Verkehrs feſtgeſetzt wer- 
den.. Ein Ukas vom 12. April 1840 befahl die Ausgabe 
von A neuen Serien Schabfcheinen zu 3 Millionen Rubel 
gegen A'z Prozent Zinfen. Die Staatseinnahme, die 1770 
zu 28 Millionen Thaler berechnet ward, mar nach amtlis 
chem Grlaß 1782 ſchon 44,587.000 und 1801 bereits auf 
88,607.000 Thaler angewachjen, und 35'/, Millionen Ein- 
wohner bewohnten 331.850 Quadratmeilen. Sm Sabre 
1766 erjchien ein ganz nener golltarif, der die für Ruß— 
land erforderlichen Waaren mit einem geringen Zoll, ſonſt 
von 2—7 Brogent belegte. 

Unter Alerander I (1801—1825), der vereint mit 
dem übrigen Europa in den Jahren 1812—15 daS poli- 
tiſche Uebergewicht Frankreichs unter Napoleon zerftörte und 
die Selbjtitändigfeit der europäiſchen Fürftenwelt mwiederher- 
itellte, itiegen die Staatseinnahmen im Sabre 1801 auf 

















Rußland, u. f. w. 187 


88,606.666 Thaler, im Sabre 1804 angeblih auf 
121,100.000, 1810 auf 124 Millionen, 1821 nach Haſſel ohne 
Polen 65, nach Anderen 71 Millionen. Cr hinterließ ein 
Reich von 363.000 Duadratmeilen mit 50 Millionen Be— 
wohnern. Unter seiner Negierung erjchten der Zolltarif 
vom 31. März 1816, dem bald zwei andere, vom 20. 
November 1819 und 12. März 1822 folgten, Teßterer mit 
übermäßig hohen Zollfäßen. 

Sein Bruder und Nachfolger Nikolaus I (1825— 
1855) führte Krieg mit der Pforte, der außer einer Kriegs- 
entfehädigung von 114 Millionen Dufaten eine Gebiets— 
erweiterung von 300 Duadratmeilen zur Folge hatte; er 
garantirte im Verein mit den übrigen Oroßmächten das 
nengegründete Königreich Oriechenland, befämpfte einen 
Aufitand in Polen im Sabre 1831 und intervenirte zu 
Gunſten Defterreichs im Jahre 1849 im Unabhängigfeits- 
fampfe der Ungarn. Die Bevölferung des Reiches ftieg 
während feines Garenthums über 60 Millionen auf 367.000 
Quadratmeilen. Unter feiner Regierung waren die Staats— 
einnahmen in fortwährendem Steigen begriffen ; fie betru— 
gen nach Malchus im Jahre 1826 100 Millionen, nach 
Balbi im Sabre 1828 112 Millionen, nah Widemeyer 
1265 im Sabre 1835 mach Schubert 122, 1840 nad 
Murray 96, nach Schnabel 125 Millionen, und 1842 nach 
M'Culloch (ohne Polen) 115 Millionen, darunter der Be- 
trag der Zölle mit über 31 Millionen. Diefen älteren 
Angaben fchliegen fich die neuesten ftatiftifchen Mittheilun— 


188 Vierzehntes Bud). 


gen von Neden vom Sabre 1854 über das Staatsbudget 
Rußlands an. 

Darnach beträgt Die ordentliche (Brutto) Staats: 
einnahme annähernd 275,472.000 C©ilberrubel oder 
296,959.000 Thaler. Davon fommen 206 Millionen aus 
den Domänen, Forften, Staatsgewerbe - An 
walten, Regalien und Monopolen, die fich ver: 
theilen auf Einnahmen aus unmittelbarem Kroneigenthum 
zu 377 Millionen, aus den Kron-Berg- und Hüttenwerfen 
30, Millionen ; für Naturalleiftungen, in Geld angefchla- 
gen, zu 20 Millionen, an Geldleiftungen 11 Millionen, an 
Kegalen und Monopolen 103 Millionen, ferner aus di— 
veften Steuern 30 Millionen, aus indirekten Abe 
gaben 34 Millionen, mworunter die Zölle mit 31 Mil— 
lionen. 

Die Staatsausgabe berechnet man zu 275,835.000 
Rubel, wovon auf den Bedarf der faiferlihen Fa— 
milie 11 Millionen. Für das Landheer und die 
Flotte werden im Friedensetat gegen 98 Millionen ver- 
ausgabt. Für die Staatsjhuldentilgung werden 
33, Millionen verwandt, und Diefe Staatsſchuld ſelbſt 
betrug im Sabre 1853 714 Millionen, im Sabre 1854 820 
Millionen, worunter 77,750.000 als Anleihe für den Bau 
der großen Eifenbabn von Petersburg nach Moskau. Die 
bejondere Schuld Polens ift 215 Millionen polnifche Gulden. 

Nie groß augenblicklich die Staatsſchuld ift, ift wicht 
anzugeben, da die Summe der Koften des !ehten Krieges 
nicht konſtirt. Ueberhaupt sariiten Die ftatiftifchen Nach— 














Rußland, u. |. w. 183 


richten über Rußlands Staatsfinanzwefen jo jehr, dag man 
fortwährend wie im Dunkeln tappt. Wir müffen daher 
noch eine zweite Zufammenftellung bier folgen laſſen. Die- 
jelbe ſtützt fich auf einen Nechenfchaftsbericht des ruffifchen 
Miniſters der Kronländereien vom Jahre 1849, der fol- 
gende Erträge enthält: 

1) Kopfſteuer, allgemeine 
Steuern, Abgaben auf die Spi- 
rsitusfabrifation, Abgaben auf 
die Adminiftrationskoften, auf Einkünfte 
der Ländereien und Waldungen der 


Kronesumsgefamme: 0 20 2012 0. 830,021.800.S: 8. 
2) fogenannte Feldſſeurnnnee »4,411.743 400% 
3) Gemeindeſteueng 66688168 


4) öffentliche Alimentationsſteuer 4453927 

5) Rückzahlung von Schulden, 

Einregiſtrirung, Stempelgeldftrafen . 30222 ae 

6) Ertrag von SKronländereien, 
der für Inſtitute, den Klerus u. ſ. w. 
angeipteleme IIE.N.33.. 0... Be ae 41I.III Ey 

zuſammen 40,289.350 ©. R. 
oder etwa 43 Millignen Thaler. 

Ferner enthielt für das Jahr 1850 das „Journal 
hebdomadaire de St. Petersbourg“ vom 1. (13.) März 
1852 folgenden Ausweis: 

a. an eigentlihen Zölen . . 29,662.000 ©. R. 
b. Afzife vom Salz der Krımu . . 256.47. 


190 Vierzehntes Buch. 


c. Entrepste und Magazinirungs- 


abaaben:, 7. 204.321 S. R. 
d. zum Vortheil Städte 567.528 3,50) 
e. Abgabe zum Newabrüdenbau . . 314.016 „', 
k. odeſſaer u. Fonftantinopler, Dampf 

ſchuffaht RR. 0 u 
g. fleinere Abgaben allerlei er 70.629 BE 








zufammen 31,129.398 ©. R. 

oder etwa 33 Millionen Thaler. 

Zufammen ergibt das über 71 Millionen ©. R. oder 
76 Millionen Thaler Einnahmen, wobei die Einfünfte aus 
dem Bergbau, von der Poſt, vom Sal, von Stempeln und 
Päſſen u. a. nicht mit aufgeführt find. 

Der Statiftifer M'Gregor in feiner Statiftif hat das 
ruſſiſche Einnahme-Budget folgendermaßen entziffert: 

1) Zölle 5,430.833 Pf. St. in runder 


Summe . .. — 
2) Spiritus 3,319. 166 pf. &. Kar. DZ 
3) Beſondere Auslöfung ftatt der Brannt—⸗ 

wein-Afzife 1,137.500 Pf. St... 1... am, 


4) Kopfſteuer der Bauern 3,097.500 Pf. St. 21% 4 u 
5) Kopfſteuer v. Kaufleuten 1,12583PB.©. Th u 
6) von den Kronländereien 1,443.753B.©. 10 a 
7) Salz-, Gold» und Silberminen 1,020.833 

Pi: St; 2. 6 nu 
8) Stempel und Paſe 1 ‚432. 083 pf. St. 10 A 
9). Roft-255.214 Pi, er: 

















Rußland, u. f. w. 191 


überhaupt aljo über 18 Mil. Pf. St. oder über 126 Mill. 
Thaler rund. 

Diefe M'Gregor'ſchen Angaben ftimmen 3. B. in Be- 
treff der Zollrevennen mit der Angabe des petersburger 
Sournals fo gut überein, daß das Vertrauen in ihre Zu— 
verläjligfett Dadurch befeitigt wird. 

Mir find in den Stand gefebt, über Rußlands Fi— 
nanzzuftände und deren Steigerung im Ertrage je mit dem 
Steigen des Umfanges des Neiches und Zunahme feiner 
Bevölkerung noch einzelne Nachrichten wie überſichtliche 
Darftelungen aus verfchiedenen Zeitepochen und aus gleich“ 
zeitigen ftatiftiichen Cröffnungen zu geben. 

Eine Schrift Schlöger’3 unter dem Titel: „Neuverän- 
dertes Rußland” fpezifizirt die Staatseinnahme Rußlands 
für das Jahr 1725 und gibt die Geſammteinkünfte auf 
8,779.750 Rubel an. 

Ausführlicher enthält Schlözer's Briefmechjel im Band 
J. ©. 129 und folgende nachftehende detailirte Nachweife : 

Das Staatsbudget Rußlands war im Jahre 1770 
das nachfolgende: 

I. Staatseinnahme. Rubel. 
1. Ropfiieneraan . 6,994.001 
2. Erhöhung derſelben un) die utaſe bes 

Garen vom Jahre 1769 um die Hälfte . 3,472.000 
as 2lbgabe aus der Uftaine .. .. . - 253.059 
I. Branntweinſteuer, verpachtet, brachte ee: aus 

den Hauptftädten Petersburg und Moskau 2,100.000 

aus dem übrigen Neide . ..... . ..2,000.000 


192 Bierzehntes Buch. 


(Die Krone kauft den Wedrok Branntwein zu 
75—85 Kopeken und überläßt ihn für 2—2'/> 
Rubel an die Pächter.) 

6. Zollabgaben der Städte Betersburg, Riga, 
Archangel, Wiburg und der pofnifchen Grenzen 
worunter Petersburg mit 1,763.307 

7. Salzftener . 

8. Bergwerfseinfünfte 
a. 10 Bud Gold (400 Pfd.) zu 3 Rubel 


10 Kopeken für den Solotmif... . 119.040 
b. 160 Bud Silber (6400 Pfd.) . 135.168 
c. 360.000 Bud Eifen....... 252.000 


d. 300.000 Bud Kupfer, welches von der 
Negierung nur zum Münzen verwendet wird, 
zum Ertrage von 
9. Sibirifche Zölle an den Sineftichen Grenzen 

und Erträge der Belzwerflieferungen 

worunter die Zobel- und Schwarzfuchspelze 
mit 200.000 und ebenfoviel die Karavanen- 

Errräge nach China. 

10. Grundſteuer, Mühlenfteuer, jowie Erlös 
aus dem DBerfauf von Orundgütern 
11. Aus den neun eroberten Landestheilen . 


2,800.000 


1,579.164 


506.208 


2,500.000 


991.495 


1,733.743 
545.052 


24,074.719 


II, Staatsausgabe. 
1. Brivatchatouille des Garen 


Nubel. 
3,000.000 

















Rußland, u. f. mw. 


2. Der Senat, für geheime Ausgaben und 
Koiten des Kanzleramtes i 
3. Auswärtige Angelegenheiten, Minifter Reſi⸗ 
denten, Legationsſekretie und Geſandt— 
ſchaftsbeamte 
4 Zivilbehörden. 
5. Die Garden 
6. Der Hof, Hofherren I home Hof— 
küchenamt, Kapelle, Theater, der große und 
kleine Marſtall, (uneingerechnet 280.000 Pfd. 
Salz, ſowie den Bedarf an Wildpret, Ge— 
flügel, Fiſchen, Früchten und Getreide jeder 
Art, welches Alles die Krongüter liefern). 
(Der jährlihe Bedarf an Zuder beträgt 


nach dem Etat 90.000 Pfd. und an Kafe 


16.000 Pfd; täglich werden in der Hofküche 

2.000 Schüffeln für 140 Tiſche angerichtet.) 

7. Der Etat des Groffürften, uneingerechnet 
das, was er aus dem Herzogthum Holitein 
bezieht 

8. Die Armee 

9. Die Öarnifonen . 

10. Die Miliz 

11. Das Kadettencorps zu — 

12. Das Artilleriecorps 

13. Zum Unterhalt der Feftungen . 

14. Das Corps der Ingenieure, Pionniere und 
Mineure 


Das Hans Rothſchild. m 13 


193 
Rubel 
256.090 


272.000 
143.924 
208.000 


1,112.560 


225.000 
4,124.060 
111.200 
184.608 
72.400 
1,014.000 
70.000 


212.000 


194 Vierzehntes Buch. 


15. Die Flotte, der Kanal von Kronftadt, zum 
Unterhalt der Oftfeehäfen und der Marine- 
fadettenfchule 

16. Die Seneralapothefe zu Moskan, Big Die 
ganze Armee und alle Garnifonen mit Mer 
difamenten verfieht, der Bedarf des Medi- 
zinalfollegit und die Befoldungen der Aerzte, 
Wundärzte und Apotheker, fowie die Bedürf- 
niffe der Lazarethe mit einbegriffen 

17. Die Zoll und Steuerbehörden und das 
Handelskollegium . 

18. Für Holz für Die Marine * yffentuche 
Bauten . 

19. Für Die Shatiseinete Goldfand— 
Perlenfiſchereien 

20. Die Akademien und Hochſchulen — Preis 
ches, die Findelhäufer, bürgerliche und Milt- 
tärjchulen in den Hauptſtädten Ä 

21. Zur Unterftüßung von Fabriken, deren 
Ausgaben die Einnahme überfteigen 

22. Oratiftfationen für verdiente höhere Staats— 
beamte, DOffizierswitwen und deren Kinder 
unter 15 Sabrten . ne, 

23. Für den König von Bolen ie die Pen- 
fionäre der Republik h 

24. Jahresgeſchenke an die hohe forte 


25. Deffentliche Arbeiten, als neue Straßenan- 


Rnubel 


1,265.000 


110.000 





55.400 


28.470 


124.546 





88.690 





62.000 


200.000 


216.000 
150.000 











Te — — 


Rußland u. ſ. w. 195 


lagen, Sumpfaustrodnen, neue Kanäle zu Rubel 

Flußverbindungen und Förderung des Handels 1,000.000 

14,305.548 

Tach den behufs Ermittlung der Kopffteuer vorge- 

nommenen Bolfszählungen in Rußland (mit Ausnahme 
Eith-, Finn- und Livlands) betrug die Volkszahl 


IE SSalte ei 2 ker 1,00 100,118:226 
ER RN Z ADNAEEN E18 RN 222001882 
e04r.1766 20 3, 3 65 


welche im letzteren Jahre 6,944.001 Rubel Kopfgeld zahl: 
ten. Dieſe Kopfftenerpflichtigen zerftielen in 5 Klafjfen mit 
einem jährlichen Betrage für den Kopf von 120, 80, 70, 
50, 40 Kopeken. 214.785 Perſonen gehörten zur eriten 
Klafje, 4,889.275 zur dritten Klaffe u. j. w 

Tach diefen Mittheilungen find wir nur im Stande, 
Kachrichten über das Staatsbudget fpäterer Zeit folgen zu 
laſſen. 

Rußlands Staatsbudget aus den Jahren 1831—33: 
1. Staatseinkünfte. 


Gohſtene 221000 4 
pbasaptealiteter 0... 66880 
0 N 22 26,186.800 0, 


2. Kron-Einkommen und J egalien 
a. Obrok oder Grundzins von 


den rongüternnn 603700 
Bannt eneal 883 
©. Berichiedene Gefällleeee 807 
or Boten nn 66664666 


or 


196 Dierzehntes Buch. 


e. Kronforften und Fijchereien 1,002.083 Thle. 


fKronfabriklenn 10789 

Bergwerkeeee 6600 

h. Andere Einnahmen . . . 1.079170 , 
3. Einnahmen in Polen, deſſen 

Finanzen gefondert find. . . 13.063.196 „ 


121,200.874: 
Außerdem Hat der Kaifer für feine Brivatchatouille noch 
verſchiedene Cinfünfte im Betrage von 1,600,000 big 
1,900.000 Thalern; auch für die Bringen eriftirt eine be— 
jondere Apanagefajfe im Betrag von 1,387.500 Thalern. 
Staatsausgaben. 
1. Hofhaltung des Kaiferd . .  5,000.000 Thlr. 
2. Minifterium des Auswärtigen 2,000.000 „ 
3. Minifterium des Innern . . 33,000.000 „ 


4. ” des Kultus . . 5,000.000 „ 
5. Das Lanphee ae... :080,000.000.° 
6. Diealokten na. 12,000.000 „ 
7. Finanzverwaltung und Zinfen 

der Staatsfhuldi. 2: 12... 20,000.000.5% 
8. Andere Ausgaben »....: . :.,%:3,000:000 N 
9. Die Verwaltung) Polens. ....,13,091.3135;, 

122, 091.518 


Es bleibt uns nunmehr noch übrig, Die Beträge der 
verzinslichen Staatsanleihen, Nentenjchulden, fowie der un- 
verzinslichen Schulden des ruſſiſchen Kaiſerreichs in kurzer 
Ueberſicht zuſammenzuſtellen. 

An verzinslichen Staatsanleihen hat Ruß— 


























Rußland, u. ſ. w. 197 


fand als Antheil an der alten bolländijchen Schuld vom 7. 
Mai 1815, 5 Prozent jährlich abzutragen, + Million 
Sulden — 52 Millionen Gulden, ferner aus der Anleihe 
bei Baring et K. und Hope et K. vom 16. Auguft 1820 
nominell 40 Millionen Silberrubel Sprozentige Tilgung mit 
2 Brozenten jährlich, ausgegeben zu 72 Brozent, fo daß 
für 40 Millionen nur 28,800.000 wirklich gezahlt find. 
Anleihe vom 23. Juni 1822 bei Rothſchild in London, 
nominell 43 Millionen S.-Rubel, Dprozentige Tilgung 1 Pro— 
zent ausgegeben zu 82 Prozent, fo daß fiir 43 Millionen 
nur 35,260.000 wirklich gezahlt wurden, ferner Anleihen 
bei Hope et 8. am 22. Zuli 1828, 5prozentige Tilgung 
1 Prozent (zu 97 Prozent) zum Betrage von 18 Milli: 
sen ©ulden, dergleichen bei Hope am 11. Mai 1829 
24 Millionen Gulden 5prozentige Tilgung 1 Prozent (zu 
97 Prozent), gleichfalls bei Hope am 14. Mai 1831 
20 Millionen S.-Rubel 5progentige Tilgung 1 Brozent, 
eine fernere Anleihe bei demfelben vom 8. Dftober 1832 
von 20 Millionen S.-Rubel Dprozentige Tilgung 1 Bro- 
zent, übernommen zu 84"), Prozent, und fihlieglich eine 
Anleihe bei Hope vom 5. September 1840 von 25 Mil- 
lionen S.-Nubel Aprozentige Tilgung zu 27% Prozent. 

Am 1. Sänner 1853 waren noch vorhanden an aus— 
wärtigen Terminjchulden 57,149.000 Gulden und an in— 
ländifchen Terminfchulden 110,867.055 Silber-Rubel. 

An Nentenfhulden waren am ſelben Tage noch 
rückſtändig 233,536.056 aus inländifshen Anleihen und 
Neichsfchatbillet8 aus den Jahren 1817, 1818, 1831 


198 Vierzehntes Bud. 


und 1834, jowie an Anleihen bei Stieglik aus d. J. 
1842—1844, 1847 und 1849, und an Neichsfreditfaffen- 
billets 311,375.581 ©.-Rubel. 

An unverzinsliben Schulden waren am näm— 
lichen Tage nur noch ausitehend 252.000 S.-Rubel. 

Die Staatsfchuld ift feit dem Kriege mit England: 
und Frankreich durch zwei Anleihen vermehrt worden. 
Die legte derfelben ijt die „rufjiiche fünfprogentige Anleihe 
von 1855,” durch das Bankierhaus Stieglik in Petersburg 
auf 50 Millionen Silber-Nubel abgefchloffen. Die In— 
jfriptionen lauten über 500 Silber-Rubel eine jede, und 
find au porteur geftelt. Die Tilgung wird durch Rück— 
fauf der Inſkriptionen — infofern fie nicht über parı 
ſtehen — mittelft eines Tilgungsfonds von zwei Prozent 
des nominellen Anleihebetrages, mit Hinzuwachs de: Zine 
jen der eingelösten Inſkriptionen bewirkt. Sie beginnt 
mit dem Sahre 1858. Vom Sabre 1875 ab bat die 
Negierung das Mecht, alle im Umlauf verbliebenen In— 
jfriptionen al parı einzulöfen. Die Inſkriptionen tragen 
5 Prozent Zinjen jährlich und haben balbjährliche, am 1. April 
und am 1. Oftober zahlbare Coupons. Um die Erwerber 
jolcher Inſkriptionen vor dem Nachtheile zu bewahren, 
welcher ihnen aus dem gegenmärtigen niedrigen Stande 
des ruſſiſchen Wechſelkurſes und deſſen Schwankungen 
erwächſt, ſind Vorkehrungen getroffen, welche die Auszah— 
lung der Zinſen und deren Herausziehen aus Rußland in 


reiner Silber-Valuta, nach dem inneren Silberwerthe der 


Rubel, gewährleiſten. 

















Rußland, u. f. w. 199 


Da dieſe Anleihe erſt die zweite jeit jenem Kriege tit, 
jo erhellt daraus, daß die ruſſiſche Regierung mit ihren 
Anleihen im Auslande vorfichtig zu Werke geht, und man 
fich in Petersburg fcheut, feinen auswärtigen Kredit ſtark 
in Anfpruch zu nehmen, und es vorzieht, die Hauptlaft des 
Krieges auf die Schultern der Privaten zu wälzen, die 
den Nequifitionsgeboten gemäß die Kapitalien ihren Kredit: 
anftalten zur Berfügung ftellen. Während England und Franf- 
veih Milliarden zur Führung des Krieges aufnehmen und 
die Steuerfähigkeit zufünftiger Generationen, welche die 
Frucht der heutigen Kämpfe genießen werden, mit heran 
ziehen, berühren fie die Wohlfahrt ihrer Volker minder 
empfindlich als die ruſſiſche Regierung, welche durchweg 
mit der Kapitalfraft der eigenen Unterthanen arbeiten muß. 
Aber der vorjichtigen Benutzung des auswärtigen Kredits 
und dem Streben, fich durch pünktliche Erfüllung der bis— 
herigen Berpflichtungen den Markt offen zu erhalten, hat 
die ruſſiſche Regierung es zu Danfen, Daß fie auch ihre 
neuejte Anleihe zuitande bringt, troß des Hinderniſſes, 
daß fie offiziel au den Börſen neutraler Staaten nicht 
notirt werden wird. 

Spanien fonjolidirte fih im Jahre 1474 als ſpa— 
niſche Monarchie, als durch die Vermälung Ferdinand’s V. 
und der Iſabella die Vereinigung Arragoniens und Kaſtili— 
ens erfolgte. Die während dieſer Negierung ftattgefuns 
dene Entdefung Amerifa’3 hatte bedeutende Einwirkungen 
auf die Staatsfinanzen, wie auf den Geldmarkt, bejonders 


200 Vierzehntes Bud. 


jeit der Regierung Karl's V., obwohl Amerifa’s Gold— 
minen nicht vermochten, troß gefteigerter Ausbeute Die 
Staatskaſſen und den Staatsichab zu füllen, und mit dem 
jedesmaligen Gintreffen der Silberflotte wurde Spaniens 
Induſtrie gerade um foviel Grade vernichter, als der 
Merth ihrer Fracht betrug. Für feinen Sehn Philipp II. 
reichten die Staatsrevenuen ebenſowenig bin, wie fiir ſei— 
sen Dater. Enorme Summen wurden zur Berfolgung 
der Mauren, der Keber, zur Seearmada gegen die Tiürfen, 
. zum. Bau des Eskurial (allein 6 Millionen Dukaten) und zur 
Unterdrüdung der Niederlande vergeudet; 600 Millionen Du— 
faten Eoftete das Alles. Die Jahreseinkünfte betrugen damals 
25 Millionen Dufaten ; die Staatsfchuld 150 Millionen, und 
die Finanzverhältniſſe blieben fchlecht, ja verjchlechteten fich 
noch mehr unter feinen drei Nachfolgern, bis Philipp V. 
der exrfte Bourbon (1701 bis 1746) und Ferdinand VI. (1746 
bi3 1759) alles aufboten, die Finanzen zu heben; der 
Lebtere hinterließ einen gefüllten Schab, und Karl’s III. 
Regierung befjerte nicht minder das Staatsfinangwefen, 
welches indeß fett dem amerifanifchen und dem Kriege mit 
England wiederum in die alte Mifere gerieth, obwohl 1776 
die Staatseinnahme noch 110 Millionen Liores gbetrug. 
Das Abgabeſyſtem ift ſchlecht und drückt Handel und In— 
duſtrie, Gewerbe und Ackerbau neben den vielen Mono— 
polen und privilegirten Geſellſchaften. Staatsanleihen und 
Papiergeldfabrikation ſteuerten dem Uebel nicht. Durch die 
Kriege ſeit der franzöſiſchen Revolution, fortwährende in— 


nere Umwälzungen und ſchlechte Verwaltung der Finanzen 


























Rußland, u. f. w. 201 


von der Negierung Karls IV. an verfchuldete das Land 
immer mehr, und die verjchiedenen Verſuche, den Wirr- 
warr zu Löfen, hatten feinen Beſtand. 

Zu Anfang 1850 wurde die Staatsjchuld auf 12.531 
Millionen Realen angegeben, ohne 2425 Millionen, die noch 
in der Liquidation begriffen waren, zufammen 14.956 
Millionen (1832 Millionen Gulden). Gegenwärtig werden 
die Staatseinnahmen und Ausgaben zu fat 110 Millig- 
sen und die Staatsichulden zu 1087 Millionen Thaler 
angegeben. — 

Belgien, das infolge einer Revolution gegen fei- 
nen, ihm Durch den Länder und Völkertauſch auf dem 
wiener Kongreffe zugetheilten Herrn, den König der Nie: 
derlande, unter unſeren Augen entitandene Fonjtitutivstelle 
Königreich mit fünftehalb Millionen Einwohnern, von 
denen ungefähr zwei Drittel Slamänder und ein Drittel 
Mallonen find, hat ein Staatsbudget von 34 Millionen 
und eine Staat3fchuld von 172 Millionen Thaler, welche 
leßtere durch die Mebernahme einer Nente von 5 Millio— 
nen Gulden in 2"/,progentigen Schuldbriefen, aljo im 
Nennbetrage von 200 Millionen, von Holland alſo geitei- 
gert wurde. — 

Die Niederlande, mit einer Bevölkerung von 
über 3 Millionen Einwohnern, hatten fir 1857 ihr Staats— 
budget auf 72,784.420 Gulden Einnahme und 72,746.488 
Gulden Ausgabe feitgeitellt. Die ſchwere Verſchuldung 
des Landes reicht in hohe Zeiten ſchwerer Kriegsverwide 
ungen hinauf. Schon 1651 betrug die Staatsichuld 140 


202 Vierzehntes Buch. 


Millionen, zur Zeit der Errichtung der batavifchen Repu— 
blik im Sabre 1795 war fie auf 600, und 1810 auf 
1230 Millionen Gulden geftiegen. Im Sabre 1849 wurde 
fie zu 1230 Millionen Hol. Gulden, nach den neueften 
Grmittelungen zu 694 Millionen Thaler angegeben. — 

Die Staatsfinanzzuftände der übrigen Staaten, 
insbefondere auch die des deutſchen Bundes, ergibt die nachz 
folgende Tabelle, worin auch das bereits in ausführlicher 
Behandlung dargeftellte Staatsfinanzwejen der größeren 
Reiche mit aufgenommen ift, wie es im Jahre 1856 
fich geftaltet; fie enthält mithin Die neueſte Ueberficht 
und vervollftändigt aljo die bereits früher von uns mitge- 
theilten Nachweiſe. 


Finanzzuſtände der Staaten Europa’s im Jahre 1856. 


Namen. Größe in Bevölkerung. Einnahme. Ausgabe. St. Schuld 


D Weilen. Millionen Thaler, 
Frankreich 9748 36 Mill. 427 426 2107 
Großbrittanien 5711 28, 368 563 5203 
Oeſterreich 11.593 40 „ 136 294 1099 
Preußen 51084170 9,, 118 ls v2, 
Rußland (eur) 75.154 61 „ 296 - 29% 848 
Belgien 536. all 34 34 172 
Niederlande 594 390,5 42 4% 694 
Dünemarf 1035, 5 20 25 22 22 90°, 
Schweden 8004 3, „ 8 au — 
Norwegen 5799 1,400.000 4°), 4%, 6 
Schweiz 718 2,393.000 4,’ 4, — 


Sardinien 1372 5 Mill. 34 362. 140 

















Namen. Größe in Bevölkerung. Einnahme. Ausgabe. St. Schuld, 

[] Meilen. In Thalern. 
Modena 110 600.000 27, Mil. 2%, Mil. — 
Toskana 397 1,817.00 4 „ 4 „ 10 Rd. 
Parma 143342509.000.59 210, 20% Aa, 
©. Marino 18 7600 8800 5865 feine 
Kirchenſtaat 748 2%, Mil. 18,630.000 20 Mill. — 
Neapel u. Sizilien 2033 8%, „ 35. Dil. , 36%,205.10055 
Spanien 8598 14, „ 109% „ 109% „ 1087 „ 
Portugal 1659, 3,240 19, u 197, 1. dos: 
Griechenland 31,,. 510 va. Tesla 
Joniſche Injen 51%, 232.00 1% ,„ Van PR 
Türkei (eur.) 2000 15',Mil. 44%, „ 46 „ 33% 
Baiern 138%. 47,5 BA IR RAUM, 78 „ 
Sadjen 271 2,039.075 9, 8, 43, 
Hannover 698, 1,819.000 9,8 38 „ 
Würtemberg 354°1,283.9027.0 23, 23°, 29 „ 
Baden 2781,352.000. 2.4437, 6.41%, 20 „ 
Hefien-Darmitadt 152", 854.00 4%, An 10 
Heſſen-Kaſſel 176 736.400 4,158.480 4,634.930 12”, „ 
Braunschweig 67 272.000 1,406.000 1,406.000 7%; „ 
Mecklenburg⸗ 

Schwerin 244 538.997 3,292.000 3,430.000 11%, „ 
Medlenburg- 

Strelit 36 100.000 41 Mill. 1 Mil. — 
Naſſau 84%, 430.000 12, „ DU N On 
Sachſen-Weimar 66 262.500 1,539.148 1,540.915 5%, „ 
Sadjen- 

Meiningen 45°, 166.000 940.000 900.000 2), „ 
Sachſen-Altenburg 24 132.000 742.746 739.799 1,779.000 
Sadjen-Koburg- 

Gotha 37°, 150.400 786.600 720.000 3,146.000 
Oldenburg 114%/, 286.000 1,153.000 1,287,000 3,600.000 


Rußland, u. f. w. 


203 


Vierzehntes Bud. 


Namen. Größe in Bevölkerung. Ginnahme. Ausgabe. St. Schuld. 
In Thalern. 


204 
[I] Meilen. 
Anbalt-Deflan- 

Köthen 40 
Anhalt-Bernburg 16 
Schwarzburg- 

Sondershanien 15'/, 
Schwarzburg- 

Rudolſtadt 17'/; 
Lichtenſtein 2"), 
Walde 213/, 
Reuß 27 


Lippe-Schaumburg 9 
Lippe-Detmold 20°, 
Heſſen-Homburg 5 


Lübeck 6 
Frankfurt 
Bremen 3 


Hamburg 7 


123.759 1,303.500 1,259.500 3,218.000 
763.795 1,406.920 


52.641 764.286 


60.847 534.447 


70.000 412.000 
7000 = 
62.000 363.797 
115.000 829.000 
30.226 130.000 
107.000 — 
26.000 214.000 
64.000 436.392 
78.000 612.600 
90.900 1,173.000 


527.516 456.991 


412.000 1,220.000 


— 


373.653 1,560.000 


24.185 
130.000 
400.000 
216.000 
436.392 
889.728 


1,211.000° 


83 


feine 


721.000 
5 Mill. 
7% 2 


" 


200.700 7,200.000 7,218.000 33’/% „ 











Fünfzehntes Bud, 


Das Haus Kothfehild als Grundbefiber, Alajoratitiftung. 
ankunft und Ausgang des Haufes. 











X 








N 
































Der Kampf der franzöfifchen Wolfsliteratur gegen 
Rothſchild. — Das Haus Nothſchild als grumdbefiz- 
zende Macht. — Die Majvratitiftung für die roth— 
ſchild'ſche Familie. — Wie wurde diefelbe fo uner- 
meßlich reich? — Die Gefchäfts: und Börſenmanipu— 
lationen. Benugung der Stafettenpoit, Telegraphen- 
linien und Ertrazüge. Frübzeitige Nachrichten über 
wichtige, auf den Geldmarkt einwirfende Ereigniſſe. 
— Friedrich von Geng. — Zukunft und Ausgang des 
Hauſes. 


Das alte Feudalweſen der Vorzeit iſt gebrochen, das 
Raubritterthum des Mittelalters geſtürzt, das Fauſtrecht 
vernichtet; dagegen haben ſich zu Gebietigeren emporge— 
ſchwungen und beherrſchen mächtiger und gewaltiger als 
jene die Feudalität der Bank das Stegreifritterthum der 
Börſe und die Geſpenſtermacht des Aktienſchwindels, alle 
unter einem Herrn und Meiiter: dem Gelde und feiner All- 
macht. Und der Premierminifter diefer neuen Lehnsherren 
‚lt Nothichild, eine Konfequenz des Staatsprinzipg Europa's 
jeit dem Jahre 1813 und nicht eine zufällige Erſcheinung, 
ein über Nacht aus dem Boden gewachjener Pilz; „er 
entitand aus dem Prinzip der Regierungen ihren Völkern 
gegenüber; deßhalb wird er auch von Bolfsichriftitellern, 


208 Fünfzehntes Buch. 


namentlich von Börne, immer angegriffen ; insbefondere führte 
die frangöfifche Volksliteratur feit 1833 einen lebendigen 
Kampf wider Notbfchild in einer Maſſe von Bamphleten 
und Brofehüren, deren Titel allein ſchon verrathen, weſſen 
Geiftes Kinder fie find. Da erſchienen „Erbauliche und 
jeltfame Hiſtorien von Rothſchild J. dem Könige der 
Juden, von ©. Dairnwell,” ferner „Krieg den Schelmen,“ 
„Sebeime Chronik der Börſe,“ „Rothſchild I., feine Diener und 
jein Volk“, „Almanach der Börſengeheimniſſe,“ „Nemeſis des 
Volks,“ „Geſetzbuch der Sefuiten,” „Geſchichte des La— 
ternen⸗Königreichs über die Juden,“ „Almanach des Tau—⸗ 
ſend und Erſten oder Neujahrsgabe für Rothſchild“ u. 
ſ. w. Und wie bitter und ſtark ſich Börne in ſeinen Briefen 
aus Paris über das Haus Rothſchild unaufhörlich äußert, 
iſt bekannt, während Heine nur ſcherzend ſich über dasſelbe 
ergeht, ironiſch lachend es ſchildert. 

„Es handelt ſich“ — ſagt Weill — „aber nicht mehr um 
die Volkspartei: Rothſchild verſchlingt den Staat ſelbſt, ein 
umgekehrter Saturn. Und er thut das nicht abſichtlich; es 
fommt nur fo, weil jedes Prinzip feine Konfequenzen mit 
fich fchleppt, wie die Polype ihre taufend Füße. Rothſchild 
brauchte den Staat, um Rothſchild zu werden, weil die 
europätfchen Staaten eines Rothſchild bedurften Nun aber 
tft er — | 

Das Haus Rothſchild will indeg nicht allein als 
Geldmacht daftehen, fondern feine Stellung und jeinen Ein- 
flug auch durch Erwerbung und Ankauf bedeutender Güs 
terfomplere als grundbefigende Macht zu erweitern 




















Das Haus Rothichild u. |. m. 209 


und zu befeitigen ftreben, und wird auch dieſes Ziel vielleicht 
erreichen. Schon hat es in mehreren Gegenden, in Deutich- 
land, Frankreich und Ungarn damit begonnen. Eine der 
bedeutenditen Grund beſitzerwerbungen desjelben in Deutfch- 
land fand bereit3 im Jahre 1844 ftattdurch Die Erwerbung 
der Herrichaften Schillersdorf, Oderberg und Hultichin 
in Oberfchlefien, ſüdlich in der Nähe der öſterreichiſchen 
Grenze gelegen. Es eritand Diefelben durch Kauf für Die 
Summe von 800.000 Thalern, um daraus den Anfang 
eines großartigen Yamilienfideifommifjes zu machen. Schil- 
Versdorf, früher eine Befisung der Jeſuiten, gelangte ſpäter 
zuerft an die Familie von Gichendorff, und wird jebt der 
Zentralpunft rothſchild'ſcher Meajorate, zu deren Stiftung 
Defterreich dem üfterreichifchen Freiherrn von Rothſchild be= 
reit8 Genehmigung ertheilte. Der genannte Güterfompler, 
zu dem eine Mengevon Dörfern gehört, ward anfänglich von 
jeinem neuen Eigenthümer in eigene landwirthichaftliche Ver— 
waltung genommen. Diejer Gütererwerb gab Anlaß zur Erz 
richtung von Nübenzuderfabrifen, deren Gewinn in Defter- 
veich bei einem niedern Steuerſatze bei weitem ergiebiger 
ausfällt, als im Zollverein. Dort wird diefe Crgiebigfeit 
durch einen bejonderen Umftand erhöht; ein großer Theil der 
Rübenäcker ift nämlich auf ruffiichem Gebiete, die Fabrik felbft 
dagegen diesſeits. Man führt nun von drüben die getrod- 
neten Rüben ald Bodenproduft fir eine Kleinigkeit ein, 
und da deren Gewicht im Vergleich zu den frifchen kaum 
die Hälfte beträgt, jo wird anfehnlich bei der Steuer 
gewonnen. — Mllein die landwirthſchaftliche Verwal— 
Das Haus Rothſchild. IL. 14 


210 Fünfzehntes Buch. 


tung warf dem Haufe Notbichild Doch zu geringe Prozente 
ab, und ward deßhalb parzellirtt und in Verpachtung an 
Mehrere gegeben. In Frankreich beſitzt es bet Boulogne 
eine frühere Staatsdomäne, die es durch Ankauf von be- 
nachbarten Orundftüden fortwährend zu vergrößern fucht; 
jo juchte e3 vor furzem noch einen nahegelegenen Garten 
zum Werthe von 450.000 Frances zu erftehen, bot aber 
dafür ſelbſt eine Million vergeblich. 

In Frankfurt am Main felbit gibt es eine folche 
Menge rothſchild'ſcher Paläſte, kleinerer Häufer und ſon— 
ſtiger Liegenſchaften, daß die betreffenden Behörden zu 
der merkwürdigen Maßregel Zuflucht genommen haben 
ſollen, der Familie Rothſchild zu verbieten, ihr Grund— 
eigenthum in Frankfurt künftighin auf irgendwelche Weiſe 
zu vermehren. Iſt ein ſolches, unter andern Umſtänden 
wohl ganz abſonderliches Verbot in der That ergangen, 
ſo dürfte es zum größten Theile darin ſeine Begründung 
finden, daß beinahe ſämmtliche in der nächſten Nähe 
Frankfurts liegende Gründe als Gemüſe- und ſonſtige 
Nutzgärten bebaut ſind, und dadurch einer nicht unbedeuten— 
den Anzahl von Gärtnern, deren Gehilfen u. ſ. mw. zur 
Erwerbsquelle dienen. 

Hatten nun die Rothſchilde ein folches, oft von der 
ſchönſten Lage begünſtigtes Grundſtück gekauft, jo wurde 
Diefes natürlich feiner früheren Beltimmung entzogen, zu 
Bauten und Ähnlichen Zwecken benubt, fo daß zu befürchten 
ftand, die, vielen Familien ald Erwerb dienende, Gärtnerei 








Das Haus Nothichild u. f. w. 211 


dürfte bei unbegrenztem Fortgang ſolcher Ankäufe endlich 
ganz eingeengt und aufgehoben werden. 

Fur unſer Buch find unter allen frankfurter Beſiz— 
zungen der Familie Rothichild nur drei von befonderem 
Intereſſe, nämlich : 

1. Das Kontor und Kaſſahaus am Eingang der 
neuen Judengafle oder Bornheimerpforte, erft in den letzten 
Jahren durch Ankauf und Ausbau großartig erweitert. 

2. Das Han 3 des fogenannten „alten“ Rothſchild 
auf der Zeil neben dem „röm iſchen Kaiſer“; es ift wohl 
weder Durch großartige Dimenfionen, noch durch architefty- 
niſche Vorzüge ausgezeichnet; allein es ift und bleibt 
ſchon deshalb bemerfensmwerth, weil bier der als „alter 
Rothſchild“ allgemein bekannte und gefuchte Amfchel 
Mayer bis zu feinem Tode wohnte und bier oft durch wahre 
Schwärme von Bettlern belagert wurde, die den fprich- 
wörtlich gewordenen MWohlthätigkeitsfiun des „alten Roth— 
ſchild“ auf manche harte Probe ftellten. 

Eine beſondere Merfiwirdigfeit in jeder Beziehung iſt 
nun endlich 

3. Das Geburt! oder Stammhaus Roth 
ſchild's in der alten Judengaſſe zunächſt der alten, jest in 
einem prachtvollen Neubau begriffenen Synagoge und nahe 
bei Börne’s Geburt3haufe, von letzterem nur durch einige, 
der Venus vulgivaga gewidmete Spelunken getrennt, die 
von den Nachkommen Mayer Amſchel's längſt aufgekauft 
fein follten, um die nachbarliche. Schmach von ihrem Stamm 


ſitze abzulenken. 
14* 


1 


Funfzehntes Buch. 


Ein ſonderbares Zuſammentreffen: die Wiege des Ahn— 
herrn der Geldkönige Europa's ſtand nur wenige Häuſer 
weit von der nachmaligen Geburtsſtätte des größten Den— 
kers Deutichlands*). 

Das Stammhaus der Rothſchilde wird ſeit dem Tode 
der uralt verſtorbenen Mutter wohl von keinem Gliede 
der Familie ſelbſt bewohnt; allein die Pietät der letzteren 
hat nicht unterlaſſen, mindeſtens einen alten treuen Diener 
dort einzuwohnen, dem die thunlichſte Inſtandhaltung der 
dem Andenken geweihten Räume zur Pflicht gemacht iſt. 

Die Lage dieſes Hauſes iſt in der jüngſten Zeit 
eine beſonders günſtige, weil freiere, geworden. Die 
alte Judengaſſe zählte nämlich, vermuthlich als Konſe— 
quenz der früher beliebten Judenhetzen ſchmachvollen An— 
denkens, eine Menge verlaſſener, herrenloſer Häuschen, 
die nach und nach niedergeriſſen und raſirt werden; die 
Demolirung einiger ſolchen für vogelfrei erklärten Ge— 
bäude, die dem rothſchild'ſchen Stammhauſe gegenüber 
ſtanden, hat dieſem nun zu einer freieren Anſicht ver— 
holfen. Dem oberflächlichen Beobachter ſcheint. es viel— 
leicht, als wären dieſe alten Hütten, deren jede infolge der 
ehemaligen ſtrengen Abgeſchloſſenheit oft drei bis vier Be— 
ſitzer hatte, aus einer und derſelben Hand, in einer und 
derſelben Zeit entſtanden; dieß iſt aber keineswegs der 
Fall, denn ſie bieten dem aufmerkſameren Auge nicht nur 


*) In Börne's Geburtshauſe hat jetzt durch ein nicht unpaſſendes 
Spiel des Zufalls ein Antiquar ſeine literariſchen Schätze auf— 
geſpeichert. | 











Das Haus Rothſchild u. |. w. 215 


eine mannigfaltige Architeftur, fondern fie tragen auch zum 
großen Theile Abzeichen und Gigenthümlichkeiten, die mehr 
oder minder von dem Grade des Beligers und Schönheitsſin— 
nes des Erbauers oder Eigners Zeugniß geben. Sp zum 
Beifpiel trägt das Geburtshaus Mayer Amſchel's über der 
Hausthüre einen Stern in einer Nofette, und wahrlich, 
ein Stern Iſrael's iſt in den Armlichen, düſtern, von außen 
mit Schiefer befleideten Mauern aufgegangen, ein Stern, 
von dem die Völker Europa's erzählen und erzählen werden 
neben der Geſchichte ihres Landes und ihrer Könige, weil 
die koloſſale Kapitalanhäufung auch auf die Entwickelung 
der Geldverhältniffe Folgender Sahrhunderte nicht ohne 
Einfluß bleiben kann. Ob die fchweren Seufzer, die der 
Spefulationggeift des Weltbankhauſes ſchon hervorgerufen, 
den Klagen der Leibeigenen alter Zeiten nicht etwa gleich- 
fommen; ob das Ab und Weh über die „Differenz-Ge- 
ſchäfte“ des Hauſes Rothſchild die mannigfache heilſame 
Anwendung ſeines ungeheuerlichen Reichthums nicht auf— 
wiegen: wer kann und mag dieß je entſcheiden!? .* — — 


Gegen die eigenen Glaubensgenoſſen in Frankfurt muß die Wohl— 
thätigkeit der Nothihilde von jeher nicht gemeinen Maßes 
geweſen fein; einen fprechenden Beleg dafür gibt 5.8. derin Der 
jüngften Zeit modifizirte $. 22 der Sakungen der ifraeliti- 
fchen Männer-Kranken-Kaſſe zu Frankfurt, worin es unter an— 
derem heißt: 

Sährlich finden fechs Aufnahmen unter Erlafjung des Einfauf- 
geldes ftatt, und zwar: 

1) Am Stiftungstage (APE D) zur fleten dankbaren Erin- 
nerung an den Stifter der Gefellfchaft, den feligen Benedikt Elias 

Maas; 


214 Fünfzehntes Buch. 


Mie wurde das Haus Rothſchild iv un 
ermeßlich reich? — Auf wenigen Seiten läßt fich diefes 
Mie ? zufammenfaffen, wenn man feine Gejchäfts- und Bör- 
jenmanipulationen kurz die Revue pafjiren läßt. ES fragt fich, 
wie Rothſchild fpefulirte, nicht allein um fich zu behaupten, 
jondern auch um fich ftetS mehr und mehr zu erheben ? 
Die Mittel und Wege ftanden Anderen zuerft auch offen, 
und auch Andere konnten davon Gebrauch machen; aber 
da3 Haus Rothſchild war von jeher ein Meifter im Spe- 
fuliren, und indem es die Andern alsbald überflügelte, 
drängte e3 fie gewaltfam in den Hintergrund. 

Seine Spekulation ift einfach und Harz ein Jeder faßt 
und begreift fie, und fie laßt fich auf wenige Punkte zu— 
rückführen; ebenfo einfach find feine Manipulationen bei 
Ausführung einer Spefnlationsidee. 


2) am Todestage des feligen Mayer Amfchel Rothſchild 
CENT) zur Bethätigung der dankbaren Gefühle der Gefell- 
Ichaftsmitglieder für die, im Sinn und Geifte des DVerftorbenen von 
feinen Söhnen gemachte großartige Schenfung der Geldmittel, 
womit das neue Kranfenhaus erbaut wurde; 

ferner zum Andenken an die Dahingefchiedenen Brüder reis 
herren von Rothſchild, als Ausdrud der dankbaren Gefühle der 
Sefellfchaft für die Erbauung Der Kranfenhäufer und für die an 
dem Gedeihen der Anftalt ftets bewiefene warme Theilnahme :: 

3) am Zodestage des jeligen Freiherrn Amfchel Mayer von 
Rothſchild, gef. 6. Dezember 1855 (HDI >), 

4) am Todestage des feligen Freiherrn Salomon Mayer vor 
Rothſchild, geft. 28. Zuli 1855 (AN I”), 

5) am Todestage des feligen Freiherrn Nathan Mayer von 
Rothſchild, geft. 28. Juli 1836 (AN T), 

6) am Todestage des feligen Freiheren Carl Mayer von Roth— 
[hild, geft 11. März 1855 (IR N). — 























Das Haus Rothſchild u. ſ. w. 215 


Es macht z. B. eine Anleihe mit irgendeiner Negierung, 
für fo und ſoviel Millionen Thaler, in 100 Thaler-Looſen, 
die es für 96 kauft und zu 130 verfauftl. Das allein 
jchon ift ein fchöner Gewinn, wie man ihn nicht alle Tage 
machen kann — 34 Prozent! Doc die Börfe hat Vers 
trauen zu der Anleihe, Die Papiere find „gut,“ und — 
man fchlägt fich darum, davon zu erhalten. Gin gewöhn— 
licher Spefulant begnügt fih mit den gewonnenen Pro— 
zenten. Nicht fo das Haus Rothſchild! ES fauft, verfauft 
und kauft denfelben Artikel zehnmal, fauft wo möglich 
immer zu 5O und verkauft zu 100. 

Um Diefe Bapiere zu drüden, rückt es einige Zeit 
jpäter mit einer neuen Anleihe Heraus, die fchon bei der 
eriten verabredet war. Dadurch fallen die Papiere der er— 
ten Anleihe, und — Rothſchild zieht fie wieder an fich, 
theil3 um fie fpäter noch einmal zu 100 Prozent abzufeken, 
theil3 um fie Dadurch mwohlfeil einzulöfen. Doch wehe dem, 
der auf die erſten Bapiere Vertrauen hatte! Die ftärfiten 
Häufer, die edeljten, kräftigſten Stüßen der Börſe, wurden 
auf diefe Weiſe vernichtet. 

Unter dem Worte: Spekulation ift gar vieles Segriffen 
und verſtanden; es heißt eigentlich: Alles ift erlaubt, 
wenn’3 nur gelingt. 

Alſo iſt die Spekulation Rothſchild's eben fo wenig 
wie feine Manipulationen dabei — ein Kunſtſtück, nicht ein— 
mal Gejchwindigfeit, wodurch der Taſchenſpieler allein reuf- 
ſirt. Es iſt alles jo einfach, Daß jeder es nachmachen 
fann, daß jeder fich jagen fanır: warum Haft du es aud 


216 Sünfzehntes Bud. 


nicht aljo gemacht; vielleicht wärft du Dann Rothſchild ge- 
worden; denn Einer mußte es werden; alles drängte 
dahin und es galt, es war fein Widerftehen gegen diefes 
Vorwärtsdrängen auf der Nennbahn der Staat3papterbörfe: 
die Dahn war breit und rein geftäubt, und ohne Hinder— 
niffe ging’3 vorwärts; wer zuerft und zum erftenmale das 
Ziel erreichte — und wär's wie bei Pferdemettrennen 
nur um eine Pferdefopflänge — der war Sieger und 
blieb Sieger. Und Rothſchild war der Glückliche und fehlug 
alle feine Konkurrenten. Oder — um abzufehen von dem 
brittifchen Kirchthurmrennen, — das Bild entlehnt vom deut— 
ihen Scheiben und Bogelfchiegen und Schübenfeite : 
Rothſchild traf den Mittelpunkt der Scheibe, fchoß den 
legten Bogelfeben von der Stange und — wurde Schei— 
ben- und Schützenkönig. Nein — er brachte es weiter: 
Das Haus Rothſchild ift der König des Geldes! — 
Durch fortwährende Kurs-Auf- und Niederdrüdungen 
der Staatspapiere, Aktien und fonftiger Werthpapiere ftei- 
gerte vorn Beginn an das Haus Rothſchild, ſobald es 
Einfluß auf die Börſen in denjenigen Städten gewonnen, . 
wo es Gefchäfte trieb, insbefondere auf den Haupt- und 
Meltbörjen zu London, Paris, Wien, Frankfurt und Nea— 
pel, feinen Gewinn und Erwerb: diefe Börfenmanipulation 
war der Hauptgrund zur Anhäufung feines unermeßlichen 
Vermögens infolge der dadurch ftattfindenden Fluktuatio— 
nen der Kurfe. Und um diefe Börfen- und Geldmarkts— 
mantpulationen vornehmen zu können, wurden alle mögli- 
chen, ihm zugebote ftehenden Mittel angewandt, alle nur 








Das Haus Rothſchild u. |. m. 217 


auffindbaren Wege eingefchlagen, alle nur zu erfinnenden 
Börſen- und fonftige Machinationen ausgeübt, alle Hebel 
in Bewegung gefeßt, Geld in größeren und kleineren Sum— 
men geopfert. Auf alle diefe Maßnahmen paßte aber das 
Sprichwort von der nach der Specfeite geworfenen Wurſt 

Die bedeutendften und lukrativſten Börſengeſchäfte 
werden in SKriegszeiten und bei grogen politijihen Greig- 
niffen und Begebniffen gemacht: je nachdem e3 gelingt, 
von derartigen wichtigen VBorfommniffen vor anderen früh— 
zeitig Nachricht zu erhalten und ihnen zuvorzukommen, ges 
winnt ein Banfierbaus und fehnappt den Kollegen — 
uam das Wort zu gebrauchen — den fetten Biſſen vor 
dem Munde weg. Ein DBorfprung von wenigen Minuten 
ift dabei von größtem Belange, und in diefer Hinficht ift das 
Motto unferer Tage: Zeit ift Geld! im buchitäblichen Sinne 
eine Wahrheit, befonders auf der Börſe, wo der unermeß— 
lichſte Gewinn und Verluſt, das Schickſal eines Einzelnen 
wie vieler Tauſende oft an einigen. Minuten hängt. 

Dieſes erkennend, war es des Hauſes Rothſchild 
erſtes Streben und eifrigſte Mühe, ſich derartig in ſei— 
nem Geſchäfte zu ſtellen, daß es ſobald als möglich Kennt— 
niß von allen wichtigen und einflußreichen Ereigniſſen, 
bejonders auf dem Gebiete der Politif erhalte; es galt, 
Perjönlichkeiten ausfindig zu machen, die infolge ihrer 
eigenthümlichen Geſchäfts- oder Amtsjtellung geeignet und 
im Stande waren, frühzeitig Kenntniß von derartigen 
Vorkommniſſen zu erhalten und die Nachricht davon un— 
verzüglich ihm mitzutheilen. 


218 Fünfzehntes Bud. 


Maren ſolche Berfönlichkeiten aufgefunden und durch 
Rothſchild's Geld willig gemacht und geworben, den ver— 
mittelnden Boten und Verkünder der gewünjchten Nach— 
richten zu machen, jo gab der Staat ein anderes Mittel 
zur jchleunigen Beförderung derfelben an die Hand. - Der 
Staat hat es Leider noch nicht einmal jo weit gebracht, 
dieſes Mittel — ich meine die Poſt — al3 ein gemein- 
nüßiges Staatsinftitut für alle zu betrachten; er gibt die 
Poſt jelbjt der Konkurrenz frei: wer am meiften Geld be— 
ſitzt, der kann fich eine Stafettenpoft halten. Und gerade 
dieſe Konkurrenz ift der Art, daß jede andere Konkurrenz 
unmöglich wird. „ur deghalb tft die freie Konkurrenz zu 
verdammen — jagt Weill — weil fie nothwendiger Weife 
zum Monopol führt; aber nicht zum Staatsmonopol, wel- 
ches das Intereſſe Aller im Auge Haben muß, fondern 
zum Privatmonopol, das nur das eigene Intereſſe ſchützt 
auf Koften Aller; und ein ſolches, der gefunden Staats— 
vernunft mwiderfprechendes Privatmonopol ift die Stafetten— 
pol. Und fie ift zum Vortheil Rothſchild's auf Koſten 
der ganzen Börſe.“ 

Alfo der Staat erlaubt eine befondere Poſt neben 
der Hauptpoft. Aber warum verweigert er denn eine be- 
jondere Telegraphenlinie neben der Hauptlinie? Was tft 
denn eine Stafettenpoft anderes da, wo dieſe Telegraphenz 
Iinie fehlt? Mit den Eifenbahnen ift das Verhältniß Fein 
anderes geworden. Eine Menge Gijenbahnen find unter 
dem Batronate des Haufes Rothſchild ausgeführt, da die 
Eifenbahnen zu einem großen Theile Privat» und Aftien- 











Das Haus Rothihild u. f. mw. 219 


gejellfchaften "überantwortet find. Der Zweck ift ganz ein 
fach. Bisher gehörte die Poſt, dieſes Hauptmittel, dem 
Staate; dieſer aber veräußert freiwillig jeine Macht, über: 
laßt die Eiſenbahn Gefellfchaften, die er mit Korporationsz, 
Expropriations- und anderen gewaltigen Nechten ausitattet 
zum Jtachtheil Anderer, und dagegen bloß die unentgeldliche 
Beforgung der Briefe und Boftpaquete als Honorar und 
Entihädigung verlangt — mit allzugroßer Befcheidenheit. 

Beziehen wir dieſe Lage der Eijenbahnverhältniffe num 
auf das Haus Rothſchild und feine Spekulationen! — 
Geſetzt, der Eiſenbahnzug von Paris nach Franffurt gehe 
zweimal des Tages ab; Dieß geichiehbt nur zu gemilfen 
Stunden. um trifft aber gerade eine wichtige Nachricht 
zweit Minuten nach Abgang des Zuges ein. Erſt inner⸗ 
halb zwölf Stunden gebt der Zug wiederum ab, und trifft 
nur für Die fünftige Börfe dort ein, die grade A B. einen 
Ultimotag hat. Was thut Rothſchild? — Er ſchickt eine 
Extralokomotive allein als Stafette ab; — die Nachricht 
trifft zu rechter Zeit ein und — ein brillantes Geſchäft 
iſt gemacht. Mit der Benubung der Telegraphenlinte tft 
es nicht anders; es geht noch jchneller, mit Gedanfen- 
flug. Bei diejer, feinen Gefchäften jo äußerſt günstigen, 
©eitaltung der Poſt- und Gifenbahneinrichtung it Dem 
Haufe Rothſchild Telbftredend alles daran gelegen, in ven 
ſchnellſten Befis von Nachrichten zu gelangen, wodurch 
jein Gewinn gefördert wird; deßhalb hat es in allen gro— 
Ben Städten feine Agenturen und Kommiſſionäre, Die 
neben der Kührung der dort vorkommenden Geldgejchäfte 


220 Fünfzehntes Buch. 


und Ausführung Der ihnen gewordenen Aufträge zugleich 
hauptſächlich darauf angewieſen find, dem nächftgelegenen 
größeren ©ejchäftsetabliffement Rothſchild's bedeutende 
Vorkommniſſe unverzüglich zu avertiven. Da indeß der— 
gleichen Agenten und Geſchäftsbeförderer fich nicht immer 
in der Lage befinden, bis in die höchſten Kreife hinauf zu 
reichen, um folche Nachrichten zu erforfchen, jo lag es von 
jeher im Intereſſe des Haufes Nothfchild, für ſich Ver— 
bindungen und Kommerionen mit Leuten zu ermitteln und 
anzuknüpfen, welche infolge ihrer Stellung zuerft von jol- 
chen wichtigen Borgängen unterrichtet waren und Die Mit- 
theilung derfelben vermittelten. . 

In welchem Grade diefes der Firma M. A. Roth— 
ſchild und Söhne gelungen, tft befannt, da dielelbe furt- 
während gleichzeitig mit den europäiſchen Kabinetten und 
ihren Oefandten über alles in Kenntniß geweſen, ja — man— 
ches häufig noch eher als jene erfahren hat. Sp iſt 3. 2. 
bekannt, daß im Suli 1830 Lord Aberdeen in London die 
erſte Nachricht vom Ausbruche der parifer evolution zus 
erſt aus Rothſchild's Munde befam, und der brittifchen 
Regierung dieſelbe erſt ſpäter zuging. | 

An vielen Höfen reichten Rothſchild's desfalliige Kon— 
nexionen bis in die Umgebungen mancher Fürften hinauf. 
In Wien war es der Hofrathb Fr. von Gens, der, in— 
folge feiner Stellung eingeweiht in die politifchen Verhält- 
‚niffe und G©eftaltungen, in dieſer Hinficht der rechte Mann 
war. Gent — fagt ein eingeweihter Zeitgenoffe, Varn— 
bagen von nie, eime bewährte, unparteiſche, offen- 





Das Haus NRothiehild u. |. w. 221 


wahre Duelle unferer Zeitgefchichte, weßhalb wir deſſen 
Morten allein hier Raum laffen und Gehör geben — ber 
nubte das Börſenſpiel jelbit nicht; er zog vor, klare, runde 
Summen ohne viele Rechnung und Ueberfchlag zu em- 
pfangen, ftet3 zum ‚eiligen Verbrauch. Eins der Häupter 
des großen ©ejchäftshaufes, das einen Briefwechjel mit 
einer hohen Perſon in Paris eröffnet Hatte, jagte nach 
Gentz's Tode: „Das war ein Freund; foldhen befomme ich 
nicht wieder. Cr bat mich große Summen gefoftet, man 
glaubt es nicht, wie große Summen; denn er jehrieb nur 
auf einen Zettel, was er haben wollte und erhielt es 
gleich; aber jeit er nicht mehr da fit, jehe ich erit, was 
uns fehlt, und Dreimal foviel möchte ich geben, könnt' 
ih ihn ins Leben zurückrufen.“ — — 

Mir gelangen and Ende unferes Derfuches, „des 
Hauſes Rothſchild Geſchichte und Gefchäfte” zu jehildern, 
und ſchließen mit der Frage eines alten Olaubensgenofjen 
desjelben, der von der franffurter Meſſe beimgefehrt, und 
noch voll des Eindrucks von dem Bejuche, den er bei dem 
„Baron“ gemacht, einem Anderen die Frage ftellte: „Aber 
jagen Se mir, was es foll werden am Ende mit Roth = 
child, al8 er wird werden noch immer raicher?“ — Und 
die Antwort des Befragten lautete: 


„un, er wird — fäfularifirt!“ 


Kritiihe Stimmen über „Das Haus Rothſchild.“ 


Es gibt Feine menfchliche Thätigkeit, Die nicht auf das „Erwer— 
ben“ gerichtet wäre ; natürlich denkt Jedermann hierbei zunächft an 
Seldgewinn ; wir Dürfen aber nicht außer Acht laſſen, daß Manche 
nur Ehre, Ruhm, Viele wieder nur Vergnügen, Zeitvertreib fu- 
chen. Der tüchtige Menfch fol die Erwerbsziele unter und Durch 
ſich felbft ausgleichen, denn wer vorzugsmeile nur nach Einem trachtet, 
verabfaumt in der Negel Wichtiges, Nothwendiges oder Edles und 
Schönes. Die Baſis aller Thätigkeit muß allerdings auf dem Geld— 
gewinn beruhen. Geld ift der moderne Ausgleicher, die unerläßliche 
Nothwendigkeit für jede, auch die ärmſte Eriftenz. Der geiftreichfte, 
klügſte Mann gilt ohne Geld, d. h. Befitz, nur wenig oder vielmehr 
nicht genug; der Reiche dominirt in vielen Beziehungen und gewinnt 
eine Geltung, die wir Dem bloßen Mammon nicht angedeihen laffen 
follten. In unferen Tagen jagt fat Alles ohne eigentliche Arbeit 
nach raſchem Erwerbe, Befite. Ein Blick auf das moderne Treiben 
in Srankreich, die Börfenfpiele allüberall fagt mehr, als bogenlange 
Abhandlungen. Diefe Geldfucht ift der Krebsfchaden unferer Zeit. 
Bon jeher gab es Geldfürften, reiche Familien, Die zumeilen in 
furzer Zeit unermeßliches Vermögen angefammelt und auch meiter 
vererbt haben. Die Familie „Fugger“ fteht in diefer Beziehung in 
Deutfchland, ja in ganz Europa in erfter Linie und wohl einzig Da. 
Und dennoch ift Diefe berühmte „Leineweber -Yamilie” von einem 
unbedeutenden deutſchen Juden um Vieles überholt und gar fehr 
verdunfelt worden. Der Name „Rothſchild“ tritt bier jedem 
Lofer ohne Zweifel fofort vor die Seele. Es ift eine Thatfache, Daß 
noch fein Brivatmann der Erde ein jo großes ungeheures Vermö— 
gen befeffen, wie die „Rothſchild's“ unferer Tage. Daher ift es ein 
ganz zeitgemäßes Unternehmen, die Gefchichte diefes Haufes und 
ſeiner Gefchäfte zu fehreiben. Bon dem in 8 oder 9 Lieferungen 
erfcheinenden Werke liegen bereits Die Drei erften vor uns und 
zeichnen fich Durch gediegenen, intereffanten Inhalt gleich jehr aus. Es 
ijt erfichtlich, daß wir kein gewöhnliches Spefulationswerf wor uns 
haben. Die Grünbdlichkeit, Neife Des Urtheils, Unparteilichkeit des 
Standpunfts, Genauigkeit der Darftellung und Frifche der Ausfüh- 
rung fpringen fofort in die Augen. Der überreiche Stoff ift völlig 
bewältigt und weiſe vertheilt. Das in diefem Geifte ausgeführte 
Werk wird den Finanz und Staatsmann, den Freund interefjanter 
Lektüre gleich fehr intereffiren, belehren und unterhalten. Wir geben 
Dies unjer Urtheil heute noch ohne weitläufige Begründung, Die 
wir ung für ein Gefammturtheil vorbehalten. Wir wollen nur 
vorläufig auf ein Buch hinmweifen, dasim Grunde fpät fommt, denn 
bis heute ift über das Haus Rothſchild, deffen Intereſſe und finan- 
zielle Bedeutung Niemand in Abrede ftellen kann und wird, nur 
jehr Unbedeutendes und Lüdenhaftes im Druck erfchienen. Diefe 





Lücke in bedeutfamer und erfreulicher Weife auszufüllen, kommt 
allerdings nun das obige Werk nicht zu fpät. 
Dr. C. Tropus. 


Hamburger liter. u. krit. Blatter. 1857 N. 70. 


„Das Geld ift der Gott unfrer Zeit, und Rothſchild ift fein 
Prophet,“ fagt Heine; nichts alfo kann „zeitgemäßer“ fein, als eine 
Monographie über diefen Propheten der Zeit, wie fie eben in dem 
erften Heft des Werkes: Das Haus Rothfhild verfendet 
worden ift, mit einem Programm, welches außerordentlich viel in— 
tereffante Mittheilungen in Ausficht ftellt — nicht viel weniger als 
eine detaillirte Darftellung des ganzen europäifchen Finanzwefens. 
Das erfte Heft enthält nur die Einleitung, in wiefern dem unge— 
nannten Verfaffer zur Ausführung feiner umfangreichen Aufgabe 
zuverläfjige und ausgiebige Quellen zugebote ftehen. Sicherlich 
wird jedoch unfer Buch einen außerordentlich großen Leſerkreis fin- 
den ; es bildet mit feinem Reichthum an Notizen, an Aperçus von 
hiſtoriſchen Zuftänden und an Anekdoten eine anziehende Lektüre 
für Jedermann, auch den, der weder Financier noch Börſenmann iſt. 

Bamilienbuch des öfter. Lloyd. VII. Band, 9. Heft. 


Der Proſpekt verjpricht eine höchft intereffante Behandlung 
des reichhaltigen Stoffes und durch feine -verftändliche Auffaffung 
und Darftellung wird e8 geeignet zur Lektüre für jeden Leſer aus 
allen Ständen und Klaffen der Geſellſchaft. Das Ganze ift in 15 
Bücher eingetheilt, von denen die erften drei Kapitel Die 1. Liefe- 
rung umfaßt. — Ein höchft intereffantes Buch, Das des Lehrreichen 
Viel darbietet und dem Lefer zum Verſtändniß führt und fo manchen 
Blick eröffnet in die finanziellen Verhältniffe faft [ammtlicher Staaten 
Europa’s. 

Neuefte Nachrichten aus dem Gebiete der Politik. 1857 N. 162 


Die Geldftellung des Haufes Rothſchild ift auch eine 
Meltftellung geworden, weshalb das Publikum wohl auf folgende 
in Lieferungen erjcheinende Schrift: „Das Haus NRothichild. Seine 
Sefchichte und feine Geſchäfte. Aufichlüffe und Gnthüllungen zur 
Gefchichte des Jahrhunderts, insbelondere des Staatsfinanz- und 
Börſenweſens“ (Brag und Leipzig, Kober), vorläufig aufmerkſam zu 
machen ift, da fich ein genügendes Mrtheil über den Werth Des 
Werkes wohl erjt nach dem vollitändigen Erfcheinen desjelben over 
doch einer Neihe von Lieferungen feititellen läßt. Indeß enthält 
auch Die uns vorliegende erjte Lieferung fchon jo manche pikante 
Züge, Die auf das Ganze gefpannt machen. Da die Staaten jekt 
mit der Börſe fo eng verflochten find, wird eine Gefchichte des 
Haujes Rothſchild nothwendig auch einen lehrreichen Blick in Das 
geheime Näderwerf Der modernen Staatengefchichte eröffnen. Inter— 
effant ijt, was einmal Gent an Adam Müller über die Rothichild 


ſchrieb, „fte feten gemeine unwiſſende Juden, von gutem Außeren 
Anftand, in ihrem Handwerk bloße Naturaliften, ohne irgendeine 
Ahnung eines höheren Zufammenhangs der Dinge, aber mit einem 
wunderbaren Inſtinkt begabt; auch ihr ungeheurer Reichthum ſei 
durchaus nur das Werk Diefes Inſtinkts“. 

Deutfches Mufeum. 1857. N. 24. 


Der uns vorliegende 1. Theil diefes beachtenswerthen Werkes 
zerfällt in Drei Bücher, deren erftes „Einleitendes, Für und 
wider das Haus Rothſchild;“ das zweite „Der Familie Rothfchild 
Urfprung und erfter Grund der Größe ihres Haufes ;“ das dritte 
„Der Gründer des vothichildfchen Haufes“ betrifft. Wir müffen 
gejtehen, daß die 5 Bogen klein 8. des ntereffanten genug enthalten, 
um uns das Srfcheinen ver übrigen Theile mit Ungeduld erwarten zu 
laffen. Der Verfaſſer behandelt feinen Stoff in allgemein verftänd- 
licher Auffaffung, Darftellung und Sprache, fo dab er nicht nur 
den Sach- und Fahverftändigen, den Finanzier und Börfenmann, 
den Politiker und Spekulanten, fondern die Leſer aus allen Ständen 
und Klaffen zu feffeln vermag. Cr läßt es auch nicht an charak- 
teriftifchen Skizzen und Notizen, biftorifchen Zügen, intereffanten 
Borträts und Anekdoten fehlen, und dürfte fomit Jedermann, der 
fih das Werk anfchafft, vollfommen befriedigen. Die typographifche 


Ausftattung ift fehr elegant. _ 
Presburger Zeitung 1857. N. 119. 


„Das Haus Rothſchild.“ So lautet der Titel eines Werkes, 
das in 8—9 monatlichen Lieferungen erfcheinen fol, und deffen erfte 
Lieferung von fünf Bogen vor uns liegt. Cine Gefchichte des 
Staatsfinanze und Börfenwefens, oder auch nur Auffchlüffe und 
Enthüllungen über dieſes Weſen, dürften als ein ganz verdienftli- 
ches Werk erjcheinen, denn es muß eine Kranfheitsgefchichte 
unferer modernen Staaten werden. Wine Krankheit kann aber wire 
lih nur dann von Grund aus geheilt werden, wenn man ihre Ge- 
fchichte Fennt. Ob das Werk in diefer Beziehung leiften wird, was. 
es en hat, kann aus dem Grfchienenen noch nicht beurtheilt 
werden. — — 

Ganz intereffante Momente aus der Staatsfinanz-Gefchichte 
decken indefjen die fünf erften Bogen des Werkes bereits auf, auf 
welche wir nicht verfehlen wollen, unfere Leſer aufmerkſam zu machen. 

Bolksfreund für das mittlere Deutfchland. 1857. N. 47. 


Prag 1857. Drud von Kath. Gerzabek.